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Feldenkrais - Der Weg zum reifen Selbst

Die Bewegungslehre des Israeli Moshe Feldenkrais findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Sie eignet sich nicht nur als sanfte 'Therapie' für kranke Menschen, sondern mehr noch als fundamentale Lernmethode für jeden, der seinen Erfahrungshorizont erweitern will. Theoretisch fußend auf den Erkenntnissen moderner Wissenschaft, ist eine freie und bewußte Lebenspraxis ihr eigentliches Ziel.
01.10.1998
Die Bewegungslehre des Israeli Moshe Feldenkrais findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Sie eignet sich nicht nur als sanfte 'Therapie' für kranke Menschen, sondern mehr noch als fundamentale Lernmethode für jeden, der seinen Erfahrungshorizont erweitern will. Theoretisch fußend auf den Erkenntnissen moderner Wissenschaft, ist eine freie und bewußte Lebenspraxis ihr eigentliches Ziel.

Die Bewegungslehre des Israeli Moshe Feldenkrais findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Sie eignet sich nicht nur als sanfte "Therapie" für kranke Menschen, sondern mehr noch als fundamentale Lernmethode für jeden, der seinen Erfahrungshorizont erweitern will. Theoretisch fußend auf den Erkenntnissen moderner Wissenschaft, ist eine freie und bewußte Lebenspraxis ihr eigentliches Ziel.

Was ist Feldenkrais? Eine Art Krankengymnastik, sanftes Aerobic-Programm oder esoterischer Fitneßtrip? Weit gefehlt. Schon eher handelt es sich um eine besondere Form der Bewegungsschule und - sofern Kranke betroffen sind - gewissermaßen auch um eine "Therapie". Und doch bietet die Feldenkrais-Methode noch erheblich mehr. Sie kann auch Erkenntnistheorie sein, Philosophie oder gar ein Lebensweg, zumindest für den einen oder anderen.

"Denken Sie, was immer Sie wollen, aber bleiben Sie dabei locker und flexibel", schreibt der Übesetzer Thomas Kirschner im Nachwort eines Buches von Moshe Feldenkrais. So vage und launisch seine Aufforderung ist, kommt sie ihrem Untersuchungsgegenstand doch wesentlich näher als alle Versuche, Feldenkrais mit einem knappen Begriff zu definieren. Wer erfahren will, was Feldenkrais wirklich ist, dem bleibt nichts anders übrig als es selbst auszuprobieren. Insofern ist der folgende Text nur der unzulängliche Versuch, das zu erklären, was nur die eigene Erfahrung lehren kann.

Bewußtheit durch Bewegung und funktionale Integration

"Ich möchte, daß Sie lernen, aber nicht, daß man Sie etwas lehrt". Dieser erstaunliche Satz, den Moshe Feldenkrais an seine Schüler richtete, läßt etwas anklingen von der besonderen Atmosphäre, in der seine Kurse stattfanden. Er wollte kein gesichertes Wissen vermitteln, wie es Lehrer im herkömmlichen Sinne tun. Es ging ihm vor allem darum, den bestmöglichen Kontext zu schaffen für Lernen und Veränderung. Wenn Teilnehmer sich wohlfühlen und genügend Unterstützung erfahren, so seine Überzeugung, können sie vorhandene Lernblockaden am ehesten überwinden. Die einfühlsame und spielerische Verbindung, die er mit seinen Schülern einging, beschrieb er einmal mit "zusammen tanzen".

Moshe Feldenkrais hat zwei unterschiedliche Arbeitsformen entwickelt. Die am häufigsten angewandte ist die Gruppenarbeit, bekannt unter dem Namen "Bewußtheit durch Bewegung" (awareness through movement). Die Übenden führen dabei stehend, sitzend oder liegend langsame, oft kleinste Bewegungen aus, die der Leiter mit kurzen verbalen Anweisungen vorgibt. Es geht aber keineswegs darum, eine klar definierte "Figur" korrekt nachzuahmen wie beispielsweise beim Yoga.

Beim Feldenkrais-Training gibt es kein richtig oder falsch. Jeder soll tastend und entdeckend individuell herausfinden, wie er eine bestimmte Absicht - etwa den Wechsel von der Bauchlage in die Sitzstellung - bequem und ästhetisch zweckmäßig in die Praxis umsetzen kann. Jeder findet hierbei seine eigenen Lösungen und stößt an seine ganz persönlichen Grenzen. Diese zu erweitern, ohne Anstrengung, allein durch bewußte Wahrnehmung und Bewegung, ist das eigentliche Ziel. Weil wir verlernt haben, achtsam mit uns umzugehen und an alten Mustern kleben, erlebt mancher gerade solche simplen Aufgaben anfangs als Schwerstarbeit. Kindern fällt das Sichöffnen für neue Erfahrungen meist leichter als Erwachsenen, denn ihr Kopf ist nicht so angefüllt mit den Konzepten eines oft steifen Verstandes.

