Du bist Biologe und DJ. Wie geht das zusammen?
Ich habe Ökologie und Umwelt studiert und im Nationalpark als Ranger gearbeitet. Es war nie mein Plan, hauptberuflicher DJ zu werden. 2003 bin ich aber mit meiner Musik unerwartet erfolgreich geworden. Da dachte ich mir: Super, ich habe jetzt eine Bühne, um Kunst und Kultur als lustvolle und niederschwellige Mittel der Umweltbildung zu nutzen. Mir ist es bei meiner Arbeit wichtig, so viele Leute wie möglich für das Thema Biodiversität zu sensibilisieren.
Aktuell bist du mit deiner Biodiversitätsshow „Prachtliebe & Wunderfakten“ auf Tour. Wie kann ich mir diese Show vorstellen?
Es ist eine multimediale, transdisziplinäre Show, in der ich Wissen vermitteln und über unsere Überlebensversicherung Natur aufklären möchte. Ich möchte zum Staunen anregen, denn das ist der emotionale Beginn jeder Erkenntnis. Sobald Menschen staunen, fangen sie an, Dinge zu verstehen. Forschung zum Thema Staunen gibt es noch gar nicht lange. Demnach entspannt uns Staunen nicht nur und macht uns glücklich und gesund. Auch das Ego wird dadurch gesenkt und das lässt uns das große Ganze mehr sehen. Wir werden kooperativer und denken mehr im Kollektiv. Wie rege ich dabei zum Staunen an? Das lässt sich schon am Namen der Show „Prachtliebe und Wunderfakten“ ausmachen. „Prachtliebe“ ist ein Begriff aus der späten Renaissance. Da gab es Naturalien-Kabinette, in denen Menschen Stücke aus der Natur gesammelt haben, zum Beispiel Fossilien, Federn, Insekten oder Mineralien. Bei einer Recherche darüber habe ich gelesen, dass die Funktion einer solchen „Wunderkammer“ mitunter der reinen Prachtliebe dienen sollte. Man sollte sich einfach daran erfreuen, an der großartigsten Künstlerin von allen: Mutter Natur. „Wunderfakten“ rührt daher, weil das Leben an und für sich ein Wunder ist. Etwa die holometabole Metamorphose bei Schmetterlingen oder die Geburt. Da Wunder ein mitunter religiös konnotierter Begriff ist, habe ich ihn durch Fakten ergänzt. Das ist das Evidenteste und Nüchternste, was es gibt. Zusammen finde ich das eine gute Melange. Bei der Show stelle ich Fragen wie: Was ist Biodiversität? Warum ist das unsere Überlebensversicherung? Und was kann jeder und jede dafür tun? Dazu kommen tolle Animationen und Visuals etwa mit Makrofotografien von Thorben Danke oder von dem Tierfilmer Jan Haft und ich spiele immer wieder live Musik.
In deiner Musik sind teilweise auch Naturgeräusche oder Tierstimmen zu hören. Was möchtest du damit vermitteln?
Ich bin ein großer Fan von Hermann Hesse. In seinem tollen Gedicht Stufen schreibt er so passend: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Vor über 30 Jahren habe ich aus der Not heraus Naturgeräusche aufgenommen, weil ich damals kein Geld hatte, neue Synthesizer zu kaufen. Die Geräusche habe ich in die Tracks reingeschnitten. Das hat mich aber auch limitiert und zunehmend genervt immer wieder darauf angesprochen zu werden. Und irgendwann war es Zeit, mich weiterzuentwickeln, oder wie Hermann Hesse schrieb: „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ Heute mache ich das nicht mehr in dieser Form. Was ich aber noch mache, sind Projekte mit Tierstimmen. Wie etwa bei der Wanderausstellung „Tönenden Tiere“, die aktuell in Auszügen im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg zu sehen ist. Für dieses Projekt hatte ich die 50 spannendsten heimischen Tier- und Vogelstimmen ausgesucht, habe sie in Noten und weitere MIDI-Daten transkribiert und sie mit Instrumenten nachspielen lassen. Zusammen mit dem Chaos Computer Club mache ich in diesem Duktus auch Live-Klanginstallationen, zuletzt etwa auf der Klima-Biennale in Wien. Die entsprechenden Tiere wurden für die Ausstellung von dem Leipziger Künstler Matthias Garff aus Müll und Alltagsgegenständen nachgebaut. Solche mit Instrumenten nachgespielte Natur-Sequenzen baue ich auch nach wie vor in meine Musikstücke ein. Wenn man Vogelstimmen nachspielt oder transkribiert, entstehen geniale Melodien – im Endeffekt ist das die Melodie der Natur.
Als Kind war ich immer draußen. Vogelstimmen waren meine Musik.
Welche Begegnung mit einem Tier hat dich besonders geprägt und warum?
