Zwangsarbeit auf Reisfeldern, gerodete Regenwälder für Palmöl, Kinder bei der Kakaoernte und ausgebeutete Wanderarbeiter auf Kaffeeplantagen: auch im 21. Jahrhundert machen Konzerne Profite auf Kosten von Mensch und Natur. Weltweit arbeiten rund 1,4 Milliarden Menschen unter prekären Bedingungen. Von ihrer Schufterei profitieren wir in Deutschland. Wir, das privilegierte Fünftel der Weltbevölkerung, das vier Fünftel der globalen Rohstoffe verbraucht. Kann man nichts machen? Von wegen!
„Es droht ein Rückfall in eine Welt der Rücksichtslosigkeit.“
Das Lieferkettengesetz
Unternehmen tragen nicht bloß Verantwortung an ihrem Firmensitz mit Betriebskantine, Urlaubsregeln und starken Gewerkschaften, sondern auch auf den Plantagen und in den Fabriken ihrer Zulieferer. Damit das keine Theorie bleibt, gibt es in Deutschland seit 2023 das Lieferkettengesetz; ein Jahr später folgte eine entsprechende EU-Richtlinie. Die neuen Regeln verpflichten große Unternehmen, ihre Geschäfts- und Beschaffungspraktiken unter die Lupe zu nehmen und Beschwerdemechanismen einzurichten. So sollen Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt und bekämpft werden. In Deutschland kontrolliert das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle die Einhaltung des Gesetzes – und kann bei Verstößen Bußgelder erheben. Laut der Initiative Lieferkettengesetz zeigen die neuen Vorschriften bereits Wirkung: „In Ecuador wurden erstmals Gewerkschaften angehört, in China Arbeitsbedingungen verbessert, in mehreren Ländern Maßnahmen gegen Kinderarbeit eingeleitet“, sagt Sofie Kreusch, Pressesprecherin der Initiative. Doch nur wenige Jahre nach Inkrafttreten des Lieferkettengesetzes hat sich der politische Wind gedreht. Kreusch warnt: „Sowohl das deutsche Gesetz als auch die europäische Richtlinie sind in Gefahr. Unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus und der Wettbewerbsfähigkeit droht jetzt ein Rückfall in eine Welt der Rücksichtslosigkeit, in der menschliches Leid und Umweltzerstörung als Wettbewerbsvorteil gelten.“
Doch es gibt auch Lichtblicke: 2024 erzielten Fairtrade- und Bio-Produkte in Deutschland Umsatzrekorde. Zahlreiche Bio-Firmen haben sich längst dazu verpflichtet, neben ökologischer auch soziale Verantwortung zu übernehmen – Lieferkettengesetz hin oder her. Darunter Bio-Pioniere wie die Firma Heuschrecke.
Gewürze und Tee von Kleinbauern in den Tropen
Firma Heuschrecke: Kurze Lieferketten, langfristige Verträge
Seit 1977 importiert und verarbeitet das Unternehmen Heuschrecke Gewürze, Kräuter und Tee aus biologischem Anbau. Geschäftsleiterin Ursula Stübner sagt: „Heuschrecke wurde aus dem Willen heraus gegründet, nachhaltiger und fairer zu wirtschaften. Wir haben Verantwortung von Anfang an anders gedacht.“ Erst mit der zunehmenden Kommerzialisierung von Bio-Produkten seien diese Werte plötzlich nicht mehr selbstverständlich gewesen. Knapp die Hälfte der rund 2700 Heuschrecke-Rohstoffe – darunter Tee, Pfeffer, Ingwer und Muskat – stammen aus tropischen Regionen. Bei diesen Risikoprodukten achtet das Unternehmen besonders auf kurze Lieferketten und langfristige Verträge.
