Leben

Frauen in der Bio-Branche: So geht es ihnen

Stimmt es, dass Frauen in der Bio-Branche gut abgesichert sind und fair bezahlt werden? Schrot&Korn-Autorin Ina Hiester will es genauer wissen.

Frauen verdienen in Deutschland rund 18 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Kein Wunder, dass wir im internationalen Vergleich in Sachen Geschlechtergerechtigkeit nur auf Platz zehn landen – hinter Ländern wie Island, Finnland, Ruanda und Nicaragua. Und Corona hat die Lage für uns Frauen, die nach wie vor den Großteil der Care-Arbeit in Deutschland übernehmen, weiter verschlechtert. Ist das auch in der Bio-Branche so? Wie geht es Frauen, die von Bio leben, ökologisch ackern oder Bio in Herstellung und Handel vorantreiben? Werden sie fair bezahlt, sind sie gut abgesichert? Können sie Familie und Beruf gut vereinen? – Bestimmt!

Davon war ich überzeugt, als ich mich in die Recherche für diesen Artikel stürzte. Ich, weiblich, 35 Jahre alt, seit meinem Studium in der Bio-Branche arbeitend. Abwesenheit von Diskriminierung habe ich als selbstverständlich verbucht für eine Branche, die geübt darin ist, bestehende Strukturen infrage zu stellen; die mit einem gut trainierten Aufmüpfigkeitsmuskel zum Wohle unserer Welt Veränderungen für mehr Tierwohl, weniger Ackergifte und mehr Biodiversität auf den Weg bringt. Der Bio-Dachverband IFOAM hat Gerechtigkeit sogar als eines der Grundprinzipien der ökologischen Landwirtschaft definiert. Doch während ich mich mühsam durch die dünne Datenlage zu Frauen in Bio-Betrieben wühle, tauchen Zweifel auf. Die manifestieren sich, als nur wenige Bio-Frauen zwischen Job und Familie Zeit finden, sich mit mir zu diesem Thema auszutauschen. Am ehesten noch abends, nach Feierabend, wenn der Computer heruntergefahren und die familiären Pflichten erfüllt sind.

Warum Frauen in der Landwirtschaft oft schlecht abgesichert sind

Dr. Susanne Padel und das Team vom Thünen-Institut für Betriebswirtschaft und der Universität Göttingen haben Frauen landwirtschaftlicher Betriebe aus ganz Deutschland zu ihrer Lebenssituation befragt. Ihr Fazit: Weder bei Bio- noch bei konventionellen Betrieben sieht es allzu rosig aus.

„Obwohl Frauen einen wesentlichen Beitrag für eine zukunftsfähige Landwirtschaft leisten, sind sie oft nur mangelhaft sozial abgesichert.“

Dr. Susanne Padel, Thünen-Institut

Nur elf Prozent aller Höfe in Deutschland werden von Frauen geleitet und bei nur 18 Prozent ist eine Frau als Nachfolgerin vorgesehen. Besonders nach der Geburt von Kindern kehrten landwirtschaftlich ausgebildete Frauen oft zurück zur Haus- und Care-Arbeit, weg von Leitungsaufgaben. „Obwohl Frauen einen wesentlichen Beitrag für eine zukunftsfähige Landwirtschaft leisten, sind sie oft nur mangelhaft sozial abgesichert“, bedauert Padel. Gemeint ist damit vor allem eine oft unzulängliche Altersvorsorge und mangelnde Absicherung im Fall einer Trennung oder Scheidung. Gleichzeitig machen sich viele engagierte Bio-Frauen für Tier- und Umweltschutz stark. Oft mangele es ihnen da an Kraft und Zeit, noch für die eigenen Rechte zu kämpfen.

So bringt das BioFrauenNetz die Gleichstellung voran

Christine Brandmeir, Mitinitiatorin des BioFrauenNetzes nimmt interessierte Bio-Frauen in den E-Mail-Verteiler des Netzwerks auf. christine.brandmeir@bioland.de

In Deutschland gibt es viele Frauennetzwerke, der Bio-Branche fehlte ein solches lange Zeit. Das muss sich ändern, fanden vier Bio-Frauen und organisierten 2019 ein erstes Treffen. Eine von ihnen ist Christine Brandmeir, selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen. Sie erzählt: „Es war üblich, dass die Söhne den Hof übernehmen. Das fand ich schon als Kind ungerecht.“ Sie möchte Frauen aus der Branche zusammenbringen. „Netzwerke sind die Basis für gegenseitige Unterstützung. Viele Frauen machen sich für Gleichstellung stark, wenn es eine Plattform dafür gibt. Die haben wir nun geschaffen.“ Jährlich finden mindestens zwei Treffen statt, bei denen etwa Studien zu Gleichstellung vorgestellt werden und ein Mentoring-Programm auf den Weg gebracht wurde, bei dem Frauen sich gegenseitig unterstützen.

