Gesunde Wohn(t)räume - Schrot und Korn

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Gesunde Wohn(t)räume

Einen Großteil unserer freien Zeit verbringen wir in geschlossenen Räumen. Um so wichtiger ist es, dass Möbel und Baustoffe die Raumluft so wenig wie möglich belasten. Und: Sinnvoll wohnen kann durchaus auch sinnlich sein.

Die Kindertagesstätte „Am Blütenanger“ ist ein hübsches Holzfertighaus. Statt tobender Kinder tummeln sich hier jedoch Handwerker, denn der Neubau ist formaldehydverseucht. Die Quellen für das allergie- und möglicherweise krebserregende Reizgas sind vielfältig. Im Verdacht stehen auch Spanplatten, aus denen das Atemgift noch nach Jahren ausströmen kann. Eine Ausnahme? Mitnichten. Aus Baustoffen, Möbeln und Wohntextilien entweichen die verschiedensten chemischen Substanzen. Dazu kommen Emissionen vom Heizen oder Rauchen und Verunreinigungen durch Pilze oder Allergene.

Sensibilität steigt

Belastungen in Innenräumen rufen wesentlich häufiger Gesundheitsstörungen hervor als schlechte Außenluft. „Wenn es für Zimmerluft klare und verbindliche Schadstoff-Grenzwerte gäbe, müssten 10 Prozent der Wohnungen in Deutschland evakuiert werden“, so Prof. Henning Rüden, Hygieniker der TU Berlin. In den letzten Jahren entstanden viele umweltmedizinische Beratungsstellen, die nach Zusammenhängen zwischen gesundheitlichen Beschwerden und Umwelteinflüssen suchen. Eine Therapie erfolgt in der Regel beim Hausarzt. Aber: Nicht jeder wird gleich krank, wenn Lösungsmittel oder andere Chemikalien in der Luft liegen. Dem Einen machen große Konzentrationen nichts aus, dem Anderen bereiten Schadstoffe schon in kleinsten Mengen Kopfschmerzen. Sicher ist allerdings, dass Kinder, alte und kranke Menschen empfindlicher reagieren als gesunde Erwachsene.

Neben „greifbaren“ Schadstoffen, stören auch immer mehr elektrische bzw. elektromagnetische Wellen und Felder das Wohlbefinden. Sie treten bei elektrischen Geräten und Leitungen auf, ohne dass man sie wahrnehmen kann. Bei manchen Menschen rufen sie jedoch Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Konzentrationsmangel, Schlafstörungen und sogar chronische Schmerzen hervor. Eine direkte Erklärung für die Folgeerscheinungen des Elektrosmogs gibt es noch nicht. Dass aber ein Zusammenhang existiert, räumen die meisten Wissenschaftler ein. Vor allem im Schlafzimmer sollten netzbetriebene Elektrogeräte während der Nacht ganz vom Netz getrennt werden. Ein Netzfreischalter koppelt den ganzen Raum vom Netz ab, sobald das letzte Gerät abgeschaltet ist.

Alternativen suchen

Was der Gesundheit schadet, hat meist auch Auswirkungen auf die Umwelt. Ein Beispiel: Lösungsmittel aus Farben können Kopfschmerzen hervorrufen. Gelangt Farbe in die Toilette, belastet das auch die Gewässer. Ob Lacke, Tapeten oder Polstermöbel, zu vielen konventionellen Produkten gibt es inzwischen eine natürliche Alternative. Etwa Farben im gut sortierten Naturwarenhandel, Baustoffe in Öko-Baumärkten und Möbel in ökologischen Einrichtungshäusern. Öko-Siegel können die Suche nach Naturprodukten erleichtern.

Make-up für die Wände

Grundsätzlich „atmen“ Wände besser, wenn man sie nicht luftdicht zuklebt. So entsteht ein positives Raumklima mit geringer Schimmelgefahr. Als Tapeten eignen sich Raufaser oder unbedruckte Papiertapeten ohne PVC, Glasfasern und Acrylate. Tapeten mit Ökosiegeln sind schadstoffkontrolliert und ohne optische Aufheller. Sie bestehen aus Zellulose und Holzspänen und werden oft durch Papierrecycling hergestellt. Um die Tapete anzubringen, reicht in der Regel ein normaler Zellulosekleister. Konventionelle Hersteller versetzen ihren Kleister oft zusätzlich mit Kunstharzen auf Erdölbasis, um die Klebkraft zu erhöhen. Nicht so bei den ökologischen Produkten. Bei ihnen geht es zudem auch ohne chemische Konservierungsmittel. Angebrochener Kleister muss halt rasch verbraucht werden.

