Es wird fleißig gezittert und gebibbert in TV-Sendungen, Ratgebern und auf Social Media. Ob in „Kältestudios“, beim Eisbaden oder einfach beim Kaltduschen – von der Lust am Frieren hört man derzeit allerorten. Matthias Egerer zum Beispiel startet seit 1,5 Jahren jeden Tag mit einer kalten Dusche. „Ich freue mich eigentlich jeden Morgen darauf, weil ich weiß, dass es mir danach besser geht und ich wach bin“, berichtet der 49 Jahre alte Münchner. Auslöser für diese Morgenroutine war eine TV-Sendung, in der es vor allem im Kampf gegen Zivilisationskrankheiten um die positive Wirkung von Kälte ging. „Das wollte ich durch Kaltduschen in meinen Alltag integrieren“, sagt Egerer. Kältekuren werden auf Social Media als Super-Power gepriesen, sie sollen zahlreiche Auswirkungen auf die Gesundheit haben, vor allem sollen sie das Immunsystem stärken. Doch ist das wissenschaftlich belegt?
Weniger Krankmeldungen dank Kaltduschen
Was eine bessere Infektabwehr anbelangt, gibt es nur eine größere Studie aus dem Jahr 2016. Hier konnte gezeigt werden, dass 30 Tage Kaltduschen die selbstberichteten Krankmeldungen um ein Drittel verringerte. Dafür duschten die Probanden täglich 30 bis 90 Sekunden kalt.
„Kaltduschen könnte für weniger Stress sorgen.“
„Weiter gibt es Hinweise aus vielen kleineren Studien, dass Kaltduschen für ein besseres Wohlbefinden, besseren Schlaf sowie weniger Stress sorgen könnte“, sagt Steven Schepanski, Psychologe und Statistiker, der am Charité Competence Center for Traditional and Integrative Medicine forscht. Egal, wann man am Tag duscht. Guter Schlaf und Gelassenheit wirken sich wiederum stärkend auf das Immunsystem aus.
Was Kaltduschen bewirkt
Matthias Egerer kann für sich die positiven Effekte bestätigen: „Das letzte Oktoberfest und den letzten Winter habe ich auch ohne größere Erkältung überstanden.“ Zudem erfahre er durch das tägliche Kaltduschen ein kleines Glücksgefühl, wenn der Körper nach dem „Kälteschock“ langsam wieder warm wird. „Ich habe ferner das Gefühl, an dem Tag schon etwas ¸geschafft´ zu haben, sagt Egerer. Tatsächlich gibt es ausreichend mechanistische Erklärungen dafür, dass Kälte Gesundheitseffekte haben könnte.
Positiver Nebeneffekt fürs Klima
Kalt duschen spart Energie und damit CO2. Wer täglich zehn Minuten warm duscht, verursacht 1,2 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr.
Zusammenhang zwischen Kälte und Immunsystem
Denn Kälte empfindet der Körper erst mal als Stress und darum startet er ein Notprogramm: Die Reize werden über das Nervensystem an das Gehirn weitergeleitet, wo es zur Ausschüttung von Noradrenalin und Endorphinen kommt. Durch die kalte Dusche steigen so Puls und Blutdruck. Man fühlt sich dadurch wach, belebt und bisweilen auch euphorisch.
Auch im Immunsystem kommt es zu stressbedingten Umwälzungen. Die Zusammensetzung der weißen Blutkörperchen ändert sich. Laut einer Studie des Universitätsklinikums Jena zu kalten Güssen über den Oberkörper nach Kneipp-Art stieg die Zahl der Lymphozyten im Blut der Probanden um 13 Prozent. Lymphozyten sind natürliche Killerzellen, die besonders gegen Viren vorgehen. „Vermutlich kommt es auch zu einer Verschiebung in Richtung anti-entzündlicher Prozesse“, sagt Schepanski. „Wer regelmäßig kalt duscht, könnte also tatsächlich langfristig weniger systemische Entzündungen im Körper haben und dadurch seltener unter Erkältungen leiden.“ Allerdings ist klar, dass der Effekt nur bei regelmäßiger Anwendung und erst nach einiger Zeit einsetzt. Es gilt also, dran zu bleiben.
Wer es ausprobieren möchte, sollte langsam einsteigen, um nicht gleich wieder entmutigt zu werden. „Der Beginn war aber leichter als gedacht“, sagt Matthias Egerer. „Ich habe die ersten paar Tage nur die Arme und Beine kalt geduscht und den Rest noch lauwarm.“ Mittlerweile ist das Kaltduschen über 3–5 Minuten für ihn ganz selbstverständlich geworden und kostet keine Überwindung mehr.