Geschlechtergerechtigkeit auf dem Acker kämpfen

Hanna Schwager vom Emanzipatorischen Landwirtschaftsnetzwerk ELAN engagierte sich schon während des Bachelor-Studiums an der Uni Witzenhausen mit anderen Ackerfeministinnen unter dem Motto „Macker weg vom Acker“ für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Im Masterstudium geht sie dem Thema Gender-Gap an der Humboldt-Universität in Berlin nun auf den Grund. Schwager weiß: „Tendenziell werden etwas mehr Bio-Höfe von Frauen geführt. Das liegt aber vor allem daran, dass Bio-Betriebe oft kleiner sind als konventionelle.“

Die Diskriminierung von Frauen fange häufig schon in der Berufsausbildung oder beim Praktikum an. So würden sie von Tätigkeiten wie Schweißen, Kettensägen oder Traktorfahren ausgeschlossen. Im Rahmen des ELAN-Netzwerks engagiert sich Schwager dafür, solche Stereotype sichtbar zu machen und aufzubrechen. Zum Beispiel im Rahmen der jährlichen „Wir haben es satt“-Demo in Berlin, bei der auch queerfeministische Menschen gegen Patriarchat und Diskriminierung protestieren. Die Teilnehmenden wenden sich hier an die Politik, fordern etwa Existenzgründungs- und Mentoring-Unterstützung für Frauen und Queers in der Landwirtschaft. Schwager ist überzeugt: Solange Care-Work überwiegend Frauensache und Arbeitszeitmodelle unflexibel bleiben, wird es keine Geschlechtergerechtigkeit geben – weder in der biologischen noch in der konventionellen Landwirtschaft.

Die Rolle der Frauen in Bio-Betrieben

Darüber, wie es Frauen in Bio-Firmen geht, gibt es kaum Daten. Lediglich der Bundesverband Naturkost Naturwaren BNN hat im Jahr 2016 eine Erhebung unter seinen rund 200 Mitgliedern aus Bio-Herstellung und -Handel durchgeführt, die leicht Hoffnung aufkeimen lässt. Damals wurden rund 40 Prozent der befragten Unternehmen von Frauen geleitet oder mitgeleitet.

„Im Vergleich zu anderen Branchen sehe ich hier mehr Frauen in Führung und Verantwortung als anderswo. Das darf gerne noch weiterwachsen.“

Kathrin Jäckel, BNN

Die BNN-Geschäftsführerin Kathrin Jäckel kam vor vier Jahren als Quereinsteigerin in die Bio-Branche. Sie bestätigt: „Im Vergleich zu anderen Branchen sehe ich hier mehr Frauen in Führung und Verantwortung als anderswo. Das darf gerne noch weiterwachsen.“ Als Geschäftsführerin und Mutter engagiert sie sich dafür, dass Arbeit und Leben von Müttern und Vätern bestmöglich zueinander passen. „Nicht immer einfach, aber es lohnt sich!“, sagt sie. Wie, das zeigt etwa das Feinkostunternehmen Byodo.

Wie Arbeitszeitmodelle ein Schlüssel für mehr Geschlechtergerechtigkeit sein können

Stephanie Mossbacher leitet seit 2022 das Naturkostunternehmen Byodo in Mühldorf am Inn.