Ich bin ohne Fernseher groß geworden. Ich war nicht im Kindergarten, das war mir zu langweilig. Als Kind war ich immer draußen, Vogelstimmen waren meine Musik. Ich habe Schmetterlinge erforscht und bestimmt. Zu zwei Arten habe ich eine ganz besondere Bindung: Zum Großen Schillerfalter, dessen Flügel je nach Lichteinfall blau schimmern. Als Kind sah ich einen in einer Baumwunde sitzen und konnte nicht glauben, was ich sah – ich saß Stunden mit offenem Mund davor. Auch zum Kleinen Nachtpfauenauge habe ich eine tiefe Bindung: Es lebt als Falter nur wenige Tage. Tot wirkt es unversehrt, die Flügel sind wie Kunstwerke mit diesen elaborierten Augenzeichnungen und den sublimen Violett- und Pink-Tönen. Als Kind fand ich einen auf der Straße und hielt ihn für eine kostbare Brosche, die ich zunächst in ein Fundbüro bringen wollte. Ich bewahrte ihn auf. Heute züchtet meine Frau zuhause Schmetterlinge und ich empfinde noch immer dieses kindliche Staunen. Deshalb heißt mein letztes Album „Lepidoptera“, der wissenschaftliche Name der Ordnung der Schmetterlinge. Darin beschreibe ich meine zwölf Lieblingsarten.
Dein Label heißt Apus apus – nach dem Mauersegler. Warum gerade dieser Vogel?
Weil auch das eine Art ist, die extrem zum Staunen anregt. Der Name Apus apus kommt aus dem Griechischen und bedeutet „ohne Füße“. Wenn man den Mauersegler im Flug sieht, denkt man: Der hat gar keine Füße, der arme Kerl. Natürlich hat er Füße, aber ganz rudimentär. Warum? Um möglichst wenig Luftwiderstand zu haben. Denn er verbringt quasi sein ganzes Leben in der Luft. Dort trinkt er, ernährt sich, paart sich und schläft auch im Flug. Faszinierend.
Zusammen mit dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft hast du eine Kampagne gegen das Insektensterben gestartet. Warum engagierst du dich dafür?
Mir ist wichtig, Allianzen zu schließen. Gemeinsam erreichen wir mehr. Ich unterstütze auch deren Kampagne „Ackergifte nein danke“. Pestizide sind ein Haupttreiber des Insektensterbens. Nach wie vor werden in Deutschland weniger als 12 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch verträglich behandelt und auf einem Drittel der Bundesfläche Pestizide ausgebracht. Das wissen viele nicht. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Aber nicht dystopisch, sondern lustvoll – denn das Lustvolle ist der Motor der Evolution. Alle mögen Schmetterlinge, das ist ein niederschwelliger Ansatz für diese Kampagne, Schmetterlinge sind sozusagen unsere Botschafter. Dabei kann sich jeder und jede einbringen, etwa durch gemalte Schmetterlinge für ein Musikvideo oder durch Briefe an die Politik. Es soll klar werden: Für Biodiversität können sich alle einsetzen. Aber die Biodiversitätskrise lässt sich nicht nur im eigenen Garten lösen. Es ist vielmehr ein systemisches Problem und muss politisch gelöst werden. Dabei geht es um die ungleiche Verteilung der Subventionen, dass Agrarbetriebe in der EU noch nach Fläche bezahlt werden und nicht nach Biodiversitätsfreundlichkeit oder nach gemeinwohlorientiertem Handeln. Das Thema Ackergifte wird politisch viel zu wenig reglementiert. Dahingehend wird immer nur im Labor untersucht. In der Natur wird die Wirkung von Pestiziden kaum erforscht und das Monitoring dazu ist intransparent. Es bräuchte mehr Aufklärung, damit die Menschen wissen, was das mit der Umwelt und dem Körper macht. Es gibt Studien die zeigen, dass man Pestizide überall findet – im Grundwasser, in der Atemluft, im Regen. Und da möchte ich immer wieder den Blick der Leute schärfen. Wir haben jahrzehntelang Insekten mit Insektenvernichtungsmitteln vernichtet und wundern uns jetzt, dass sie weniger werden.
Zur Person
Seit knapp 30 Jahren aktiv: Als DJ tourt Eulberg durch die ganze Welt.
Dominik Eulberg ist DJ, Biologe, Autor. Er ist international als Techno-DJ und Produzent bekannt. Eulberg studierte Ökologe mit Schwerpunkt Naturschutz. Neben seiner Musikkarriere ist er als Autor tätig. Der 47-Jährige lebt mit seiner Frau im Westerwald und engagiert sich seit vielen Jahren für Umweltbildung.
Was wären deiner Meinung nach politische Maßnahmen, die wir sofort umsetzen sollten?