Vorwiegend auf nonverbale Kommunikation wird in der Einzelarbeit vertraut, der sogenannten "funktionalen Integration". Oft verbringt der Klient die Stunde auf einer Spezialliege, gelegentlich auch im Sitzen, Stehen oder Gehen. Feine Berührungen des Lehrers helfen dem Schüler, seine gegenwärtige Bewegungsorganisation zu erkennen, eingefleischte Verhaltensmuster aufzugeben und alternative "sensomotorische Gestalten" herauszubilden. Integriert sind unsere Funktionen - also all unser Tun - nach Feldenkrais' Meinung erst dann, "wenn wir sie mit unserem ganzen Selbst, ohne Hemmung ausführen". Dabei verändern sich unser "fühlendes Selbstbild" und gleichzeitig alle anderen Aspekte der Selbstorganisation. Das Erproben neuer Bewegungsvarianten ebnet so den Weg für kreative Ausdrucksmöglichkeiten in allen Schichten unserer Persönlichkeit. Feldenkrais vermittelt also weniger spezifische Lerninhalte als grundlegende Einsichten in den Lernvorgang selbst: "Nur das Wie zählt".

Jeder kann Feldenkrais machen, vom 6jährigen bis zum Greis

Feldenkrais' Vorstellungen über die Art, wie wir über Gehirn und Nervensystem unseren Organismus und unsere Bewegungen steuern, sind verwandt mit denen der Kybernetik. Trotz seines hohen wissenschaftlichen Niveaus war Feldenkrais aber kein trockener Theoretiker. Im Gegenteil. Weil in unserer Kultur die Sinne des Fühlens und der Eigenwahrnehmung am stärksten vernachlässigt werden, hat Feldenkrais eine Vorliebe für die "Kinästhesie" (Bewegungsempfindung) entwickelt. Jahrelange akribische Selbstbeobachtung ist die solide Basis, auf der später hunderte von Übungen entstanden, die heute in Feldenkrais-Gruppen praktiziert werden.

Manche Feldenkrais-Lektionen beginnen damit, daß die Schüler sich breitbeinig hinstellen, die Knie entspannen, eine Hand auf die Erde bringen und sich langsam zum Boden drehen. Schon diese kurze Wegstrecke wird, bewußt gegangen und erspürt, für einige Menschen zu einer Offenbarung. Auch bei so banalen Tätigkeiten wie der Erforschung der Unterlage oder beim Kriechen macht man verblüffende Entdeckungen, sofern man dazu bereit ist. Andere Übungen betreffen den Rücken, die Augen, die Halswirbel, Kiefer und Zunge, die Atmung oder das Aufstehen. Niemals soll dabei Kraft eingesetzt werden. Anstatt - wie sonst üblich - den Reiz zu erhöhen, wird die Anstrengung reduziert. Je behutsamer die Bewegung, desto eher ist man in der Lage, Unterschiede wahrzunehmen. Und genau darauf kommt es an. Wer mehrere Möglichkeiten zur Verfügung hat, besitzt die Freiheit der Wahl. Daß erst diese Fähigkeit uns zu reifen Menschen macht, so der Wissenschaftler, haben wir häufig vergessen.

Feldenkrais hat sich dank seiner subtilen Methode nicht nur eine von Ärzten für unvermeidbar gehaltene Operation erspart, er gewann auch die verlorene Flexibilität zurück (siehe Anhang). Vielen seiner Schüler erging es ähnlich. Alle fühlten sich nach den Übungen in irgendeiner Weise besser, selbst Patienten mit schweren Rückenleiden, Schlaganfällen oder Gehirnlähmungen. Trotzdem ist Feldenkrais dem Anspruch nach keine Therapie für Kranke, und man sollte auch keine Wunder erwarten. Sie eignet sich aber fast ohne Einschränkung vom Sechsjährigen bis zum Greis für alle Menschen, die offen sind für Neues.

"Kostendämpfung" oder für die Vorsorge ist kein Geld übrig

Daß die Feldenkrais-Methode mit ihren nachweisbaren Behandlungserfolgen viele Leidende anzieht, ist verständlich. Dies fanden vorübergehend auch die gesetzlichen Krankenkassen, die für ihre Mitglieder entweder eigene Kurse anboten oder die Teilnahme an Volkshochschulgruppen und anderen Veranstaltungen finanziell unterstützten. Seit 1997 ist dies Vergangenheit, die Gesundheitsförderung nach Paragraph 20 des Sozialgesetzbuches wurde eingestellt. Auch andere Präventivmaßnahmen wie Rückenschule oder autogenes Training gelten fortan als Privatvergnügen.