Stephanie Moßbacher beschreibt ihren Führungsstil als partizipativ und empathisch – nicht, weil sie eine Frau ist, sondern weil dies ihrem Naturell entspricht. Sie sagt: „Wirtschaft muss menschlicher und vielfältiger werden, wir müssen wegkommen von Stereotypen.“ Die flexiblen, familienfreundlichen Arbeitsbedingungen bei Byodo ziehen schon lange Frauen an. Knapp drei Viertel aller Beschäftigten sind weiblich; auf der Führungsebene liegt der Frauenanteil bei rund 60 Prozent. „Unsere vielfältigen Arbeitszeitmodelle machen eine gerechte Verteilung der Care-Arbeit möglich. Und unsere Gehälter zahlen wir je nach Position – unabhängig vom Geschlecht.“

So fruchtet Jobsharing auf Führungsebene

Katharina Reuter, die Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft, fordert mehr geteilte Verantwortung in Form von Jobsharing – vor allem in Führungspositionen. „Untersuchungen zeigen immer wieder, dass Unternehmen, die divers zusammengesetzte Gremien und einen hohen Frauenanteil in der Führung haben, erfolgreicher sind. Gerade in Nachhaltigkeitsdisziplinen, die heute immer wichtiger werden, können sie punkten!“

Warum immer mehr junge Frauen ökologische Verantwortung tragen

Diese Ansicht teilen auch Öko-Feministinnen in Frankreich. Sie sind überzeugt, dass die Klima- und Umweltkrisen unmittelbar mit der Unterdrückung der Frau zusammenhängen, dass Frauen oft empathischer und mit mehr Verbundenheit zur Natur erzogen werden und intuitiv häufiger in Kreisläufen denken. Auch die weltweiten Klimaproteste, in denen junge Frauen wie Greta Thunberg, Luisa Neubauer oder die afrikanische Aktivistin Vanessa Nakate führende Rollen spielen, unterstreichen das Bild, dass Frauen bereit sind, ökologische Verantwortung zu tragen.

Fürsorglich, flache Hierarchien und mehr Geld

Sophia Hoffmann: Die vegane Bio-Köchin, Autorin und Aktivistin bildet eine erfrischende Ausnahme in der männerdominierten Gastro-Szene.

Ein rauer Umgangston, schlechte Bezahlung, Überstunden und vor allem auf Führungsebene stark männerdominiert – das ist der Ruf der Gastro-Szene. Die vegane Bio-Köchin und bekennende Feministin Sophia Hoffmann bildet eine erfrischende Ausnahme. Sie sagt: „Es ist schwer zu glauben, dass es im 21. Jahrhundert noch vorkommt, dass Menschen in mein Restaurant kommen und nach dem Chef fragen.“ Hoffmann ist regelmäßig bei Frauenmärschen dabei und gibt Gastronominnen in ihrem Kochbuch Vegan Queens eine Bühne. In ihrem Restaurant legt sie Wert auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit. „Wir halten uns bestmöglich an unsere Wochenarbeitszeiten, Mehrarbeit wird ausgeglichen. Flache Hierarchien, gewaltfreie Kommunikation sowie gegenseitige Fürsorge sind für uns selbstverständlich. Und dazu gibt es mehr Geld und mehr Urlaub als gesetzlich vorgeschrieben.“

Am Ende meiner Recherche bin ich etwas desillusioniert und doch hoffnungsvoll. Ja, es gibt sie, die starken Bio-Frauen, die Restaurants, Firmen und Verbände leiten, sich in Netzwerken zusammenschließen und gegenseitig empowern. Doch es ist noch viel zu tun.

Mehr Infos

  • www.frauenrat.de Der Verband vereint bundesweit rund 60 aktive Frauenorganisationen und setzt sich für einen geschlechterdemokratischen Wandel ein.
  • Buchtipp: Imdahl, Ines und Steeger, Janine: Warum Frauen die Welt retten werden. Komplettmedia-Verlag, 2022, 220 Seiten, 20 €
Veröffentlicht am

Kommentare

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Mathilde Schmitt

Sehr schön, einmal derart umfassend über Frauen in der Bio-Branche informiert zu werden. Vielen Dank an Ina Hiester für den sehr anregenden und informativen Artikel!
Wird sonst ja eher die Geschichte großer Männer erzählt, wenn es um die Entwicklungen alternativer Wirtschaftsweisen geht, wie auch Heide Inhetveen, Mathilde Schmitt und Ira Spieker in ihrem Buch "Passion und Profession. Pionerinnen des ökologischen Landbaus" darlegen und als Gegenmaßnahme in 51 spannenden Porträts aufzeigen, wie Frauen seit Beginn des 20. Jahrhunderts forschten, experimentierten, schrieben und unterrichteten, um die Verbreitung des alternativen Land- und Gartenbau voran zu bringen.

Weitere Informationen unter:
https://www.oekom.de/buch/passion-und-profession-9783962382933
www.agrigenda.jimdofree.com
Mathilde Schmitt

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