Stärker oder weniger deckend? Anstelle von Dispersionsfarben haben sich für den Anstrich im Öko-Haus umweltfreundliche Naturfarben ohne organische Lösungsmittel bewährt. Und weil weiß nicht gleich weiß ist, stehen Kalk-, Leim-, Kasein- oder Silikatfarben zur Wahl. Mancher mag das leuchtende Weiß von Kaseinfarbe, mancher wird eher den matten Kreideton von Leimfarben bevorzugen. Andere schaffen sich ihr persönliches Ambiente mit getönten Farben. Diese enthalten Pigmente zum Färben und Harze zum Binden. Als Farbstoffe können natürliche Erden, Naturasphalt, Kreide oder Pflanzenfarben dienen. Das bunte Spektrum reicht von ockergelb bis ultramarin, von orangerot bis aprikot. Öle, wie Orangen- oder Terpentinöl, oder einfach Wasser machen die Farbe streichfähig. Da Naturfarbenhersteller die Inhaltsstoffe meist vollständig deklarieren, können empfindliche Menschen erkennen, ob das Produkt potentiell allergene Stoffe, wie zum Beispiel Terpene, enthält.

Auch wenn Naturfarben in der Regel geruchsarm sind, kann Frischluft beim Pinseln nicht schaden.

Soll es Lack sein, oder reicht eine Lasur?

Ungiftige Lacke auf Naturharzbasis schützen Holz vor Feuchtigkeit, Schmutz und Abnutzung. Statt auf gesundheitsschädliche Acrylate greifen die Hersteller auf pflanzliche Terpene als Lösungsmittel zurück. Andere setzen stattdessen Isoaliphate ein, die als gesundheitsverträglichstes Lösungsmittel gelten, bisher jedoch aus Erdöl hergestellt werden.

Lasierte Flächen versiegeln den Untergrund nicht und die Maserung bleibt erhalten. Für weniger beanspruchte Flächen eignen sich Holzöle, -wachse oder ein Firnis aus Leinöl. Unbehandeltes Holz wird meist erst geölt und dann gewachst.

Auf dem Boden der Tatsachen

Ähnlich wie bei den Wänden, stellt der Bodenbelag eine Grundsatzfrage dar: Teppich oder Alternativen wie Holz, Kork, Keramik? Teppiche in guter Naturfaserqualität laden sich nicht elektrostatisch auf und haben keinen Teppichrücken aus PVC-Kunstschaum. Warme Wollteppiche werden oft mit Mottenschutzmittel versehen. Das es aber ohne geht, zeigen die alternativen Wollteppiche. Ein Tipp: Auch einige Tropfen duftendes Lavendelöl auf dem Teppich vertreiben Motten. Bodenbeläge aus Kokos oder Sisal kommen grundsätzlich ohne Mottenschutz aus.

Und auch mit Kork lässt sich ein Raum stilvoll gestalten. Die Beläge aus gepresster Borke der Korkeiche gibt es als Fliesen und Parkett in mehr als 800 Farbversionen. Sie sind wärme- und schallisolierend, verrottungsfest und schädlingsabweisend. Gesundheitlich unbedenklich sind Korkfußböden ohne Versiegelung.

Fällt die Entscheidung für einen Holzfußboden, bietet sich Parkett an. Empfehlenswert ist Massivholz-Parkett, weil es kein oder nur wenig Formaldehyd und keine Isocyanate aufweist. Auf dem Markt wird es zunehmend durch Fertigparkett verdrängt, das bereits zu Platten zusammengefügt ist. Fertigparkett sollte wegen der Lösungsmittel nicht geklebt, sondern vernagelt oder „schwimmend“ verlegt werden. Das populäre Laminat besteht übrigens zum großen Teil aus Kunststoff mit Oberflächen aus Kunstharz, die sich elektrostatisch aufladen können.

