Leben

Bio fördert Integration

Der Mangel an Fachkräften und Auszubildenden stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Integration auch. Wie sie am Arbeitsplatz gelingt, machen Bio-Betriebe vor.

Danial Hasan lächelt schüchtern, als er davon erzählt, dass er seine Ausbildung gern verkürzen möchte. Der 20-Jährige ist einer von 250 Mitarbeitenden bei der Bohlsener Mühle, rund 30 Prozent haben Migrationsgeschichte. „Wenn alles klappt, bin ich in anderthalb Jahren fertig und darf mich Maschinen- und Anlagenführer nennen“, sagt Danial. Das Besondere an ihm: Er ist erst seit drei Jahren in Deutschland. Er und seine Familie mussten 2022 vor dem Krieg in der Ukraine fliehen. Warum ausgerechnet nach Deutschland? „Weil mein Onkel damals schon hier wohnte“, erklärt Danial. Ursprünglich stammt die Familie aus Syrien. Danials Vater war zum Arbeiten in die Ukraine gegangen, wo er Danials Mutter kennenlernte. Die beiden verliebten sich, heirateten und gingen dann gemeinsam erst nach Syrien zurück, dann für vier Jahre nach Schweden und 2021 wieder in die Ukraine, bis Russland das zweitgrößte Land auf dem europäischen Kontinent angriff.

Der Bedarf an Fachkräften steigt kontinuierlich

Die vielen Stationen von Danials Familie sind für Menschen mit Fluchtgeschichte nicht ungewöhnlich. Allein in den Jahren 2015 und 2016, in der Folge der Grenzöffnung durch Angela Merkel, haben 1,2 Millionen Geflüchtete in Deutschland Schutz gesucht. 64 Prozent von ihnen gehen inzwischen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach – knapp unterhalb des Bundesdurchschnitts. Und der Bedarf an Fachkräften und Auszubildenden steigt kontinuierlich.

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Integration ist bei Bio gelebte Praxis

Menschen mit migrantisch anmutenden Namen haben es in Deutschland eindeutig schwerer, an Arbeits- oder Ausbildungsplätze zu kommen. Das hat eine Studie der Uni Siegen aus diesem Sommer ergeben. Demnach erhielten 67,8 Prozent der Bewerber:innen mit „deutsch“ klingenden Namen eine Rückmeldung von den Betrieben, bei Bewerbungen mit arabisch klingenden Namen waren es nur 36,8 Prozent. Ein Umstand, den sich Deutschland nicht leisten könne, sagt Dr. Delal Atmaca von der Migrantinnenorganisation DaMigra. „Standortfaktoren sind nicht nur Löhne und Gehälter. Menschen bleiben dort, wo sie sich sicher und willkommen fühlen – ohne Angst vor Diskriminierung“, so Atmaca. Immerhin: Laut Industrie- und Handelskammer gaben in einer Umfrage 57 Prozent der Firmen an, Auszubildende auch aus Ländern außerhalb der EU zu suchen, auch Geflüchtete. Bei der Bohlsener Mühle ist das längst gelebte Praxis. Seit Jahren bieten sie Menschen mit Migrationsgeschichte Ausbildungsplätze und ermöglichen Quereinstiege.

Danials Schwester Diana macht ebenso eine Ausbildung bei der Bohlsener Mühle. Die 22-Jährige erlernt den Beruf der Bäckerin. „Meine Ausbildung gefällt mir gut, besonders die Arbeit in der hauseigenen Konditorei. Schokolade temperieren, Ganache herstellen und Donauwelle backen machen mir besonders Spaß“, erzählt sie begeistert. Den Einstieg erleichterten ihr die Kolleginnen und Kollegen, die sie unterstützen.

Für Diana, die sechs Sprachen spricht, bedeutet Vielfalt vor allem eines: Teamwork. Ihre Eltern helfen bei der Produktion und Verpackung von Müslis, Knäckebrote, Kekse und vielem mehr. Die Familie hat in Deutschland eine neue Perspektive gefunden.

Kreativität ist ein Muss, wenn man Talente finden will

Für Volker Krause, der die Bohlsener Mühle in den 1970er-Jahren auf Bio umgestellt hat, zieht sich diese Haltung durch die gesamte Bio-Branche: „Als Unternehmen der Bio-Lebensmittelbranche tragen wir sowohl Verantwortung für nachhaltige Produkte als auch für nachhaltige Strukturen – und dazu gehört der Umgang mit Menschen. Vielfalt stärkt uns als Team und macht uns innovativer. Eine zukunftsfähige Lebensmittelbranche braucht motivierte Fachkräfte aus aller Welt“, so Krause. Diesen Juli hat er die Geschäftsführung an die MDS Holding übergeben. Für Dr. Anne-Kathrin Auer, Personalleiterin bei dem Unternehmen in der Lüneburger Heide, ändert das aber nichts. Sie sagt: „Die Werte bleiben auch unter der familiengeführten neuen Leitung erhalten.“ Auer besucht regelmäßig Integrationskurse der Agentur für Arbeit und stellt dort ihr Unternehmen vor. Familie Hasan kam vor rund einem Jahr allerdings auf anderen Wegen zu den Bohlsenern, erinnert sich Danial: „Die Agentur für Arbeit hat für unseren ganzen Kurs einen Bus gechartert und ist mit uns zu verschiedenen Betrieben in der Region gefahren.“ Danial lächelt wieder zurückhaltend. Auer ergänzt: „Das war eine wirklich tolle Aktion der Agentur, die zeigt, wie einfallsreich man sein muss, wenn man wie wir draußen auf dem platten Land arbeitet.“ 

