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EMDR-Therapie: Keine Augenwischerei

Selbstheilungskräfte aktivieren, Blockaden auflösen - ursprünglich bei traumatischen Belastungen eingesetzt, wird die EMDR-Therapie heute auch gegen alltäglichere Beschwerden genutzt.

30.04.2009 vonSylvia Meise

Selbstheilungskräfte aktivieren, Blockaden auflösen - ursprünglich bei traumatischen Belastungen eingesetzt, wird die EMDR-Therapie heute auch gegen alltäglichere Beschwerden genutzt.

Genial? Glaubenssache? Psycho-Geschwurbel? Erfolgsberichte der noch recht jungen Psychotherapie-Methode „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, kurz EMDR, sind oft von Skepsis begleitet. Dass sie mit raschen Augenbewegungen hartnäckige Plagen wie Heuschnupfen, Tinnitus oder Panikattacken heilen und eine Wunderwaffe auch gegen Alltagsstress sein soll, klingt einfach zu schön, um wahr zu sein. Man kann doch Probleme nicht einfach weggucken!?

Nein, so einfach geht es tatsächlich nicht. Zum Teil vergehen einige Wochen an klärenden Gesprächen bis zur ersten EMDR-Therapiestunde. Nach einem standardisierten Ablauf konzentriert sich der Patient auf das belastende Erlebnis und folgt mit den Augen den Rechts-links-Handbewegungen des Therapeuten, um beide Gehirnhälften zu aktivieren. Wahlweise wird auch mit abwechselnden Rechts-links-Geräuschen oder -Berührungen gearbeitet.

Positive Stärkung

Die pendelartigen Augenbewegungen erinnern an Hypnose, doch die Methoden sind grundverschieden. Während Hypnose eine Bewusstseinsveränderung anstrebt, zielt EMDR auf die Auseinandersetzung mit den Problemen, auf die positive Stärkung und Weiterentwicklung der Person. Die Wirkung verblüfft: das Nerven­system wird beruhigt, Denk- und Verhaltensmuster ändern sich - die traumati- schen Belastungen verschwinden.

Kritiker wenden ein, solche Heilungserfolge beruhten lediglich auf der durch die Augenbewegungen hervorgerufenen Entspannung. Doch die allein könnte Sucht- oder Allergiekranke nicht heilen. Mehr als 20 kontrollierte Studien belegen, dass EMDR wirkt. Die jüngsten Langzeituntersuchungen von Martin Sack von der Medizinischen Hochschule Hannover zeigen: Es ist keine Beruhigungs-, sondern eine Auflösungsmethode.

Unbeschreibliche Angst

Warum sie wirkt, ist dagegen noch nicht schlüssig geklärt. Aufgrund von Erkenntnissen der Neurowissenschaften vermuten Forscher, dass belastende Ereignisse vor Schreck oder Erstarrung in der rechten Gehirnhälfte, dem Sitz des Fühlens, Sehens und Erlebens, als Gefühl oder Vorstellung stecken bleiben, anstatt wie üblich auch ins Sprachzentrum zu gelangen.

Zur Aufarbeitung fehlen so schlicht die Worte. Auch der Vergleich mit der „Rapid Eye Movement“(REM)-Traumphase während des Schlafs bietet sich an, in der das tagsüber Erlebte unter raschen Augenbewegungen verarbeitet wird. Die „bipolare“ EMDR-Technik - der Wechsel zwischen negativen und positiven Vorstellungen sowie zwischen den Rechts-links-Stimulierungen - reizt abwechselnd die rechte und linke Gehirnhälfte und regt diese möglicherweise an, die stecken gebliebene Information weiterzuverarbeiten.

Bestätigt wurde dies durch Unter­suchungen traumatisierter Vietnam-Veteranen. Die Forscher zeichneten ihre Gehirnströme auf, während sie träumten. Es zeigte sich, dass nicht beide Gehirnhälften, wie bei gesunden Versuchspersonen, sondern nur die rechte aktiv war. Das links sitzende Sprachzentrum dagegen blieb unbeteiligt.