Wohlgefühl beim Wohngefühl

Wo der Öko-Check drinnen stimmt, sollte auch die bauökologisch sinnvolle Hülle nicht fehlen. Zum Beispiel ein Holzhaus aus einwandfreien Baumaterialien oder mit Photovoltaik-Anlagen als Stromlieferant. Immer mehr Menschen legen bei ihren Plänen Wert auf energiesparende Konzepte. Viele entscheiden sich daher für ein Öko-Fertighaus mit Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung und Anlagen zur Regenwassernutzung. Eine gute Wärmedämmung sorgt hier für ein behagliches Umfeld. Oft wird die so genannte Holztafelbauweise angewandt: Dabei füllt ein Dämm-Material den Hohlraum zwischen äußeren Holzplatten und innenliegendem Gipskarton. Bei gleicher Wirkung sind solche Bauelemente dünner als gedämmte Ziegelmauern. Ökologisch orientierte Hersteller verzichten auf Styropor oder künstliche Mineralfasern und dämmen stattdessen mit Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen. Zellulosefasern oder Holzfaserplatten sind zum Beispiel feuchtigkeitstolerant und lassen sich gut verarbeiten. Die Firmen entwickeln aber auch weitere Ideen, wie etwa Füllungen aus Hobelspänen, die in Molke und Soda getränkt sind.

Energieeinsparung im Gebäudebereich ist ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich vernünftig und technisch machbar. Die neue Energieeinsparverordnung 2002 stellt hier eine politisch wichtige Maßnahme dar – sie macht im Neubau das 7-Liter-Haus zum Standard, erhöht die Anforderungen bei Änderungen im Gebäudebestand und forciert den Austausch veralteter Heizkessel. Die Öko-Baubranche konzentriert sich auf so genannte Niedrigenergiehäuser, die als „3-Liter-Aktiv-Häuser“ die gesetzlichen Vorgaben deutlich unterschreiten. Beim Passivhaus als Weiterentwicklung des Niedrigenergiehauses kann ein komfortables Innenklima sogar ohne ein aktives Heizungs- und Klimatisierungssystem erreicht werden. Neben verbesserter Wärmedämmung, setzt man dabei auf passive Solarenergienutzung, Einsatz von Solarkollektoren und Lüftungsanlagen.

Für Übersicht auf dem Fertighausmarkt sorgen mehrere Gütegemeinschaften mit einer Reihe von Siegeln. Teilweise bescheinigen die Logos eine kontrollierte Qualität der Bauteile. Bei anderen müssen die Span- und Sperrholzplatten aus naturbelassenem Holz bestehen und Grenzwerten für chemische Behandlungsmittel genügen. Beim Arbeitskreis ökologischer Holzbau (AKÖH) gibt es eine Positivliste der zugelassenen Baumaterialen – gesund für Mensch und Umwelt.

Katharina Landorff


Kleine Literaturauswahl

  • Eder, Angelika: Jetzt wohne ich gesund., Rastatt: Moewig, 2000, ISBN3-8118-1579-2
  • Gift im Wohnzimmer – Innenraumgifte., Frankfurt a.M.: Mabuse-Verl., 1995, ISBN 3-925499-84-9
  • Sabersky, Annette: Gesund wohnen., München: Gräfe und Unzer, 2000., ISBN 3-7742-3808-1

Einkauf-Tipps:

  • Die Verbraucherzentralen fanden heraus, dass die Beratung in Baumärkten meist zu wünschen übrig lässt. In ökologisch ausgerichteten Baumärkten erwartet den Kunden dagegen in der Regel eine sachlich fundierte Beratung.
  • Wenn Sie beim Einkauf gezielt nach Produkten mit Umweltsiegeln fragen, erhöhen Sie den Druck auf die Hersteller, sich zertifizieren zu lassen. Das verbessert langfristig die Qualität der Produkte.
  • Bevorzugen Sie Produkte aus reinen Naturmaterialien, die nicht durch Beschichtungen „veredelt“ wurden. Hier ist die Gefahr geringer, dass sie umwelt- und gesundheitsgefährdende Stoffe enthalten.

Schadstoff-ABC


Acrylate

synthetische Substanzen, die in Farben, Lacken, Klebern, Beschichtungen, Tapeten eingesetzt werden. Risiken: Allergien, bei Dauerbelastung Hirn- und Nervenschäden.

Formaldehyd

kommt oft in Bau- und Wohnstoffen (Spanplatten, Farben, Lacke, Kleber, Kunststoffe, Textilien) vor. Risiken: Reizt Augen und Atem-wege, kann Asthma oder Kopfschmerzen hervorrufen, im Tierversuch krebserregend.

Holzschutzmittel

Vor allem Pentachlorphenol (PCP) und Lindan sind sehr giftig. Obwohl PCP-haltige Holzschutzmittel in Innenräumen seit 1986 in Deutschland verboten sind und Lindan weitgehend durch Pyrethroide ersetzt wurde, stellt der weitverbreitete Einsatz dieser Konservierungsmittel in Altbauten immer noch ein gesundheitliches Risiko dar.

