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Leben

Helfen mit Herz und Maus

Gutes tun: Immer, wenn wir uns für andere einsetzen – per Mausklick oder im menschlichen Miteinander – lassen wir unsere eigenen Interessen ein Stück weit außen vor. Warum fühlt sich Gutes tun trotzdem so gut an?

25.11.2015 vonSylvia Meise

Mal eben über die Straße helfen; für Gesunde wenig Aufwand, für Kranke eine große Unterstützung.

Der Obdachlose, der einer Studentin sein letztes Geld gibt, damit sie nachts sicher mit dem Taxi nach Hause kommt – diese Geschichte aus England rührte vor einem Jahr die ganze Welt. Aber bekannt wurde sie eigentlich nur, weil Dominique Harrison-Bentzen, die Studentin, nun ihrerseits helfen wollte. Sie war so beeindruckt von der Großzügigkeit des Mannes, der seit sieben Monaten auf der Straße lebte, dass sie für ihn auf Facebook mit „Helft Robbie“ eine Spendenkampagne startete. Sie bat jeden, der die Seite aufrief, drei Pfund zu spenden, so viel wie Robbie ihr gegeben hatte. Dazu verbrachte sie – wie ihr Wohltäter – 24 Stunden auf der Straße.

Die Reaktion der Menschen war überwältigend: Über 40.000 Euro kamen zusammen. Dieses Geld ermöglichte nicht nur Robbie eine neue Perspektive. Die Studentin half damit auch einigen anderen Obdachlosen.

Fast zu schön um wahr zu sein, aber genau so war es: Hunderte haben sich an dieser Aktion beteiligt. Für einen Mann, den sie gar nicht kannten. Die[gt] beiden haben ein regelrechtes Feuerwerk der Mitmenschlichkeit entzündet. Vielleicht war es deshalb so mitreißend, weil diese Geschichte zeigte: Der Mensch kann doch noch gut sein, trotz all der Nachrichten von Kriegen, Krisen und Katastrophen.

Ein gutes Gefühl – und für die Kölner Psychologin Elisabeth Raffauf auch der Grund, warum man trotz der Dis-tanz, die digitale Medien mit sich bringen, emotional tief bewegt werden kann. Sie sagt: „Natürlich bleibt man online eher in Deckung und muss nicht dorthin gehen, wo es vielleicht auch mal unangenehm wird. Und natürlich erhält, wer persönlich hilft, auch das intensivere Feedback – aber prinzipiell gilt für beides: Wenn wir als Helfer agieren können, fühlen wir uns gut. Und das ist der Motor.“

Dazu kommt, dass solche in den sozialen Netzwerken geteilten Geschichten uns weltweit einen kurzen, authentischen Blick in völlig andere Lebensverhältnisse ermöglichen – auf einmal rückt das bedürftige Leben des anderen so nah, als würde sich das alles vor der eigenen Haustür abspielen.

Dass die Initiative einzelner viele Tausende mitreißen und damit die Welt ein wenig verändern kann, haben besonders eindrücklich die Tafeln gezeigt. 1993 von ein paar tatkräftigen Berlinerinnen ins Leben gerufen, gelten die Tafeln heute als eine der größten sozialen Bewegungen. Sogar über Deutschland hinaus. Mittlerweile gibt es eine Wiener Tafel und sogar in Australien und Südafrika wird Essen an Bedürftige verteilt statt weggeworfen. Wer diese Dynamik einer guten Idee also erst mal gespürt hat, egal ob durch Facebook, Zeitung oder persönliches Miterleben, wird womöglich selbst zum Botschafter einer besseren Welt.

Wer anderen hilft, macht sich selbst glücklicher

Wissenschaftliche Ergebnisse wie die der kanadischen Psychologieprofessorin Myriam Mongrain zeigen, dass das kein Rosawolkengetue, sondern eine gesunde Haltung ist. Mongrain forscht nach Faktoren, die uns psychische Gesundheit verleihen. Um herauszufinden, was uns Mitgefühl bringt, sollten sich die Teilnehmenden ihrer jüngsten Studie täglich fünf bis fünfzehn Minuten anderen gegenüber besonders mitfühlend verhalten. Nach sechs Monaten zeigten sie ein höheres Selbstwertgefühl und waren insgesamt glücklicher.

Die Forscherin interpretiert das so: „Wenn man sich bewusst entscheidet, einfühlsam oder weniger hart gegenüber anderen zu sein, ist man auch weniger hart und einfühlsamer zu sich selbst. Dazu kommt, dass die Unterstützung, die wir anderen geben, sehr häufig dazu führt, dass wir selbst mehr Unterstützung erfahren. Es hat etwas zutiefst Befriedigendes, anderen zu helfen und deren Dankbarkeit zu erleben.“ Ein wenig Eigennützigkeit schwinge da durchaus mit.

