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Die „Bleib locker“-Formel gegen den Stress

Die Stressquellen der Jüngsten sind vielfältig: Spannungen in der Familie, hohe schulische Anforderungen und Termindruck in der Freizeit. Natürlich spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Je besser die Erwachsenen mit Stress zurechtkommen, umso leichter lernt es der Nachwuchs.
01.10.2003

Eltern müssen eigene Erwartungen überprüfen

Die Stressquellen der Jüngsten sind vielfältig: Spannungen in der Familie, hohe schulische Anforderungen und Termindruck in der Freizeit. Natürlich spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Je besser die Erwachsenen mit Stress zurechtkommen, umso leichter lernt es der Nachwuchs. Eltern können helfen, indem sie:

Meist lassen sich die täglichen Stress-Symptome durch Gespräche und weniger Terminhetze in den Griff bekommen. Wenn aber das Kind ständig überaktiv, sehr unkonzentriert und übermäßig erregbar ist, sollte ein Arzt oder Psychologe konsultiert werden. Dann helfen bewusste Entspannungstechniken, die von geschulten Trainern und Therapeuten angeboten werden. Bärbel Wenzel zum Beispiel, Sozialpädagogin und Gestalttherapeutin in Groß-Umstadt, hat viel Erfahrung mit gestressten Kindern. Sie kombiniert die Technik des autogenen Trainings mit Fantasiegeschichten, Gesprächen und Malen. „Besonders beliebt ist die Vorstellung, das Gesicht unter eine warme Dusche zu halten, damit die ganze Spannung vom Wasser mitgenommen wird.“ Gerade in der Schule oder vor dem Computer konzentriere sich viel Spannung auf Kopf und Gesicht, die häufig nicht abreagiert werden kann.

Deutliche Besserung nach wenigen Kurseinheiten

Nach etwa zwei Dritteln der Kurszeit sucht die Gruppe, der jeweils fünf bis sechs Kinder angehören, gemeinsam einen passenden Hilfssatz für jeden. Die kleine Anna mit den Einschlafschwierigkeiten findet zum Beispiel den Satz „Ich denke nicht an morgen und mach mir keine Sorgen“. Der schüchterne Max sagt sich während seiner Entspannungsübungen: „Mut tut gut“. Bereits während der acht Kurs-Einheiten ist eine deutliche Veränderung zu spüren. Die Kinder fühlen sich akuten Stress-Situationen nicht mehr so ausgeliefert. Sondern haben das Gefühl, dass sie etwas dagegen tun können.

Überhaupt: Niemand muss warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Es gibt Präventionsprogramme, die den Kindern von klein auf vermitteln, wie man Stress bewältigt – eine Fähigkeit fürs ganze Leben. Zum Beispiel das „Bleib locker“-Programm, das von Professor Arnold Lohaus und Dr. Johannes Klein-Heßling (Universität Marburg) erarbeitet wurde. Zentrales Bild ist die „Stresswaage“. Eine der Waagschalen füllen die Kinder mit ihren Antworten auf die Frage, „wann man Stress haben kann“. In die andere Waagschale fallen die Vorschläge, „was man gegen Stress tun kann“.

Stress-Gespenster haben Namen: „zu viele Termine“, „viele Hausaufgaben“, „Sorgen“ oder „nicht gut genug sein“. Aber es gibt seelische Gegengewichte: „Zeit für sich haben“, „planen können“, „Spaß haben“ oder „ich krieg’ das hin“. Im Idealfall sind die Schalen am Ende ausgewogen. Dann kommen die Kinder mit unvermeidlichen Stress-Situationen gut zurecht, weil sie für ausreichende innere Balance sorgen.

Bewusst gegensteuern – eine Frage des Trainings

„Am Anfang fällt den Kindern fast nichts dazu ein, was sich gegen Stress unternehmen lässt. Aber mit der Zeit wird es immer besser“, erzählt Renate Korrell, Diplom-Psychologin und Familientherapeutin aus Roßdorf bei Darmstadt, die die „Bleib locker“ - Kurse regelmäßig durchführt. Das Training umfasst acht 90-minütige Sitzungen mit maximal zehn Kindern, außerdem stehen zwei Elternabende auf dem Programm. Durchgeführt wird es von Lehrern, Psychologen und Reha-Spezialisten.

