Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Leben

TCM: Das Qi zum Fließen bringen

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Ärzte, Heilpraktiker – und auch so manche Klinik – bieten fernöstliche Heilmethoden für unsere Gesundheit an.

01.12.1998 vonHans Krautstein

TCM beinhaltet weit mehr als nur Techniken wie Akupunktur, Tai Chi Chuan oder Qi Gong. Sie ist ein ganzheitliches Diagnose- und Therapiesystem von eigenständigem Wert zur Erhaltung der Gesundheit. Im früheren China wurden Ärzte nur solange honoriert, wie ihre Patienten nicht krank wurden. In der effektiven Vorbeugung zeigte sich die wahre Kunst des Behandlers. Nach dem Shurai, einem 3000 Jahre alten Buch, genoss der Arztphilosoph das höchste Ansehen, weil er die harmonische Ordnung der Welt und des menschlichen Lebens lehrte. Da auch das Essen primär der Gesunderhaltung diente, folgte der Nahrungsarzt gleich hinter ihm in der sozialen Hierarchie. Der Chirurg und der Allgemeinmediziner, die nur bei schweren Verletzungen und bestimmten Leiden eingriffen, hatten nachgeordnete Bedeutung.

Die Prävention, also die Vermeidung von Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit, ist heute noch das zentrale Anliegen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Obwohl sie auch in ihrer Heimat um die Jahrhundertwende zeitweise als rückständig galt und durch die westliche Wissenschaft verdrängt zu werden drohte, folgte unter Mao Tse Tung eine Rückbesinnung auf die eigenen Ursprünge. Die damals eingeleitete Renaissance hält an und sichert der Traditionellen Chinesischen Medizin auch im modernen China einen festen Platz im Therapieangebot. Über die USA fand die Traditionellen Chinesischen Medizin den Weg nach Deutschland und wird hier als "alternative" Heilweise immer beliebter.

Der Mensch als Einheit von Körper, Seele und Geist

Nur selten aber wird die Traditionelle Chinesische Medizin hierzulande als das komplexe, ganzheitliche Diagnose- und Therapiesystem begriffen, das sie ihrem Wesen nach ist. Viel häufiger werden einzelne Verfahren der chinesischen Medizin aus dem Zusammenhang gerissen und zu bloßen Techniken degradiert. Im ungünstigsten Falle verkommt Tai Chi Chuan zum Schattenboxen, Qi Gong zum Kugelrollen und Akupunktur zur Nadelstecherei. Ungeachtet solcher Gefahren hat die bloß ergänzende Anwendung verschiedener TCM-Praktiken in Kombination mit schulmedizinischer Basistherapie durchaus ihre Berechtigung.

Dem tieferen Verständnis der TCM steht die ihr zugedachte Rolle als sanfte Komplementärmethode jedoch eher im Wege. Ihr Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem der harten westlichen Medizin. Weil er fest verankert ist in der Gedankenwelt des chinesischen Kulturkreises, lässt er sich nur mit Kenntnis der historisch-philosophischen Wurzeln angemessen erfassen.

Den Chinesen sind analytische Vorstellungen vom Leben fremd. Sie betrachten den Menschen als selbstverständliche Einheit von Körper, Seele und Geist und sehen auch Mystik und Wissenschaft nicht als unvereinbare Gegensätze. Der Mensch ist Teil einer umfassenden kosmischen Ordnung, die alles mit allem verbindet. Alle Erscheinungen der äußeren und inneren Natur unterliegen der Polarität von Yin und Yang, zwei widerstreitenden Tendenzen, die dennoch zusammengehören, da die eine ohne die andere nicht sein kann. Das zweifarbige taoistische Kreis-Symbol macht diese dialektische Beziehung anschaulich. Die geschwungene Linie markiert den fließenden Übergang beider Aspekte ineinander, die kleinen Kreise in gegensätzlicher Farbe zeigen an, dass Yin stets auch etwas Yang enthält und umgekehrt.

