Ökonomie

Wie können wir ethisch wirtschaften?

Weltweit wächst das Unbehagen am ungebremsten Kapitalismus, der Umwelt, Mensch und Klima schadet. Wir stellen euch Initiativen vor, die es anders machen.

Ina Hiester

Angebot und Nachfrage regeln den Preis, und wer das Kapital hat, hat die Macht. Aber geht das nicht auch anders? Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen. Laut „Trust Barometer“ der Kommunikationsagentur Edelman glauben 55 Prozent der Deutschen, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft. Denn nicht die ganze Gesellschaft profitiert von der bei uns vorherrschenden sozialen Marktwirtschaft. Stattdessen werden nach wie vor oft unverhältnismäßige Gewinne auf Kosten von Mensch und Umwelt gemacht. Dass es auch anders geht, beweisen einige Initiativen.

Gemeinwohlökonomie: Anders rechnen

Der Erfolg oder Misserfolg einer Volkswirtschaft oder eines Betriebes wird üblicherweise nur daran gemessen, ob finanzielle Gewinne, ob Wachstum erzielt wird. Der Gemeinwohlökonomie zufolge soll statt blinder Gewinnmaximierung „ein gutes Leben für alle“ das höchste Ziel wirtschaftlichen Handelns sein. Der Erfolg soll nicht nur daran gemessen werden, wie sich die Aktivitäten des Unternehmens auf die Bankkonten der Aktionäre auswirken, sondern auch auf Gesellschaft und Umwelt.

In welchem Maße eine Firma so dem Gemeinwohl dient, lässt sich berechnen: Mithilfe der sogenannten Gemeinwohlbilanz kann ermittelt werden, wie sehr Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitgestaltung im Unternehmen gelebt werden. Haben die angebotenen Dienstleistungen einen gesellschaftlichen Mehrwert? Wird nachhaltiges Verhalten bei Mitarbeitern und Lieferanten gefördert? Rund 1000 Punkte kann ein Unternehmen bei dieser Auswertung, die insgesamt 20 Kriterien überprüft, maximal erreichen.

Die Gemeinwohlbilanz umfasst mehr als ein Nachhaltigkeitsbericht

Kritiker behaupten, es handele sich lediglich um eine Art Nachhaltigkeitsbericht, doch Johannes Gutmann, der Gründer der Kräuter-, Tee- und Gewürzfirma Sonnentor, widerspricht: „Wir haben 2008 einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt und diesen kurz darauf durch die Gemeinwohlbilanz ersetzt. Diese ist deutlich umfassender und regt Unternehmen dazu an, im Rahmen der ihnen zur Verfügung stehenden, natürlichen Ressourcen zu wirtschaften, was einen echten Kostenvorteil verschafft. Noch wichtiger ist jedoch: gemeinwohlorientierte, sinnstiftende Unternehmen ziehen wie ein Magnet die besten Mitarbeiter an, und das ist unbezahlbar!“

Ginge es nach den Vordenkern der Gemeinwohlökonomie, sollten Unternehmen mit positiver Gemeinwohlbilanz noch konkreter belohnt werden – etwa durch Steuervorteile, niedrigere Zölle, günstigere Finanzierungsmöglichkeiten oder besondere Wirtschaftsförderungsmaßnahmen. Weltweit gibt es inzwischen 800 gemeinwohlbilanzierte Unternehmen und Organisationen, 60 Gemeinden und Städte sowie rund 200 Hochschulen, die zu dem Konzept forschen und es weiterentwickeln.

Verantwortungseigentum: Anders entscheiden

Unternehmen sind das Ergebnis mutiger Menschen, die einst eine Idee gehabt, daran geglaubt und sie verwirklicht haben. Doch während mit der Konkurrenz gerungen wird und alle Aktivitäten auf Wachstum ausgerichtet werden, gerät der Unternehmenszweck oft aus dem Blick – insbesondere dann, wenn die einst so mutigen Entrepreneure aus der Firma ausscheiden. Wem gehört dann was, wer hält an den Unternehmenswerten fest und was passiert mit den Gewinnen? Darüber wird meist hinter verschlossenen Türen verhandelt; Mitarbeiter, Umwelt und Gesellschaft müssen draußen bleiben. Ist halt so? Nein, geht auch anders – und lässt sich sogar rechtlich festzurren.