Blockaden auflösen

Bei Patienten, die nach der EMDR-Behandlung von ihren Panikattacken geheilt waren, reagierten dann wieder die Nervenzellen beider Gehirnhälften. Die eigentliche EMDR-Intervention findet meist erst im letzten Drittel der Sitzung statt. Danach hört der Psychoanalytiker Reinhard Plassmann seine Patienten oft tief durchatmen oder ein befreiendes „Heilungslachen“ ausstoßen.

Dieselbe Erfahrung machen auch Psychotherapeuten, die als EMDR-Coaches arbeiten, wie das Hamburger Team Cora Besser-Siegmund und Harry Siegmund. Sie wenden das sogenannte Positiv-EMDR an, eine kürzere Variante, die für psychisch Gesunde entwickelt wurde.

Coachen lassen sich zunehmend Berufstätige, die Leistungsblockaden verspüren oder sich weiterentwickeln wollen. Im Gespräch stellen sich manchmal überzogene Leistungsansprüche heraus oder es werden unverarbeitete Kränkungen durch Kollegen aufgedeckt.

Sprengstoff in der Seele

Neben diesen Erfolgsmeldungen kursieren jedoch auch Erfahrungen vom kompletten Scheitern der Therapie. Plassmann wundert das nicht: „Emotionales Belas-tungsmaterial kann eine Stärke haben wie Sprengstoff, damit muss ein Therapeut umgehen können.“

Wer traumatisiert ist, sollte daher unbedingt nur erfahrene EMDR-Therapeuten aufsuchen - so dürfen sich nur Psychologen, Psychotherapeuten oder Ärzte nennen, die eine entsprechende Ausbildung absolviert haben. Manche Coaches sprechen daher von „Scheibenwischertechnik“, wenn sie EMDR-ähnliche Übungen nutzen.

Die fundierte Praxiserfahrung ist deshalb so wichtig, weil EMDR eben nicht Probleme einfach wegwinkt, sondern als Kombination verschiedener therapeutischer Elemente wirkt. Vor allem aber ist es ein durch und durch positiver Ansatz, der von der Selbstheilungskraft der Betroffenen überzeugt ist. Davon, dass jeder Mensch über innere Kraftquellen verfügt und die Lösung seiner Probleme selbst in sich trägt. Die Kunst des Coachs oder Therapeuten ist dabei, diese innere Kraft des Hilfesuchenden zu aktivieren.

Die Entdeckerin der Methode

Francine Shapiro, eine kalifornische Psychotherapeutin, bemerkte nach ihrer Krebserkrankung zufällig bei einem Spaziergang im Park, wie sich ihre Augen spontan und schnell von „unten links nach oben rechts“ bewegten, wenn sie nachdachte, und danach der negative Gedanke verschwunden war.

Acht Schritte zum Erfolg

„Winke-Winke-Technik“ wurde EMDR spöttisch getauft, als es Mitte der 90er in Deutsch­­land bekannt wurde. Kurzlebiger Blödsinn, so schien es. Innovativ denkende Therapeuten jedoch erkannten das heilende Potenzial und entwickelten es weiter. Seit 2006 ist EMDR vom „Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie“ als „wissenschaftlich fundierte Methode zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung“ anerkannt.

Das klassische EMDR verläuft in acht Schritten:

1. Behandlungsplanung

2. Vorbereitung und Stabilisierung

3. Bewertung:

Der belastenden Erinnerung wird vom Patienten eine negative Kognition („Ich bin hilflos“) zugewiesen sowie eine positive, die er künftig damit verbinden möchte („Ich kann heute etwas tun“).

4. Desensibilisierung:

Das belastende Material wird bearbeitet, durch Rechts-links-Stimulationen von Augen, Ohren oder Tastsinn begleitet und so lange wiederholt, bis keine Belastung mehr spürbar ist.

5. Verankerung:

Die positive Vorstellung wird anstatt der ursprünglichen, negativen eingesetzt, gestärkt und verankert.

6. Körper-Test:

Alle Missempfindungen zur erinnerten Situation sollten beim Abschluss der Sitzung verschwunden sein.

7. Abschlussbesprechung:

Hinweis auf Nachwirkungen etwa durch (Tag)Träume.

8. Überprüfung…

…des Erfolgs und Neuorientierung für die Zukunft.

Gründlich und schnell

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