Anzeige

Anzeige

Lesen als Therapie

Lesen als Therapie © Foto: photocase/typowerk
Raus aus der Krise: Manchmal hilft dabei ein gutes Buch. © Foto: photocase/typowerk

GESUNDHEIT Bücher bringen uns zum Lachen und Nachdenken, trösten und entspannen uns. Für jedes Leiden gibt es passende Lektüre. Ana Maria Michel

Feine Knicke durchziehen die Umschläge. An den Rändern sind die Bücher, die Markus Brüggenolte aus seinem Regal holt, bräunlich verfärbt. Sie sind durch viele Hände gegangen. Der Therapeut verleiht die Bücher an Patienten. Vor allem Menschen mit psychischen Problemen kommen zu ihm. Manchmal empfiehlt der Heilpraktiker eines seiner Bücher. Zum Beispiel die Märchensammlung für Frauen mit Essstörungen. Sie soll bereits einigen Patientinnen geholfen haben.

Was man für einfache Lektüretipps halten könnte, ist eine Methode, für die es einen Namen gibt: Bibliotherapie. Brüggenolte, der Literaturwissenschaft studiert hat, arbeitet mit einer Liste von mehr als 100 Titeln, Sachliteratur und Romane, eingeteilt in Kategorien wie „Depression“, „Trauer“ oder „Trauma“.

Dichtung und Heilkunst

Seit Ende der neunziger Jahre arbeitet Brüggenolte bibliotherapeutisch. Die Methode ist allerdings viel älter. Bereits im 18. Jahrhundert verordneten Ärzte ihren Patienten Bücher. Literatur und Medizin galten als verwandte Disziplinen. Schon in der antiken Mythologie war Apoll sowohl der Gott der Dichtkunst als auch der Heilkunst.

Heute sind etwa 160 Therapeuten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Mitglied in der Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie, die vor mehr als 30 Jahren gegründet wurde. Die „Poesie“ im Namen steht nicht für die Arbeit mit Gedichten. Dieser Begriff bezeichnet die Therapiemethode, bei der die Patienten selbst schreiben sollen. Dabei kann ein vorhandener Text als Impuls dienen. Die meisten Therapeuten arbeiten sowohl mit der rezeptiven als auch mit der produktiven Methode. Die deutschen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Bibliotherapie allerdings nicht, ihre Wirksamkeit ist nicht ausreichend durch wissenschaftliche Studien bewiesen.

Nicht nur für psychische, sondern auch für körperliche Leiden wie Schmerzen oder Krebs hat Markus Brüggenolte Lektüreempfehlungen. „Kürzlich habe ich einem Lungenkranken ‚Die Kameliendame‘ von Alexandre Dumas empfohlen und Thomas Manns ‚Der Zauberberg‘“, sagt er. Das Problem oder die Krankheit des Patienten muss in den Büchern jedoch nicht direkt genannt werden. „Der Schaum der Tage“ von Boris Vian steht zum Beispiel in der Kategorie „Krebs“. „Die Protagonistin erlebt darin, wie in ihr eine Blume wächst“, sagt Brüggenolte. Er empfiehlt dieses Buch Patienten, die mit dem Thema Krebs zu tun haben, obwohl es darin nicht direkt darum geht.

Lesen verändert, aber ohne Gewähr

Brüggenolte ist bewusst, dass er die Lektüren schon allein durch seine Kategorisierung beeinflusst. Wenn ein Patient seiner Interpretation nicht folgt, nimmt er ihm das nicht übel. Und es gibt Fälle, in denen ein Buch nicht hilft: „Ich habe einem Mann, der gefoltert wurde, das FachbuchDie Narben der Gewalt‘ von Judith Herman gegeben“, sagt Brüggenolte. „Der Patient konnte es nicht lesen.“ Der Heilpraktiker riet daraufhin zu einem Buch, in dem die Situation von Folteropfern beschrieben wurde, mit denen sich der Patient weniger stark identifizieren konnte. „Das Ähnliche ist manchmal besser als das Gleiche“, sagt Brüggenolte.

Bei der Bibliotherapie geht es darum, sich verstanden zu fühlen und zu erkennen, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist. „Viele Patienten berichten von Aha-Momenten“, sagt Brüggenolte. Bibliotherapie ist zwar keine anerkannte Therapiemethode, aber sie kann dabei helfen, die eigene Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen. Doch häufig sind es die Unterschiede, die den Patienten helfen, Probleme zu erkennen und anzugehen. „Interessant wird es, wenn Bücher irritieren“, sagt Brüggenolte. „Wenn sie jemandem helfen, alte Muster hinter sich zu lassen.“ Der Therapeut glaubt, dass sich durch das Lesen etwas verändert. „Ich bin nicht mehr derselbe, wenn ich ein Buch gelesen habe“, sagt er.

