Schlafprobleme in Deutschland auf dem Vormarsch
Lange Bildschirmzeiten, veränderte Lebensgewohnheiten, stressiger Alltag – das alles führt dazu, dass immer weniger Menschen geruhsam schlafen: Daten der Kaufmännischen Krankenkasse zeigen, dass die Anzahl der klinisch diagnostizierten Schlafstörungen (Chronische Insomnie) unter den Versicherten zwischen 2011 und 2021 um fast 80 Prozent angestiegen ist. Rund 10 Prozent der Deutschen leiden aktuell an Insomnie, etwa 30 Prozent an leichten bis mittleren Schlafproblemen.
Technik im Schlafzimmer: Chance oder Risiko?
Viele Betroffene sprechen nicht über ihr Leiden. In unserer Leistungsgesellschaft sind Schlafstörungen immer noch ein Tabu. Wer doch zu Arzt oder Ärztin geht und eine kognitive Verhaltenstherapie verschrieben bekommt, muss oft lange auf einen Therapieplatz warten. Es mangelt an Schlaftherapeut:innen. Medikamente sind nur kurzfristig wirksam. Abhilfe versprechen hier seit einiger Zeit digitale Anwendungen, seien es Wearables, Apps, Online-Programme oder auch Smart-Home-Schlafhilfen wie Lichtsysteme. Doch was bringen diese? Und haben sie vielleicht sogar negative Effekte? Mit den gängigen Fitness-Trackern und Smartwatches kann man erst einmal etwas über seinen Schlaf erfahren. So zeichnen Fitnesstracker Herzfrequenz, Schlafdauer sowie Schlafphasen auf. Die Wearables zeigen an, wann und wie lange man im Tiefschlaf oder Traumschlaf ist.
Smartwatches bieten darüber hinaus weitere Informationen wie etwa die nächtliche Atemfrequenz. Misst die Uhr hier Störungen, kann dies auf eine Schlafapnoe hindeuten. Andere Sleep Analyzer werden nicht am Handgelenk getragen, sondern unter die Matratze gelegt. Diese Geräte sollen neben den Schlafphasen Atemprobleme beim Schlaf aufdecken oder ob und wie lange man schnarcht.
Smart-Home-Schlafhilfen
Bei leichten Schlafproblemen gibt es verschiedene Smart-Home-Schlafhilfen – einfach ausprobieren!
- Smart Lights, wie Philips Hue oder Nano-leaf, können mit der Aufwachzeit gekoppelt werden und die Morgendämmerung imitieren.
- Beruhigende Klänge, wie Naturgeräusche oder entspannende Musik, helfen beim Einschlafen und übertönen störende Geräusche, etwa Straßenlärm. Geräusche werden auch als weniger laut und störend empfunden, wenn man sie mit weißem Rauschen überlagert. Das bietet etwa die Renpho White Noise Machine. Die Apps von Calm oder Headspace bieten auch Meditationen oder Einschlafgeschichten an.
- Smarte Matratzen liefern Informationen über Schlafposition und -qualität. Einige Modelle können die Matratzentemperatur anpassen. Kurios: Matratzen, die schnarchen verhindern sollen. Über ein Handymikrofon werden Schnarchgeräusche aufgezeichnet, was dazu führt, dass sich die Matratze sanft rüttelnd bewegt.
- Digitale Schlafhilfen können auch mit Thermostaten oder Jalousien verbunden werden, um Temperatur und Dunkelheit individuell anzupassen.
Wie genau messen Schlaftracker wirklich?
Experten kritisieren diese Produkte unter anderem aufgrund ihrer Ungenauigkeit: „Die Hirnstromaktivität, der zentrale Parameter der wissenschaftlichen Messung, wird bislang von keinem Gerät valide erfasst“, sagt Dieter Riemann, Vorstandsreferent der deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Darum könnten Schlaftracker eher schaden, etwa indem sie einen gesunden Schlaf attestieren, obwohl eine Schlafstörung besteht. Zur Heilung einer chronischen Insomnie sind Wearables sowieso nicht geeignet. Tracker könnten sogar zu Schlafproblemen führen, wenn die Nutzer:innen zu perfektionistisch versuchen, ihre Schlafqualität zu optimieren. „Es schadet bei Schlaflosigkeit, den Schlaf permanent kontrollieren zu wollen“, so Riemann. Dabei brauchen Menschen mit chronischer Schlafstörung dringend Hilfe. Denn Schlafprobleme sind keine Zipperlein, sie können tagsüber zu Erschöpfung und damit zu vermehrten Fehlern in der Arbeit oder zu Unfällen führen. Langfristig ist das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten oder neurologische Störungen erhöht.
