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Depressionen

Depression ist eine heimliche Volkskrankheit: Betroffenen ist oft gar nicht klar, dass sie ernsthaft krank sind. Freunde oder Angehörige würden gerne helfen, wissen aber häufig nicht, wie. // Gudrun Ambros
31.03.2007
Depression ist eine heimliche Volkskrankheit: Betroffenen ist oft gar nicht klar, dass sie ernsthaft krank sind. Freunde oder Angehörige würden gerne helfen, wissen aber häufig nicht, wie. // Gudrun Ambros

Der (un)erklärliche Blues

Depression ist eine heimliche Volkskrankheit: Betroffenen ist oft gar nicht klar, dass sie ernsthaft krank sind. Freunde oder Angehörige würden gerne helfen, wissen aber häufig nicht, wie. // Gudrun Ambros

Es sollte eine Überraschung sein: Angelika L. besuchte ihre Freundin, die vor einem halben Jahr nach Köln gezogen war. Aber Waltraut G. lächelte nicht mal, als sie die Tür öffnete. Auch sonst wirkte sie komisch: In ihrer Küche hantierte sie orientierungslos, schien nachzudenken, bevor sie Kaffeetassen und Kaffeelöffel fand. Und überhaupt: aus der ideenreichen, attraktiven Freundin war eine mäkelige Transuse geworden.

Antriebslosigkeit, Passivität und eine scheinbare Gefühllosigkeit können die Anzeichen für eine Depression sein. Diese kann viele Gesichter haben. Beispielsweise nimmt eine traurige Grundstimmung dem Menschen die Lust, morgens aus dem Bett zu steigen, einfachste Tätigkeiten, wie Kartoffelschälen, fallen schwer und trotz schwerer Lider will der Schlaf abends einfach nicht kommen. Es kann sogar sein, dass einen sonderbare Ängste befallen. Das Schwierige an einer Diagnose: Jeden überfällt mal eine Phase der Lustlosigkeit. Wie soll ein normaler Mensch unterscheiden können, ob es sich um eine harmlose, vorübergehende Verstimmung oder eine ernsthafte Krankheit handelt?

Angelika L. jedenfalls hatte einen Verdacht und informierte sich. Sie ließ nicht locker und bearbeitete ihre Freundin und deren Mann so lange, bis dieser Waltraut G. zum Hausarzt begleitete. Oft leiden Betroffene viel zu lange, bis sie sich aufraffen, zum Arzt zu gehen. Matthias Dauenhauer, ein Psychologe, der sich intensiv mit Depressionen beschäftigt hat, stellt das immer wieder fest: „Sie sehen die schlechte Stimmung wie eine Grippe, die vielleicht von selbst wieder vergeht.“ Dazu kommt, dass die Krankheit den Betroffenen hemmt, etwas zu unternehmen. Dann ist es notwendig, einen Anschub von außen zu geben.

Bereits der Hausarzt kann feststellen, ob es sich um eine leichte, mittlere oder schwere Depression handelt und auch körperliche Ursachen ausschließen Bei leichten Fällen kann es schon helfen, wenn Freunde und Angehörige den Menschen unterstützen, wieder auf die Beine zu kommen.

Ab zum Arzt

Auch mittlere Depressionen kann der Hausarzt medikamentös selbst behandeln: mit Psychopharmaka oder Johanniskrautpräparaten. Möglicherweise empfiehlt er auch eine Psychotherapie. Je schwerer eine Depression, desto eher überweist der Allgemeinarzt seinen Patienten an einen Facharzt – einen Neurologen oder Psychiater. Dieser kann aber auch direkt konsultiert werden. Waltraut G.s Hausarzt diagnostizierte eine mittelschwere Depression und verordnete Psychopharmaka. Viele misstrauen Medikamenten, die in die Psyche eingreifen. Für Professor Ulrich Hegerl, Sprecher für das Kompetenznetz Depression, steht jedoch fest: „Antidepressiva machen entgegen vieler Vorurteile nicht süchtig, verändern nicht die Persönlichkeit und sind keine Aufputschmittel.“ Bei schweren Depressionen mit erhöhtem Suizidrisiko seien sie erste Wahl.

Alternative Heilmethoden

Doch sind Psychopharmaka tatsächlich der einzige Weg? „Bei Depressionen bietet die Homöopathie wunderbare Alternativen“, meint Arne Krüger, Vizepräsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker. Aber auch hier sei es davon abhängig, wie schwer die Depression sei und ob akute Suizidgefahr bestünde.

„Es gibt viele klassische homöopathische Mittel, die gegen Depressionen durch Enttäuschung, Traumatisierung, Burn-out oder Zukunftsängste helfen“, so Arne Krüger. „Bei akuter Suizidgefahr ist dies aber ein heikles Spiel“, meint der Heilpraktiker. Zwar ließe sich das mit homöopathischen Mitteln auffangen, benötige dafür aber einen klinischen Bereich. In Deutschland gibt es wenige Kliniken mit geschlossener Abteilung, die homöopathisch behandeln.

Dass Psychopharmaka die Persönlichkeit nicht verändern, ist nach Krügers Erfahrungen anders. „Es fallen die emotionalen Spitzen weg, sowohl nach oben als auch nach unten. Das Verhalten verändert sich, weil übermäßige Freude und Trauer durch Psychopharmaka negiert werden.“

Waltraut G. probierte zwei Psychopharmaka durch, bis ein Mittel gefunden war, das wirkte. Nach mehreren Wochen erschien sie ihrem Hausarzt stabil genug, eine Psychotherapie zu beginnen. Der Gesprächstherapeut half ihr zu erkennen, was alles mitgewirkt hatte, die Depression auszulösen: der Umzug, der Verlust vieler alter Kontakte, der Auszug der Kinder und die vielen Absagen beim Versuch, ins Berufsleben zurückzukehren.

Wissenschaftler sehen körperliche und seelische Ursachen für die Entstehung einer Depression. Viele vermuten eine Stoffwechselstörung im Gehirn: Die Botenstoffe Serotonin und/oder Noradrenalin sind aus der Balance geraten. Daneben spielen Vererbung, Persönlichkeitsfaktoren und psychosoziale Belastungen – wie der Verlust von Freunden – eine Rolle.

Waltraut G. hat gelernt, sich mit ihren Verlusten auseinanderzusetzen und ist auf dem Wege für sich einen neuen Lebenssinn zu finden.

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