Es geht auch ohne Chemie - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Es geht auch ohne Chemie

Beim Naturfrisör (© Tobias Görner)
Das wusste schon Oma: bürsten, bürsten, bürsten. (© Tobias Görner)

NATURFRISÖR Schnipp, schnapp, Haare ab? Beim Naturfrisör geht es um mehr. Unsere Autorin Johanna Emge hat sich den Kopf waschen lassen.

Das schlechte Gewissen steht mir wahrscheinlich ins Gesicht geschrieben, als ich den Naturfriseur-Salon „Just Nature“ betrete. Mein letzter Friseurbesuch ist schon Monate her. Das sieht man: Die trockenen und von der Sonne leicht gebleichten Spitzen tragen die Überreste von altem Hennarot und noch älterer chemischer Blondierung in sich, der letzte Haarschnitt ist kaum mehr erkennbar. Außer Shampoo sehen meine Haare selten Pflege, schnell, schnell, lautete da bisher die Devise.

Das läuft bei Elvira Hermenau, die den Salon vor elf Jahren in der Wiesbadener Innenstadt eröffnete, anders. Hier wird sich Zeit genommen: Zeit für die Haare – und für den Menschen.

Bürsten wie bei Oma

Sie schaut sich meine Haare an, fühlt, fragt nach meinen Wünschen und überlässt mich dann ihrer Mitarbeiterin Rosa und zwei Bürsten aus Wildschweinborsten, mit denen diese geschickt immer und immer wieder durch meine Haare fährt. „Die Haare werden immer erst gebürstet“, erklärt Elvira Hermenau. So werden Schmutz und Fett abgebürstet, die Kopfhaut befreit und durchblutet. Erfunden hätte sie das aber nicht, das habe ihre Oma schon so gemacht. Die Bürste fühlt sich fest an, leicht drahtig – auf der Kopfhaut hingegen ist sie weich und massiert gleich mit. Das liegt an den Wildschweinbors-ten, die unregelmäßig lang und deshalb besonders aufnahmefähig sind.Haarschädigendes Plastik kommt hier nicht in die Nähe der Kopfhaut.

Dafür aber Shampoo: Es wird, verdünnt mit Wasser, direkt auf die Kopfhaut ins trockene Haar aufgetragen. Rosa empfiehlt, beim Shampoo öfter mal abzuwechseln. „Wir wollen ja auch nicht immer das Gleiche essen“, sagt sie. Das sei bei Haaren auch so. Gewaschen wird entspannt im Liegen – wer mag, kann es sich dabei sogar unter einer Decke gemütlich machen. Klingt ungewöhnlich, entspannt aber zusätzlich. „Manche denken, beim Naturfriseur schneiden wir die Haare im Wald“, lacht Rosa. Und eigentlich fände sie das gar nicht so schlecht, das mal so richtig in der Natur zu machen. Viel fehlt dazu nicht mehr, denn die angerührte Farbe, die meinen blonden Naturton pflegend unterstreichen soll, duftet nach Kamille, Ringelblume und leicht erdig. Sie wird mit 60 bis 80 Grad heißem Wasser angerührt und warm aufgetragen. Heutzutage sei auch mit Pflanzenfarben nahezu alles möglich, sagt Elvira Hermenau und spricht aus fünfzehn-jähriger Erfahrung. Vorbei das alte Klischee vom karottenfarbenen Henna-Haar: Mittlerweile greift sie auf ein Sortiment von 120 verschiedenen Grundtönen zurück, alle bio. Sogar essen könnte man die, wenn man wollte.

Während ich unter der feuchten Wärmehaube noch darüber nachdenke, was ich bei meinen Haaren bisher alles falsch gemacht habe, wirkt die Farbe ein. Das dauert: Je nach Farbton zwischen 20 Minuten und zwei Stunden. Aber Zeit sollte man ohnehin zum Termin mitbringen, die energetische Erstbehandlung inklusive Beratung, Bürs-ten, Haarkur, Waschen und Haarschnitt dauert zwischen 90 und 120 Minuten.   