Yin & Yang im dynamischen Gleichgewicht

Yin bedeutet eigentlich "die schattige Seite des Hügels" und wird mit Kälte, Ruhe, Dunkelheit und Passivität (weiblich) assoziiert. Yang dagegen bezeichnet "die sonnige Seite des Hügels" und steht mit Hitze, Bewegung, Helligkeit und Aktivität (männlich) in Verbindung. Alle Phänomene, auch der menschliche Körper, seine Organe und Funktionen lassen sich einem der beiden Pole zuordnen. Idealerweise befinden sie sich in einem dynamischen Gleichgewicht. Gewinnt eine der Kräfte dauerhaft die Oberhand, ist Krankheit die zwangsläufige Folge. Zu den typischen Yin-Störungen zählen niedriger Blutdruck, Müdigkeit und Blässe, ein Yang-Übergewicht manifestiert sich unter anderem in hohem Blutdruck, Entzündungen und Reizbarkeit. Die endgültige Trennung von Yin und Yang führt zum Stillstand und damit schließlich zum Tod.

Für den chinesischen Arzt ist Krankheit nicht die Wirkung einer bestimmten Ursache, sondern ein die gesamte Persönlichkeit des Patienten durchziehendes Muster der Disharmonie im Körper. Hauptaufgabe des Therapeuten ist es, in der Vielzahl der beobachteten Zeichen und Symptome das individuelle Grundmuster des Kranken zu erkennen. Ziel jeder Heilbehandlung ist letztlich die Harmonisierung von Yin und Yang. Nur so kann das "Qi" ungehindert fließen und Gesundheit hervorbringen.

Die umstrittenen "Wandlungsphasen"

Um ein verbreitetes Element der TCM, die "Wandlungsphasen" (wu xing), gibt es in der westlichen Welt immer wieder Verwirrung. Es handelt sich keineswegs um Grundbausteine der Materie, wie die häufige Übersetzung "fünf Elemente" nahelegt. Das chinesische Wort xing heißt "gehen" oder "sich bewegen" und verweist somit weniger auf einen Zustand als auf einen Prozess, den man der Natur abgeschaut hat.

Obwohl die chinesische Fünf-Phasen-Theorie weniger mechanistisch ist als westliche Interpretatoren glauben, ist sie doch ein relativ starres System. Sind die Farbzuordnungen (Grün für Holz, Rot für Feuer, Gelb für Erde, Weiß für Metall, Schwarz für Wasser) noch halbwegs einsehbar, können andere Verbindungen (Geschmack, Geruch, Emotionen, Organe) nicht immer überzeugen. Auch in China ist die Fünf-Phasen-Theorie seit langem umstritten und keine bindende Lehrmeinung. Manchmal ist sie brauchbar, manchmal nicht, räumen auch ihre Befürworter ein. Trotzdem wird sie als zweites Ordnungssystem neben der Yin-Yang-Theorie zur Beurteilung klinischer Krankheitsverläufe herangezogen.

Qi in der chinesischen Philosophie

Qi ist einer der wichtigsten Begriffe der chinesischen Philosophie. Qi wird oft mit "Lebensenergie" übersetzt, was nicht ganz glücklich scheint. Das ganze Universum ist aus Qi zusammengesetzt, und dieses ist weder stofflich noch immateriell. Für das chinesische Denken ist diese Differenzierung ohnehin völlig irrelevant. Qi wird in erster Linie funktional verstanden durch sein Wirken. An sich formlos und unsichtbar, durchströmt Qi die Leitbahnen (Meridiane) unseres Körpers, wo man es zumindest spüren kann. Das altdeutsche Wort "Odem" und das indische "Prana" kommen dem Gemeinten noch am nächsten.

Die "vier Untersuchungen": Diagnostik mit allen Sinnen

Woran erkennt ein chinesischer Arzt das spezifische Disharmonie-Muster eines Patienten? Er verzichtet in der Regel auf die Erhebung von Labordaten und verlässt sich vor allem auf seine Wahrnehmungen. Die "vier Untersuchungen" (si-zhen) bilden sein diagnostisches Rüstzeug. Die erste Ebene, das Beobachten, betrifft Erscheinung und Benehmen des Patienten, seine Gesichtsfarbe, seine Ausscheidungen und vor allem die Beschaffenheit seiner Zunge. Eine blasse Zunge weist auf Blutmangel oder Kälteüberschuss hin, eine rote Zunge auf Hitzedisharmonie.

