Leben

Divestment: Keine Kohle für Kohle

Immer mehr Fonds, Versicherungen und Kommunen steigen aus Investitionen aus, die das Klima schädigen. Wir erklären euch, was Divestment ist und wie erfolgreich es ist.

Maike Rademaker

Das reiche Norwegen sorgte 2015 für einen Knall in der Finanzbranche, der im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig war. Der Staatsfonds werde sich aus Anleihen und Aktien all jener Unternehmen zurückziehen, die mehr als 30 Prozent ihrer Einnahmen aus Kohle generieren. Peng. Das hatte gesessen. Bis dato war der staatliche Pensionsfonds einer der wichtigsten Investoren in fossile Energien gewesen. Nun sorgte er mit dafür, dass Investitionen in klimaschädliche Unternehmen zum Tabu werden.

Damit war die Divestmentbewegung in Europa angekommen. Divestment ist das Gegenteil von Investment: Verkaufen statt Kaufen. Die Bewegung möchte milliardenschwere Investoren wie Staatsfonds, Banken, Versicherungen, Universitäten oder Kommunen über öffentlichen Druck dazu zwingen, Kapitalanlagen in fossile Energieerzeuger wie Kohleunternehmen abzustoßen. Weitere Ziele: Aufmerksamkeit für die riesigen Geldströme zu wecken, die in fossile Unternehmen gehen, und nicht zuletzt soll Geld in erneuerbare Energie umgelenkt werden.

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Woher kommt Divestment?

Die Idee für Divestment entstand bereits 2011: Damals forderten Studierende in Pennsylvania ihre Hochschule auf, aus Finanzanlagen in fossile Energien auszusteigen. Bei den Hochschulen geht es um viel Geld: Universitäten wie die Stanford University oder Harvard legen Milliarden Euro auf dem internationalen Kapitalmarkt an. Die Bewegung wurde schnell erfolgreich, weit über die Hochschulen hinaus. Eine Studie der Oxford University aus dem Jahr 2013 zählte schon 41 Institutionen, die angekündigt hatten, sich aus der Kohle zurückzuziehen.

Die Idee fand auch in Deutschland Unterstützer. Treiber für den Druck auf Norwegen war damals die Organisation Urgewald, ein kleiner deutscher Umweltverein. Die Organisation recherchierte 2014 zu einer australischen Kohlefirma, die in Südafrika aktiv war, und fand den norwegischen Fonds als Investor. „Wir suchten uns Partner in Norwegen. Dann wurden Regierung und Ethikkommission des Fonds angesprochen“, sagt Urgewald-Mitarbeiterin Katrin Ganswindt.

Erfolge der Divestment-Bewegung

Zwei Jahre nach den Norwegern kündigte der Versicherungskonzern Allianz an, auszusteigen. Es folgten zahlreiche Versicherungen und Banken, die zumindest Einschränkungen ankündigten. Münster war die erste deutsche Stadt, die divestierte und Vorbild für Dutzende weitere Kommunen wurde. Bis jetzt sind es weltweit 1.500 Institutionen, die Anlagen in einer Höhe von 39,88 Billionen Dollar aus Kohle, Öl und Gas abgezogen haben. Das ist nicht wenig. Zum Vergleich: An den Börsen wird täglich mit etwa 500 Milliarden US-Dollar gehandelt.

Gleichzeitig streben immer mehr Länder auch politisch eine nachhaltige Finanzstrategie an. 2018 legte die Europäische Union den Aktionsplan für nachhaltige Finanzen vor. Anfang 2019 beschloss die Bundesregierung eine „Sustained Finance Strategie“, die die Ampel-Regierung weiterentwickeln will. Bei Finanzentscheidungen und -gesetzen sollen dann nicht nur Rendite-, sondern auch ökologische und soziale Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt werden. Und nicht zuletzt unterzeichneten im vergangenen Jahr auf der Klimakonferenz im schottischen Glasgow 27 Länder eine Vereinbarung, dass sie die internationale öffentliche Finanzierung von Öl, Gas und Kohle bis Ende 2022 beenden wollen.

Divestment bei Kommunen

Städte und Gemeinden entscheiden weitgehend eigenverantwortlich darüber, wo sie Geld anlegen. Und sie sind bedeutende Investoren: Sie legen Millionen auf dem Kapitalmarkt an, um beispielsweise Rücklagen für Beamtenpensionen oder Sanierungen zu sichern.

