Gift liegt in der Luft - Schrot und Korn

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Gift liegt in der Luft

Gesundheit © ettyimages/ohner Images
Lacke können gesundheitsschädliche Lösemittel enthalten. Ein Blick auf die Produktdeklaration hilft weiter. © ettyimages/ohner Images

GESUNDHEIT Möbel, Wände und Fußböden dünsten oft Stoffe aus, die krank machen. Doch für saubere Luft im Wohnzimmer kann man etwas tun. Rebecca Sandbichler

Von einem Tag auf den anderen stand ein Feind in meiner Küche: Kaum saß ich am Esstisch, brannten meine Augen, lief die Nase und juckte meine Haut. In einem Anflug von Heimwerkermotivation hatten mein Mann und ich die massive Tischplatte aus Kiefer mit einem Klarlack aus dem Baumarkt neu bestrichen. Obwohl ich fast zwanghaft lüftete, dauerte es Wochen, bis ich wieder normal zu Abend essen konnte. Ich war die Einzige in der Familie, die so sensibel auf den Lack reagierte, mein Mann rollte nur noch mit den Augen, wenn ich wieder kritisch am „Stinketisch“ schnüffelte.

Doch ich bin bei Weitem nicht die Einzige, die auf sogenannte Wohngifte reagiert. „Viele Menschen empfinden ein diffuses Unwohlsein. Aber sie kommen nicht auf die Idee, dass ihre dauernde Mattheit vielleicht etwas mit den Materialien in ihrem Schlafzimmer oder am Arbeitsplatz zu tun haben könnte“, sagt Johannes Schmidt, der seit 1992 am Rosenheimer Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit als Messtechniker arbeitet und schon unzählige Wohnungen auf Schadstoffe untersucht hat.
Dabei ist sehr wahrscheinlich, dass unser Wohnklima die Gesundheit beeinflusst: Menschen in Industriegesellschaften verbringen etwa 80 bis 90 Prozent ihrer Zeit in geschlossenen Räumen. Wer annimmt, dort sei die Luft immer rein, täuscht sich leider. Denn nach einer Einschätzung der Kommission für Innenraumlufthygiene des Bundesumweltamtes sind von uns genutzte Räume in den meisten Fällen stärker mit Feinstaub und Schadstoffen belastet, als die Luft vor der Haustüre. Der Grund: Zu den Verkehrsabgasen und Rußpartikeln von der Straße gesellen sich in der Wohnung meist noch potenziell gesundheitsschädliche Substanzen, die aus Fußbodenbelägen, Wandfaben, Möbeln oder Elektrogeräten austreten. Das sind zum Beispiel Formadehyd, Weichmacher oder Lösemittel.

Ein Indiz dafür, dass in vielen deutschen Wohnungen „dicke Luft“ herrscht, lieferten die Ergebnisse einer Kinder-Umweltstudie des Bundesumweltamtes aus dem Jahr 2010. Zwischen 2003 bis 2006 wurden die Haushalte von 1790 Kindern in 150 Orten auf sogenannte „flüchtige organische Verbindungen“ in häufig genutzten Räumen untersucht. Dabei handelt es sich um chemische Substanzen in Baustoffen oder Möbeln, die schon bei Raumtemperatur in die Luft gelangen.

 

Lüften beugt vor

Schadstoff Schimmel

Mikroorganismen, die an Möbeln, an Wänden oder anderen Bauteilen wachsen, bilden Schimmel. Dazu gehören Pilze, Hefen und Bakterien, die zum Teil nur so groß sind wie das Hundertstel eines menschlichen Haares.
Das Problem: Fliegende Pilzsporen dringen in die Lunge ein und verstärken Beschwerden von Asthmakranken oder lösen Husten aus.
Am wohlsten fühlen sich Schimmel-Organismen in feuchten, schlecht belüfteten Umgebungen. Materialien wie Pappe oder Holzplatten können oberflächlich trocken sein – und doch verbirgt sich hinter Tapeten oder unter Fußböden oft großflächiger Befall. Da müssen Profis sanieren. Sichtbaren, oberflächlichen Befall kann man auch selbst mit Alkohol – und Mundschutz! – entfernen.
In seinem Leitfaden „Zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden“ empfiehlt das Umweltbundesamt vor allem: regelmäßig Stoßlüften und ausreichend Heizen.