Ella Berthoud und Susan Elderkin haben 2013 das Buch „The Novel Cure“ veröffentlicht, das wenig später als „Die Romantherapie“ auf Deutsch erschien. Die Autorinnen empfehlen darin 253 Bücher für ein besseres Leben. Blut-
hochdruck, Depression, das Montagmorgengefühl oder Ei auf der Krawatte: Berthoud und Elderkin kennen für jede Situation das passende Buch.

In England verschreiben Ärzte Bücher

In den USA oder Skandinavien ist Bibliotherapie weiter verbreitet als in Deutschland. In Großbritannien verschreiben Ärzte Bücher, die sich ihre Patienten in öffentlichen Bibliotheken ausleihen können. Die Londoner School of Life bietet unter dem Stichwort Bibliotherapie Beratungsgespräche an. Die Autorinnen Berthoud und Elderkin sind hier als Therapeutinnen tätig. Egal, ob man die Welt nicht mehr versteht oder einfach eine Urlaubslektüre braucht, Berthoud und Elderkin empfehlen Bücher für alle Lebenslagen. Für 100 Pfund kann man sich vor Ort oder per Telefon und Skype Lesetipps geben lassen. Für die Sitzung mit der Bibliotherapeutin gibt es sogar Geschenkgutscheine.

Manchmal kann ein Buch offenbar helfen, die eigene Situation besser zu verstehen. Wissenschaftlich ist das aber bisher nicht belegt. Entsprechend kritisch wird das Konzept von Seiten der klassischen Psychologie betrachtet. „Wenn Bücher in einer Therapie eingesetzt werden, ist es schwer, zu untersuchen, worauf genau eine Veränderung zurückzuführen ist“, sagt Stephan Mühlig, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Chemnitz. „Bücher können inspirierend wirken“, sagt Mühlig. Und Patienten könnten von den darin beschriebenen Verhaltens- oder Lösungsmodellen durchaus etwas für sich lernen.

Momentan plant Markus Brüggenolte, „Die Nacht aus Blei“ von Hans Henny Jahnn in seine Liste aufzunehmen. „Schon der Titel klingt nach Einsamkeit und Kälte“, sagt er. Der Therapeut will das Buch unter „Depression“ einordnen. Dass ein depressiver Patient noch depressiver werden könnte, wenn er diesen Roman liest, denkt Brüggenolte nicht. „Meine Patienten wissen, was auf sie zukommt.“

Stephan Mühlig sieht das kritischer: „Literatur wirkt sehr individuell“, sagt der Professor für Psychologie. Die Bücher müssten sehr gut auf das Problem und den Patiententyp abgestimmt sein. „Es gibt Fälle, in denen Patienten Informationen, die in einem Buch beschrieben wurden, auf sich bezogen, obwohl diese Informationen gar nicht auf sie zutrafen“, sagt Mühlig. Das falsche Buch könne einen Patienten erschrecken oder seine Stimmung verschlechtern. Frei von Nebenwirkungen ist die Bibliotherapie also nicht. 

 

Lesen lindert Leiden

Literarische Medizin

Das hilft beim Gesundwerden: Erst zum Arzt und dann in die Bibliothek. Dort gibt es die Lesemedizin.

Klassiker gefällig? Die Romane „Der Zauberberg“ von Thomas Mann aus dem Jahr 1924 und die „Kameliendame“ von Alexandre Dumas, 1848 in Paris erschienen, sollen Lungenkranken guttun. Wer Zahnschmerzen hat, kann es mit der Geschichte der Ehebrecherin „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi versuchen: Sie habe schon manches Weh vergessen lassen. Krebskranke könnten in der traurigen Liebes-
geschichte „Der Schaum der Tage“ von Boris Vian Trost finden.

Auch Sachbücher können viel bewirken: „Mit einem Schlag“ ist das ermutigende Buch der Hirnforscherin Jill B. Taylor, die selbst einen Schlaganfall hatte. Bei Essstörungen könne die Märchen- und Mythensammlung von Anita Johnston helfen: „Die Frau, die im Mondlicht aß“. Judith Hermans „Die Narben der Gewalt“ und „Vergiftete Kindheit“ von Susan Forward könnten dazu beitragen, traumatische Erfahrungen zu verstehen und zu überwinden.

 

Mehr zum Thema

Berthoud, Ella; Bünger, Traudl; Elderkin, Susan: Die Romantherapie. 253 Bücher für ein besseres Leben.
Insel Verlag, 2014, 431 Seiten, 10 €
Gerk, Andrea: Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur.
Rogner & Bernhard Verlag, 2015, 352 Seiten, 22,95 €

 

Erschienen in Ausgabe 05/2018

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
S.v.Haldenwang

Dass das richtige Buch heilsam sein kann, kann ich nur bestätigen. Ich habe eine Literaturapotheke, auf die ich immer wieder gerne zurückgreife. Es sind nur positve Bücher, wie z.B. Frances H. Burnett, "Der geheime Garten". Aber auch Jane Austen geht fast immer.
Ein besonders schönes neueres Buch ist von Susann Rehlein "Die erstaunliche Wirkung von Glück". Stimmt.
Herzliche Grüße und viel Spaß beim Lesen.
S.v.Haldenwang