Münster war die erste deutsche Stadt, die 2015 10 Millionen Euro aus RWE-Anlagen abzog und das Geld in nachhaltige Fonds reinvestierte. Die neue Rendite war teilweise besser als die vorherige Anlage. Weitere Divestment-Städte sind etwa Bremen, Leipzig, Stuttgart, Berlin, Köln, Göttingen und Nürnberg. Materialien dazu, wie der Prozess aussieht, wie man kommunale Finanzen analysiert und worauf beim Re-Investment geachtet werden muss, finden sich im Internet unter: kommunales-divestment.de

In vielen Kommunen setzen sich außerdem Fossilfree-Gruppen für das Divestment der Kommune ein.

Welche Schwierigkeiten gibt es bei Divestment?

Allerdings: Eine Ankündigung heißt weder, dass die Institutionen vollständig ihre Investitionen umlenken, noch, dass sie es schnell tun. Der größte Investor weltweit Blackrock sprach sich zwar 2020 für Divestment aus, macht aber immer noch nicht mit. Der Finanzgigant hält allein 85 Milliarden US-Dollar in fossilen Anlagen. „Divestment findet nicht von heute auf morgen statt, das sind immer mehrere Schritte“, sagt Ganswindt von Urgewald. Sie gibt zu bedenken: „Es werden jede Menge Tricks angewendet.“ Wie beim norwegischen Pensionsfonds: Zunächst werden relative Kriterien formuliert, wie die 30 Prozent Kohle, bis konkret zugesagt wird, wie viel Geld genau abgezogen wird. „Der Fonds hat zum Beispiel nie anerkannt, dass auch Kohlekraftwerksentwickler dazu gehören oder Firmen, die Teile für die Werke entwickeln“, sagt Urgewald-Expertin Ganswindt.

Wie mühsam der Kampf ist, zeigt sich bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder, kurz VBL. Sie sichert die betriebliche Altersvorsorge der Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes in Deutschland. Das sind rund fünf Millionen Menschen, vom Bademeister bis zur Sachbearbeiterin. Für sie hat die VBL laut der Bürgerbewegung Finanzwende rund 47,4 Milliarden Euro angelegt, größtenteils in Mischfonds. Finanzwende fordert die VBL bereits seit 2019 mit einer Kampagne auf, aus Kohle-, Öl-, Gas- und Atomkraftanlagen auszusteigen. „Der Bund hat Vorbildfunktion. Er kann nicht einerseits Ziele formulieren und sich an das Pariser Klimaziel binden, und gleichzeitig in Unternehmen investieren, die das Erreichen der Klimaziele verhindern“, sagt Finanzwende-Expertin Magdalena Senn.

Mehrere Tausend Menschen haben in den vergangenen Jahren bereits Protestmails an die VBL geschickt. Immerhin will die VBL nun 2022 nicht mehr in Unternehmen mit einem „überwiegend kohlebasierten Geschäftsmodell“ – mehr als 40 Prozent des Umsatzes – investieren. Bisherige Kapitalanlagen würden bis Ende 2025 „zurückgeführt“. Man wolle „einen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten“. Die Beispiele zeigen dennoch, der öffentliche Druck der Divestmentbewegung ist erfolgreich. Doch wie erfolgreich? Brechen die Kurse ein, schwenken die Unternehmen um? Die Antwort ist nicht einfach – und auch schwierig zu messen.

Wir wirkt Divestment?

Eine erste Studie zur Wirkungsweise von Divestment hat 2021 der Wirtschaftswissenschaftler Professor Marco Wilkens von der Universität Augsburg zusammen mit Kollegen durchgeführt. Danach geben die Kurse der schmutzigen Papiere im Durchschnitt nach, und die betroffenen Unternehmen senkten sogar ihren CO²-Ausstoß. Es habe sich zudem gezeigt: „Wer einfach immer mehr braune Aktien kauft, weil sie billiger sind, geht das Risiko ein, dass sein Portfolio einen steigenden Anteil Aktien enthält, die auf dem sich wandelnden Kapitalmarkt unerwünscht sind.“

Diese Ergebnisse bestätigt auch der Bericht DivestInvest, der von zahlreichen Organisationen zusammengestellt wird. Er zählt erste finanzielle Erfolge auf, wie etwa steigende Kosten für Öl-Unternehmen, weil der Zugang zu Krediten und Versicherungen immer schwieriger und teurer für sie wird. So wollen wichtige Kreditgeber wie die Europäische Investitionsbank und die Weltbank keine fossilen Energieprojekte mehr fördern. Das wichtigste politische Ziel: Als einflussreiche Lobbyisten sind die Kohle- und Ölchefs delegitimiert, die öffentliche Meinung hat sich gegen sie gewendet.