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Vielfalt ist auch ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor

Viele weitere Bio-Unternehmen legen großen Wert auf Integration und Inklusion. Das Kräuterunternehmen Sonnentor hat mit Verena Königsberger zum Beispiel eine eigene Diversity-Beauftragte. Sie sagt: „Sonnentor ist es ein Anliegen, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem alle Mitarbeitenden unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Behinderung und sozialer Identität respektiert und gefördert werden.“ Dabei spielt die Sprache eine große Rolle. So haben sie bei Sonnentor einen Gender-Leitfaden entwickelt, in dem sie die Grundpfeiler der wertschätzenden Kommunikation des Unternehmens niedergeschrieben haben. Da sich das Thema Diversity ständig weiterentwickelt und auch laufend neue Herausforderungen mit sich bringt, bilden sich die Team-Mitglieder der Talenteförderinnen kontinuierlich weiter. „Um fit für eine Zukunft voller Vielfalt zu sein“, wie Sonnentor mitteilt.

Ein weiteres ermutigendes Beispiel liefert die Bäckerei Biokaiser aus dem Rhein-Main-Gebiet. „Wir behandeln junge Leute wertschätzend, egal ob sie Migrationshintergrund haben oder das Zeugnis weniger gut ausfällt“, erklärte der Mehrheitseigentümer von Biokaiser Volker Schmidt-Sköries bereits vor zwei Jahren gegenüber der Frankfurter Rundschau. Diese Haltung gilt auch heute noch, denn das Unternehmen bildet derzeit 31 junge Menschen aus zwölf verschiedenen Nationen aus. Auszubildende bekommen das klassische Handwerk vermittelt und erhalten zusätzlich Kommunikationstraining, können Fitnessräume und Coaches nutzen und an weiterführenden Workshops teilnehmen.

Der Wunsch nach Freiheit und Sicherheit motiviert

In der Bohlsener Mühle macht Danials Schwester Diana gerade Mittagspause. „Ich lerne die Sprache, interessiere mich für die Kultur, arbeite engagiert und übernehme Verantwortung. So spüre ich immer mehr, dass ich wirklich hier dazugehöre. Ich möchte weiterhin hier leben und arbeiten und mich in Deutschland sicher und frei fühlen – zusammen mit meinen Liebsten“, sagt sie. Es sind einfache Bedürfnisse wie diese, die in einer offenen Gesellschaft wie der deutschen selbstverständlich erscheinen. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die wir erhalten sollten – nicht nur in der Bio-Branche. 

Dr. Delal Atmaca: „Vielfalt ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“

Frau mit grauen lockigen Haaren steht mit verschränkten Armen in einem hellen Raum vor einer Tafel und schaut in die Kamera.

Die Geschäftsführerin der Migrantinnenorganisation DaMigra ist promovierte Volkswirtin und engagiert sich für Teilhabe und Chancengleichheit.

Wie bewerten Sie das Engagement von Bio-Betrieben, Menschen mit Migrationsgeschichte eine Arbeit oder Ausbildung zu geben?
Ich begrüße das sehr. Aber klar ist auch: Alle Betriebe müssen sich öffnen. Vielfalt ist kein Luxus, sondern ökonomisch notwendig. Ein Team, das unterschiedliche Erfahrungen einbringt, kennt die Bedürfnisse vielfältiger Kundschaft besser. Studien zeigen zudem: Diverse Teams sind innovativer und erfolgreicher.

Können wir so den Fachkräftemangel beheben?
Deutschland braucht hochqualifizierte Fachkräfte, aber auch Menschen für Handwerk, Handel und Landwirtschaft. Schon heute hat rund ein Drittel der Bevölkerung eine Migrationsgeschichte. Wer zukunftsfähig bleiben will, muss attraktiv für alle Talente sein, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Identität.

In Deutschland werden Menschen mit Migrationsgeschichte zunehmend angefeindet. Wie wichtig sind Werte wie Vielfalt, Fairness und Achtsamkeit in dieser Situation?
Sie sind zentral. Wenn politische Diskurse und rechtsextreme Stimmen Ausgrenzung verstärken, braucht es Orte, die Haltung zeigen. Bio-Betriebe leben Werte wie Nachhaltigkeit und Respekt. Sie senden ein starkes Signal: Vielfalt stärkt Demokratie und Zusammenhalt.

Welche Rahmenbedingungen braucht es hierfür?
Wichtig sind gleiche Chancen: schnellere Anerkennung von Abschlüssen, weniger Bürokratie, sichere Aufenthaltsrechte und eine aktive Antidiskriminierungspolitik. Besonders Frauen mit Migrationsgeschichte bleiben trotz hoher Qualifikationen oft außen vor. Teilhabe gelingt nur, wenn wir Diskriminierung abbauen und die Vielfalt unserer Gesellschaft in allen Bereichen sichtbar machen.

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