Was in Purpose-Unternehmen anders läuft

So gibt es inzwischen immer mehr sogenannte „Purpose-Unternehmen“, in denen Eigentümer und Teilhaber zwar weiterhin die Weichen für die Unternehmensaktivitäten stellen, jedoch nicht am Gewinn beteiligt werden, sondern ein festes Gehalt bekommen. Die Annahme dahinter: Sobald es nicht mehr nur um den eigenen Geldbeutel geht, ist plötzlich die Bühne frei – für mehr Sinn und Moral beim Fällen unternehmerischer Entscheidungen. In solchen „Unternehmen in Verantwortungseigentum“ werden Vermögen und Gewinne konsequent in das Unternehmen reinvestiert oder gemeinnützig gespendet.

Warum manche Firmen in Verantwortungseigentum Stiftungen gründen

Bislang gibt es in Deutschland 200 Firmen in Verantwortungseigentum – darunter der Waschbär Versandhandel aus Freiburg, der hierfür extra eine Stiftung gegründet hat. „Die Vorgaben von Purpose sind eine Garantie für unsere Kundschaft und unsere Mitarbeitenden, dass nicht die Rendite, sondern der Zweck von Waschbär im Mittelpunkt steht. Die Purpose-Stiftung hält einen Anteil von einem Prozent an unserem Unternehmen und muss ein Veto einlegen, sollten die Grundsätze des Verantwortungseigentums missachtet werden“, so Sylvia Raabe, die bei Waschbär für die Unternehmenskommunikation verantwortlich ist.

Die Vorgaben von Purpose sind eine Garantie für unsere Kundschaft und unsere Mitarbeitenden, dass nicht die Rendite, sondern der Zweck im Mittelpunkt steht.

Sylvia Raabe, Waschbär

Das Stiftungskonstrukt ist allerdings rechtlich relativ komplex und damit zum Beispiel für Startups schwer umzusetzen. Laut Koalitionsvertrag will sich die Bundesregierung diesem Thema annehmen und eine neue, einfachere Rechtsgrundlage für „Gesellschaften mit gebundenem Vermögen“ schaffen – damit künftig noch mehr Unternehmen anders entscheiden können.

Regionalwert-AG: Anders finanzieren

Ein ökologisch betriebener Bauernhof, eine Manufaktur, die nur Zutaten aus der Region verarbeitet, ein Bio-Laden: Der Traum vom eigenen Stück „bessere Welt“ zerplatzt für viele Menschen im Gespräch mit ihrem Bankberater. Denn diese bessere Welt lässt sich oft schwer in Zahlen messen, und die sind nun einmal die Grundlage, auf der die meisten Investoren ihre Entscheidungen treffen.

Es gibt in immer mehr Teilen Deutschlands Investorengruppen, die genauer hinschauen: die Regionalwert-AGs. Diese Aktiengesellschaften kaufen und verpachten Bauernhöfe, Äcker und Immobilien, um sie ökologisch zu bewirtschaften. Aktieninhaber sind Bürgerinnen und Bürger aus der Region, die sich so finanziell an Produktion, Vertrieb, Marketing und Verkauf regionaler Bio-Lebensmittel beteiligen. Sie unterstützen dabei die Betriebe nicht nur der Rendite wegen, sondern weil diese in ihrem unmittelbaren Umfeld einen ökologischen Mehrwert erzeugen.

Wie bei Regionalwert-AGs Rechenschaft abgelegt wird

Dieser Mehrwert wird schwarz auf weiß festgehalten: Ähnlich wie bei der Gemeinwohlbilanz wird bei den Regionalwert-AGs eine auf Nachhaltigkeitskriterien basierende Rechenschaftslegung durchgeführt. „Wir haben über 300 Leistungskennzahlen ermittelt, die Fachwissen, gesellschaftliches Engagement, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Tierwohl, wirtschaftliche Souveränität und regionale Wirtschaftskreisläufe landwirtschaftlicher Betriebe finanziell bewerten“, erläutert Christian Hiß, der 2006 im Raum Freiburg die erste Regionalwert-AG gegründet hat. Die Bewertung mache die sozial-ökologischen Leistungen der Betriebe sichtbar. „Idealerweise werden diese Leistungen in Zukunft mit öffentlichen Geldern wie EU-Ausgleichszahlungen oder durch Verarbeiter, Händler und Endkonsumenten ausgeglichen“, wünscht sich Hiß.

Regionalwert-AGs gibt es inzwischen in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg.

Commons: Anders besitzen

Die Waschmaschine im Keller, das Auto im Hof, die Software auf dem Computer: alles bezahlt, alles meins, alles Wirtschaftsgüter. Letztere bezeichnen Waren oder Dienstleistungen, die begehrt und knapp sind – und einen Preis haben. Durch Tauschhandel, in der Regel mit Geld, können wir sie erwerben und zu unserem Eigentum machen. Aber muss das unbedingt sein?

