Bio – das stand lange für verschrobene Ökos, die ihr Brot mit sehr vielen Körnern und noch mehr guten Absichten selbst buken, meist mit Gleichgesinnten in der Abgeschiedenheit ihrer Dreiseitenhöfe. Das ist längst vorbei. Bio-Lebensmittel sind mittlerweile so Mainstream wie Birkenstocks, das Bio-Siegel findet sich fast überall, in Supermärkten, Discountern, Kantinen. Verbraucher:innen können durch das Siegel darauf vertrauen, dass die Bio-Möhre wirklich aus ökologischem Anbau stammt und keine heimliche Glyphosat-Möhre ist und dass sie mit dem Kauf dieser Möhre sich selbst und der Umwelt etwas Gutes tun. Denn meist enthalten Bio-Lebensmittel mehr Nährstoffe, vielen schmecken sie auch besser. Dieses Vertrauen in Bio-Siegel basiert auf einem ausgeklügelten System an Dokumentationen und Prüfungen, durch das die Qualität garantiert wird. Das verbindliche Siegel verdanken wir Renate Künast, eine der drei bemerkenswerten Frauen, die die Bio-Geschichte in Deutschland geprägt haben.
Wie begann die Bio-Bewegung in Deutschland?
Aber der Reihe nach: Eine der prägendsten Frauen bei der Entwicklung der organisch-biologischen Landwirtschaft war Maria Müller. Über sie ist nicht viel bekannt. Sie stand die längste Zeit ihres Lebens im Schatten ihres Mannes, dem Botaniker und Politiker Hans Müller. Erst neuere Recherchen zeigen, dass Maria bei der Verbreitung dieser Anbauform eine zentrale Rolle gespielt hat. Als Schweizerin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte sie ihr Wirken nicht ohne die Hilfe ihres Mannes entfalten – das Frauenwahlrecht etwa führte die Schweiz erst 1971 ein. Und so unterstützte Maria ihren Mann beim Botanik-Studium. Müllers Biografin Diana Bach schrieb, dass Maria mutmaßlich die Hälfte zur Dissertation ihres Mannes im Jahr 1921 beigesteuert habe. Die theoretische Expertise und ihre Beobachtungen im eigenen Garten führten schließlich dazu, dass Müller 1932 die Hausmutterschule im Bildungszentrum Möschberg gründete.
Dort führte sie junge Frauen in die Praxis des organisch-biologischen Gartenbaus ein, die in der Folge ihre Männer von dieser Anbau-Methode überzeugten. Ein Zeitzeuge erinnert sich, dass etwa 90 Prozent der schweizerischen Bio-Bauern durch das Engagement ihrer Frauen umgestellt hätten. Maria Müller ist nicht nur eine Pionierin des ökologischen Landbaus, sondern auch eine Kämpferin für die Gleichstellung von Frauen. In Zeiten, in denen die industrielle Landwirtschaft durch schwere Maschinen die Ackerböden massiv schädigte, bestand Müllers zentrales Anliegen darin, sowohl den Mutterboden im Acker als auch die Menschen, die von ihm leben, gesund zu erhalten.
Maria Müller und die Wurzeln des Ökolandbaus
Tagsüber arbeitete Maria in der Schule und im Garten, nachts studierte sie. Ihr Mann Hans trug mit Vorträgen und Aufsätzen diese Lehren in die weite Welt hinaus. Zusammen waren sie ein starkes Gespann. Als dann der deutsche Arzt und Bakteriologe Hans Peter Rusch 1951 einen Aufsatz über den „Kreislauf der lebenden Substanz“ veröffentlichte und im Zuge dessen Maria und Hans kennenlernte, ergänzten sich die drei so gut, dass sie eine internationale Strahlkraft entwickelten. So brachten sie den Bio-Landbau unter die Leute.
1968 schrieb Maria Müller: „Wer biologisch Land- und Gartenbau betreiben will, muss vor allem bereit sein, die Lebensgesetze des Bodens – seiner Bewohner und der Pflanzen kennenzulernen. Er muss bereit sein, sie zu respektieren, nach ihnen zu handeln. Das bedingt infolgedessen zuerst ein entsprechendes Denken, eine entsprechend geistige Haltung.“ Ein Jahr später starb sie. Doch ihre Arbeit trug Früchte. Denn bereits in den 70er-Jahren wurden erste Verbände gegründet, 1971 etwa der bio gemüse e.V., aus dem 1979 dann der Bioland-Verband hervorging.
