Interview

Wie bleiben wir gesund, Eckart von Hirschhausen?

Mit ihm gibt es immer was zu lachen, dabei sind seine Themen nicht leicht: Eckart von Hirschhausen erzählt, warum menschliche Gesundheit maßgeblich von der Gesundheit unseres Planeten abhängt und wie wir beide erhalten können.

Neulich waren Sie auf einer Pressekonferenz mit Greenpeace zur Studie „Deutschland isst sich krank“. Sie sagten dort: „Fleisch ist ein Stück Todesstoß“. Was meinen Sie damit?
Meine Generation ist mit dem Slogan aufgewachsen: „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“. Wenn man sich wie ich für den Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzt, kommt man an dem emotional sehr aufgeladenen Thema nicht vorbei. Vor 10.000 Jahren ging das ja erst los mit der Sesshaftwerdung und den Nutztieren. Damals machten wir Menschen ein Prozent der Biomasse auf der Landfläche aus, 99 Prozent waren wilde Tiere. In dieser planetar kurzen Zeit stellten wir die Verhältnisse auf den Kopf. Inzwischen machen wir ein Drittel der Masse aus, unfassbare zwei Drittel sind die Nutztiere. Für all die anderen Lebensformen bleibt fast kein Raum übrig. Das macht die Wildtiere krank, die machen wiederum uns krank, deshalb gibt es immer mehr Viren aus dem Tierreich, die zu Epidemien führen. 
 

Die Studie warnt auch vor Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck in Folge falscher Ernährung. Was sagen Sie als Arzt dazu?
Weniger Fleisch zu essen ist ein echter Verzicht. Ein Verzicht auf Herzinfarkt und Schlaganfall. Darauf kann ich gerne verzichten. 150.000 vorzeitige Todesfälle könnten jährlich in Deutschland vermieden werden, wenn wir mehr Pflanzen essen. Es gibt kein Medikament, was derartig wirksam ist. Gesundes Essen muss bezahlbar sein. Wir bräuchten weniger Operationen, Medikamente und Frühberentungen, wenn wir von klein auf anders essen. Es ist absurd, dass es bis heute kein „Geschäftsmodell“ für die Gesunderhaltung von Menschen gibt. 

„Insekten, Ameisen und Regenwürmer sind echte Leistungsträger.“

Eckart von Hirschhausen

Wie vermittelt man das ohne erhobenen Zeigefinger?
Den Zeigefinger verwende ich lieber zum Kitzeln als zum Drohen. Ein gutes Beispiel ist unsere aktuelle Kampagne zum Artenschutz. Die gehen wir bewusst nicht damit an, über die Schönheit der Natur und die Bewahrung der Schöpfung zu reden – sondern knallhart über den ökonomischen Wert. Mein Lieblingsbeispiel: „Was kostet ein Glas Honig, wenn die Biene Mindestlohn bekommt?“ Da lag bisher jeder falsch. Die Antwort: 300.000 Euro! Wenn ich das in meinen Impulsvorträgen zeige, höre ich buchstäblich, wie im Publikum der Groschen fällt. Die Insekten, die Ameisen, die Regenwürmer sind echte Leistungsträger der Wirtschaft. Deshalb heißt unsere Kampagne auch echte-leistungsträger.de 

Wie halten Sie es mit Fleisch?
Da bin ich großer Fan des Schriftstellers  Jonathan Safran Foer: Zwei Mahlzeiten pflanzenbasiert, eine zur freien Auswahl. Das nimmt den Perfektionsdruck. Und in der Gesamtbilanz ist der größte Hebel eine verbindliche Einführung der Planetary Health Diet als Standard in jeder Kita, in jeder Kantine, in jedem Krankenhaus. Ich wundere mich, warum Dänemark das geräuschlos hinbekommt, und wir uns in dieser Frage seit den 80er- Jahren im Kreis drehen.

Überraschende Fakten und echte Leistungsträger

Kampagnen Claim der Biodisersiätskampagne von Eckart von Hirschhausen

Die Kampagne „Echte Leistungsträger“ möchte mit überraschenden Fakten den Wert der Natur neu ins Bewusstsein der Menschen bringen.

Stillen Leistungsträgern wie Ameise, Biene oder Eibe verdanken wir so grundlegende Dinge wie unsere Lebensmittel, Medikamente und sauberes Wasser. Artenreichtum sichert uns Wirtschaftsleistung und Gesundheit.

Die Kampagne ist überparteilich, wissenschaftsbasiert und gemeinnützig.

