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Feine Fühler, hochsensibel 

Sie können Parfüms nicht riechen, drehen das Radio leiser, flüchten, wenn es bei Partys zu voll wird – und glauben oft jahrelang, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt. Dabei sind sie einfach nur hochsensibel …
01.07.2014
Sie können Parfüms nicht riechen, drehen das Radio leiser, flüchten, wenn es bei Partys zu voll wird – und glauben oft jahrelang, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt. Dabei sind sie einfach nur hochsensibel …

Sie können Parfüms nicht riechen, drehen das Radio leiser, flüchten, wenn es bei Partys zu voll wird – und glauben oft jahrelang, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt. Dabei sind sie einfach nur hochsensibel … // Alisa Kumm

E s ist ruhig in Dorotheas Wohnung. Sie wohnt mit ihrem Mann am Rand eines Dorfes, weitab von der Hektik der Stadt, inmitten blühender Natur. Draußen zwitschern die Vögel. Kein Fernseher läuft, kein Radio dudelt. Sie malt, schreibt Gedichte, singt und spielt fünf Instrumente. Ihr Geld verdient sie als Selbstständige mit Musikunterricht – die Arbeit als Angestellte ohne die Möglichkeit, sich ab und zu zurückzuziehen, würde sie zu sehr belasten.

Anders als andere ...

Dorothea (55) ist hochsensibel. Hochsensible nehmen ihre Umgebung intensiver, detaillierter und facettenreicher wahr als andere Menschen. Ihr Wahrnehmungsfilter für das allgegenwärtige „Hintergrundrauschen“, also Sinnesreize, die die meisten Menschen als „unwichtig“ ausblenden können, ist nur schwach ausgeprägt. Eine Schwemme an Eindrücken dringt direkt zu ihnen durch. Das hat Vor- aber auch Nachteile, weiß Dorothea: Durch ihr Einfühlungsvermögen sind Hochsensible gute Zuhörer und perfekt für Aufgaben, die Fingerspitzengefühl erfordern. Jedoch: Weil sie oft sehr pflichtbewusst sind und sich für viele Dinge begeistern, werden sie gerne mit Aufträgen überhäuft. Das Sortieren von Wichtigem und Unwichtigem fordert sie extrem. Mit fatalen Folgen: Das Übermaß an „Input“ kann nicht so schnell verarbeitet werden – Hochsensible reagieren häufig überfordert oder überreizt. Geräusche, Licht, Gerüche, Geschmack oder Berührungen – alles wird schnell zu viel. In unserer reizüberladenen, schnell getakteten Zeit können selbst Alltagssituationen wie ein Einkaufsbummel in der Stadt Hochsensible an ihre Grenzen treiben. Dann ist es vorbei mit Intuition, Empathie und Leistungsvermögen, dann müssen sie sich spontan zurückziehen, in sich selbst – und am besten an einenruhigen, stressfreien Ort. Diese schlichte „Überlebensstrategie“ kann für andere schon mal irritierend, arrogant odereinfach merkwürdig rüberkommen. Schnell werden Betroffene zum Außenseiter abgestempelt. Sensibel? Das sindwir doch schließlich alle, oder? Was ist daran so besonders?

Antwort gibt die Forschung.

Bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts fand der russische Mediziner Iwan Petrowitsch Pawlow bei seiner Forschung zur Belastbarkeit mit extremem Lärm eine Gruppe von etwa 15 Prozent der Menschen, die schon auf weniger Lärm mit Überforderung reagierten als das Gros. Seitdem gab es immer wieder Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen – erstaunlicherweise nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. Etwa 15-20 Prozent jeder Art reagieren empfindlicher auf Sinnesreize als der Rest.