Befürworter der Commons finden: nein. Sie gehen davon aus, dass bei schonender und nachhaltiger Nutzung genug für alle da ist. Commons definieren Wirtschaftsgüter als kulturelle oder natürliche Ressourcen, die gemeinschaftlich produziert, bewirtschaftet oder gepflegt werden. Das kann ein Stück Land sein, auf dem Menschen gemeinsam Obst und Gemüse anbauen. Oder eine freie Software, die man nicht nur kostenlos nutzen, sondern auch verändern und an andere weitergeben darf. Oder ein Wald, in dem man spazieren und Energie auftanken kann – solange er nicht eingezäunt und privatisiert wird.

Welche zwei Arten von Gütern bei Commons unterschieden werden

Unterschieden wird bei Commons zwischen zwei Güterarten: Nichtrivale Güter, etwa Software oder Musik, können von beliebig vielen Menschen gleichzeitig genutzt werden und daher allen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Rivale Güter hingegen, etwa Waschmaschinen oder Autos, die nicht von allen gleichzeitig genutzt werden können, sollen so aufgeteilt werden, dass niemand leer ausgeht.

Die Commons-Experten Silke Helfrich und David Bollier schreiben dazu in ihrem Buch „Frei, fair und lebendig – die Macht der Commons“: „Die Welt als Commons zu denken und zu gestalten, bedeutet, unsere Kooperationsfähigkeit so zu nutzen, dass sich niemand über den Tisch gezogen fühlt, aber auch niemandem ein Platz am Tisch verweigert wird.“ Die Autoren sind davon überzeugt, dass alle Menschen grundsätzlich zum „Commoning“ in der Lage sind, da wir bereits mit der Motivation geboren werden „mit anderen an einem Strang zu ziehen und einander zu unterstützen“.

Mehr Gemeinwohl, mehr Verantwortung, weniger Egoismus: Obwohl die Politik es (noch) nicht einfordert, ebnen immer mehr Firmen den Weg in eine Zukunft, in der die Wirtschaft der Gesellschaft dient – und nicht umgekehrt.

Interview: „Wirtschaft und Gesellschaft zusammendenken“

Prof. Dr. Nils Goldschmidt

Professor Doktor Nils Goldschmidt

Der Wirtschaftswissenschaftler und Theologe lehrt an der Uni Siegen Plurale Ökonomik. Sein neuestes Buch „Gekippt“ richtet sich an ein breites Publikum. kippmomente.de

Herr Professor Goldschmidt, warum müssen wir Wirtschaft anders denken?

Ökonomik ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Sozialwissenschaft. Sie folgt keinen eindeutigen, immer gleichbleibenden Naturgesetzen, sondern es gibt verschiedene Denkrichtungen, die sich unterschiedlich auf unsere Gesellschaft auswirken können. Die Wirtschaftswissenschaften, wie sie bisher an den meisten Universitäten und Hochschulen gelehrt werden, sind zu eindimensional. Die Inhalte beschränken sich zu sehr auf Instrumente wie Mathematik und Statistik, die dann fast ausschließlich in einem abstrakten Kontext aus Markt, Angebot, Nachfrage und Preis eingesetzt werden – als handele es sich dabei um rein mechanische Phänomene. Die Konsequenz ist ein Wirtschaftssystem, das zulasten unserer Umwelt nur einem Teil der Gesellschaft dient – dabei muss das nicht so sein.

Was lernen die Studierenden bei Ihnen?

Wir vermitteln unseren Studierenden, dass Wirtschaft und Gesellschaft zusammengedacht werden müssen. Dazu eröffnen wir ihnen alternative Perspektiven, etwa ökologische, institutionelle, feministische oder marxistische Ökonomik, und erweitern so ihren Horizont. Das befähigt sie dazu, reflektierte Lösungen für die komplexen Probleme unserer Zeit zu finden.

Welche Qualitäten brauchen Unternehmerinnen, um den Herausforderungen der heutigen Krisen gewachsen zu sein?

Wir brauchen unternehmerische Persönlichkeiten, die bei ökonomischen Entscheidungen die Mitwelt im Blick behalten. Die bereit sind, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, offen für neue Wege sind und die Kraft haben, diese einzuschlagen. Sie müssen in der Lage sein, Spannungen auszuhalten und Kompromisse zu finden – und dabei stets wachsam, neugierig und flexibel bleiben.

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