Der Initiator ist die Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen, die 2020 von Dr. Eckart von Hirschhausen gegründet wurde.

Zur Kampagne

Apropos 80er, Schrot&Korn wird 40! Was fällt Ihnen dazu ein? 
Jetzt könnte ich natürlich erzählen, dass ich mich an die erste Ausgabe erinnere, aber das wäre gelogen. Obwohl ich mit 17 schon ziemlich „Öko“ war. Ich erinnere mich noch, wie alle in meiner Klasse plötzlich anfingen, im Unterricht zu stricken. Also genauer gesagt, alle Mädchen. Und ich dachte, ich würde in ihrer Gunst sehr weit nach vorne katapultiert, wenn ich das auch mache. Ich habe den Pulli tatsächlich fertigbekommen – ehrlicherweise an den kniffligen Stellen mit Hilfe meiner Mutter. Den emanzipatorischen Sexappeal der Aktion hatte ich überschätzt. Aber den Pulli habe ich noch!


Waren wir damals gefühlt schon weiter als heute?
Ja, wir machen gerade eine Rolle rückwärts ins letzte Jahrhundert. Eine andere Anekdote aus der Gründungszeit von Schrot&Korn: Ich hielt mit 17 ein Referat in politischer Weltkunde über das Waldsterben, den sauren Regen und die unmittelbaren Vorteile eine Tempolimits. Das ist unfassbar, dass wir darüber seit 40 Jahren diskutieren, und es unter der letzten Regierung doch hieß: Ach, für ein Tempolimit haben wir nicht genug Schilder! Womit haben wir uns eigentlich 40 Jahre lang abgelenkt, um nicht zu sagen, verarschen lassen?

„Womit haben wir uns eigentlich 40 Jahre lang abgelenkt?“

Eckart von Hirschhausen

Wie wichtig ist Ihnen Bio in den Lebensmitteln? 
Sehr wichtig. Ich kenne auch einige der Pioniere und Vorreiter:innen persönlich. Ich habe große Hochachtung vor allen, die aus Überzeugung dieses Feld bereitet haben, oft mit sehr viel persönlichem Einsatz, Haltung und Durchhaltevermögen. Dass es Bio inzwischen in den großen Discounter-Ketten gibt, ist Fluch und Segen. Einerseits ist es richtig, es aus der „Öko-Ecke“ zu befreien. Lidl macht das sehr klug, die pflanzenbasierte Alternative zum selben Preis direkt neben die tierbasierte im Regal zu platzieren, damit mehr Menschen es einfach mal ausprobieren, ohne dafür in einen extra Gang mit dem „Gesundheits-Zeug“ laufen zu müssen. Andererseits müsste natürlich die pflanzenbasierte gesunde Alternative günstiger sein. Was sie ja auch wäre, wenn wir die Subventionen anders verteilen. Aber wem sag ich das …

Zur Person

Eckart von Hirschhausen sitzt barfuß auf einem Baumstamm der über einen Bach ragt.

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, seit über 20 Jahren bekannt als Kabarettist, Bestsellerautor und Fernsehmoderator. Er widmet sich wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Themen, seit 2020 mit der Stiftung Gesunde Erde Gesunde Menschen vor allem dem Schutz unser aller Lebensgrundlagen.

Weitere spannende Gespräche

Interviews: Bunte illustration mit verschiedenen, abstrakten Gesichtern in Kästchen.

Unsere Interviews

In unserer Interview-Sammlung erzählen interessante Persönlichkeiten was sie umtreibt und wie sie beruflich oder privat versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

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Kommentare

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Nachdenklicher Fragensteller

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Gibt Hirschhausen euch etwas ab?
https://www.gatesfoundation.org/about/committed-grants/2021/03/inv025918

Nachdenklicher Fragensteller

Wie bleiben wir gesund?
Vielleicht kritisch hinterfragen?
Und das nächste Mal Ärzte befragen, die wegen Ablehnung der Maßnahmen massive berufliche Probleme bekamen.
Hier die neueste Veröffentlichung zum Thema für med.Laien
https://nicolina0815.substack.com/p/eine-laienfreundliche-zusammenfassung

Zum Thema Insekten gibt es Studien
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0362028X22102553?via%3Dihub

https://molcellped.springeropen.com/articles/10.1186/s40348-015-0014-6

Ob die, die für das Klima jetzt nach Brasilien reisen( übrigens wurde dort kostbarer Regenwald zerstört) ,sich von Insekten ernähren?
Oder die, die nach Davos in Privatjets fliegen?
Nachdenkliche Grüße

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