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Interview

Felicitas Woll: „Unterschiede machen uns Menschen aus“

Wir haben mit der Schauspielerin Felicitas Woll über ihr Engagement für Menschen mit Down-Syndrom gesprochen und darüber, was ihr privat wichtig ist.

14.09.2020 vonManfred Loosen

Die Schauspielerin Felicitas Woll ist seit fünf Jahren nicht mehr geflogen.

Wir haben mit der Schauspielerin Felicitas Woll über ihr Engagement für Menschen mit Down-Syndrom gesprochen und darüber, was ihr privat wichtig ist.

Auf meinem Schreibtisch steht ein Bild von Ihnen mit Ihrem Bruder Tassilo. Und dem Motto: „Ein Bruder mit Down-Syndrom ist manchmal echt die Hölle. Genau wie jeder andere Bruder auch“. Was wollen Sie für Menschen mit Trisomie 21 erreichen?

Ich wollte und will in erster Linie sagen: „Hey, mein Bruder hat das Down-Syndrom – und er leidet nicht darunter!“ Wer sagt, Tassilo leide, hat noch keine Berührung mit Menschen mit Down-Syndrom gehabt. Es gibt natürlich unterschiedliche Grade von Down-Syndrom, manche haben mit den Organen Probleme, zum Beispiel mit dem Herzen, dann ist das eine andere Geschichte. Aber an sich leidet ein Mensch mit Down-Syndrom nicht! Tassilo lebt sein Leben, liebt, lacht.

Das klingt sehr glücklich ...

Ja genau. Und mein Bruder kriegt viel von dem, was uns auf der Erde belastet, was wir an Nachrichten den ganzen Tag inhalieren, gar nicht mit. Dadurch ist er ein wesentliches Stück glücklicher, was ich als großes Geschenk sehe. Ich finde, dass jedes Wesen, das entsteht und gewollt wurde, auch das Recht hat zu leben. Ich will einfach meine Stimme dafür erheben, dass Trisomie 21 ein großes Glück bedeuten kann für alle Beteiligten. Das habe ich bei so vielen Menschen erlebt. Mein Bruder ist etwas ganz Besonderes, und ich freue mich, dass er da ist. Ich möchte einfach, dass das schnelle Aussortieren aufhört, wenn ein ungeborenes Kind nicht der Norm entspricht. Das ist einfach Wahnsinn. Es macht uns Menschen gerade aus, dass wir unterschiedlich sind. Das macht uns erst reich und vollkommen.

Als Schauspielerin haben Sie verschiedene Rollen verkörpert; die eher lustige Lolle in „Berlin, Berlin“, dann Bertha Benz, jetzt die Frau eines Stasi-Offiziers in „Kranke Geschäfte“. Wie suchen Sie Ihre Rollen aus?

Das ist sehr schwierig zu beantworten. Ich habe mich in meinen gut zwanzig Jahren im Beruf eigentlich immer vom Gefühl leiten lassen, habe einer Stimme in mir vertraut. Wenn ich das Buch lese und sofort Lust und das Bedürfnis habe, das zu spielen, dann wusste ich, dass es richtig ist. Manchmal geht es auch darum, eine Botschaft zu vermitteln. Aber ganz wichtig ist, dass der Bauch mir sagt, dass die Geschichte für mich die richtige ist.

Zur Person

Felicitas Woll ist vor 40 Jahren in Homberg an der Efze, nördlich von Frankfurt am Main, geboren. Bekannt wurde die Schauspielerin durch Serien wie „Berlin, Berlin“, „Die Camper“ und „Evelyn Hamanns Geschichten aus dem Leben“ sowie viele Fernseh- und Kinofilme („Dresden“, „Mädchen, Mädchen“, „Carl&Bertha“). Sie gewann den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis, die Goldene Rose von Luzern und den Bayerischen Fernsehpreis. Seit sieben Jahren spielt Felicitas Woll zudem in der ZDF-Reihe „Der Taunuskrimi“ die Kommissarin Pia Sander. Der Film „Kranke Geschäfte“ über Medikamententests in der DDR läuft am 25. September auf Arte und am 28. September jeweils um 20.15 Uhr im ZDF.

In „Kranke Geschäfte“ geht es um Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen in der ehemaligen DDR. 900 Medikamentenstudien mit 50000 DDR-Bürgern! Diese Zahlen haben Sie wahrscheinlich auch überrascht ...

