Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Kolumne

Darf es noch etwas sein?

Die Kolumne von Fred Grimm ist diesmal eine kleine Liebeserklärung an Restaurants. Die 70.000 Restaurants, die es in Deutschland gibt, haben ein schweres Jahr.

05.11.2020 vonFred Grimm

Die Kolumne von Fred Grimm ist diesmal eine kleine Liebeserklärung an Restaurants. Die 70.000 Restaurants, die es in Deutschland gibt, haben ein schweres Jahr.

Ich bin kein besonders guter Koch. Die Temperatur beim Servieren ist so ziemlich das Einzige, was ich einigermaßen hinkriege – zu kaltes Essen würde mir irgendwie vernachlässigt vorkommen. Gut bin ich bei Tee, beim Ananas schneiden und wirklich gut eigentlich nur beim Brötchen holen. Entsprechend gehöre ich zu den Menschen, die sich freuen, dass es Restaurants gibt, in denen es Fachleute übernehmen, etwas Essbares zu zaubern.

Als soziale Orte hatten die über 70 000 Restaurants, die es in Deutschland gibt, ein brutal schwieriges Jahr. Es blutet einem das Herz, wenn man an all die leidenschaftlich und liebevoll betriebenen Häuser denkt, die mindestens halbleer bleiben mussten und müssen. Keine First-Dates, keine Wieder­erweckungen vergessener Freundschaften, keine spannenden Jobgespräche – so viele Erinnerungen, die es nicht geben wird, weil die entsprechenden Abende gar nicht erst stattgefunden haben.

Restaurants funktionieren wie kleine Bühnen, zum Thema Liebe etwa, in all ihren Stadien. Die Kategorie „Gemeinsam einsam“ reicht von den Paaren, die sich Abende lang wütend anschweigen, weil sie an sich selbst müde geworden sind, bis zu den Männern in etwas zu engen Anzügen, die etwas zu jungen Damen mit wachsender Begeisterung ausschließlich von sich erzählen. Verliebte dagegen sind einfach hinreißend, vor allem, wenn sie nicht aufhören können, miteinander zu lachen. Ich mag auch die Familienfeiern, bei denen die Ältesten irgendwann glücklich am Tisch einnicken.

Restaurants stoßen die Türen zu anderen Kulturen auf.

Fred Grimm

Restaurants stoßen die Türen zu anderen Kulturen auf. Als vor Jahrzehnten die ersten Arbeitsmigranten nach Deutschland kamen, lernten viele Einheimische sie zunächst durch ihre Küchen kennen. Die Pizzerien, griechischen und türkischen Restaurants, die öffneten, wurden zu Orten der ersten Begegnung mit dem damals noch Fremden, ähnlich wie heute, wo vermehrt afghanische, sudanesische oder syrische Lokale den Reichtum und die Vielfalt der Welt repräsentieren.

Oft führen Restaurants uns auch selbst auf unsere Ursprünge zurück: Essen mit regionaler Tradition, mit Zutaten aus Bio-Anbau, weil man eben kein Gift braucht, um – im Wortsinne – Lebensmittel herzustellen. Das alles darf nicht verloren gehen. Auch wenn Restaurantbesuche in den vergangenen Wochen bei doppeltem Aufwand nur das halbe Vergnügen geboten haben mögen, und jetzt erst einmal ganz schließen mussten – wenn wir nicht wollen, dass da etwas wirklich Wertvolles auf lange Zeit verloren geht und wenn wir die Menschen ehren wollen, die ihr – oft knappes Geld – damit verdienen, gute Gastgeber zu sein, sollten wir uns unbedingt einen Restaurantabend gönnen, sobald es wieder geht. Als kleinen Vorgeschmack darauf, wie das Leben mal wieder werden wird.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

Kommentare

Schlagwörter

Das könnte interessant sein ...

Ähnliche Beiträge