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Kosmetik

Wie bio ist Naturkosmetik?

Für viele Menschen ist Naturkosmetik gleichbedeutend mit „bio“. Doch nicht alle Zutaten in Naturkosmetika stammen aus Ökoanbau. Bei manchen geht das auch gar nicht.

31.08.2008 vonLeo Frühschütz

Wer liest schon frühmorgens unter der Dusche die Zutatenliste seines Duschgels? Hauptsache, es ist bio, riecht schön zitronig, macht sauber und munter. Frisch geduscht und trocken gerubbelt schauen wir dann doch mal nach: Die „Saubermacher“ heißen Coco Glucoside und Sodium Cocoyl Glutamate. Hört sich nicht sehr bio an. Da klingen die deutschen Bezeichnungen Kokostenside und waschaktive Aminosäuren schon natürlicher. Doch bio sind sie nicht.

Andere Zutaten auf der Liste, wie der Aloe-vera-Saft, tragen ein kleines Sternchen: „* aus kontrolliert biologischem Anbau.“ Am Schluss der Liste hat der Hersteller des Duschgels zusammengezählt: 100 Prozent Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs, 17 Prozent Inhaltsstoffe aus kontrolliert biologischem Anbau.

Das Beispiel zeigt, dass Naturkosmetik nicht gleich bio ist, es oft auch gar nicht sein kann. Die waschaktiven Tenside in Duschbädern und Shampoos werden aus natürlichen Rohstoffen wie Kokosfett oder Maisstärke hergestellt. Das ist ein technisch aufwendiger, chemischer Prozess. Solche pflanzlichen Tenside produzieren nur wenige Firmen in großen Mengen. Die Rohstoffe stammen vom Weltmarkt, eine eigene Bioproduktion existiert nicht.

Wichtiger Rohstoff für Seifen, Tenside und Emulgatoren ist Palmöl. Seit 2002 erarbeitet ein „Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl“ Kriterien für eine nachhaltige Produktion. Doch viele Umweltorganisationen kritisieren diese Standards als zu lasch. An diesem Runden Tisch würden auch Palmöl-Lieferanten sitzen, die in Entwaldung verstrickt seien, schreibt Greenpeace und bezeichnet ihn als „Feigenblatt“.

Bio-Alternative nicht verfügbar

Ähnliches gilt für die Vielzahl an Emulgatoren, die in Cremes und Bodylotionen Öl und Wasser zusammenhalten. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe an isolierten Einzelsubstanzen, die aus natürlichen Rohstoffen gewonnen werden. Zum Beispiel Sorbitol aus Maisstärke oder Glyzerin aus Rapsöl. Beide Zutaten halten Cremes feucht. Mineralische Rohstoffe für beispielsweise Farbpigmente, Wasch­erde oder Zahnpasta gibt es sowieso nicht in Bioqualität. Denn sie stammen nicht aus der Landwirtschaft.

Neben solchen Inhaltsstoffen gibt es auch viele wenig verarbeitete pflanzliche Zutaten. Dazu zählen die pflanzlichen Öle, die duftenden ätherischen Öle sowie Heilkräuter. Diese werden in Öl oder in Wasser-Alkoholmischungen eingelegt. Solche Auszüge bilden die Basis von Lotionen, Cremes oder Massageölen. Häufig setzen Naturkosmetikhersteller auch Extrakte ein. Dabei werden die Wirkstoffe mithilfe natürlicher Lösungsmittel wie Kohlendioxid aus den Heilpflanzen gewonnen. Ein Teil der Pflanzen stammt aus ökologischem Anbau, aber nicht alle. Das kann daran liegen, dass es diese Pflanzen in Bioqualität nicht oder nicht in ausreichender Menge und Qualität zu kaufen gibt. Ein Grund kann auch sein, dass einem Hersteller die Biovariante zu teuer ist. Selbstverständlich werden auch solche konventionellen Bestandteile auf Pestizide und andere Rückstände überprüft.

Siegel für Naturkosmetik

Das BDIH-Logo für „kontrollierte Naturkosmetik“ hilft den Verbrauchern in puncto Bioanteil nur bedingt weiter. Zwar steht in den Richtlinien der Grundsatz, dass die pflanzlichen Rohstoffe „soweit möglich“ aus Bioanbau oder kontrollierter Wildsammlung stammen sollen. Doch konkret vorgeschrieben ist die Bioqualität nur für einige Öle wie Soja, Sonnenblume, Olive und Sesam sowie für einige Heilkräuter, zum Beispiel für Ringelblume, Kamille, Rosmarin oder Salbei. Eine Kennzeichnung der Biozutaten schreibt der BDIH allerdings nicht vor. Zwar machen dies die meisten Hersteller inzwischen, doch bei den Branchenführern Dr. Hauschka und Weleda sucht die Kundin das Ökosternchen zum Beispiel vergeblich.