Außerdem entstanden immer mehr Bio-Läden, zuerst in den Großstädten. Wo genau der erste in Deutschland öffnete, ist bis heute umstritten. Manche sehen im 1971 gegründeten Berliner „Peace Food“ den Ursprung, andere verweisen auf das Hamburger „Schwarzbrot“. 1972 existieren in Deutschland fünf Bio-Läden. Zwei Jahre später entstand mit Dennree der erste Großhändler, 1979 folgten regionale Vertriebsgenossenschaften. Und Mitte der 1980er-Jahre gab es in Westdeutschland bereits über 1000 Bio-
Läden. Vorerst blieb das Sortiment noch überschaubar: Getreide, regionales Obst und Gemüse, dazu Räucherstäbchen, weltanschauliche Lektüre und selbst gemischtes Müsli.
Das Bio-Siegel als Wendepunkt
Im neuen Jahrtausend landete die Bio-Idee in Gestalt der Grünenpolitikerin Renate Künast sogar ganz oben in der Regierung. Von 2001 bis 2005 war Künast Landwirtschaftsministerin und leitete die von ihr geprägte Agrarwende ein. Dabei musste sie zahlreiche Widerstände überwinden – allen voran die CDU-geprägte Bauernlobby, die sich nichts vorschreiben lassen wollte. Doch auch das eigene grüne Milieu galt es mitzunehmen, dem das geplante Bio-Siegel nicht weit genug ging. Künast beharrte. „Nichts unterstützt die Weiterentwicklung des Öko-Landbaus mehr, als die Nachfrage nach seinen Produkten zu stärken“, sagte sie. „Dazu trägt das Bio-Siegel bei.“ 2001 führte Künast es ein. Endlich gab es eine verlässliche Kennzeichnung, die Orientierung bot. Das sechseckige, grüne Siegel sorgte nach den Standards der EU-Öko-Verordnung für mehr Transparenz auf dem Bio-Markt und ist bis heute eines der bekanntesten Bio-Siegel in Deutschland. „Damit ist es gelungen, Bio-Produkte aus der Nische zu holen und einer großen Käuferschicht zugänglich zu machen“, freute sich Künast.
Bio braucht entschlossene Menschen
Die Geschichte des Bio-Siegels zeigt: Jede Idee benötigt neben gesellschaftlicher Akzeptanz klare Rahmenbedingungen durch die Politik. Diese können nur entschlossene Menschen schaffen, die über ihren eigenen Tellerrand blicken. Genau das wird immer wichtiger. Denn die Herausforderungen werden nicht kleiner. Gerade nachhaltige Ideen stehen aktuell in der Schusslinie einer sich als konservativ tarnenden globalen Bewegung, die den Klimawandel als Lüge abtut und gerne zu einer vermeintlich guten, alten Zeit zurückkehren würde. Die Grenzen zwischen den Lagern sind fließend, die Emotionen zur Weißglut getrieben durch Social Media. Fakten spielen fast keine Rolle mehr im Diskurs. Das alles macht die politische Debatte schwierig.
In diesen Zeiten braucht es Frauen wie Tina Andres, seit 2021 Vorstandsvorsitzende des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Die Diplom-Biologin will die Bio-Transformation weiter vorantreiben – durch bessere Bildung sowie Anpassungen im Steuer- und Preissystem. Aktuell seien die Preise nicht fair, sagt Andres: „Bio-Unternehmen sind in einer ständigen Konkurrenzklemme mit Unternehmen, die die Ressourcen fröhlich ausbeuten.“ Die Kosten würden dabei vergesellschaftet, die Profite privatisiert. „Wir Bio-Betriebe schützen die Umwelt und müssen dafür konkurrenzlos teure Produkte anbieten“, sagte Andres. Es sei zutiefst undemokratisch und unsozial, Verbraucher:innen die Ernährungswende doppelt bezahlen zu lassen, mit Steuergeldern und an der Ladenkasse.