Isocyanate

als Härter eingesetzt (Kleber, Lacke, Gummi, Schaumstoff). Risiken: Schleimhautreizung, Allergien.

Polyvinylchlorid (PVC)

Umstrittenes Material in Bau- und Wohnprodukten (Bodenbeläge, Fenster, Tapeten, elektrische Geräte, Spielzeug). Risiken: Bei Produktion und Zersetzung werden krebserregende Stoffe frei.

Lösungsmittel

Aus Erdöl hergestellt werden z.B. Toluol oder Xylol. Sie werden in Farben, Lacken, Lasuren, Ölen, Wachsen, Klebern eingesetzt. Risiken: Kopfschmerzen, Unwohlsein, Allergien, Hautveränder-ungen, bis zu Schäden an Nieren, Leber, Nerven oder Hirn. Natürliche Lösungsmittel sind Citrusschalen- und Balsamterpentinöl (Allergiegefahr).


Umweltsiegel: Alles Öko, oder was?

Bei Möbeln, Wohn- und Baumaterialien müssen keine Inhaltsstoffe angegeben werden. Ökosiegel helfen bei der Suche nach gesünderen Produkten. Sie garantieren, dass die Produkte bestimmte Schadstoffe nicht oder nur ingeringen Mengen enthalten. Laminatböden, PVC-Bodenbeläge, Teppichböden aus Kunstfaser oder Schaum-tapeten werden kaum je ein akzeptables Öko-Siegel bekommen. In ihnen finden sich viele unerwünschte Chemikalien, und sie verhindern, dass sich das Raumklima selbst reguliert.

Eine Auswahl:

Empfohlen vom IBR (Institut für Baubiologie Rosenheim) zeichnet umweltschonend erzeugte und gesundheitlich unbedenkliche Baustoffe aus
Öko Control (Bundesverband ökologischer Einrichtungshäuser) kennzeichnet Möbel und Matratzen, die schadstoffgeprüft und deren Inhaltstoffe sowie Herstellung transparent sind
Teppichboden schadstoffgeprüft GuT (Gemeinschaft umweltfreundlicher Teppichboden e.V.) zeichnet Produkte aus, die unter ökologischen Gesichtspunkten hergestellt sowie schad-stoff- und emissionsarm sind
Rugmark (Rugmark/Transfair e.V.) steht für Umwelt- und Sozialverträglichkeit bei der Herstellung von Teppichen
TÜV TOXPROOF (TÜV Rheinland GmbH) steht für Bodenbeläge, Tapeten, Bauelemente, die besonders schadstoffarm sind.
Das Korklogo (Deutscher Korkverband e.V.) sichert Minimierung von Schadstoffen in Bodenbelägen und Dämmstoffen

Beratungsstellen

  • Arbeitskreis ökologischer Holzbau
    Stedefreunder Str. 306, 32051 Herford,
    Tel. 05221-347943
  • Arbeitsgemeinschaft Wohnberatung e.V.
    Adenauerallee 113, 53113 Bonn,
    Tel. 0228-264011, www.agw.de/agw/home1.htm
    Broschüren: Postfach 7005, 53070 Bonn
  • Berufsverband Deutscher Baubiologen e.V.;
    Bundesgeschäftsstelle Oberwiesenthaler Straße 18, 91207 Lauf, Tel. 09123-98 40 12
    Gesünder-Wohnen-Telefon: 0800-2001007
    www.baubiologie.net
  • Interdisziplinäre Gesellschaft für Umweltmedizin e.V.
    Bergseestraße 57, 79713 Bad Säckingen,
    Tel. 0 7761-913490, www.igumed.de
    (Anlaufstelle für Wohngift-Betroffene)
  • Katalyse Institut für angewandte Umweltforschung
    Remigiusstr. 21, 50937 Köln, Tel. 0221-944048-0
    www.katalyse.de; info@katalyse.deÖkoControl GmbH
  • Gesellschaft für Qualitätsstandards ökologischer Einrichtungshäuser mbH, Subbelrather Str. 24
    50823 Köln, Tel. 0221-5101703, www.oekocontrol.com
    (Listen mit Adressen von Naturmöbelgeschäften, Infobroschüren)

 

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Vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin der Meinung, dass einfache und ökologische Baumtaterialien, wie zum Beispiel Strohballen noch ein enormes nicht ausgeschöpftes Potential in Richtung nachhaltig und trotzdem günstig bauen bieten.