Wir müssen mit der Bodengesundheit arbeiten, nicht gegen sie. Die Zukunft liegt in nachhaltigen Alternativen zu Pestiziden – zum Beispiel in intelligenter Robotik. Wichtig ist, den Druck auf die Politik zu erhöhen. In einem ersten Schritt würde ich den Artenschutz auch in das Naturschutzgesetz aufnehmen. Zumindest in der Nähe von Naturschutzgebieten sollten keine Ackergifte ausgebracht werden. Das sind unsere Kronjuwelen. 95 Prozent der vom Aussterben bedrohten Arten leben hier. Aber: Landwirtinnen und Landwirte machen auch nur ihren Job. Sie müssen wirtschaften und überleben. Auch hier sind die Probleme systemisch. Aber ich finde es ganz wichtig, dass bei der Ausbildung in der Landwirtschaft Biodiversität als Fach eingeführt wird. Sodass klar wird, was Biodiversität ist und warum das so wichtig ist.
Wo siehst du Hoffnung im Hinblick auf Biodiversität?
Die Zahlen zeigen einen Abwärtstrend: Biodiversität besteht aus den drei Säulen Artenvielfalt, genetische Vielfalt und der Vielfalt von Habitaten. Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist fast alles regressiv. Nach wie vor verlieren wir pro Jahr bei uns ungefähr ein Prozent an Biomasse. Während der ganzen Krisen, wie etwa dem Krieg in der Ukraine oder den steigenden Ölpreisen, spielt Biodiversität kaum eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Aber kluge Köpfe vom Weltwirtschaftsforum etwa sagen, in zehn Jahren wird die Biodiversitätskrise schon auf Platz zwei der Risiken weltweit sein, die uns am meisten bedrohen. Je länger wir warten, präventiv zu agieren, desto teurer wird es für uns. Wer Biodiversität schützen will, muss schauen, was der ursprüngliche Zustand der Ökosysteme bei uns war, bevor der Mensch hier einwanderte und später siedelte. Dann zeigt sich, dass wir immer eine ganze Palette von großen Pflanzenfressern hier hatten, wie Rinder, Pferde, oder Elefanten, die die Landschaft offen gehalten haben. Diese so wertvollen Ökosystemdienstleistungen müssen wir wiederherstellen. Dazu gibt es fantastische Pilotprojekte. Zum Beispiel in der Döberitzer Heide, der Geltinger Birk oder im Biotopverbund Bodensee, die zeigen, dass man die aktuellen Umstände wieder umkehren und die Biodiversität wieder zunehmen kann. Zum Glück verstehen das immer mehr Menschen und werden aktiv. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, manche Menschen werden immer kurzsichtiger und relativieren wissenschaftliche Fakten oder ignorieren sie gar gänzlich. Ich selbst bin von Grund auf Optimist – immer, denn das ist die einzig sinnvolle Handlungsalternative. Ich finde, man muss bei der Wissenschaft bleiben und weiter mit einem gesunden Optimismus an das Thema rangehen.
Was machst du privat für den Schutz der Biodiversität? Und hast du Tipps für unsere Leser:innen, wie sie Arten- und Naturschutz in ihren Alltag gut integrieren können?
Jeder Einkauf von uns ist ein Stimmzettel für oder gegen den Naturschutz. Am besten achtet man auf ökologisch verträglich hergestellte Lebensmittel. Aber auch da ist es wieder ein systemisches Problem. Es kann nicht sein, dass viele Probleme haben, sich Bio-Lebensmittel zu leisten. Ansonsten machen meine Frau und ich bei zwei Solawis mit, also solidarischer Landwirtschaft. Dort tut man sich mit einer Gruppe zusammen, kauft gemeinsam Saatgut und bringt das aus, schaut, dass es gut wachsen kann und erntet das gemeinsam. Die Ernte wird dann geteilt. Solche Solawis gibt es überall. Insgesamt gibt es vor der eigenen Haustür genug zu tun. 30 bis 50 Prozent der heimischen Arten gelten in ihrem Bestand laut Bundesamt für Naturschutz als gefährdet. Es gibt tolle Vereine, Naturschutzorganisationen und Initiativen, wie zum Beispiel Streuobstvereine, denen man sich anschließen kann. Dabei spürt man in der Gruppe Empowerment und das ist ein gutes Gegengift gegen lähmende Ökodepression. Das bringt wirklich was, auch psychologisch und man sieht sehr schnell ein Ergebnis.
Wie wichtig sind dir Bio-Lebensmittel?
Du bist, was du isst. Es ist eigentlich das Dümmste, was man machen kann, keine regionalen Bio-Lebensmittel zu konsumieren – vorausgesetzt man verfügt über die nötigen Mittel. Man finanziert beim Kauf von Bio-Produkten aktiv den Naturschutz mit. Beim Essen, unserer Lebensgrundlage, sollten wir wirklich nicht sparen. Und: Ich finde, Bio schmeckt einfach herrlich und ist viel lustvoller zum Genießen.
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