Unser Freund, der Hunger - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Unser Freund, der Hunger

Fasten © picture alliance/Foodcollection
Tee, Wasser, Gemüsebrühe – wer ein paar Tage auf feste Nahrung verzichtet, setzt Selbstheilungskräfte frei.
© picture alliance/Foodcollection

ERNÄHRUNG Fasten ist wirksamer als manche Pille. Bekannte Fastenärzte erklären, wieso der freiwillige Nahrungsverzicht gesünder macht. Rebecca Sandbichler

Keine Süßigkeiten, kein Alkohol, kein Social-Media-Konsum – in der Fastenzeit verzichten christliche Menschen auf so manches Laster. Aber auch immer mehr Nicht-Gläubige: Seit 2012 sei der Anteil der Fastenwilligen von 15 auf 59 Prozent der Befragten angestiegen, besagt eine Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit.

Was diese Menschen jedoch nie gefragt wurden: „Wollen Sie gänzlich auf Nahrung verzichten?“ Dabei wäre nicht nur weniger Fleisch oder Alkohol, sondern sogar eine konsequente Essenspause ein gesundheitlicher Gewinn. Mediziner mit Erfahrung in Naturheilkunde empfehlen das Fasten aufgrund von Forschungsergebnissen sogar Kranken – als ein hochwirksames Mittel gegen viele Leiden unserer übersättigten Gesellschaft. Von Bluthochdruck und Migräne, über Arthrose und Rheuma, bis hin zu Diabetes reicht die Liste der Beschwerden, die man mit einem freiwilligen Verzicht auf Nahrung nachweislich lindern kann.

Eine Pause für den Körper

„Wie neugeboren durch Fasten“ verspricht gar der millionenfach verkaufte Bestseller des mittlerweile 90 Jahre alten Fastenarztes Hellmut Lützner. Für Gesunde wirke schon eine kurze Kur von fünf Tagen wie ein Wundermittel. „Indem der Körper fastet, spart er sich die Verdauungsarbeit, die etwa 30 Prozent des Energieaufwands beansprucht“, so Lützner. So geben wir ihm Kraft für die innerliche Heilarbeit.

Die Zeit ohne Nahrung sei ein „tiefer Eingriff in den Stoffwechsel“ und eine mehrwöchige Fastenkur in einer Klinik wirke gar wie eine „Operation ohne Messer“, schreibt der Experte für
Naturheilkunde: „Jede Zelle in jedem Organ wird erreicht, jedes kleinste Blutgefäß, jeder noch so entfernte Winkel im Bindegewebe, in dem sich Krankheitsstoffe abgelagert haben könnten.“

Was Lützner unter anderem meint, ist die sogenannte Autophagie, die Selbstverzehrung der menschlichen Zellen, für deren Erforschung der japanische Biologe Yoshinori Ohsumi im Jahr 2016 den Medizin-Nobelpreis erhalten hat. Kaputte Zellbestandteile werden dabei zerlegt und neu aufgebaut – was schwere Störungen wie Krebs verhindere. Beim Fasten wird die Autophagie besonders angekurbelt, da der Körper ohne Nahrung erst fehlerhafte Eiweißstrukturen umwandelt, bevor er wertvolle Muskeln angreift.

Großputz bis in die Zellen

Was so manches Frauenmagazin als Entschlackung bezeichnet, ist somit eher ein Großputz bis in die Zellen. „Schlacken als solche gibt es medizinisch nicht“, erklärt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin. „Aber viele Menschen verstehen mit diesem Begriff viel besser, was beim Fasten im Körper passiert.“ Als Arzt an einer universitären Klinik ist er kein Freund von zusätzlichen Mittelchen und Spülungen, die als „Detox“ verkauft werden. „Fasten ist als Methode einfach, billig und unkompliziert“, sagt Michalsen. Um freigesetzte Problemstoffe während der Fastenzeit besser aus dem Körper zu leiten, empfiehlt er, lieber mit etwas Sport den Atem zu beschleunigen. „Beim Ausatmen stoßen Sie überschüssige Säure aus.“

Für Naturfreunde seien fachkundig begleitete Fastenwanderungen darum eine gute Möglichkeit, Kilos zu verlieren und gleichzeitig Muskelmasse zu bewahren. Der Vorteil: „Fasten macht in der Gruppe mehr Spaß“, findet Michalsen. Auch an Volkshochschulen könne man Kurse machen, oder man hole sich Hilfe von einem Fastenberater.

