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Leben

Bigfoot lebt

Die Krimi-Autorin Edda Minck hat Akromegalie. Kennen Sie nicht? Sind Sie sicher? Diese Krankheit wird nämlich selten sofort erkannt, musste die Schriftstellerin am eigenen Leib erfahren. Edda Minck berichtet über ihren Leidensweg und warum sie ständig größere Schuhe brauchte
30.09.2013
Die Krimi-Autorin Edda Minck hat Akromegalie. Kennen Sie nicht? Sind Sie sicher? Diese Krankheit wird nämlich selten sofort erkannt, musste die Schriftstellerin am eigenen Leib erfahren. Edda Minck berichtet über ihren Leidensweg und warum sie ständig größere Schuhe brauchte

Die Krimi-Autorin Edda Minck hat Akromegalie. Kennen Sie nicht? Sind Sie sicher? Diese Krankheit wird nämlich selten sofort erkannt, musste die Schriftstellerin am eigenen Leib erfahren. Edda Minck berichtet über ihren Leidensweg und warum sie ständig größere Schuhe brauchte.

Beruflich hat Krimi-Autorin Edda Minck öfter mit Messern im Kopf zu tun. Privat machte sie ein Tumor an dieser Stelle krank. (Foto: Yom Lam)

Als ich im Herbst 2002 in Köln aus dem ICE steige, starre ich nach wenigen Schritten auf meine Stiefel. Die, die mich durch die ganze letzte Saison getragen haben. Die, die jetzt so schrecklich drücken, dass meine Füße plärren: „Blut ist im Schuh …!“ Ich humple ins nächste Schuhgeschäft und lege mir ein paar bequeme Leder-Sneaker zu. In Größe 38. Na ja, denke ich, die Größenzuordnungen werden auch immer beliebiger, eigentlich trage ich 36,5 bis 37. Doch als ich später daheim nacheinander meine anderen Herbst- und Winterschuhe überziehe, stelle ich verwundert fest: auch zu klein. Alle.

Schweren Herzens wandert von Vic Matie bis Air-Step und handgemachten Abendschuhen alles in gute Hände und ich in den nächsten Schuhladen, um mich für den Winter zu rüsten. Den Ausverkauf für Sommerschuhe nehme ich auch gleich in meiner neuen Größe mit. Leider verwandeln sich die auf Halde gekauften Schuhe in der nächsten Saison zur Qual: schon wieder zu klein! Dieses Mirakel wiederholt sich jedes Jahr, bis ich 2010 bei Größe 40/41 bin. Große Bedeutung gebe ich diesem Umstand bis Anfang 2007 trotzdem nicht, man wird halt älter und geht aus dem Leim, denke ich.

Im Laufe der Jahre verschwinden auch Handschuhe in der Kiste, ich kann sie nicht mal mehr über den Daumen ziehen; auch passt kein einziger Ring mehr. Mein Hutsortiment landet auf dem Flohmarkt, statt 57 hat mein Kopf mittlerweile 60 Zentimeter Umfang.

Ab 2007 mache ich jeden Arzt, der mir in die Quere kommt, auf diese seltsamen Umstände aufmerksam. „Sie kommen allmählich in die Wechseljahre, da ist das eben so. Und bei diesen Temperaturen schwellen dann schon mal die Füße und die Hände.“ „Ach, ja“, erwidere ich, „der Kopf etwa auch? Und schwellen Füße von 37 auf Größe 40?“ Darauf haben weder Onkel noch Tante Doktor eine Antwort. Ihre Blicke sagen, dass da wohl jemand ein Problem mit dem Altern hat.

Ab 2009 erkenne ich mich kaum wieder: Fischmaul-Lippen, Hängebäckchen und eine Nase, die zu einem Zinken mutiert. Ganz der späte „Derrick“. Am liebsten würde ich meine Spiegel verhängen. Zusätzlich leide ich nachts unter Atemaussetzern (Apnoe), die mich tags so müde machen, dass ich ab und an stante pede in den Tiefschlaf falle. Hinzukommen: Herzrasen, ein beginnendes Karpal-Tunnelsyndrom (Händekribbeln, bis hin zur Taubheit in den Fingern), Ischiasschmerzen, Probleme mit den Zähnen – mein Biss stimmt nicht mehr. Ich zermahle beinahe meine kostbare Brücke hinten links und trete zur Zahn-OP an. Mein ehemals leichtes Lispeln wird zu einem echten Sprachfehler und einem Problem bei Lesungen. Irgendwie passt auch meine Zunge nicht mehr hinter die Zähne … Und ich kriege einen dicken Hals, nicht nur kölsch-mental, die Schilddrüse läuft Amok. Immer noch lautet die Diagnose: Stress, zu viel Arbeit. Wechseljahre … Wechseljahre …

Make-up soll es richten

Sechs Romane und 160 Paar Schuhe später bitte ich in der Parfümerie um ein Camouflage-Make-up, um mir wenigstens für meine Lesungen ein präsentables Gesicht aufzumalen. Schließlich erwartet das Publikum Edda Minck mit ihren lustigen Krimis und nicht Quasimoda. Bei Veranstaltungen fotografiert zu werden löst bei mir mittlerweile akuten Fluchtinstinkt aus. Doch so richtig bitter wird’s im Sommer 2010: Eine Grafikerin, mit der ich tags zuvor persönlich gearbeitet habe, ist nicht davon zu überzeugen, dass mein Kollege mein Pressefoto (von 2008), das sie braucht, bereits per E-Mail geschickt hat. Kollege schickt es noch einmal, Grafikerin ruft zurück und platzt heraus: „Aber das ist doch nicht die Frau, die gestern da war.“ Natürlich nicht, die Frau, die gestern da war, hat sich einen Sack über den Kopf gezogen und Quartier im Keller bezogen.