Beim Naturfrisör: Farbe anmischen und auftragen

Die Pflanzenfarbe wird mit heißem Wasser angerührt. (© Tobias Görner)

Alles soll natürlich sein

Vor dem Schnitt bittet mich Elvira Hermenau, das Haar mit den Händen so zu „frisieren“, wie ich es auch Zuhause machen würde. Im Stehen schaut sie nach den Proportionen zwischen Haaren und Körper; zwischendrinnen soll ich mich kopfüber beugen und die Haare zurückwerfen, damit sie in ihre natürliche Position finden. Und dann tanzt die Schere auch schon gekonnt um meinen Kopf, die trockenen Spitzen verabschieden sich, und der Kopf fühlt sich gleich viel leichter an. So sieht auch mein Spiegelbild aus: erfrischt, natürlich, immer noch ich. Ohne übertriebenes Styling und aufwendiger Frisur, das Zuhause sowieso nicht klappt. Auch deshalb kämen viele Kunden nur alle vier bis fünf Monate, öfter sei es einfach nicht nötig, sagt Elvira Hermenau.

Beim Naturfrisör - Haare schneiden (© Tobias Görner)

Energetischer Haarschnitt. (© Tobias Görner)

 

Walnüsse, Rhabarber, Henna – wir verraten Ihnen, was Pflanzenfarben können. www.schrotundkorn.de/pflanzenfarben

Tipps & Tricks: Schöne Haare auch Zuhause

  • Öfter das Shampoo abwechseln: Mal was für die Kopfhaut, mal für die Längen und Spitzen. Für Kopfhaut und Haare eine willkommene Abwechslung.
  • Weniger ist beim Waschen mehr: Versuchen, die nächste Haarwäsche so lange wie möglich herauszuzögern. Das braucht allerdings seine Zeit: Mit hochgestecktem Haar oder Seidenpuder lässt sich der fettige Ansatz vertuschen.
  • Plastik vermeiden, weil es die Haarstruktur beschädigt: Fürs Trockenbürsten eine Wildschweinbürste verwenden, die nassen Haare mit einem Holzkamm entwirren.
  • Für die Langhaarigen und Zopfträgerinnen: Auf straffe und enge Haargummis verzichten – lieber einen sanften Zopfgummi z.B. aus einer alten Strumpfhose verwenden. Den Haaren tut es auch gut, wenn der Zopf nicht immer an der gleichen Stelle ist.
  • Man kann es nicht oft genug sagen: bürsten, bürsten, bürsten. Das entspannt nicht nur die Haare.
Erschienen in Ausgabe 07/2016

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Tula Oßwald

Seit über 30 Jahren wasche ich meine langen Haare höchstens 1 x pro Woche mit dem Haarwaschmittel eines Dänischen Herstellers, einem der ersten Produzenten von ökologischem Haarshampoo. Meine Haare kämme ich mit Naturborsten und den handgearbeiteten Kämmen eines Herstellers aus Windelsbach bei Rothenburg ob der Tauber, wobei ich die Kämme bevorzuge, die durchgehend gleichgroße Zinken haben. Leider gibt es die haarschonenden Zopfspangen nicht mehr, die oben aus einem Kunststoffmaterial waren und unten mit einem Gummiband verschlossen wurden. Da bin ich jetzt auf Eigenproduktion angewiesen. Das ist meine ganze Haarpflege. Die Haarspitzen schneide ich selber.

Klara Leber

Ich finde es nicht sehr hygienisch, allen Kunden die ungewaschenen Haare mit derselben Bürste zu bürsten.

Erich Grantzau

Ein Termin beim Damenfrisör und alles ohne Chemie -
wie soll das gehen?
In jedem Fall wird die Chemikalie di-hydrogen-monoxid in größeren mengen verwendet! Und die gepriesenen Mittel: Walnuß, Rhabarber, Henna... sind schließlich auch nur Chemikalien!

Heidrun Meier

Schon seit dem ersten Artikel vor 10 Jahren bürste ich täglich meine Haare, färbe nur mit Pflanzenfarben und wasche schonend. Füllige Haare sind der Gewinn. Vielen Dank für diese guten Artikel über Pflanzenhaarfarbe, die immer wieder mal recherchiert werden. H. M.