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Kolumne

Goldlicht und Ungewissheit

Der Oktober stimmt Fred Grimm nachdenklich. Der Oktober schmeckt nach Abschied, hat etwas Trauriges an sich. In diesem Jahr besonders, findet unser Kolumnist.

01.10.2020 vonFred Grimm

Der Oktober stimmt Fred Grimm nachdenklich. Der Oktober schmeckt nach Abschied, hat etwas Trauriges an sich. In diesem Jahr besonders, findet unser Kolumnist.

Man kann es ihm nicht vorwerfen, er kann nichts dafür, aber jeder Oktober schmeckt ein bisschen nach Abschied. Nicht so wie der November, da hat man sich angesichts kahler Bäume und der immer früher eintretenden Dunkelheit meist schon in den Verlust der grünen Jahreszeit gefügt. Eher so schmerzlich, weil man dem Jahr praktisch live dabei zusieht, wie es zu Ende geht. Und was ist das für ein letzter Auftritt! Die Blätter schimmern in prächtigen Farben, die Wälder haben diesen magischen, satten Duft, die ganz besonderen Morgende, die es so nur im Oktober gibt, tauchen die Welt in sanftes Goldlicht und man atmet so frei wie sonst das ganze Jahr über nicht. Und doch haben die immer früheren Sonnenuntergänge, die Laubhaufen am Straßenrand etwas Trauriges an sich.

Nie weiß man, was man anziehen soll, im Oktober. Ist es schon Zeit für die Mütze, den Schal?, mag man in der Frühe denken. Und dann sitzt man doch wieder mittags in allerschönster Wärme draußen, als würde der Sommer noch einmal nach einem greifen, ein letztes Mal, nur nicht loslassen bitte. Die Mode ist in den vergangenen Monaten weiter geworden, bequemer, großzügiger, sie hat sich den Pfunden angepasst, die bei vielen von uns in diesem unbeweglichen Jahr dazu gekommen sind.

Mag sein, dass die Hosen, Mäntel und Kleider einen an das heimelige Gefühl aus der Kindheit erinnern sollen, als man heimlich die Kleidung der Eltern anprobierte und sich darin gleichzeitig schon groß, aber auch noch viel zu klein vorkam. Man musste noch nicht erwachsen sein und alles verstehen, man musste noch kein Geld verdienen, Verantwortung tragen, man konnte sich noch verstecken, wenn einem danach war.

Es mag vielen Menschen schwerer fallen als sonst, den Oktober in all seiner Vergänglichkeit zu erleben.

Fred Grimm

Der Winter, der einem im Oktober gelegentlich ja auch schon anrempelt, wird in diesem Jahr sehr anders sein als die Winter der jüngeren Vergangenheit. So viele Träume sind zerplatzt. Kleine Läden mussten schließen, ebenso Restaurants, Cafés. Scheinbar sichere Jobs sind auf einmal in der Schwebe, viele Konten sind tief ins Minus gerutscht. Die Angst und Ungewissheit, die der Sommer einige glückliche Momente lang weggeweht haben mag, melden sich mit Macht zurück. Es mag vielen Menschen schwerer fallen als sonst, den Oktober in all seiner Vergänglichkeit zu erleben.

Doch vielleicht ist es gerade dieser Monat, in dem wir noch einmal alle Kräfte sammeln können, die wir in dem kommenden, nervösen und unbehaglichen Winter brauchen. Schließlich kann man den Oktober auch mit vielen kleinen, bewussten Momenten zelebrieren: Ein Spaziergang, bevor der Tag richtig angefangen hat, eine Fahrradfahrt durch den kühlen Regen, barfuss über eine Wiese gehen – irgendetwas, bei dem man noch einmal so richtig in der Welt ist, bevor es wieder nach drinnen geht, wo wir diesen Winter über öfter sein könnten, als uns lieb ist.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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