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Chiro geht auch sanft

Gesundheit © Boris Breuer/bio verlag
Wo es schmerzt und zwickt: Mit geschultem Griff findet der Chiropraktiker die Punkte.

GESUNDHEIT Wer „Chiropraktik“ hört, denkt sofort an knackende Knochen. Dass es auch anders geht, hat Schrot&Korn-Redakteur Manfred Loosen erfahren.

Mein rechtes Knie tat weh. Einfach so. Nach 56 Jahren. Sportarzt, Chiropraktiker, Orthopäde: Keiner wusste Rat. „Sie haben eben die Knie eines 56-Jährigen“, sagte der Sportarzt lapidar, „da müssen Sie sich wohl eine andere Sportart suchen!“

Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass mein 55. Marathon im April 2016 wohl mein letzter gewesen war.  Da riet mir ein netter Kollege: „Geh‘ mal zu meinem amerikanischen Chiropraktiker!“ Erst war ich skeptisch: Ich war ja schon bei einem Chiropraktiker gewesen. Aber mein Kollege blieb hartnäckig. Also ging ich hin.

Die amerikanische Chiropraktik betrachtet den Körper als einen Organismus, der sich grundsätzlich selbst regulieren, selbst heilen kann. Manchmal aber ist die Beweglichkeit eingeschränkt, weil Gelenke blockiert sind. Dann gibt der amerikanische Chiropraktiker dem Körper Hilfestellungen: Wirbel werden sanft an die richtige Stelle geschoben. Dadurch sollen Gelenks-, Nerven- und auch Organprobleme ausheilen können. Und dann das:

„Ich behandele Sie nur, wenn Sie sich erstmal meinen Vortrag anhören“, sagte Martin Weitz mit als erstes zu mir. >
Vortrag? Warum? Egal! Ich brauchte Hilfe. Der Inhalt des Vortrags in Kurzform: „Eine chiropraktische Behandlung wirkt nur dann optimal, wenn Sie auch mitmachen! Das heißt: Sie sollten sich vernünftig ernähren, genügend bewegen und ausreichend – und richtig – schlafen!“ Der Vortrag dauerte eine gute Stunde – und der Inhalt leuchtete ein: Zehn, fünfzehn Minuten Behandlung in der Woche haben natürlich keinen Sinn, wenn man die restlichen 9710 Minuten der Woche (weiter) vieles falsch macht: schlechte, ungesunde Ernährung, zu viel sitzen, zu wenig bewegen, zu wenig schlafen. Selbst das Sitzen mit übereinander geschlagenen Beinen treibt einem Martin Weitz aus. Eigentlich logisch, dass das den Rücken „krumm“ macht ...

Bei Ernährung – gesunde, vollwertige (Bio-)Kost mit viel Obst und Gemüse – und Bewegung – regelmäßige kurze Gymnastik zum „Durchbewegen“ – machte ich schon vieles richtig; beim Schlafen („Nicht mehr auf dem Bauch schlafen!“) und beim richtigen Sitzen konnte ich noch einiges verbessern.

Behandlung mit „Hammer“

Eine Woche später, bei der ersten „Sitzung“ wurde ich zunächst „vermessen“. Martin Weitz stellte eine Fehlstellung des Beckens mit einem Höhenunterschied von sieben Zentimetern fest. Den hatten die Ärzte, die ich bisher besucht hatte, offenbar übersehen ... Es folgte sofort die erste Behandlung, die genauso ablief, wie alle folgenden: Ich stelle mich mit dem Rücken zu Martin Weitz und strecke den linken Arm waagerecht zur Seite. Mein „Chiro“ versucht, den Arm sanft herunter zu drücken; ich soll gegendrücken. Je nachdem, wo er mit der anderen Hand gegen meinen Rücken drückt, kann ich seinem Druck widerstehen – oder eben nicht. Dann greift er zu einem elektrischen Hämmerchen, das zwar keine Stromstöße aussendet, aber leichte Impulse auf den Rücken ausübt. „So helfe ich den Wirbeln, wieder an ihren richtigen Platz zu rutschen“, erklärt Martin Weitz. Damit würde die Beeinträchtigung des Nervenapparates durch den fehlgestellten Knochen beseitigt, die nervale Versorgung von Gelenken, Muskeln und Organen normalisiert.

Immer wieder hebe ich den Arm, immer wieder drückt er ihn runter, immer wieder hämmert er. Dann soll ich eine Rumpfbeuge machen; beim Hochkommen hämmert er wieder sanft meine Wirbel gerade ...