Gutes tun mit Heinzelmännchen-Effekt

Und warum auch nicht, möchte man spontan sagen. Manche Menschen jedoch finden gute Taten dann am besten, wenn sie völlig frei von Eigennutz sind. Um wirklich selbstlos handeln zu können, wollen sie keinen Dank, sondern freuen sich lieber im Geheimen, dass sich jemand freut. In den USA ist daraus eine regelrechte Bewegung von stillen Helfern geworden, die sich schlicht „SSSSH!“ nennt (www.ssssh.org). In einer etwas abgewandelten Form, als „Freundlichkeitskette“ oder „Herzensclubs“, verbreitet sich diese Selbstlos-gut-Variante zunehmend auch hier in Europa.

Sie alle eint die Vision: dass diese guten Taten rund um den Globus schwingen – und womöglich sogar wieder bei einem selbst ankommen. Die Spielregel ist einfach: Jemandem im Verborgenen helfen oder einen Gefallen tun, aber möglichst so eindrücklich, dass der oder die Betreffende den dringenden Wunsch verspürt, dieses kleine Glücksmoment weiterzugeben.

Beispiele dafür: Parkuhren mit Münzen zu befüllen, damit jemand frei parken kann; eine Zeitung, die nass zu werden droht, tiefer in den Briefkasten zu schieben; sich für jemanden einsetzen, ohne dass er es mitbekommt. Manche hinterlassen einen Zettel, der bezeugt: Hier war jemand am Werk, der hofft, dass die Welt dadurch etwas besser wird – und ermuntert, selbst etwas Nettes zu tun.

Vertane Zeit ist das auf keinen Fall, denn wie war das? Wer Gutes tut, egal wie, der fühlt sich einfach besser. Davon ist auch die Glücksforscherin und Psychologin Sonja Lyubomirsky aus Berkeley überzeugt. Nach ihrer jüngsten Studie sei nur ein kleiner Teil unseres Glücksempfindens auf unsere Lebens-umstände zurückzuführen, da wir uns sehr schnell an Annehmlichkeiten wie eine Beförderung oder die neue schöne Wohnung gewöhnen. Unsere Stimmung basiere viel mehr auf unserem persönlichen Verhalten, das wir ja selbst in der Hand haben. Fazit also auch bei ihr: Je freundlicher wir sind, umso besser geht es uns.

Neue Spenden-Ideen in der digitalen Welt

Allerdings scheint das noch nicht bei jedem angekommen zu sein. Nach Ergebnissen der deutschen Langzeitstudie SOEP, die unter anderem das Spendenverhalten der Menschen in Deutschland im Blick hat, sind diejenigen in der Mehrheit, die nichts geben.

Dr. Jürgen Schupp, der Direktor der Untersuchung: „Meist spenden jene, die sich auch sonst ehrenamtlich engagieren. Im Krisenjahr 2009, als wir die letzte Erhebung durchgeführt haben, haben 40 Prozent der Menschen in Deutschland die beachtliche Summe von 5,3 Milliarden Euro aufgebracht. Trotzdem ist da durchaus noch Luft für neue digitale Spendenformen oder -aktivitäten. Und genau da gibt es jetzt viele pfiffige Ideen, um Leute zum Spenden zu bringen, die vorher nie daran gedacht haben.

Tatsächlich gründet sich in Sachen digitale Wohltätigkeit gerade ein Start-up nach dem anderen, um auch die internetaffine junge Generation für gute Taten zu gewinnen.

Die modernste und unkomplizierteste Spendenvariante ist sicher die via Handy-App. Für jene etwa unter den iPhone-Nutzern, die nichts gegen Werbung haben, gibt es Goodnity – hier kann man bequem auf dem Sofa (Marketing-)Umfragen beantworten und Unternehmen spenden dann dafür.

Bei der Laufapp Moving twice dagegen muss man schon mehr geben und raus auf die Strecke. Es funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie Spendenläufe an Schulen oder Unternehmen. Man sucht sich im Programm einen Sponsor aus, der dann (etwa 10 Cent) pro Laufkilometer spenden. Eine kleine, mittlere oder große Gabe lässt sich über die App „Share the Meal“ vom United Nations World Food Programme (WFP) spenden. Mit dem gesammelten Geld unterstützt die Organisation das arme Land Lesotho bei der Ernährung seiner Schulkinder. Auch hier gibt es Luft nach oben, noch werden viele Spender gesucht, die mithelfen, Kinder vor dem Hungern zu bewahren. Mit 40 Cent für einen Tag kann man starten oder ein Kind ein Jahr lang mit knapp 150 Euro ernähren.

Wer nach interessanten Projekten sucht, um sich zu engagieren, wird auf Spendenplattformen wie betterplace.org oder helpdirect.org fündig. Dort wird sowohl digitales als auch herkömmliches Engagement nachgefragt, man kann sich also das Passende aussuchen. Weiterer Vorteil: Die vielen Einzelinitiativen werden dort gebündelt und nach Themen sortiert. So erhält man einen guten Überblick, kann sich die Präsentationen ansehen und in Ruhe für eine entscheiden.

