Leben

Domitila Barros: „Endlich darf ich reden!“

Starke Stimme: Miss Germany 2022 Domitila Barros über ihre Kindheit in einer Favela und ihren Kampf für Klimagerechtigkeit.

Schärpe trägt, wer bewegt. So lautete das Motto bei der Wahl zur „Miss Germany“. Der klassische Schönheitswettbewerb hat sich zu einer Plattform für Zukunftsmacherinnen mit Engagement gewandelt. Und mit Domitila Barros wurde 2022 erstmals eine afrodeutsche Frau mit Migrationsgeschichte gekürt. Die temperamentvolle Politikwissenschaftlerin, die seit 2006 in Berlin lebt, strahlt große Herzlichkeit aus. Deshalb sind wir bei unserem Videotelefonat gleich beim Du.

Domitila, wie fühlt es sich an, Miss Germany zu sein?

Es ist das Gefühl: Endlich darf ich reden! Darf als erste Frau aus dem Süden mit am Tisch sitzen und meine Geschichte erzählen. Stellvertretend für alle, die nicht so privilegiert sind wie ich.

Was war deine Motivation, dich zu bewerben?

Während der Coronazeit habe ich mich in meinem Homeoffice einsam gefühlt. Ich konnte zwar über Social Media etwas bewegen, aber wollte neue Frauen kennenlernen und neuen Input bekommen. Mich hat angesprochen, dass Frauen gesucht werden, die soziale Verantwortung übernehmen möchten. Ich hätte aber nie damit gerechnet, dass ich eine Chance auf den Titel habe.

Wie bringst du deine Mission als Miss Germany auf den Punkt?

Als Miss Germany will ich Nachhaltigkeit mit Schwerpunkt auf sozialer Gerechtigkeit interessant und attraktiv machen für möglichst viele Menschen. Denn nur wenn wir alle gemeinsam anpacken und das Know-how von vielen Menschen zusammenbringen, können wir ein weltumfassendes Thema wie den Klimawandel bewältigen.

Domitila Barros

Domitila Barros ist im Straßenkinderprojekt ihrer Eltern in einer brasilianischen Favela aufgewachsen. Mit 13 Jahren brachte sie dort mit kreativen Methoden Kindern lesen, schreiben und rechnen bei. UNESCO-Mitarbeiter wurden auf sie aufmerksam. Zwei Jahre später erzählte sie ihre Geschichte vor den Vereinten Nationen und wurde mit dem Millenium Dreamer Award ausgezeichnet. Domitila Barros studierte Sozialpädagogik und kam 2006 mit einem Stipendium für den Masterstudiengang in Politik und Sozialwissenschaften nach Berlin. Sie arbeitet als Referentin, Coach und Unternehmensberaterin.

Du bist in deiner brasilianischen Heimat in einem Armenviertel aufgewachsen. Wie hat dich das geprägt?

Ich habe großen Kampfgeist, weil ich mit den Konsequenzen nicht nachhaltigen Verhaltens und sozialer Ungerechtigkeit aufgewachsen bin. Ich habe gesehen, wie Menschen auf Müllhalden Essen suchen. Als ich zwölf war, ist meine Freundin vor meinen Augen erschossen worden. Meine Eltern haben vor vierzig Jahren ein Straßenkinderprojekt gegründet, damit die Kinder etwas zu essen bekommen und in Sicherheit spielen und lernen können. Sie alle sind meine Brüder und Schwestern, hatten aber nicht wie ich das Glück, Zugang zu Bildung zu bekommen.

Wie wichtig war der Schauspielunterricht, an dem du in eurem Projekt von Kindesbeinen an teilgenommen hast?

Er hat mein Leben gerettet, weil ich Grenzen überschreiten und mich ausprobieren konnte. Inmitten von Chaos, Drogenhandel und Prostitution konnte ich mir immer vorstellen: Ich werde als Wissenschaftlerin ein besseres Leben führen. Die Schauspielerei hilft mir bis heute dabei, vielfältiger zu kommunizieren und mich auf das Publikum, das ich erreichen möchte, einzustellen.

Du hast über 200.000 Follower auf Instagram. Wie siehst du deine Aufgabe als „Greenfluencerin“?

Mein Job ist, Nachhaltigkeit in konkretes Handeln zu übersetzen. Ich kann von einer berufstätigen, alleinerziehenden Mutter nicht erwarten, dass sie nach Feierabend recherchiert, was sie tun kann. Wir Privilegierten, die gut informiert sind, müssen die anderen abholen. Dafür muss ich extrem weich und liebevoll kommunizieren, um die Herzen der Menschen anzusprechen. Keiner will, dass man ihm ein schlechtes Gewissen einredet. Insbesondere die junge Generation muss motiviert werden durch Spaß und durch das Schöne.

„Keiner will, dass man ihm ein schlechtes Gewissen einredet.

Domitila Barros, Miss Germany 2022

Wie sieht dein nachhaltiger Alltag aus?

Ich besitze so gut wie nichts. Alle Sachen, die ich trage, sind Second Hand oder ausgeliehen. Unter Freundinnen sagen wir: Mein Kleiderschrank ist auch deiner. Ich habe kein Auto und fahre innerhalb Deutschlands mit der Bahn. Wenn ich fliege, steckt fast immer eine Mission dahinter.

Worauf achtest du bei der Ernährung?

Essen ist für mich ein riesiges Thema, weil ich früher nichts hatte und so schlecht ernährt war. Bei meinem hektischen Leben ist es wichtig, dass ich dreimal am Tag am besten warm esse. Ich bin ein großer Fan von Suppen und achte darauf, dass ich Bio und Fair Trade einkaufe. Ich glaube an die Macht der Konsumenten. Mittlerweile gibt es Tausende Kooperativen weltweit, in denen „meine Schwestern“ arbeiten können und fair bezahlt werden.

Du hast eine Firma gegründet, um Frauen aus deiner Favela eine Existenzgrundlage zu schaffen.

Ich habe auf Bali erlebt, dass Menschen vertrieben wurden, weil ein Investor einen Berg gekauft hat, um dort eine Goldmine zu betreiben. Bei meiner Recherche habe ich gelernt, dass wir für einen Ehering aus Gold zwanzig Tonnen Giftmüll produzieren. Da habe ich mich daran erinnert, dass ich als Kind mit Goldgras, einer nachwachsenden Ressource, gebastelt habe.

Und heute vertreibst du hochwertigen pflanzlichen Schmuck, der aussieht, als wäre er aus Gold.

Genau. Zwölf alleinerziehende Mütter, die Opfer von Gewalt geworden sind, können dafür zuhause arbeiten, werden durch den Job selbstständig und können ihren Kindern Bildung ermöglichen. Ich verdiene mit der Firma kein Geld. Aber mich haben bereits Frauen aus den Arabischen Emiraten, die sich für nachhaltigen Schmuck interessieren, als Beraterin gebucht.

Als Nachhaltigkeitscoach von Unternehmen und Impulsgeberin für das Auswärtige Amt hast du viel erreicht. Worin siehst du deine größte Chance als Miss Germany?

Als Miss Germany besuche ich diverse Veranstaltungen und diskutiere dort über meine Mission zum Thema Nachhaltigkeit. Dass nach hundert Jahren Miss-Wahl mit mir erstmals eine afrodeutsche Frau gekürt wurde, ist auch über Deutschlands Grenzen hinaus ein Zeichen für einen notwendigen gesellschaftlichen Wandel – für Vielfalt und Dialog.

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