Dämmung, Farben und Polituren belasten die Luft

Nur in rund 55 Prozent der Fälle war die Luft in den Familien-Haushalten unbedenklich, 37 Prozent der untersuchten Räume waren zu schlecht belüftet und in fünf Prozent wurden für einzelne schädliche Stoffe sogar die vom Ausschuss für Innenraumrichtwerte festgelegten Werte überschritten. Zu den häufig nachgewiesenen Schadstoffen gehörte zum Beispiel Styrol, das als Flammschutzmittel in Wärmedämmplatten vorkommt und Kopfschmerzen oder Depressionen auslösen soll. Aber auch Toluol wurde gefunden – ein Stoff in Farben und Polituren, der von Übelkeit über Hautausschläge bis Nierenschäden eine lange Liste von Nebenwirkungen hat.

Wenn Betroffene den Auslöser für solche Beschwerden in der eigenen Wohnung vermuten, können sie sich an umweltmedizinische Ambulanzen wenden, zum Beispiel am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsklinik München. „Häufig kommen Patienten mit gereizten Schleimhäuten zu uns, etwa durch Parkettkleber oder Möbel, die doch mehr Formaldehyd enthalten als gedacht“, erzählt der Direktor Dennis Nowak.

Mit ausführlichen Befragungen und Untersuchungen versuchen die Experten herauszufinden, welche Messungen in der Wohnung nötig sind oder ob andere Ursachen wahrscheinlicher sind. „Man muss bedenken, dass die Messungen von den Patienten selbst bezahlt werden müssen“, sagt Nowak.

Johannes Schmidt vom Institut für Baubiologie räumt ein, dass umfassende Untersuchungen auf Schadstoffe schnell über tausend Euro kosten können, wenn mehrere Laboranalysen angefordert werden müssen. „Es ist aber auch im ersten Schritt möglich, bei einem Ortstermin im Haus vermutliche Schadstoffquellen zu erkennen und diese zu entfernen. Das ist aber eine gewisse Erfahrungssache und eine definitive Beurteilung ist erst durch eine Laboranalyse möglich“, so der Fachmann. Zum Beispiel, wenn in der Küche ein alter PVC-Boden verlegt ist, der womöglich schon teilweise brüchig ist. „Da besteht der Verdacht, dass dieser asbesthaltig ist.“ Einen solchen Boden müsse man nicht mehr groß austesten, sondern hier sollte auf jeden Fall eine Asbestsanierungsfirma zur Entfernung beauftragt werden. PVC-Boden zu entfernen empfiehlt Schmidt auch wegen der zusätzlich noch vorkommenden kritischen Weichmacher. Die bessere, aber teurere Alternative für einen widerstandsfähigen Boden: Linoleum, es besteht zumeist aus natürlichen Materialien, wenn es im baubiologischen Fachhandel bezogen wird.

Auch in Struktur-Tapeten stecken oft Weichmacher. Da genügt Schmidt meist ein Test mit dem Daumennagel: „Kann man die Struktur leicht eindrücken, dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Weichmacher.“

Formaldehyd ist noch immer ein Problem

Auf den Problemstoff Formaldehyd trifft der Messtechniker ebenfalls häufig. „Es steckt zum Beispiel im UF-Leim, mit dem die zerkleinerten Holzspäne von Spanplatten zusammengehalten werden.“ Möbel aus solchen Spanplatten würden in der Regel über die gesamte Nutzungsdauer Formaldehyd ausgasen, erklärt Schmidt. Viele Menschen reagieren auf dieses Gas mit Kopfschmerzen, Übelkeit oder Augenreizungen. „Seit 1. April 2015 wird es in der EU als wahrscheinlich krebserregend eingestuft.“

Obwohl die erlaubten Ausdünstungen von Formaldehyd zumindest für Holzprodukte schon beschränkt wurden, sinke die Belastung auch in neuen Gebäuden nicht, sagt die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF). Sie wertete
mehr als tausend Umweltmessungen in Wohn-, Büro- und Schulgebäuden systematisch aus und fordert aufgrund der Ergebnisse eine weitere Beschränkung der Chemikalie in Baustoffen. Das Problem sei, dass es sehr viele Quellen gibt: Es kann genauso in Tapeten wie in Schaumstoffen stecken oder wird auch zur Veredelung von Wohntextilien und zum Kleben von Teppichen eingesetzt.