Große Aufmerksamkeit dank digitaler Plattform

Etwa für ein kleines lokales Projekt, das die Spendenbereitschaft seines direkten Umfelds schon ausgereizt hat. Eines wie „Ein Aufzug für Lotta!“ Die Eltern der elfjährige Lotta hatten es bei betterplace.org eingestellt. Das Mädchen ist spastisch gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Bis zur fünften Klasse konnte sie problemlos ihre Schule besuchen. Doch die Versetzung in die sechste warf Probleme auf: Alle naturwissenschaftlichen Fachräume nämlich sind im ersten Stock oder höher. Unerreichbar für Lotta.

Was tun? Die Elternschaft sammelte 50 000 Euro für einen Lift. Als dann der Einbau nochmal so viel kosten sollte, waren sämtliche verfügbaren Kassen geplündert. Über die Plattform fanden sie zum Glück weitere Spender – jetzt baut die Schule den Aufzug.

Unser Gehirn liebt positive Emotionen – und will mehr

Dass wir uns so gut fühlen, wenn wir Gutes tun, liegt übrigens auch daran, dass unser Gehirn positive Emotionen liebt. Es ist wie mit dem Lächeln – es aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn und das signalisiert Glück! Und zwar sofort. Und das ist auch noch ansteckend, ganz ohne Nebenwirkungen. Das belegen Studien, aber es lässt sich auch selbst erfahren. Einfach mal den Menschen anlächeln, der einem die Tür aufhält und sagen: „Danke, wie nett!“ – der andere wird strahlen. Oder, kaum zu toppen, einem zufriedenen Baby ins Gesicht schauen – man nennt es auch Engelslächeln, was die Kleinsten da so selbstverständlich verschenken. Sie wissen es noch nicht, aber sie können einem damit glatt den Tag retten. Und noch viel mehr, wie die Geschichte des Obdachlosen und der Studentin in England zeigt: Eine Verkettung verschiedener Umstände hat sie zusammengeführt – und sie haben sich in die Kette eingeklinkt, um zu handeln. Damit haben sie gleich mehrere Lichter an die Kette der guten Taten gehängt.

Das Schönste aber bei allen Beispielen: dass die erste gute Tat viele weitere auslösen und damit vielleicht wirklich um die Welt reisen kann.

Von Mensch zu Mensch: Mit einem Lächeln durch den Tag

‣ Lächle – und jemand lächelt zurück. Das ist sicher die spontanste Form, andere zum Strahlen zu bringen. Doch es gibt noch viel mehr.

‣ Etwa so: Eine leckere Packung Kekse teilen, einen Mini-Blumenstrauß verschenken oder ein paar freundliche Worte „Schön, dass du da bist!“

‣ Ohne Anlass ist die Freude umso größer: „Für mich?“ Das fühlt sich gut an, zeigt es doch, dass man geschätzt wird.

‣ Auch Komplimente landen direkt in der Lächelzone: „Hey, das sieht aber gut aus!“ Hut, Frisur, Ohrring … egal. Hauptsache, man meint es ehrlich.

‣ Eine besondere Art des Lächelns sät, wer mitdenkt: Jemand kämpft mit dem Einkaufs-Trolley an einer blöden Stufe oder zieht hektisch einen Fahrschein kurz vor Abfahrt der Bahn? „Komm, ich reich dir die Hand“ (oder halte sie vor die Lichtschranke) – und schon glüht der Draht zwischen zwei Menschen.

(Foto: plainpicture/hasengold)

Ganz einfach

„Der Unterschied zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir in der Lage wären zu tun, würde genügen, um die meisten Probleme der Welt zu lösen.“

Mahatma Gandhi

Geben macht reich

„Gib, und du wirst empfangen, viel mehr, als du je für möglich gehalten hast. Gib, gib immer wieder, sei stark, halte durch und gib! Niemand ist je vom Geben arm geworden!“

Anne Frank

Mehr zum Thema

www.givingtuesday.de
Weltweiter Aktionstag am 1. Dezember zum Thema Geben in jeder Form.

www.dzi.de
Spenderberatung mit Checkliste für sicheres Spenden, Tipps und Prüfsiegel.

www.betterplace.org
Große deutsche Spendenplattform, die alternative Projekte anbietet.

www.gute-tat.de
Informationsplattform über soziale Projekte für alle, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.

www.bergwaldprojekt.de
Die Seite bietet ökologische Arbeitseinsätze zum Erhalt der Wälder.

www.tafel.de
Die Tafeln sammeln „überschüssige“, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel für Bedürftige.

www.bagfa.de/freiwilligenagenturen
Dachverband für 175 lokale Agenturen, die als Schnittstellen von Hilfssuchenden und Freiwilligen viele Projekte ermöglichen.

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