Im indischen Bundesstaat Kerala arbeitet Heuschrecke etwa mit dem Kleinbauern-Consortium Sahyadri Spice Farmers, in Sri Lanka mit der Small Organic Farmers Association SOFA zusammen. Jedes Jahr trifft man sich zum persönlichen Austausch. Auch über Preise wird dabei offen gesprochen: „Unser Anspruch ist, Preise zu zahlen, von denen unsere Partner leben können – und nicht, was der Weltmarkt diktiert“, so Stübner. Sie befürwortet zwar die Idee des Lieferkettengesetzes, weiß aber auch, dass in der EU geschmiedete Gesetze nicht immer zugunsten der Menschen in den Ursprungsländern ausfallen. Erst kürzlich musste Heuschrecke wegen einer europäischen Anti-Greenwashing-Richtlinie die faire Kennzeichnung ihres Tees aus China einstellen. „Es wäre bitter, wenn vorbildhafte Initiativen in Risikoländern aufgrund rechtlicher oder bürokratischer Hürden eingestellt würden“, gibt Stübner zu bedenken.
Label für faire Produkte
We Care
Das We-Care-Label bestätigt, dass ein Unternehmen vom Anbau bis zum fertigen Produkt ökologische und soziale Kriterien einhält. Für die Zertifizierung werden 164 Kriterien aus den Bereichen Unternehmensführung, Lieferketten- und Umweltmanagement sowie Mitarbeiterverantwortung bewertet. Bisher sind u.a. die Firmen Barnhouse, Alnatura und Lebensbaum We-Care-zertifiziert.
Fairtrade
Das Sozialsiegel Fairtrade kennzeichnet Lebensmittel und Textilien, deren Rohstoffe im globalen Süden unter fairen Bedingungen angebaut werden. In Deutschland wird es vom Verein TransFair vergeben. Der Zertifizierer FLOCERT kontrolliert, ob die Kriterien wie die Zahlung kostendeckender Mindestpreise und die Einhaltung internationaler Arbeitsnormen entlang der Lieferkette eingehalten werden.
Naturland Fair
Das Naturland-Fair-Siegel ist auf zertifiziert-ökologischen Produkten – auch aus dem globalen Norden. Es belegt, dass soziales Engagement in der Unternehmensstrategie und entlang der Wertschöpfungskette verankert ist und jährlich überprüft wird.
Hafer aus der Region, Schokolade aus Afrika
Barnhouse: Fair bis vor die Haustür
Auch der bayrische Knuspermüsli-Hersteller Barnhouse verarbeitet Rohstoffe, die von weit her kommen. Qualitätsleiter Christian Hoferer sagt: „Wir beziehen etwa 20 Prozent unserer Zutaten, darunter Schokolade, Reis oder Rohrzucker, aus Risikoländern. Hier schauen wir uns die Lieferketten ganz genau an.“ Schokolade kauft Barnhouse zum Beispiel bei Fairafric: Statt nur Kakaobohnen zu importieren, hat die Firma in Ghana eine Bio-Schokoladenfabrik aufgebaut und so vor Ort nachhaltige Arbeitsplätze geschaffen.
Rübenzucker bezieht Barnhouse aus Bayern. Hafer und Dinkel, die Hauptzutaten der Krunchys, kommen ausschließlich aus biodiverser Mischkultur direkt aus der Region. Die Preise werden mit den Bäuerinnen und Bauern der Liefergemeinschaft auf Augenhöhe verhandelt und gelten dann für drei Jahre. Das entlastet, denn die wenigsten Landwirte haben Zeit, sich ständig um Vertrieb zu kümmern. Zwar komme es so vor, dass sie in einem Jahr weniger Geld bekommen als Kollegen, die zum aktuellen Marktpreis verkaufen. Doch schon im nächsten Jahr kann es andersherum sein. Pressesprecher Andreas Bentlage ist überzeugt: „Die Planungssicherheit zahlt sich für beide Seiten aus. Vor allem in der Corona-Zeit wurde das deutlich: Da haben unsere Lieferketten oft besser funktioniert als die der Konkurrenz.“
„Planungssicherheit zahlt sich aus. Unsere Lieferketten funktionieren.“
Lieferketten per Code bis zum Ursprung verfolgen