Dann soll ich mich auf eine Liege legen, zunächst auf den Bauch. Martin Weitz kontrolliert, ob die Beine gleich lang sind. Sind sie nicht. Ich drehe mich auf die Seite, ihm zugewandt. Er umfasst meinen Rücken und ein Bein und übt sanften Druck auf die Hüfte aus. Es knackt nichts, aber ich spüre: Da rutscht etwas an die richtige Stelle. Rumdrehen, andere Seite, gleiche Übung. Dann wieder Bauchlage, neuer Check: „Prima!“, freut sich Martin Weitz, „jetzt sind die Beine durch die Beckenkorrektur wieder balanciert!“ Er schaut sich meinen Rücken an. „Bitte tief einatmen!“, sagt er, „und ausatmen!“ Dabei drückt er auf die Brustwirbelsäule. Es knackt dann doch ganz leicht, aber es tut nichts weh. „Ein bisschen Knacken ist ganz normal“, beruhigt mich mein „Chiro“, „da entweichen nur kleine Gasblasen aus der Gelenkschmiere.“ Noch zwei Mal tief ein- und ausatmen, nochmal leichter Druck auf die Brustwirbeldäule. Fertig! Zum Schluss soll ich mich nochmal auf den Rücken legen. Martin Weitz steckt an zwei Stellen kleine Keile zwischen mein Becken und die Liege. „Die helfen Ihrer Wirbelsäule, richtig ausgerichtet zu bleiben.“ Er stellt einen Wecker auf fünf Minuten und verabschiedet sich. Der Wecker klingelt, die Behandlung ist zu Ende, gut zehn, höchstens fünfzehn Minuten dauert so ein Termin.

Erst zwei, drei Mal pro Woche – dann viel seltener

In den ersten drei Wochen sollte ich jeweils zwei, drei Mal pro Woche zu ihm kommen. „Wir müssen Ihrem Körper zeigen, was gerade ist; der hat sich schon an die schiefe Haltung gewöhnt!“, erklärte mir Martin Weitz. Vier
Wochen später sagte er mir, ich solle langsam wieder mit dem Joggen anfangen. Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben. Laufen? Ich? Aber er riet mir zu. Und es ging! Nein, es lief! Ich lief!

Ein halbes Jahr später bin ich den Köln-Marathon gelaufen: ganz langsam, aber schmerzfrei! Seither gehe ich etwa alle drei Monate zu Martin Weitz, um mich „in die rechte Form“ bringen zu lassen. Viel ist da nicht zu korrigieren, aber es ist ein gutes Gefühl, „begradigt“ und mit stressbefreitem Nervensystem aus der Praxis zu spazieren. 

 

Gesundheit © Boris Breuer/bio verlag
© Boris Breuer/bio verlag

Amerikanische Chiropraktik

Wenn Hände heilen ...

Die amerikanische Chiropraktik ist eine Behandlungsmethode, die die Gelenke des Körpers wieder in ihre eigentliche Stellung bringen und ihre vorgesehene „Arbeit“ tun lassen will. Durch die verbesserte Statik sollen Gelenks-, Nerven-, Muskel- und Organprobleme ausheilen können. Diese Therapieform setzt auf die angeborene Intelligenz des Körpers, der Selbstheilungskräfte habe, die unter Umständen geweckt werden müssten; zum Beispiel müsse manchmal eine blockierte nervale Versorgung wieder in Fluss gebracht werden. 
In den USA ist Chiropraktik ein eigenständiger, mindestens sechsjähriger Studiengang mit dem Abschluss D.C. (Doctor of Chiropractic). In Deutschland kann man seit einigen Jahren Chiropraktik studieren (Bachelor/ Master). Amerikanische Chiropraktiker sind in Deutschland eher selten. Gesetzliche Krankenkassen zahlen die Behandlung in der Regel nicht. Eine Behandlung kostet 30 bis 40 Euro, der erste Termin kostet wegen der Anamnese etwa das Doppelte.

Mehr zum Thema

www.dagc.de Homepage der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft für Chiropraktik e. V. , auf der viele Informationen zu finden sind.

www.chiropraktik-bund.deAuf der Homepage des Bundes deutscher Chiropraktiker e.V. gibt‘s Infos und Adressen rund um das
Thema Chiropraktik.

www.curapermanum.de Homepage von Martin Weitz, auf der er die Grundlage seiner Arbeit vorstellt.

Erschienen in Ausgabe 07/2018

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Sehr informativer Artikel über die Chiropraktik-Behandlungsmethode von Martin Weitz., bis auf die Angaben zum Beckenschiefstand des Patienten: eine Differenz von 7 cm kann ich mir mit gesundem Menschenverstand beim besten Willen nicht vorstellen.

Michelle

Schöner Beitrag + das erste Mal, dass richtigerweise erwähnt wird, dass man in D. Chiropraktik studieren kann. Andere Quellen behaupten konsequent das Gegenteil.