Wenige Wochen danach sitze ich mit einer Blasenentzündung bei einer Urologin. Ich verweise auf geschwollene Füße, Hände, Kopf … und murmele: „Niere?“ Sie guckt mir ins Gesicht, nimmt meine Hände und betastet die Haut an meinen Armen. Dann sagt sie: „Es gibt einen Namen für das, was Sie haben, und das hat gar nichts mit den Nieren zu tun.“
„Ach?!“
„Akromegalie.“
„Sie klingen wie Doktor House“, sagte ich. „Den werden Sie auch brauchen“, gibt die Ärztin zurück. „Die Krankheit wird durch einen Gehirntumor hervorgerufen, der Wachstumshormone ausschüttet. Im Erwachsenenalter können aber nur noch die äußeren Extremitäten wachsen, nicht die langen Röhrenknochen, daher die Veränderungen an den Füßen und so weiter.“

Doofe Röhrenknochen

Bevor ich das richtig begreifen kann, habe ich Überweisungen für die Endokrinologie und ein MRT in der Hand. Und denke nur: doofe Röhrenknochen. Statt Modelmaße nur Bigfoot. Als es ein paar Tage später amtlich ist, Hypophysentumor, warte ich auf den Schock, den eine solche Diagnose normalerweise auslöst – er stellt sich nicht ein. Zu groß ist meine Erleichterung, endlich zu wissen, was ich habe. Aus dem Hypochonder ist ein Fall für den Neurochirurgen geworden. Der Störenfried muss raus, sonst drohen Diabetes, Schilddrüsenprobleme und eine Lebenszeitverkürzung von etwa zehn Jahren. Dabei habe ich für einen Krankenhausaufenthalt gar keine Zeit! Die Lesesaison ist in vollem Gange, mein neues Buch erscheint, Premierenlesung, Pressetermin … Als Freiberufler hat man nicht krank zu sein. Ich schlage immerhin zwei Monate Wartezeit raus, ohne den Chirurgen gegen mich aufzubringen. Nach acht Jahren kommt es jetzt auf zwei Monate auch nicht mehr an.

Ich mache nun meine Arbeit und bereite nebenbei alles für ein Worst-Case-Szenario vor, von dem ich hoffe, dass es nie eintreten wird. Statt Patientenverfügung, Organspendeausweis und Testament würde ich lieber ein Buch schreiben und bin empört: krank sein und dabei scheiße aussehen. Das ist nicht Hollywood! Die Tränen kommen mir aber erst beim Gedanken an meinen Hund Herrn Schröder. Was wird aus der kleinen Pelzwurst, wenn ich als Gemüse oder gar nicht mehr aufwache?

Das Gehirn bleibt da

Ich glaube daran, dass Information eine gute Medizin gegen Angst ist und erfahre über das Internet alles, was ich zu Operation und Krankheitsverlauf wissen muss. Leider aber auch, dass es eine Frau gegeben hat, die im fortgeschrittenen Stadium der Akromegalie zum Schlafen ihre Zunge aufs Kissen legen musste. Dagegen erhebt mich die Information, dass schon Pharao Echnaton unter Akromegalie gelitten haben soll, in einen exklusiven Zirkel. Die beschriebene OP-Methode mutet auch alt-ägyptisch an: durch die Nase. So haben einst die Einbalsamierer im Tal der Könige das Hirn entfernt.

Ein Telefonat mit dem Chirurgen klärt mich auf: Er verspricht, mein Gehirn zu lassen, wo es hingehört. Auch stellt er in Aussicht, dass die hormon-bedingten Weichteil-Schwellungen wieder zurückgehen werden. An der Schuhgröße wird sich allerdings nichts ändern.

Mäßig beruhigt mache ich mich mit meiner besten Freundin auf den Weg nach Hamburg. Nach diesem Herbstmarathon habe ich, kaum dass ich das Uni-Krankenhaus betrete, so absurd es auch klingen mag, ein Gefühl von Urlaub. Das Stationstelefon der Neurochirurgie klingelt Vertrauen erweckend mit der Melodie von „Emergency-Room“. Am Abend vor der OP gucke ich „Dr. House“ im TV. Gott sei Dank kein Gehirn-Thema.

Mittwoch: Kaum aus der Narkose erwacht, der schreckliche Gedanke: Der Arzt hat gar nichts gemacht. Ich habe ja keine Schmerzen! Es war bestimmt inoperabel! Kaum gedacht, tritt Dr. Edward-mit-den-Scherenhänden an mein Bett und berichtet, dass der Tumor komplett entfernt ist und die bösen Hormonwerte wie erwartet in den Keller rauschen. Meine beste Freundin moniert, dass ich gar keinen Kopfverband habe und für ein Mumienfoto leider nicht tauge. Am Samstag schon bekomme ich meine Entlassungspapiere.

Keine drei Tage später sind Quasimodas Tränensäcke fast verschwunden, auch die Nase ist deutlich schmaler. Die ärztliche Anweisung, ein paar Wochen lang auszuruhen, befolge ich gern. Viel schwerer ist es, keine Schmähungen an die Meisterdiagnostiker der letzten Jahre zu schicken: „Nicht alles, was eine Frau über 40 hat, sind Wechseljahre, Ihr Schlaumichel!“ Stattdessen gehe ich zum Winterschlussverkauf. Das hat der Chirurg nicht verboten, und in Schuhgröße 40/41 gibt es viel bessere Schnäppchen als in 37/38. Schwacher Trost. Aber alles, was zählt, ist: Bigfoot hat’s überlebt.

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