In der Fachliteratur tauchen verschiedene Begriffe dafür auf: sensibel, schüchtern, introvertiert, gehemmt … Sie alle beschreiben laut der amerikanischen Psychologin Elaine Aron das gleiche Phänomen. Sie gilt als Pionierin auf dem Forschungsgebiet der Hochsensibilität, denn gemeinsam mit ihrem Mann Arthur widmete sie sich bereits in den neunziger Jahren als erste der systematischen Erforschung der „Highly Sensitive Person“, also hochsensiblen Person, kurz „HSP“. In ihren Veröffentlichungen betont sie, dass Hochsensibilität keine Krankheit oder Störung sei, sondern einfach eine physiologische Besonderheit in der Wahrnehmungsverarbeitung.

Wichtig ist vor allem, dass sowohl die Betroffenen als auch die ihnen nahestehenden Menschen wissen, dass es das Phänomen der Hochsensibilität gibt. Nur dann können sie sich darauf einstellen, sich akzeptieren und ihre ganz besonderen Möglichkeiten ausloten. So ging es auch Dorothea: Schon immer galt sie als „nicht belastbar“ und „Sensibelchen“, sollte sich „zusammenreißen“ und „nicht so anstellen“. Dabei zeigte sie eine besondere musikalische Begabung, doch sie war eben auch geräuschempfindlich, schreckhaft und leicht zu irritieren. Das fiel auf.

Bewusst das Leben umorganisieren

„Mein Umfeld konnte das nicht verstehen“, erinnert Dorothea sich. Als sie selber schließlich über einen Artikel von Hochsensibilität erfuhr, empfand sie Erleichterung, weil sie ihr Empfinden endlich verstand – aber auch Wut und Schmerz. „Ich hatte mich so lange von mir selbst entfremdet, konnte mir selbst nicht gerecht sein“. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit Hochsensibilität, hat ihr Leben umorganisiert, engagiert sich in Treffen mit Gleichgesinnten und hält ehrenamtlich Vorträge.

Dorothea lässt heute nur noch das an sich heran, was sie möchte. Sie treibt gern alleine Sport, meditiert jeden Morgen, macht Qigong und lässt sich regelmäßig massieren. „Ich schaffe mir meine Oase. Und ich habe einen wunderbaren Partner, der auch hochsensibel ist. Er ist mein Ruhepol. Er kann empathisch zuhören und ich erzähle ihm alles. Und wenn ich fertig bin, erzählt er mir seins!“

Hochsensibel? Der Weg zum „Ich“

Ich bin ich!

Der erste Schritt zum leichteren Leben: Hochsensible sollten sich akzeptieren, so wie sie sind. In diesem Zusammenhang wichtig: Das Wort Krankheit ist fehl am Platz und ein Vergleich mit anderen ebenso.

Beherzt entscheiden

Für Hochsensible nicht ganz einfach: Entscheidungen treffen. Dabei sind sie mit ihren feinen Antennen bestens dafür gerüstet. Was hilft? Das Selbstvertrauen ins eigene Bauchgefühl aufbauen!

Schwäche oder Stärke?

Hochsensible und ihr Umfeld sollten positive Sichtweisen gegenüber sensiblem Verhalten üben. Das heißt, sie sind nicht „zu schweigsam“, sondern „gute Zuhörer“, nicht „ängstlich“ sondern „abwägend“ und so weiter.

Aufmerksamkeit üben

Hochsensibilität betrifft auch Kinder. Eltern tun gut daran, ihrem Kind mit einem noch größeren Maß wohlgesinnter Zuwendung zu begegnen. Aber: Dem Kind Dinge zutrauen, nicht „verhätscheln“!

Interview

„Auf jeden Fall ist Hochsensibilität kein Modebegriff oder die neueste Ausrede“

Sie haben viel mit Hochsensiblen zu tun, gehören selbst dazu. Wie können Hochsensible ihre Fähigkeiten positiv nutzen und Probleme vermeiden?