Nicht nur in den USA, auch in Europa gibt es eine wachsende Zahl von Feldenkrais-Lehrern (Practioner), die in drei- bis vierjähriger Ausbildung geschult werden. Neben etlichen kleineren Instituten kommen für deutsche Interessenten vor allem zwei größere Organisationen als Ansprechpartner in Frage: Die Feldenkrais-Gilde in München und die Feldenkrais Training Administration mit ihrem Hauptsitz in Holland (Adressen im Anhang). Sie arbeiten mit etwas unterschiedlichen Konzepten und sind sich, wie gemunkelt wird, nicht immer ganz grün.

Beide beschäftigen jedoch unter anderem Trainer, die bei Moshe Feldenkrais in die Lehre gingen. Die Kurse der Training Administration werden von Mia Segal geleitet, Feldenkrais' erster Assistentin in Tel Aviv. Die Chance, eine möglichst authentische und seriöse Ausbildung zu erhalten, ist bei den genannten Anbietern relativ groß. Eine qualifizierte Feldenkrais-Ausbildung kostet einige Tausend Mark, Geld und Zeit sind in der Regel berufsbegleitend aufzubringen. Die Kosten für eine Gruppenstunde liegen ungefähr bei 20 bis 30, die für eine Einzelstunde bei etwa 100 Mark.

"Lernen scheint mir wichtiger als gesund zu werden"

"Ich möchte keine beweglichen Körper, sondern bewegliche Gehirne. Nur wenn wir wissen, was wir tun, können wir tun, was wir wollen", hat Moshe Feldenkrais mehrfach betont. Unzähligen Menschen hat seine Methode bisher geholfen, ihr Leben befriedigender zu gestalten und ihren engen Bewegungsspielraum auszudehnen. Unter ihnen waren auch viele Behinderte. "Zu lernen, wie man neue Fähigkeiten erwirbt, scheint mir wichtiger als gesund zu werden", diese Kernaussage sollte übertriebene Heilserwartungen dämpfen. Wo sie begriffen wurde, ergeben sich Wohlbefinden oder zumindest Schmerzlinderung meist von selbst. Feldenkrais wollte keine Gummipuppen heranziehen, die akrobatische Höchstleistungen vollbringen, sondern reife und bewußte Menschen. "Bewegung ist Leben, und die Qualität der Bewegung eines Menschen zeigt auch die Qualität seines Lebens".

Hans Krautstein


Moshe Feldenkrais (1904-1984)

Der 1904 in Rußland geborene Moshe Feldenkrais wanderte schon als Jugendlicher nach Palästina aus und verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst als Bauarbeiter und Nachhilfelehrer. Ab 1928 studierte er in Paris Maschinenbau und Elektrotechnik und erwarb später den Doktortitel in angewandter Physik an der Sorbonne. Der begeisterte Sportler erhielt 1936 als einer der ersten Europäer den schwarzen Gürtel im Judo. Eine alte Knieverletzung, die er sich beim Fußballspielen zugezogen hatte, animierte den 1940 vor den Nazis nach England geflüchteten Feldenkrais zur Beschäftigung mit dem eigenen Körper und zum exakten Studium seiner Bewegungen. Indem er persönliche Erfahrungen mit allgemeinen Erkenntnissen aus Biomechanik, Systemtheorie, Kybernetik, Verhaltenforschung und Neurophysiologie kombinierte, fand Feldenkrais den Weg zu einer eigenen, völlig neuartigen Lernmethode. Nach seinem Ausscheiden aus der israelischen Armee widmete er sich nur noch dem Thema Lernen und Bewegung. Die erste Ausbildungsgruppe entstand 1968 in Israel, es folgten weitere in den USA. Als der vielseitige Wissenschaftler im Jahre 1984 in Israel starb, genoß er als Forschender wie als Lehrender international großes Ansehen. Viele Menschen wurden seitdem von Moshe Feldenkrais inspiriert und setzen seine Methoden überall auf der Welt erfolgreich in die Praxis um.


Kontaktadressen

Die Deutsche Feldenkrais-Gilde, Schleißheimerstr. 74, 80797 München, Telefon 089-52310171, Fax 089-52310172.

Feldenkrais Training Administration, Giel Timmers, Stationsstraat 48, NL-6584 AW Molenhoek, The Netherlands, Telefon 0031-24-3582934, Fax 0031-24-3880514.


Literatur zum Thema

Ruthy Alon: Leben ohne Rückenschmerzen, Junfermann Verlag, Paderborn 1996, 240 Seiten, DM 39,80.

Moshe Feldenkrais: Der Weg zum reifen Selbst, Junfermann Verlag, Paderborn 1994, DM 39,80 und Die Feldenkraismethode in Aktion, Junfermann Verlag, Paderborn 1995, 245 Seiten, DM 38.

Yochanan Rywerant: Die Feldenkrais-Methode, Goldmann Verlag, München 1998, 266 Seiten, DM 16,90.

Frank Wildmann: Feldenkrais - Übungen für jeden Tag, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1996, 192 Seiten, DM 14,90.

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