Hören und Riechen (wen-zhen) nehmen auf Atmung, Stimme und den Geruch des Kranken Bezug. Man unterscheidet zwei grundlegende Geruchsarten, die der Arzt hauptsächlich durch Erfahrung kennenlernt.

Die dritte Untersuchung, die Befragung (when-zhen), konzentriert sich unter anderem auf Hitze-/Kälteempfinden, Transpiration, Stuhl, Urin, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaf, Durst und Appetit. Übermäßiger Nachtschweiß bedeutet Yin-Mangel, starke Kopfschmerzen sind oft Zeichen eines Übermaßes oder einer Leberstörung. Wässriger, ungeformter Stuhlgang korreliert mit Yang-Mangel und Durstlosigkeit meist mit Kälte. Allgemeine Schlaflosigkeit gilt als "Unfähigkeit des Yang, in das Yin überzutreten", und auch ein übergroßes Schlafbedürfnis ist Ausdruck eines Ungleichgewichts.

Der vierten Untersuchung, dem Betasten (qui-zhen) misst man in China die allergrößte Bedeutung bei. "Ich gehe zum Pulsfühlen", sagen die Chinesen oft, wenn sie den Arzt aufsuchen. Die Bestimmung der Pulsqualitäten nimmt ungewöhnlich viel Raum ein. Es braucht eine gründliche Ausbildung und viel Einfühlungsvermögen, um die komplizierte Pulsdiagnose korrekt durchzuführen. Sie erfolgt mit drei Fingern gleichzeitig auf drei Druckebenen, wobei Tiefe, Geschwindigkeit, Breite, Kraft, Form, Rhythmus und Länge des Pulses gemessen werden.

Hat der Therapeut genügend individuelle Symptome und Beschwerden gesammelt, erstellt er seine Diagnose. Mit dem groben Raster der acht Grundmuster Yin/Yang, Hitze/Kälte, Innerlich/Äußerlich und Mangel/Überfluß sowie der fünf Grundsubstanzen Qi, Blut Säfte, Jing ("Essenz") und Shen ("Geist") im Hinterkopf, entwirft er ein differenziertes Bild. Die einzigartige Beziehung der körperlichen Zeichen des Patienten zum allgemeinen Yin-Yang-Rhythmus gilt es zu beschreiben. Westliche Krankheitsnamen und deren enger Organbezug spielen keine Rolle. In dem, was schulmedizinisch als weiche Schilddrüsenvergrößerung oder Lymphgefäßgeschwulst diagnostiziert wird, erkennt der TCM-Arzt womöglich das Yin-Muster "Schleim verweilt in den Leitbahnen".

Die chinesische Kräutermedizin

Mit welchen Mitteln die Disharmonie behandelt wird, hängt vom konkreten Einzelfall ab. In der Praxis hat nicht etwa die Akupunktur, sondern die chinesische Kräutermedizin (80 Prozent der Fälle) den Vorrang. Etwa 6000 Substanzen überwiegend pflanzlichen, aber auch tierischen oder mineralischen Ursprungs stehen zur Verfügung. Auch Stoffe menschlicher Herkunft wie Muttermilch (bei Verbrennungen) oder Kopfhaare (Hautleiden, Verletzungen) werden eingesetzt. In Europa sind einige der gängigen Arzneien nur schwer zu beschaffen. Tierische Extrakte finden vor allem aus Gründen des Artenschutzes selten Verwendung.

Der freie Fluss des Qi

Da bei allen Erkrankungen auch der freie Fluss des lebenserhaltenden Qi in den Leitbahnen gestört ist, werden entlang dieser Meridiane liegende Reizpunkte stimuliert. Die klassische Theorie kennt etwa 365 Akupunkturpunkte, die nicht nur per Nadelstich, sondern auch per Fingerdruck (Akupressur) oder mit Wärme (Moxibustion) behandelt werden. Das Schröpfen, das die Durchblutung fördern und den Körper entgiften soll, wird in diesem Zusammenhang ebenfalls gerne angewendet.