„Bei Ernteausfällen kann es vorkommen, dass wir einen Rohstoff nicht immer zu 100 Prozent in Bioqualität erhalten“, begründet Weleda-Pressesprecherin Sonja Dambach die fehlende Auszeichnung. „In diesem Fall müssten wir dann die Auslobung auf den Packmitteln entsprechend ändern, was mit sehr viel Aufwand verbunden ist.“

Das zweistufige französische Ecocert-Logo für Naturkosmetik schreibt vor, dass mindestens 50 beziehungsweise 95 Prozent der pflanzlichen Stoffe aus Bioanbau stammen müssen. Andererseits erlaubt es bis zu fünf Prozent an chemisch-synthetischen Zutaten, die beim BDIH-Logo ausgeschlossen sind. Das Ecocert-Logo ist auch auf einigen Naturkosmetik-Produkten im Bioladen zu sehen. Die in Italien und Großbritannien üblichen Logos von AIAB und Soil Association sind hierzulande hingegen noch wenig verbreitet.

Wie viel Bio steckt drin?

Einige kleine Hersteller lassen sich die Bioqualität ihrer pflanzlichen Zutaten von den Anbauverbänden Demeter oder Naturland bestätigen oder von Öko-Kontrollstellen wie Lacon. In der Regel gilt dabei wie bei Lebensmitteln, dass 95 Prozent der pflanzlichen Rohstoffe aus ökologischem Anbau stammen müssen.

Im Juni 2008 haben BDIH, Ecocert und andere europäische Naturkosmetik-Zertifizierer einen harmonisierten Standard vorgestellt. Das Basisniveau entspricht in etwa dem des BDIH. Zusätzlich soll der Anteil pflanzlicher Rohstoffe in Bioqualität angegeben werden. Doch wollen die Beteiligten jeweils ihr eigenes Logo behalten.

Neues Logo ab Herbst 2008

Den großen deutschsprachigen Naturkosmetik-Herstellern reicht das nicht. Sie sind in allen europäischen Ländern vertreten und wollen einheitliche Regeln statt vieler Logos auf ihren Verpackungen. Die Unternehmen haben deshalb den europäischen Branchenverband Natrue (Logo siehe Seite 61) gegründet, eigene Standards erarbeitet und diese im Mai vorgestellt. Sie sehen drei Niveaus vor: Stufe 1: Naturkosmetik, Stufe 2: Naturkosmetik mit Bioanteil, Stufe 3: Biokosmetik.

Die erste Stufe entspricht in etwa den BDIH-Kriterien. Bei den beiden höheren Kategorien ist ein Bioanteil der Naturstoffe von 70 und 95 Prozent vorgeschrieben. Dabei unterscheidet Natrue zwischen wenig verarbeiteten Naturstoffen wie Extrakten und naturnahen Stoffen. Dazu zählen Tenside, Emulgatoren und andere Zutaten, die durch eine chemische Verarbeitung pflanzlicher Rohstoffe hergestellt werden.

Für die einzelnen kosmetischen Produktgruppen schreiben die Natrue-Standards als einzige Mindestgehalte an Naturstoffen und Maximalgehalte an naturnahen Stoffen vor. Die Natrue-Mitglieder wollen ihre Kriterien samt Logo als den europäischen Naturkosmetik-Standard durchsetzen. Erste Produkte mit dem Logo sollen diesen Herbst in die Regale kommen.

Auch wenn Naturkosmetik nicht gleich bio ist, so hat sie doch viele Vorteile. Sie kommt beispielsweise ohne Erdölchemie aus und verzichtet auf zahlreiche problematische Inhaltsstoffe wie synthetische Farb- und Duftstoffe.

„Bio“ nicht geschützt

Der Begriff „Bio“ ist bei Kosmetik nicht geschützt. Deshalb muss man genau hinschauen. Es gibt beispielsweise konven­tionelle Produkte, die eine einzige Biozutat groß im Namen herausstellen, das Gesamtprodukt jedoch größtenteils aus Erdölchemie besteht. Diese versteckt sich hinter Begriffen wie Paraffine und Silikone.

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