Bio-Branche heute. Was Tina Andres fordert
Andres, die schon als Mädchen Kellerasseln in ihrer Jackentasche sammelte und heute mit ihrer Familie Hühner hält, blickt mit Sorge auf das Weltgeschehen. Die globalen Ernährungssysteme schürten Klimawandel und Artensterben. Schon jetzt verursache alleine die deutsche Landwirtschaft Kosten in Höhe von 90 Milliarden Euro pro Jahr, weil sie das Klima anheize, die Böden und das Grundwasser belaste und am Ende der menschlichen Gesundheit zu schaffen mache. „Es geht um das Wohlbefinden und die Gesundheit der Menschen in Deutschland! Wir fordern die Bundesregierung dazu auf, faire, gesunde und nachhaltige Ernährungsumgebungen zu fördern und die öffentliche Beschaffung zur Steigerung des Öko-Landbaus zu nutzen“, fordert Andres. Es müssten jeden Tag zusätzlich 300 Millionen Euro aufgebracht werden, um ernährungsbedingte Krankheiten wie Herzkreislaufprobleme oder Diabetes zu behandeln. Ökonomischen Wahnsinn nennt Andres das. „Wir haben es mindestens dreimal am Tag in der Hand, dies zu ändern, beim Frühstück, Mittagessen, Abendbrot.“
Meilensteine der Bio-Bewegung (1920-2023)
1920er-Jahre
Rudolf Steiner legt die Grundlagen für die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, aus der der Verband Demeter hervorgeht.
1932
Maria Müller gründet die Hausmutterschule im Bildungszentrum Möschberg im Schweizer Oberthal.
1971
Die ersten Bio-Läden entstehen, was das Wachstum der Bio-Bewegung in Deutschland markiert.
1979
Gründung von Bioland, dem bis heute größten Bio-Anbauverband in Deutschland.
1982
Gründung von Naturland, einem weiteren großen Öko-Verband, der die erste Öko-Fleischvermarktung erreicht.
1990er-Jahre
Stetiger Anstieg der ökologisch bewirtschafteten Flächen und eine Vergrößerung der Zahl der Bio-
Erzeuger.
2001
Einführung des deutschen Bio-Siegels durch Renate Künast. Seit 2012 ist es für alle verpflichtend, die ihre Lebensmittel als Bio bezeichnen.
2002
Aus vielen verschiedenen Öko-Verbänden entsteht schließlich ein Bio-Spitzenverband, der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).
2010
Mit der Einführung des EU-Bio-Siegels wurde der EU-Markt durch gemeinsame Standards gestärkt. Inzwischen richten sich auch andere Staaten nach den Richtlinien des EU-Bio-Siegels.
2023
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt die Bio-Strategie 2030, mit dem Ziel, bis 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften.
Häufige Fragen zur Geschichte von Frauen in der Bio-Branche
Welche Rolle spielten Frauen in den Anfängen des Ökolandbaus?
Frauen waren oft die treibende Kraft auf Höfen und in Bildungsinitiativen. Maria Müller entwickelte am Möschberg praktische Grundlagen des organisch-biologischen Landbaus und vermittelte sie an Bäuerinnen, die wiederum ihre Betriebe umstellten.
Wer war Maria Müller und warum ist sie wichtig für Bio?
Maria Müller war eine Schweizer Gärtnerin und Schulleiterin. Zusammen mit Hans Müller und Hans Peter Rusch prägte sie die organisch-biologische Landwirtschaft, die später zentrale Basis für Bioland wurde.
Wann wurde das deutsche Bio-Siegel eingeführt?
Das staatliche Bio-Siegel wurde 2001 unter Landwirtschaftsministerin Renate Künast vorgestellt und eingeführt. Es schuf erstmals eine einheitliche, gut erkennbare Kennzeichnung für Bio-Produkte.
Was hat Renate Künast für die Bio-Branche verändert?
Sie setzte die Agrarwende politisch durch und brachte das Bio-Siegel auf den Weg. Damit wurde Bio für Verbraucherinnen und Verbraucher leichter erkennbar und verließ die Nische.
Wofür steht Tina Andres in der Bio-Bewegung heute?
Tina Andres ist Vorstandsvorsitzende des BÖLW. Sie fordert fairere Preise, mehr politische Unterstützung und eine konsequente Ernährungswende, damit Bio-Flächen und Bio-Angebote deutlich wachsen.
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