Digitale Gesundheitsanwendungen: geprüfte Hilfe bei Insomnie
Echte Hilfe bieten nur sogenannte „digitale Gesundheitsanwendungen“ (DiGAs). „DiGAs wurden von den zuständigen Gesundheitsbehörden auf ihre Wirksamkeit hin geprüft“, sagt Riemann. Die Kosten werden meist von den Krankenkassen übernommen. Zu diesen Anwendungen zählen webbasierte Schlafprogramme, wie HelloBetter Schlafen oder Somnio, die auf kognitiver Verhaltenstherapie für Insomnie aufbauen. In einem Test der Stiftung Warentest von 2024 schnitten beide Programme mit der Note 1,4 ab. DiGAs sind mit verschiedenen Modulen ausgestattet, die Psycholog:innen in der Therapie anwenden. Dazu zählen: das Führen eines Schlaftagesbuchs, individuelle Zielsetzung, Entspannungsübungen, Schlafhygiene oder auch Schlafentzug. Somnio reduziert so laut Studien Symptome um durchschnittlich 50 Prozent und das über ein Jahr hinaus. Apps wie Sleep Sounds oder Sleepo, die beruhigende Geräusche oder Achtsamkeitsübungen bieten, waren im Test hingegen nur „ausreichend“ und Bettersleep sogar „mangelhaft“. Der Grund für die schlechte Bewertung: Behlende Wirksamkeitsnachweise aus Studien sowie teils geringe Nutzerfreundlichkeit oder fehlender Datenschutz.
Analoge Schlafhilfen
- Täglich 30 bis 60 Minuten draußen aufhalten
- Viel Bewegung
- Regelmäßiger Rhythmus: zur gleichen Zeit aufstehen, ins Bett gehen und essen
- Leichte Abendmahlzeiten einnehmen
- Koffeinhaltige Getränke nur bis mittags konsumieren
- Alkohol meiden
- Drei Stunden vor dem Schlafen nicht mehr in hellstem Licht verbringen
- Verzicht auf künstliches Licht von Smartphone, Tablet oder Fernseher kurz vor dem Schlafengehen
- Auf Dunkelheit und eine Raumtemperatur zwischen 16 und 20 Grad achten
Schlafhygiene bleibt die wichtigste Basis
Gefahren oder Nebenwirkungen bestehen laut Riemann bei den Apps zwar keine, „aber allzu viel sollte man sich nicht versprechen“. Sie liegen preislich aber weit unter den webbasierten Programmen. Wer DiGAs nicht verschrieben bekommt, kann sich auch so aus dem Werkzeugkasten der Verhaltenstherapie bedienen. Für guten Schlaf ist nämlich vor allem Schlafhygiene wichtig. Der Philosoph Immanuel Kant etwa soll immer pünktlich um Viertel vor zehn ins Bett gegangen und um fünf vor fünf aufgestanden sein. Die Nacht soll er eingehüllt wie eine Mumie verbracht haben.
Fragen und Antworten zum Thema Schlaf
Wie viele Stunden Schlaf sind gesund?
Die meisten Erwachsenen brauchen 7 bis 9 Stunden Schlaf pro Nacht. Individuelle Unterschiede gibt es, wichtig ist die erholte Tagesform.
Was hilft am besten beim Einschlafen?
Regelmäßige Schlafzeiten, ein ruhiges Schlafzimmer und das Vermeiden von Bildschirmlicht vor dem Zubettgehen fördern schnelles Einschlafen.
Sind Schlaf-Apps wirklich hilfreich?
Apps können ein Bewusstsein für den eigenen Schlaf schaffen, ersetzen aber keine medizinische Diagnose. Bei ernsten Problemen sollte ärztliche Hilfe gesucht werden.
Welche Folgen hat dauerhafter Schlafmangel?
Langfristig steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen und Konzentrationsprobleme.
Was versteht man unter Schlafhygiene?
Schlafhygiene umfasst gesunde Gewohnheiten wie feste Schlafzeiten, ein kühles, dunkles Schlafzimmer und den Verzicht auf Koffein am Abend.
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Jetzt reitet S&K auch voll auf der Digitalisierungs- und Mobilfunkwelle. Wer bei der Überschrift erwartet hatte, dass - neben Datenschutzbedenken - auch auf die Warnungen vieler Wissenschaftler vor den schädlichen Wirkungen elektromagnetischer Felder hingewiesen wird, sucht dies im Artikel vergeblich. Dabei häufen sich die Hinweise, dass all die funkenden Geräte negativ auf den menschlichen Körper sowie auf die Psyche wirken . Das verwundert nicht, schließlich funktionieren Nerven und unser Gehirn mithilfe feiner elektrischer Ströme. - Näheres: https://www.diagnose-funk.org/