Das A und O ist, nicht zu versuchen, den Lebensstil von Normalsensiblen zu kopieren. Hochsensible sollten ihr Leben an ihre Eigenarten anpassen, Rücksicht nehmen auf sich selbst und sich einen Rückzugsraum schaffen: ein eigenes, ruhiges Zimmer zum Entspannen, Meditieren oder Lesen. Keine Wohnung in der Großstadt und auch keine Arbeit im Großraumbüro. Selbstverständlich brauchen auch sie anregende Erlebnisse, herausfordernde Aufgaben, inspirierende Begegnungen, nährende Beziehungen – aber nicht zu viel auf einmal.

Wie finde ich heraus, ob ich hochsensibel bin?

Es gibt Internet-Tests, aber ich bin da eher etwas skeptisch. Deshalb habe ich in meinem Buch eine ganze Reihe von Fragen formuliert. Beim Lesen sollte jeder in sich hineinspüren auf Resonanz, Aha-Effekte, auf ein Wiedererkennen der eigenenBesonderheiten.

Wie sieht es mit der wissenschaftlichen Anerkennung von Hochsensibilität aus?

In Amerika ist Hochsensibilität zumindest seit Elaine Arons Veröffentlichungen 1997 auch in Wissenschaftskreisen anerkannt. In Europa und auch in Deutschland ist das Thema leider noch nicht so ganz angekommen, aber es gibt Ansätze. Auf jeden Fall ist Hochsensibilität kein Modebegriff oder die neueste Ausrede, sondern eine nachgewiesene Besonderheit des Nervensystems in dem Sinne, dass es besonders leicht erregbar ist. Wichtig ist mir, klarzustellen: Es ist keine Krankheit, keine Störung, nichts Behandlungsbedürftiges.

Ist die eine Hochsensibilität so wie die andere?

Nein! Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Hochsensibilität ist zwar ein grundlegendes Wesensmerkmal, aber niemand ist damit erschöpfend beschrieben. Es gibt Introvertierte und Extrovertierte und jeder bringt seine eigene Persönlichkeit und seine eigenen Erfahrungen und Einflüsse mit. Jeder Mensch ist ein Individuum, und so gibt es auch bei Hochsensibilität ganz verschiedene Schwerpunkte.

Wie sollte man mit Skeptikern umgehen, die generell Hochsensibilität anzweifeln?

Möglichst großzügig. Je mehr man versucht, sie zu überzeugen, desto mehr werden sie sich auf ihren Standpunkt versteifen. Es hilft, den anderen zu lassen und die Akzeptanz zu geben, die man sich selbst wünscht. Gandhi hat einmal gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du in dieser Welt sehen willst. “

Ulrike Hensel, Jahrgang

1956, ist Lektorin,

Autorin, Coach und

Leiterin von Gesprächs- und Arbeitsgruppen
für Hochsensible.

Bücher und Links

Harke, Sylvia:

Hensel, Ulrike: Mit viel Feingefühl. Hochsensibilität verstehen ..., Junfermann Verlag, 2013, 240 Seiten, 22,90 Euro

www.hochsensibel.org

Die Internetseite des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität e.V. ist die erste Anlaufstelle für Hochsensible im deutschsprachigen Raum. Mit vielen Infos, Adressen und nützlichen Tipps – sowohl für Betroffene als auch für ihr Umfeld.

www.hochsensibilitaet.ch

Umfassendes Informationsangebot zum Thema Hypersensibilität aus der Feder einer Betroffenen. Viele Infos rund um hypersensible Kinder und Jugendliche. Mit Kontaktadressen für die Schweiz.

www.zartbesaitet.net

Der österreichische Verein „Zart besaitet – Gesellschaft zur Förderung und Pflege der Belange hochempfindlicher Menschen“ ist auch in Deutschland und der Schweiz aktiv. Besonderheit: Ein HSP-Online-Test basierend auf dem Test von Elaine Aron.

www.hsu-hh.de

An einer Studie zum Thema HSP teilnehmen? Darum bittet das Team der Persönlichkeitspsychologie der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr, Hamburg. Rubrik: „Aktuelles“, „Studien“.

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