Der niederländische Ölkonzern Shell rechnete in seinem Jahresbericht 2017 damit, dass die Divest­mentbewegung ein Risiko werde: Wenn weiter divestiert würde, könne das den Kurs der Wertpapiere senken und den Zugang zu Krediten einschränken. Unter steigenden Kosten und Bußgeldern könnten Gewinne und Investitionen leiden. Jedoch: Der Aktie von Shell geht es gut. Die Kapitalanlage des Energiekonzerns RWE von 2020 war sogar überzeichnet, so beliebt war sie. Denn Aktien und Anleihen, die aus nachhaltigen Gründen verkauft werden, landen nicht im Papierkorb – sie werden gekauft. Auch gerne von Hedgefonds oder anderen Anlegern, die auf eine gute Rendite hoffen, weil Kohle, Öl und Gas noch genutzt werden.

Was bremst Divestment?

Der Weg zu einer Welt ohne fossile Energieerzeuger allein über Divestment ist schwierig: Von den 20 größten CO²-Emittenten sind zwölf in staatlicher Hand und kaum auf dem Finanzmarkt, wie Gazprom oder Saudi Aramco, die größte Erdölfördergesellschaft der Welt. Über 500 Kohleunternehmen planen weltweit noch einen Ausbau. Und längst hat die Kohleindustrie Ausweichstrategien gefunden.

Wer nicht mehr von großen Versicherungen abgesichert wird, gründet eben seine eigene Versicherung und platziert sie auf einer der zahlreichen Steuerflucht-Inseln, berichtet die amerikanische Nicht-Regierungsorganisation Institute for Energy Economics and Financial Analysis. Es bleibt damit ein Wettrennen um Zeit und Geld: „Die Unternehmen müssen sich immer überlegen, wie sie mit dem Divestment umgehen: Suchen sie sich teure Ausweichstrategien? Ein neues Geschäftsmodell? Oder beides? Und vor allem: Was kostet das?“, beschreibt Urgewald-Campaignerin Ganswindt die Strategien.

Ein Dämpfer für die Bewegung ist der umstrittene Vorschlag der EU-Kommission zur Taxonomie: Der Ende 2021 vorgelegte Entwurf soll eindeutig festlegen, welche Investitionen künftig als nachhaltig gelten. Nachdem aber Atomkraft und Gas als nachhaltig klassifiziert wurden, könnte das Ziel einer einheitlichen Orientierungshilfe für nachhaltige Investitionen verfehlt werden. Aber aufhalten wird auch dies eines nicht: die Divestmentbewegung und ihr Ziel „Keine Kohle für Kohle“.

Interview mit Prof. Marco Wilkens: „Grüne Fonds erzielen gute Rendite“

Professor Marco Wilkens

Professor Marco Wilkens steht vor einer Wand

Prof. Marco Wilkens lehrt an der Uni Augsburg. Forschungsschwerpunkt des Wirtschaftswissenschaftlers ist Sustainable Finance, insbesondere die Eindämmung des Klimawandels.

Was kann der Einzelne tun, der noch nicht bei einer Öko-Bank ist, aber Geld anlegen will?

Es ist schon viel gewonnen, wenn Anleger sich überhaupt damit beschäftigen, ob ihre Anlagen nachhaltig sind. Das kann bereits hohe Wirkungen haben, denn Banken und Unternehmen geraten so unter Druck zu handeln. Ab Mitte des Jahres gilt außerdem für Beratungen in Banken die Vorgabe, dass Kunden nicht nur gefragt werden müssen, wie risikobereit sie sind, sondern auch, ob sie ihr Geld in nachhaltige Anlagen investieren wollen.

Und wenn ich sehe, dass meine Anlagen nicht nachhaltig sind?

Wenn man in einzelne Aktien investiert, kann man umschichten zu Unternehmen, die ESG-Kriterien einhalten – also in Bezug auf Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung. Wichtig ist, dass man damit nicht sein nicht-nachhaltiges Verhalten kompensiert, also sagt: Ich investiere mein Geld grün, dafür mache ich nun eine Kreuzfahrt. Das wäre „persönliches Greenwashing“.

Es wird viel vor Greenwashing gewarnt, also Kapitalanlagen, die als nachhaltig vermarktet werden, es aber nicht sind. Wie kann man sich davor schützen?

Durch genaues Hinschauen. Gerade auf dem sogenannten grauen Kapitalmarkt, wo Anbieter gesetzlich kaum kontrolliert werden, ist das aber schwierig. Leider gilt auch hier: Nachhaltiges Anlegen ist mit ein wenig Aufwand verbunden.

Sind grüne Anlagen auch sicher und rentabel?

Grüne Aktienfonds erzielten zuletzt im Durchschnitt vergleichbare oder sogar etwas höhere Renditen als traditionelle Fonds. Man darf hier aber nicht naiv sein, denn auch der grüne Kapitalmarkt unterliegt Risiken.

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