Eingebildete Kranke? - Schrot und Korn

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Eingebildete Kranke?

Frau mit Hypochondrie
Quälende Angst vor Krankheit: Eine halbe Million Menschen in Deutschland leiden unter Hypochondrie

 

PSYCHOLOGIE Wer hinter jedem Wehwehchen Krebs vermutet, leidet möglicherweise an Hypochondrie. Die Angststörung ist relativ häufig. Sabine Lotz

Paul (19) war am Boden zerstört. „Kein Zweifel: Ich hab’ ALS!“ ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, ist eine Nervenkrankheit mit fortschreitenden Muskellähmungen, die zum Tod führt. Anfangs sitzen die Patienten im Rollstuhl, später haben sie Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen. Der Astrophysiker Steven Hawking hatte ALS. „Jetzt also ich“, dachte Paul. „Woher sonst soll das Zucken kommen? Tagelang unterm linken Auge, dann an der Zunge. Dazu die Wadenkrämpfe nachts und dass ich mich in letzter Zeit so schlimm verschlucke. Frühsymptome von ALS, wie sie im Internet stehen!“ Panisch wandte sich Paul an seine Mutter. Doch die nahm die Sache gelassen. Schließlich hatten sich bereits frühere Befürchtungen ihres Sohnes in Luft aufgelöst. Damals, als er nacheinander glaubte, Lymphdrüsen-, Lungen- und Hodenkrebs zu haben. Erst nach einer Odyssee durch eine Reihe von Arztpraxen war der 19-Jährige einigermaßen beruhigt gewesen. 

Paul heißt eigentlich anders, er ist einer von etwa einer halben Million hypochondrischen Menschen, die in Deutschland leben. Häufig tritt das Phänomen zwischen dem späten Jugend- und dem frühen Erwachsenenalter auf. Frauen trifft es übrigens genauso häufig wie Männer.

Hypochondrie ist eine schwere Angststörung. Die Betroffenen leiden Höllenqualen, doch im Volksmund gilt der Hypochonder eher als Witzfigur. Dazu tragen Prominente wie der Entertainer Harald Schmidt oder der Kabarettist Ingo Börchers bei, die mit ihren angeblichen Krankheitsängsten kokettieren. Allerdings: „Mit echter Hypochondrie hat das nichts zu tun“, sagt Professor Dr. Michael Witthöft vom Psychologischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, wo Krankheitsängste und ihre Behandlung seit vielen Jahren erforscht werden. 

Zwischen Doctor-Hopping und „Niemals-zum Arzt“

Kernsymptom der sogenannten Krankheitsangststörung, wie die Hypochondrie von Fachleuten genannt wird, ist die starke und länger als sechs Monate anhaltende Befürchtung, eine schwere Krankheit zu haben, auch wenn es dafür keine ärztliche Bestätigung gibt. Die Angst ist so stark, dass sie das ganze Dasein überschattet. Die Betroffenen können sich kaum auf ihr normales Leben konzentrieren. Sie horchen ständig in sich hinein, immer auf der Suche nach Symptomen. 

Typisch für Menschen mit Hypochondrie ist das sogenannte Ärztehopping: Weil sie keinem auf Dauer glauben, dass alles okay ist, pilgern sie von Praxis zu Praxis. Doch je ausgeprägter man Doctor-Hopping betreibt, desto mehr schwindet die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen. Also auf zu noch mehr Ärzten! – Ein Teufelskreis. Den umgekehrten Weg „Nie-mehr-zum-Arzt“ gibt es übrigens auch. Den beschreitet eine Minderheit, die Angst hat, ein Mediziner könnte ihre Eigendiagnose bestätigen.   

Viele Menschen kennen Krankheitsängste. Wer wird nicht kurz unruhig, wenn ein Bekannter oder Freund an Krebs erkrankt? Aber warum entwickeln manche Menschen eine hypochondrische Störung? Wird die Neigung vererbt? Michael Witthöft: „Allgemeine Ängstlichkeit kann teilweise angeboren sein. Wer schon als Kind besonders furchtsam war, neigt später eher zu krankheitsbezogenen Ängsten.“ Eine große Rolle spiele, wie im Elternhaus mit Gesundheit und Krankheit umgegangen wurde: „Wie haben Vater und Mutter auf Beschwerden bei sich oder den Kindern reagiert? Hieß es „Sofort zum Arzt“, oder erst mal „Das gibt sich wieder“? 

Experten sprechen von Cyberchondrie

Hypochondrie ist kein Phänomen unserer Zeit. Hypochondrische Menschen hat es schon immer gegeben. Was neu ist, ist die Möglichkeit, Krankheitsängste mit Informationen aus dem Internet zu füttern. Manche Betroffenen betreiben das so intensiv, dass Experten von „Cyberchondrie“ sprechen. „Wer ständig seine Beschwerden googelt“, so Michael Witthöft, „bekommt meist noch mehr Angst. Surft man lange genug herum, entdeckt man im Netz für jedes Symptom eine schwerwiegende Diagnose.“ Auch in anderen Medien finden sich mehr schlechte als gute Nachrichten. Im Verhalten hypochondrischer Menschen spiegelt sich das wider: Geraten Krankheiten in die Schlagzeilen, weil Promis davon betroffen sind, verzeichnen Arztpraxen mehr Patienten, die über diesbezügliche Beschwerden klagen. Das gilt auch für psychische Leiden. Psychologe  Michael Witthöft sagt: „Seit psychische Erkrankungen weniger stigmatisiert werden und sich auch  Prominente dazu bekennen, bemerken wir bei unseren Patienten eine leichte Zunahme bei der Angst, an Depression, Schizophrenie und Demenz erkrankt zu sein.“

Keine Hypochondrie ist wie die andere. Viele Krankheitsängste verschwinden von selbst wieder, andere werden chronisch oder es kommt zu Rückfällen, wieder andere lösen sich mit Hilfe einer Therapie auf. Besonders wirksam bei der Behandlung sind verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die die Gedanken und Bewertungen der Patienten positiv beeinflussen oder durch Konfrontation deren Ängste lindern. Krankheitsängstlichen, die gleichzeitig depressiv sind, können außerdem Antidepressiva gut helfen. 

Was sich in den letzten Jahren ebenfalls als hilfreich erwiesen hat, ist die von dem amerikanischen Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn entwickelte Achtsamkeitsmeditation. Wer sie regelmäßig praktiziert, kann sich leichter von Angstgedanken distanzieren.  

Krankheitsängstliche auf der Suche nach Hilfe wenden sich am besten an eine psychotherapeutische Schwerpunkteinrichtung sprich entweder an einen niedergelassenen Psychotherapeuten oder eine psychotherapeutische Klinik-Ambulanz, wie es sie an vielen Universitätskliniken gibt. 

Mehr zum Thema:

www.ich-habe-auch-angst.de 
Hypochondrie: Ein Erfahrungsbericht über Symptome und Auswege



Kelly, Christopher, Eisenberg, Marc: Muss ich jetzt sterben? Das große Nachschlagewerk – nicht nur für Hypochonder. Knaur MensSana, 2019, 368 Seiten, 19,99 Euro

 

Finck, Gabriele: Mit der Angst im Gepäck. Mondamo Verlag, 2019, 180 Seiten, 17,90 Euro

 

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