Für Konsumenten ist es bei der Vielzahl von giftigen Lösungsmitteln oder Weichmachern schwierig, herauszufinden, mit welchen Chemikalien ihr geliebtes Sofa oder das neue Kinderstockbett eigentlich behandelt wurden. Wer die Formaldehyd-Belastung in seinem Haushalt testen möchte, erhält beispielsweise in Apotheken Testsysteme.  
Stefan Schindele, Baubiologe beim Öko-Haus-Hersteller Baufritz, empfiehlt, sich beim Einrichten öfter auf den „eigenen Riecher“ zu verlassen: „Gehen Sie in ein Möbelhaus, öffnen Sie die Tür eines Kleiderschrankes und riechen Sie hinein. Grundsätzlich gilt: Die eigene Nase ist oftmals schon ein guter Berater.“ Siegel seien zwar eine gute erste Orientierung, aber leider nicht immer vertrauenswürdig, sagt der Baubiologe. „Wir haben festgestellt, dass zahlreiche Label wohl eher in die Kategorie Marketing fallen, statt eine solide Hilfestellung zu bieten.“

Siegel für Baustoffe

Zu den deutschlandweit bekanntesten Siegeln für gesundheitsverträgliche Baustoffe gehört der „Blaue Engel“, der unter anderem vom Bundesumweltamt herausgegeben wird. Vom Bürostuhl bis zur Wandfarbe zeichnet es Produkte aus, die Umwelt und Gesundheit möglichst wenig belasten sollen. Unter Experten gilt das Siegel grundsätzlich als vertrauenswürdig, aber zum Teil als nicht streng genug: Die Europäische Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene (EGGBI) kritisiert zum Beispiel, dass manche Grenzwerte – wie für Formaldehyd – zu industriefreundlich gesetzt würden.

Als Siegel für die Produkte im Baumarkt sei der Blaue Engel grundsätzlich eine „gute Sache“, sagt Otto Bauer vom Europäischen Verband ökologischer Einrichtungshäuser. „Er bietet den Kunden in der Masse eine gewisse Orientierung.“ Und das, obwohl Bauers Unternehmen mit dem gleichnamigen Öko-Control-Zeichen ebenfalls ein Siegel für schadstoffarme und umweltfreundliche Möbel herausgibt. Von den Kritikern bei EGGBI wird das Öko-Control-Siegel zu den vertrauenswürdigsten Auszeichnungen für Möbel gezählt, weil es den strengen Standards des unabhängigen Labors Eco-Institut entspricht. „Wir fordern von unseren Herstellern eine komplette Aufstellung aller Inhaltsstoffe“, sagt Bauer. Und Spanplatten seien von vornherein tabu.

Ausgezeichnet werden allerdings nur Möbel aus nachwachsenden Rohstoffen, die bei Öko-Möbel-Fachhändlern erhältlich sind. Deren Zielgruppe wachse zwar beständig, sei aber immer noch klein, sagt Bauer. „Wir bewegen uns zwischen vier und fünf Prozent des Marktes.“ Das größte Hemmnis für Kunden sei längst nicht mehr das Design von ökologischen Möbeln. „Unsere Hersteller sind schon lange aus der Müslischiene draußen“, sagt Bauer. Die größte Hürde sei nach wie vor der Preis. Weil Geld für die meisten Kunden eine Rolle spielt, empfiehlt Bauer, zu allererst im Schlafzimmer auf möglichst natürlich behandelte, offenporige Massivholzmöbel zu setzen. „Da verbringen Sie schließlich die meiste Zeit und die Regeneration sollte Ihrem Körper nicht übermäßig mit irgendwelchen Schadstoffen schwer gemacht werden.“

Doch selbst bei Holzmöbeln und massiven Baustoffen ist laut Experten oft Vorsicht angebracht, da sie natürliche Terpene freisetzen. Für empfindliche Menschen können selbst diese typisch nach Holz riechenden Verbindungen schon reizend sein.
„Man kann nicht jedem Menschen dieselbe Empfehlung geben, welches Material für ihn geeignet ist. Insbesondere empfindliche, allergische Menschen sollten alles, was neu ins Haus kommt, austesten, bevor etwas fest verbaut, gestrichen oder geölt wird“, bestätigt auch der baubiologische Messtechniker Johannes Schmidt. Er empfiehlt, sich bei Renovierungen und beim Möbelkauf mehr Zeit zu lassen. Zum Beispiel sollte man auch eine Bio-Lasur auf einem Abfallbrett auftragen und überprüfen, ob jemand der Bewohner darauf reagiert, sagt Schmidt. „Besser ich merke rechtzeitig, dass mir ein bestimmtes Öl nicht bekommt, bevor ich es auf dreißig Quadratmetern Fußboden verteilt habe.“