Auch die Firma Followfood wurde 2007 aus der Überzeugung heraus gegründet, dass Ökonomie, Ökologie und Soziales konsequent zusammen gedacht werden können. Die Lieferketten des Unternehmens lassen sich per Code bis zum Ursprung zurückverfolgen. Etwa bis auf die Malediven, wo Followfood den nach eigenen Angaben nachhaltigsten Thunfischfang der Welt mit aufgebaut hat. Julius Palm, stellvertretender Geschäftsführer, erzählt: „Vor zehn Jahren machte Greenpeace darauf aufmerksam, dass internationale Trawler dort die Bestände leerfischten. Für die lokale Bevölkerung, die per Hand angelt, eine Katastrophe. Für deren nachhaltigen Fisch haben wir mit Followfood einen Markt geschaffen.“
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Heute wird auf den Malediven nur noch händisch gefischt, die Bestände haben sich erholt. Mit nur 80 Mitarbeitenden gilt das Lieferkettengesetz bisher nicht direkt für Followfood, indirekt ist die Firma dennoch betroffen. „Auch wir sind Teil einer Lieferkette, die erst im Lebensmitteleinzelhandel endet. Bisher haben Nachhaltigkeitsmarken wie wir dadurch, dass wir Verantwortung übernehmen und dies transparent machen, einen Wettbewerbsnachteil. Zukunftsfähiges Wirtschaften im Sinne von Natur und Mensch ist oberflächlich im Regal erst mal teurer“, sagt Julius Palm. Er hofft, dass dennoch möglichst viele Firmen dem Beispiel von Followfood folgen werden – und die Politik dafür entsprechende Anreize schafft. Das Lieferkettengesetz sei nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. „Wir brauchen Systeme, in denen Steuererleichterungen und Subventionen nach ökologischen und sozialen Kriterien vergeben werden“, fordert er.
„Viele deutsche Unternehmen stehen hinter dem Lieferkettengesetz. Statt Rückschritte braucht es Verbesserungen im Interesse von Unternehmen, Menschenrechten und der Umwelt.“
Petition unterzeichnen
Fair einkaufen leicht gemacht: Antworten auf die wichtigsten Fragen
Was regelt das Lieferkettengesetz in Deutschland?
Das Lieferkettengesetz verpflichtet seit 2023 große Unternehmen, entlang ihrer globalen Lieferketten Menschenrechte und Umweltstandards einzuhalten. Firmen müssen Risiken prüfen, Maßnahmen ergreifen und bei Verstößen haften. Ziel ist es, Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung zu verhindern.
Warum sind faire Lieferketten wichtig für Verbraucher:innen?
Faire Lieferketten sorgen dafür, dass Produkte nicht auf Kosten von Mensch und Natur hergestellt werden. Verbraucher:innen können durch ihren Einkauf dazu beitragen, Ausbeutung, Kinderarbeit und Umweltzerstörung zu verringern. Gleichzeitig schaffen faire Strukturen mehr Transparenz und Vertrauen in die Herkunft von Lebensmitteln.
Woran erkenne ich faire Lebensmittel im Supermarkt?
Verbraucher:innen können sich an Siegeln orientieren. Bekannte Kennzeichen sind Fairtrade, Naturland Fair oder We Care. Sie stehen für faire Löhne, ökologische Standards und transparente Lieferketten. Je nach Label werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt – etwa auf soziale Verantwortung, Regionalität oder ökologische Kriterien.
Wie kann ich selbst im Alltag fair einkaufen?
Neben dem Blick auf Siegel können Konsument:innen regionale und saisonale Produkte bevorzugen, bei Bioläden oder Weltläden einkaufen und Marken unterstützen, die transparente Lieferketten nachweisen. Auch Apps und QR-Codes – wie bei Followfood – helfen, den Ursprung von Produkten zurückzuverfolgen.
Was bedeutet Fairtrade für Produzent:innen?
Das Fairtrade-Siegel sichert Kleinbäuer:innen Mindestpreise, zusätzliche Prämien und bessere Arbeitsbedingungen. Dadurch gewinnen sie Planungssicherheit, können nachhaltiger wirtschaften und sind weniger vom schwankenden Weltmarktpreis abhängig. Ein weiterer zentraler Punkt: Fairtrade verbietet ausdrücklich Kinder- und Zwangsarbeit und kontrolliert die Einhaltung internationaler Arbeitsnormen entlang der Lieferkette. So werden Kinder besser vor Ausbeutung geschützt und können statt auf dem Feld in die Schule gehen.
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