Tipps für den Einstieg ins Kaltduschen
- Langsam beginnen: Mit lauwarmem Wasser starten und die Temperatur über mehrere Tage hinweg reduzieren.
- Auf die Atmung achten: Tief und ruhig atmen, um den Körper zu entspannen.
- Kurze Intervalle: Mit kurzen Intervallen von 30 Sekunden unter kaltem Wasser starten und die Zeitspannen nach und nach ausweiten.
- Wechselduschen ausprobieren: Zwischen heißem und kaltem Wasser abwechseln, um die Durchblutung zu fördern und den Körper langsam an die Kälte zu gewöhnen.
Dennoch ist das Kaltduschen nicht für jeden geeignet. Schepanski rät, bei Vorerkrankungen immer vorher die Hausärztin oder den Hausarzt einzubeziehen: „Herzkrankheiten, schwere Neurodermitis oder auch Asthma können dagegen sprechen.“ Auch Schwangere oder ältere Menschen sollten Vorsicht walten lassen, da die Kälteschocks zu Kreislaufproblemen führen können. In den Studien klagten einige Proband:innen unter anderem über ein anhaltendes Kältegefühl in Händen und Füßen oder Krämpfe. Wer also gar nicht warm wird mit der Kälte, kann zu anderen immunstärkenden Mitteln greifen: Mit Nichtrauchen, ausreichend Schlaf, gesunder Ernährung und maßvoller Bewegung kann man bewiesenermaßen seine Abwehrkräfte stärken sowie stressresistenter und fitter werden.
Nährstoffe für das Immunsystem
- Bestimmte Aminosäuren, Folsäure, Vitamin A, B6, B12, C, E und D, Eisen, Zink, Selen, Kupfer, Beta-Carotin, Omega-3-Fettsäuren, probiotische Bakterien etwa aus Joghurt sowie sekundäre Pflanzenstoffe beeinflussen unser Abwehrsystem.
- Wer sich vollwertig und abwechslungsreich ernährt, nimmt diese Stoffe in ausreichenden Mengen auf. Experten raten darum von einer unreflektierten Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ab. Schließlich können diese, wenn hoch dosiert, auch unerwünschte Nebenwirkungen haben und mit Medikamenten interagieren. Auch werden Vitaminpillen oft als Ersatz für eine ungesunde Ernährung angesehen.
- Klar ist hingegen, dass ein Mangel an immunwirksamen Nährstoffen Infekte wahrscheinlicher macht und diese auch schlechter abheilen. Solche schwerwiegenden Mängel sind hierzulande jedoch selten.
- Eine Ausnahme ist das Vitamin D. Hier streiten Experten, ob der Körper im Sommer ausreichend Reserven aufbauen kann, um dann im Winter Krankheitserreger abzuwehren. Darum empfehlen mittlerweile einige Ärzte, Vitamin D in den Wintermonaten regelmäßig zu ergänzen.
Häufige Fragen zu „Immunsystem stärken“
Was hilft wirklich, um das Immunsystem zu stärken?
Eine Kombination aus ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf, Bewegung an der frischen Luft und wenig Stress stärkt das Immunsystem langfristig.
Ist Kaltduschen gut für die Abwehrkräfte?
Ja, regelmäßige Kältereize können das Immunsystem aktivieren. Studien zeigen, dass Kaltduschen die Krankmeldungen reduzieren können. Wichtig: langsam starten und regelmäßig dranbleiben.
Wann sollte man keine Kältereize anwenden?
Bei Herzproblemen, schweren Hautkrankheiten, Asthma oder Kreislaufbeschwerden sollte auf Kaltduschen verzichtet oder vorher ärztlicher Rat eingeholt werden
Wie kann man Erkältungen natürlich vorbeugen?
Mit Schlaf, gesunder Ernährung, Händewaschen, Bewegung und Kältereizen. Auch Wechselduschen oder Kneipp-Anwendungen unterstützen die Abwehr.
Welche Nährstoffe sind wichtig für ein starkes Immunsystem?
Besonders Vitamin C, D, A, B6, B12 sowie Zink und Selen spielen eine Rolle. Diese Nährstoffe stecken vor allem in Bio-Obst, Gemüse, Nüssen und Vollkornprodukten.
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