Also, das hat mich sehr überrascht. Ich wusste fast gar nichts darüber. Als die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt, viel zu jung, um zu verstehen, was davor passierte. Von diesen Tests habe ich erst durch dieses das Drehbuch erfahren, als die Gespräche mit dem Regisseur und dem Autor begannen. Da wurde uns erst bewusst, was damals passiert ist.

Hat sich das Drehen durch die Corona-Pandemie verändert?

Corona hat das Arbeiten am Set schon sehr verändert. Abstand halten und Maske tragen sind Pflicht. Es gibt regelmäßige Tests. Wir Schauspieler müssen uns umstellen, zum Beispiel dürfen wir uns nicht zu nah kommen, da wir beim Drehen keine Maske tragen. Ich freu‘ mich auf die Zeit, wenn wir uns wieder ganz normal begegnen können.

Lassen Sie uns über die private Felicitas Woll sprechen: Wie „öko“ sind Sie, wie wichtig sind Ihnen Bio-Lebensmittel?

Bio-Lebensmittel werden mir immer wichtiger, allein schon wegen der Kinder. Ich habe ein viel besseres Gefühl beim Kochen, wenn ich weiß, dass die Lebensmittel natürlich sind. Dabei ist mir wichtig, woher die Sachen kommen. Ich greife nicht einfach zu, weil das Obst oder das Gemüse gut aussehen. Im Supermarkt ist die Bio-Ware leider meistens in Plastik verpackt. Das stört mich wahnsinnig. Ich habe gemerkt, wie viel Müll schon eine kleine Familie produziert, obwohl man sich Mühe gibt, Plastik zu vermeiden. Ich schaue auch genauer hin, überlege, was ich wirklich brauche – und kaufe einfach oft weniger als früher. Da blieb viel übrig, was man dann weggeschmissen hat. Aber Lebensmittel wegzuschmeißen, ist ganz furchtbar.

Lebensmittel wegzuschmeißen, ist ganz furchtbar.

Felicitas Woll

Wenn Sie auf die Herkunft achten, heißt das, Sie warten auf die einheimischen Erdbeeren und essen die nicht rund ums Jahr?

Ja, auf jeden Fall. Und ich habe angefangen, selbst ein bisschen im Garten anzupflanzen: Tomaten, Kräuter, Erdbeeren. Ich würde da gerne viel mehr machen, aber das geht leider wegen meines Berufs nicht. Ich bin oft wochenlang unterwegs und habe nicht die Zeit dafür. Als ich Kind war, hatten wir viel Obst und Gemüse im Garten. Und jetzt finde ich es schön, meine Kinder zu beobachten: Die finden es super, im Garten Erdbeeren oder Tomaten zu pflücken, anstatt in den Supermarkt zu gehen und sie dann in der Plastikschale zu kaufen.

Sie selbst haben drei Geschwister ...

Ja – dazu kamen Pflegekinder. Und es waren auch immer viele Freunde da. Da wurde viel geredet, gelacht und gekocht. In dieser Struktur bin ich aufgewachsen: ein großes Geschenk.

Eine schöne Sache, die man den eigenen Kindern weitergeben könnte.

Dadurch, dass ich so aufgewachsen bin, liebe ich es heute doch etwas kleiner (lacht). Aber natürlich sind die Familie oder die Großmutter oft da.

Wie sieht es in Sachen Kosmetik im Hause Woll aus?

Vor langer Zeit habe ich mir eine App heruntergeladen: Code-Check. Mit dieser App bin ich durch mein Bad gegangen und habe mich erschrocken. Im allergrößten Teil waren bedenkliche Zusätze: Duftstoffe, Hormonveränderndes oder sogar Krebserregendes. Ich habe mich von fast allem verabschiedet. Heute benutze ich für die Pflege meiner Haare zum Beispiel einfach Kokosöl, das man auch zum Kochen und Backen verwenden kann. Für meine Haut hab‘ ich neben dem Kokosöl noch ein Karottenöl. Wenn ich privat bin, benutze ich gar kein Make-up.

Sie haben vom Reisen gesprochen: Stimmt es, dass Sie seit über fünf Jahren nicht mehr geflogen sind?

Ja, das stimmt; ich fahre immer gern mit der Bahn, weil ich mich da gut entspannen kann. Es ist vollkommen verrückt, innerhalb von Deutschland zu fliegen, München - Hamburg oder so. In den vergangenen Jahren habe ich auch keinen Urlaub gemacht. Es hat sich einfach nicht ergeben. Ich bin aber auch gerne zu Hause, fahre höchstens mal für ein paar Tage an die Nord- oder an die Ostsee.

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