Vielleicht ist es ja vor allem das Wort selbst: „Fleisch“.
FLEI…SCHSCH. Schon beim Flüstern springt die Speichelproduktion an, der
ganze Sprechvorgang ahmt das
Zusammenspiel aus Beißen, Kauen,
Schlucken lustvoll nach, ein Zauber, der sich beim Aussprechen von
Gemüsenamen wie „Steckrübe“ oder „Pastinake“ eher nicht einstellt. Gut,
mit „Tierleichenrest“ – was „Fleisch“ auf dem Teller ja letztlich
bedeutet – käme man im rhetorischen Kulturkampf ums Essen wahrscheinlich
nicht ganz so weit. Aber „Fleisch“, das funktioniert und ist so tief
als Sehnsuchtswort ins deutsche Magenhirn eingedrungen, dass vegane
Leckereien im Supermarktregal noch als Burger, Steak oder Salami angepriesen werden müssen.
Was
ist das bloß mit dem Fleisch in diesem Land? „Fleisch und Wurst gehören
zur DNA“, las ich kürzlich im gleichnamigen Zentralorgan der deutschen
Fleischwirtschaft – ein ungemütlicher Gedanke, wenn ich überlege, was
ich meiner zauberhaften Tochter da angeblich mit vererbt haben soll.
Volkstümelnde Sozialdemokraten, Rechtsliberale und Reaktionäre
thematisieren den Zusammenhang zwischen „unserer Kultur“, „Freiheit“ und
dem Verzehren von möglichst günstigem Fleisch immer wieder. Bayerns
Ministerpräsident Markus Söder lässt kaum eine Rede ohne Bekenntnis zum
Recht auf Rostbratwurst vergehen. „Wir stehen zum Fleisch!“, rief er
unlängst unter dem Beifall seiner Anhängerschaft aus, ein offenbar
ideales Reizthema für den kommenden Wahlkampf.
„Die Strategie ist so unappetitlich wie ein vorgekautes Steak.“
Man muss kein
Hardcore-Veganer sein, wenn einem dieser Fleisch-Populismus übel
aufstößt. Die konventionelle Tierwirtschaft verursacht ein Viertel aller
klimaschädlichen Emissionen auf der Welt, ohne dafür belangt zu werden.
Getreide landet vor allem in industriellen Fütterungsanlagen statt die
Hungernden zu ernähren. Die hierzulande besonders üblen Haft-,
Verzeihung, Haltungsbedingungen von Millionen Kühen, Hühnern oder
Schweinen nehmen uns alle in moralische Mitverantwortung. Für das
gülleverseuchte Grundwasser und den gewaltigen Flächenverbrauch zahlen
wir bereits längst.
Es ist umso bitterer, dass die Fleischkonzerne und ihre Helfer in der Finanz- und Futtermittelindustrie jetzt auch zu den größten Investoren ihrer vermeintlichen Alternative gehören, dem „Fleischersatz“. Ihre Strategie, mit Tierquälerei und Umweltzerstörung ebenso Geld zu verdienen wie mit dem verbreiteten Unbehagen daran, ist so unappetitlich wie ein vorgekautes Steak. Das natürliche Gegenmodell zu Fleischindustrie stellen weder patentierte Kalbszellenklumpen aus dem Bioreaktor dar noch die mit Zusatzstoffen bombardierten Sojawürste vom Fließband, sondern bunte Vielfalt auf dem Teller, faire landwirtschaftliche und Handels-Strukturen sowie die regionale Kreislaufwirtschaft.
Fred Grimm
Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über die Wege und Umwege hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leserinnen und Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.
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