Auch die Heilmassage, die auch vom Kranken selbst praktiziert werden kann, ist weniger Entspannungstechnik als gezielte Anregung der diversen Funktionskreise im Körperinnern über die Haut. Das Tai Chi Chuan, ein komplexes Übungssystem, das langsame, rhythmische und kontrollierte Bewegungen mit bewusster Atemtechnik verbindet, muss dagegen von einem Meister unterrichtet werden, der die Haltung korrigiert und auf geistig-seelische Bezüge hinweist.

Qi Gong: Arbeit an der Lebensenergie

Eine andere Heilmethode, das Qi Gong ("Arbeit an der Lebensenergie"), geht auf den chinesischen Arzt Hua-Tuo zurück. Er war beeindruckt von der überlegenen Gesundheit der freilebenden Tiere und entwickelte nach ihrem Vorbild Bewegungsfolgen, die besonders der Regulation des vegetativen Nervensystems dienen. Im Gegensatz zu westlichem Fitnesstraining oder Gymnastik sind fast alle Übungen der Traditionellen Chinesischen Medizin so geartet, dass sie auch für alte und schwache Menschen in Frage kommen.

Qualifizierte TCM-Therapeuten in Deutschland

Die Traditionelle Chinesische Medizin setzt besonders auf vorbeugende Gesundheitspflege und die Selbstverantwortung des Patienten. Dessen Aufgabe besteht darin, langfristig seine gesamte Lebensführung im Sinne des Yin-Yang-Gleichgewichts zu ordnen und so die Gesundheit zu stärken. In Deutschland sind nur wenige Therapeuten qualifiziert, ihn auf diesem Weg tatkräftig zu unterstützen. Manche Offerten, die unter dem Etikett TCM verkauft werden, stapeln hoch. "Viele sind auf den Zug aufgesprungen und mischen 1000 Dinge durcheinander", klagt der Arzt Ralph-Peter Schink aus Hamburg. Schink arbeitet ausschließlich nach den Regeln der TCM und bildet nebenbei noch Ärztekollegen darin aus. Helfen kann er insbesondere bei chronischen Leiden, vor allem Magen-Darm-Störungen, Kopfschmerzen oder Allergien.

Gesetzliche Krankenkassen & TCM

Weil die meisten von Schinks Patienten arbeitsfähig sind, schwört er auf die ambulante Behandlung. Bei privat Versicherten werden etwa 95 Prozent der Kosten übernommen, Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen müssen dagegen um jeden Euro Unterstützung kämpfen. Da es keine festen Richtlinien gibt, differiert die Erstattungspraxis von Kasse zu Kasse und hängt, so Schink, oft von der Willkür des einzelnen Sachbearbeiters ab. Nur wenn ärztlich attestiert wird, dass ein Patient nach schulmedizinischem Ermessen "austherapiert" ist, sind die Kassen generell zahlungswilliger.

Die eigentliche Stärke der Traditionellen Chinesischen Medizin, die im Endeffekt kostengünstigere Gesundheitsprophylaxe, wird so allerdings konterkariert. Bei einzelnen Verfahren wie Akupunktur kann man mit Beihilfe rechnen (rund zwei Drittel), bei der chinesischen Kräuterheilkunde verhalten sich die Kostenträger eher ablehnend. Schink sieht in dieser restriktiven Haltung "ein Politikum ersten Ranges". Wer den längeren Aufenthalt in einer TCM-Klinik plant, hat in Kötzting die besten Aussichten auf Vollfinanzierung. Auch in Bad Füssing ist eine stationäre Rehabilitation mit TCM-Methoden möglich. Ambulante Leistungen rechnen beide aber nur privat ab. Chronisch Kranke, die auf Langzeitbetreuung angewiesen sind, stehen so auch nach mehrwöchigem TCM-"Kuren" erneut vor einem finanziellen Problem.

Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge