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Kraft aus der Mitte

Körperintelligenz © Dominik Remde
Standhaft bleiben: Selbstversuch im Körperintelligenz-Training. © Dominik Remde

WOHLBEFINDEN Wer nach dem Prinzip der Körperintelligenz lebt, findet ein besseres Leben, heißt es. Wie soll das gehen? Rebecca Sandbichler

Eine zarte junge Frau steht auf einer Turnmatte. Zwei deutlich größere und kräftig gebaute Männer packen sie jeweils von hinten am Arm und wollen sie hochheben. Doch so sehr sie sich anstrengen: Die Frau bewegt sich kaum. Alle drei brechen in ungläubiges Lachen aus. „Wie war das denn möglich?“, fragt sich auch der skeptische Betrachter dieser Szene auf der Videoplattform Youtube. Hat die Frau wirklich gerade ihre „Körperintelligenz“ (KI) eingesetzt, wie es der Titel ankündigte? Und wozu soll das gut sein?

Ganz im Einklang

Ratgeber und Seminare versprechen mit Körperintelligenz-Training fast schon geistige und körperliche Superkräfte: „Indem Sie nicht kämpfen und nicht flüchten, sondern annehmen und akzeptieren, was ist, erlangen Sie die Freiheit, zu tun, was immer Sie wollen“, schreiben Dagmar Kashiwakura und Dominik Remde in ihrem Buch „Körperintelligenz nutzen“. Ihnen zufolge ist Körperintelligenz die Fähigkeit, Körper und Geist so in Einklang zu bringen, bis man kaum noch aus der Bahn zu werfen ist.

So wie die Frau im Video, aber auch im Alltag: Menschen könnten mit Körperintelligenz in stressigen Situationen komplett ruhig bleiben, im Beruf mit ihrer sicheren Ausstrahlung punkten und würden negative Beziehungsmuster auflösen, so sind die beiden überzeugt. Ihr Buch ist inzwischen ausverkauft. Die Qigong-Lehrerin und der ehemalige Kampfsportler verwenden „Körperintelligenz“ als deutsche Herleitung vom japanischen Wort Ki nicht zufällig.

Inspiriert vom Aikido

Ki hat in der friedfertigen Kampfkunst Aikido eine große Bedeutung: Das Wort stehe sowohl für den Atem als auch für Emotionen und den Willen des Menschen, erklärt der Berliner Aikido-Lehrer Max Seinsch. Für ihn hat Ki vor allem mit Technik zu tun. Gerieten wir in einem der Bereiche aus der Balance, könne uns das schwächen – das sei keine Magie, sondern eine normale Körperreaktion: „weil bestimmte Gefühle und Absichten unbewusst Muskeln im Körper aktivieren oder unwillkürlich zum Anhalten des Atems führen können.“

In den Methoden der Körperintelligenz-Trainings geht es häufig um einen achtsamen Umgang mit sich selbst und eine bewusste Körperwahrnehmung. So kommen darin Meditationsübungen vor, bei der Gedanken nur achtsam aufgenommen, aber nicht bewertet werden. Nach solch einer buddhistischen Meditationsmethode hat beispielsweise der amerikanische Hirnforscher und Psychiater Jeffrey Schwartz mehrfach Patienten mit Zwangsstörungen erfolgreich behandelt. Indem sie mit Willenskraft ihre Gedanken neu ordneten, verkleinerten sie nachhaltig jenen Bereich im Gehirn, in dem ihre Zwangsvorstellungen entstanden.

Autor und Körperintelligenz-Trainer
Dominik Remde verweist auf weitere Erkenntnisse der Neurobiologie: Spiegelneuronen im Hirn würden dafür sorgen, dass wir kleinste Zeichen unseres Gegenübers wahrnehmen und darauf reagieren, ohne es zu merken. „Ein Großteil unseres Handelns läuft vollkommen unbewusst ab“, sagt Remde. „In extremen Situationen können wir es kaum noch rational beeinflussen. Uns bleibt dann wie unseren Vorfahren vor Tausenden Jahren nur noch Kampf, Erstarren oder Flucht.“ Körperintelligenz würde dem modernen Menschen helfen, in solchen Momenten die nötige Distanz zum Geschehen zu entwickeln und umfassend handlungsfähig zu bleiben. Dafür seien jedoch Partner-Übungen unverzichtbar, sagt der Seminarleiter. „Nur durch das körper-
liche Erleben können Sie später mental den Zustand abrufen, in dem Sie sich in Ihrer Mitte befinden.“

Körperlich und geistig neutral bleiben

Doch wie kommt man überhaupt dahin, in diese Mitte? „Es ist nicht einfach, weil es ein dynamischer Zustand ist – ähnlich wie auf einem Hochseil zu gehen“, findet Buchautorin Kashiwakura. Man müsse körperlich und geistig neutral bleiben. „Wenn jemand Sie beispielsweise festhält, drücken Sie nicht dagegen, sondern nehmen Sie nur wahr, dass er da ist. Dann bewegen Sie den Arm so, als würde Sie der andere gar nicht behindern“, rät Kashiwakura. „Sie werden staunen, dass es geht.“

Christoph Marcik, Inhaber einer Installationsfirma, hat das im Seminar von Dominik Remde ausprobiert: „Obwohl mich zwei starke Kollegen mit aller Kraft festhielten, konnte ich mich ungehindert hinlegen“, erzählt er. „Es ist schwer zu beschreiben, was Körperintelligenz ist, wenn man es nicht selbst ausprobiert.“ Er jedenfalls fühle sich seit dem Seminar im Alltag weniger abgelenkt. „Ich bin entspannter im Umgang mit Kunden und Geschäftspartnern“, sagt Marcik. Bei Reklamationen oder Verhandlungen könne er sich nun besser abgrenzen und tritt überzeugend auf.

Körperintelligenz verbessere automatisch die Ausstrahlung, sagt auch Werner Ackermann: „Wenn man eine gesunde Distanz entwickelt und sich um die eigene Balance kümmert, wirkt man plötzlich sehr sicher auf Menschen“, erklärt der Augsburger Aikido-Lehrer und ehemalige Kriminalkommissar. Er führt Körperintelligenz-Seminare in seiner Aikido-Schule „Das Dojo“ und an der Uni Augsburg durch oder zeigt Lehrern, wie sie im Umgang mit schwierigen Jugendlichen erst gar keine Konflikte entstehen lassen: indem sie bei den Aikido-Prinzipien von Respekt und Achtsamkeit bleiben. „Man nimmt einen Angriff nur auf, statt ihn zu blocken und zurückzuhauen“, erklärt Ackermann. Das schone die eigene Energie: „Ganz nach dem Motto: So wenig tun wie möglich und nur so viel wie notwendig.“

Für Ackermann ist Körperintelligenz daher auch Gesundheitsvorsorge. „Viele Menschen haben sowohl im Beruf als auch im Privaten haufenweise ungelöste Konflikte, für die sie nie einen Ausgleich finden“, sagt er. „Der Geist wandert ständig ab, die Menschen erkennen die Signale ihres Körpers nicht mehr und schlafen schlecht.“ Selbst zum Burnout sei es dann nicht mehr weit. Lieber solle man sich um sich selbst kümmern, bevor es zu spät ist. „Nur so viel tun wie nötig“, betont Ackermann und schlägt genau wie alle anderen Körperintelligenz-Trainer vor: „Probieren Sie’s mal aus.“ 

Grundprinzip Achtsamkeit

Auf den Körper hören

Das Achtsamkeitsprinzip der Körperintelligenz kommt auch in anderen Gesundheitsbereichen vor.
Der Ernährungswissenschaftler Thomas Frankenbach beschreibt, wie man mit Hilfe seiner „somatischen Intelligenz“ herausfindet, welche Nahrungsmittel dem eigenen Körper tatsächlich guttun.

Das anerkannte „Focusing“ nach dem amerikanischen Psychotherapeuten Eugene Gendlin geht vom „gefühlten Sinn“ aus und nutzt die körperlichen Signale des Patienten für dessen psychologische Therapie.

Mehr zum Thema

www.aikidokan.de Kampfkunst-Lehrer Max Seinsch erklärt Grundbegriffe des Aikido.

www.dasdojo.de Kurse und Trainings in Aikido und Körperintelligenz von Werner Ackermann

www.dasgehirn.info Wissenschaftsmagazin über die komplexe Funktionsweise des Gehirns

Erschienen in Ausgabe 03/2018

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