In vier Varianten wurde ein weiteres Programm entwickelt, das ganz einfach den Namen „Anti-Stress-Training für Kinder“ trägt. Zwei Versionen mit je acht Gruppensitzungen wenden sich an 8- bis 13-Jährige, die deutliche Stress-Symptome zeigen. Die beiden kürzeren Angebote kommen mit zwei beziehungsweise vier Sitzungen aus, denn hier leiden die Mädchen und Jungen nur unter den ersten Anzeichen von Stress. Ähnlich wie bei „Bleib locker“ werden Stressoren sowie Stresskiller auf spielerische Weise erkundet. Entwickelt wurde dieses Programm von den Wissenschaftlern Petra Hampel (Universität Graz) und Franz Petermann (Universität Bremen).

In der Tat, die Bilder vom Stress, die die Schüler auf eine große, freie Seite in ihren Arbeitsheften malen, sehen bedrohlich aus: Das der kleinen Lisa hat ein ganz verkniffenes Gesicht und wird von einer Giftschlange, einem Blitz, einem Teufel und einer Spinne begleitet. Aus anderen Bildern blecken gefährliche Zähne, greifen gleich vier Arme nach dem Betrachter. Oder es wachsen aus Köpfen Haare, die wiederum kleine Köpfe mit bösen Gesichtern tragen.

Eines ist klar: Die Welt ist voller Stressmonster. Aber Eltern und Kinder haben die Wahl, wie viel Macht sie ihnen einräumen. Denn ein selbstbewusstes Kind, das über seine Probleme sprechen kann, wird auch von gefährlich gebleckten Zähnen nicht eingeschüchtert. Und sieht Herausforderungen wieder als das, was sie eigentlich sind: Ein Spiel, das von Mal zu Mal stärker macht.

Die „Bleib locker“ - Formel gegen den Stress:

  • Bewusst Stress wahrnehmen – der erste Schritt, um Stress zu bewältigen
  • Lösung von Problemen unterstützen – die beste Methode, Stress-Situationen zu meistern
  • Eigene Prioritäten setzen – lernen, was wichtig ist und was nicht
  • Ich kann das! Positiv denken – positiv erlebte Situationen durch Lob verstärken
  • Bei anderen Unterstützung holen – vertrauliche Situationen für Gespräche schaffen
  • Loben und Selbstbewusstsein stärken – Selbstvertrauen fördern, Wertschätzung zeigen
  • Offen kommunizieren – den Mut fördern, vor anderen eigene Bedürfnisse zu äußern
  • Chaos beseitigen: Zeitplanung mit Freiräumen für Termine und unbeschwertes Spielen
  • Keine falschen Erwartungen – realistische, erreichbare Ziele setzen
  • Entspannen und bewegen – Austoben, Kuscheln oder Entspannung, je nach Bedarf
  • Richtig zusammen Spaß haben – miteinander lachen ist gesund und ein gutes Ventil

Weitere Infos

  • Für Mitglieder der Techniker-Krankenkasse sind die „Bleib locker“ - Kurse kostenlos. Kinder, die bei anderen Kassen versichert sind, können ebenfalls teilnehmen, müssten aber die Kostenübernahme mit ihrer jeweiligen Krankenkasse absprechen. Weitere Infos: 01802/ 858585 (6 Cent/ Gespräch), www.tk-online.de, Techniker Krankenkasse, Hauptverwaltung, Bramfelder Straße 140, 22305 Hamburg.
  • Hilfe bietet auch eine Elternvereinigung oder eine Selbsthilfegruppe vor Ort. Auskunft darüber gibt NAKOS, die nationale Kontakt- und Informationsstelle der Selbsthilfegruppen. Wilmersdorfer Straße 39, 10627 Berlin, Telefon: 030/ 31018960, www.nakos.de.
  • Beschäftigungs- und Stressbewältigungsideen für Kinder finden sich unter www.zzzebra.de

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