Deren Methoden sind unterschiedlich: Nach dem Fasten-Pionier Otto Buchinger nimmt man statt fester Nahrung verschiedene Kräutertees, Mineralwasser, frische Säfte und Gemüsebrühe zu sich. Während der F.X.Mayer-Kur können auch trockene Semmeln und Milch auf dem Speiseplan stehen. Ob Haferschleim oder 
Rohkost einem beim Fasten helfen, ist wohl auch Typsache. „Eine obere Grenze von 500 Kilokalorien am Tag ist aber üblich, weil der Körper sonst nicht an seine Fettreserven geht“, so Michalsen.

In seinem Bestseller „Heilen mit der Kraft der Natur“ beschreibt der Arzt viele natürliche Methoden, mit denen man den Körper aktiv unterstützen kann – und die man später am besten gleich beibehält: schonende Bewegung an der frischen Luft, ausreichend Schlaf, Wechselduschen und warme oder kalte Wickel je nach Bedarf. Doch auch Übungen für den Geist helfen: Yoga und Meditation reduzieren eventuelle Stressgefühle, die der Hunger in den ersten Tagen verursachen kann.

Der spirituelle Gewinn des bewussten Nahrungsverzichts sei überhaupt groß, findet der Experte für Naturheilkunde: „Fasten ist eine einschneidende Erfahrung von Selbstwirksamkeit, es bringt die Einsicht und Motivation, das eigene Leben zu verändern.“ Sogar ein regelrechtes Fastenhoch ab dem dritten oder vierten Tag sei üblich.

Aber obwohl viele dann glauben, für immer weiterfasten zu können, sollte man beim privaten Fasten laut Hellmut Lützner spätestens am sechsten Tag wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Mehrere Aufbautage mit einer schonenden Kost sind wichtig, um den Körper wieder ans Essen zu gewöhnen.

Fasten können fast alle

Menschen, die das Fasten gezielt als Therapie einsetzen wollen und regelmäßig Medikamente einnehmen, sollten allerdings nur unter ärztlicher Überwachung fasten, sagt Michalsen. Bis auf Schwangere, Kinder oder Menschen mit Essstörungen sei ein Nahrungsverzicht von einigen Tagen ansonsten für die meisten von uns absolut unproblematisch. „Dass wir ständig Lebensmittel zur Verfügung haben, ist selbst für unsere Wohlstandsgesellschaft relativ neu. Der menschliche Körper ist genetisch darauf ausgerichtet, sehr lange
Hungerperioden mit den eigenen Reserven zu überstehen“, so Michalsen. Worauf wir genetisch nicht ausgerichtet seien: zu viel Nahrung. 

Fasten © shutterstock
© shutterstock

14 Stunden ohne Essen wirken Wunder

Fasten für zwischendurch

„Intermittierendes Fasten“ heißt der regelmäßige Nahrungsverzicht für den Alltag. Schon 14 Stunden ohne Mahlzeit wirken Wunder: Nachdem das letzte Glykogen aus der Leber verbraucht wurde, muss der Körper an seine Fettreserven heran, um Nahrung fürs Gehirn zu erzeugen. Dabei entstehen sogenannte Ketonkörper, die Alterungsprozesse lindern. „Von der Ratte bis zum Rhesusaffen wurde schon an unzähligen Tierarten direkt untersucht, dass Nahrungspausen das Leben verlängern“, sagt der Fastenexperte Andreas Michalsen. Am besten erweitere man die natürliche Essenspause im Schlaf um ein paar Stunden: Er selbst lässt meist das Frühstück aus, da ihm das Abendessen mit der Familie besonders wichtig ist. „Man muss eben sehen, wie man das Fasten am besten in seinen Alltag integriert.“ Mindestens vier Stunden Pause solle man seiner Verdauung aber immer gönnen: „Die Empfehlung zu den vielen, kleinen Mahlzeiten ist längst überholt.“

Mehr zum Thema:

Unsere Grünen Seiten zeigen Fastenmöglichkeiten: Heilfasten, Basenfasten, Fastenwandern ...

www.ugb.de Infos rund ums Fasten vom Verein für unabhängige Gesundheitsberater.

www.fastenzeit.com Hier gibt‘s einen Überblick über Fastenmethoden

Lützner, Hellmut:
Wie neugeboren durch Fasten.
Graefe und Unzer Verlag, 2013,
128 Seiten, 12,99 Euro

 

 

 

Michalsen, Andreas:
Heilen mit der Kraft der Natur.
Insel Verlag, 2017,
304 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in Ausgabe 02/2018

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'