„Ein Luftschadstoff fällt allerdings garantiert immer an – weil wir alle ihn ausatmen: CO2 oder Kohlenstoffdioxid“, sagt Johannes Schmidt. „Es ist das Wohngift, das in der Praxis häufig vernachlässigt wird.“ Indem man mehrmals täglich die Fenster für fünf bis zehn Minuten aufmache, könne man jedoch frischen Sauerstoff hereinholen und insbesondere im Winter Feuchtigkeit loswerden, die womöglich gesundheitsschädliches Schimmelwachstum begünstigt. „Und auch, wenn ich zum Beispiel ein Spanplattenmöbelstück nicht sofort ersetzen kann, reduziere ich so wenigstens die Konzentration an flüchtigen Schadstoffen im Raum“, empfiehlt Schmidt. „Wenn man das weiß, ist regelmäßiges Lüften wirklich die einfachste Gesundheitsmaßnahme überhaupt.“ Man müsse dies nur noch umsetzen.  

INTERVIEW

„Am größten ist der Wohlfühlfaktor“

Frau Kohlrausch, immer wieder heißt es, man könnte mit Zimmerpflanzen die Luft verbessern. Stimmt das?
Manche Pflanzen können bestimmte Schadstoffe tatsächlich gut verstoffwechseln und geben Feuchtigkeit an die Umgebung ab – so wie sie eben Photosynthese betreiben. Aber der Filter-Effekt ist gering. Obwohl eine NASA-Studie dazu immer noch zitiert wird: Nein, es genügt nicht, eine Grünlilie auf den Fernseher zu stellen und die Welt ist in Ordnung.

Franziska Kohlrausch

Franziska Kohlrausch

Die Gartenbauingenieurin untersucht an der Hochschule Weihenstephan-
Triesdorf, inwiefern
Pflanzen einen Beitrag zu
einem besseren Raumklima leisten können.

Kann man den Filtereffekt der Pflanzen verstärken?
Es gab zum Beispiel sehr gut funktionierende Kombinationen aus Pflanzen und Ventilatoren, die Zimmerluft in den Wurzelballen angesaugt haben, der wiederum mit guten Bakterien versetzt war. Aber die Gefahr ist natürlich groß, dass so ein Filtersystem im feuchtwarmen Klima kippt und ich am Ende schädliche Bakterien in den Raum puste.

Können Pflanzen schlechtes Wohnklima überhaupt auf Dauer aushalten?
Ein wichtiger Punkt: Ist die Luft dauerhaft zu trocken, machen Pflanzen ihre Spaltöffnungen dicht und schützen sich selbst. Dann ist es vorbei mit der befeuchtenden Wirkung. Von Innenraumbegrünern hören wir immer wieder, dass ihre Pflanzen in Neubauten wegen der vielen Schadstoffe rasch eingehen. Staub auf Blättern hemmt auch den pflanzlichen Stoffwechsel, deshalb muss man den Staub regelmäßig entfernen.

Dann kann ich mir den ganzen Aufwand mit Zimmerpflanzen also sparen?
Nein, das finde ich nicht. Der am besten belegte Effekt von Pflanzen auf unsere Gesundheit ist ja ihr Einfluss auf die Psyche. Es gibt zu diesem Wohlfühlfaktor bei uns kaum Studien, aber in Norwegen wurde das schon anhand von Krankheitstagen in Firmen untersucht: Menschen sind gesünder, wenn sie Grün um sich haben.

 

 

Mehr zum Thema

www.eggbi.eu
Die Gesellschaft für Gesundes Bauen und Innenraumhygiene berät Fachleute wie Privatpersonen ehrenamtlich

www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit
Das Umweltbundesamt veröffentlicht eine große Zahl von Leitfäden, Richtlinien und Empfehlungen zum schadstoffarmen Wohnen

www.baubiologie.de
Das Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit veröffentlicht die Zeitschrift „Wohnen und Gesundheit“

Gesundes Wohnen: Schadstofffrei und ökologisch.

Wieke, Thomas:
Gesundes Wohnen: Schadstofffrei und ökologisch.
Stiftung Warentest, 2017, 176 Seiten, 19,90 Euro
Einfach öko – Besser leben, nachhaltig wohnen! Franken, Marcus; Götze, Monika:
Einfach öko – Besser leben, nachhaltig wohnen!
Oekom Verlag, 2017, 192 Seiten, 17,95 Euro

 

Erschienen in Ausgabe 06/2018

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