Geschmackssinn schulen: Interview - Schrot und Korn

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Geschmackssinn schulen: Interview

„Geschmacksfälschung gehört bestraft“

Hans-Ulrich Grimm kritisiert in seinen Büchern faktenreich und mit spitzer Feder die schöne neue Welt des Essens. Gleichzeitig weiß er, wie sich Genuss, Geschmack und gesunde Ernährung unter einen Hut bringen lassen.

GrimmSind zugesetzte Aromen in Lebensmitteln gefährlich?

Ja, denn sie führen den Körper in die Irre. Nehmen wir als Beispiel eine Tütensuppe, die nach Rind duftet. Die Nase riecht das und meldet es ans Gehirn. Das kurbelt die Produktion der Verdauungssäfte an und bereitet das ganze System darauf vor, eiweißreiches Rindfleisch zu verarbeiten. Wenn dann nur Aroma, aber kein Rind kommt, läuft der Apparat leer und der Kohldampf bleibt. Die Folge ist anhaltender Hunger, der Mensch isst weiter.

Also sind Aromen und Geschmacksverstärker schuld am Übergewicht?

Nicht nur. Übergewicht hat immer mehrere Ursachen wie zu fettes Essen oder mangelnde Bewegung. Aber der Effekt der Geschmacksfälschung wird massiv unterschätzt. Das Paradoxe dabei ist, dass die Aromen nicht nur überflüssige Pfunde mit sich bringen, sondern auch die Mangelernährung fördern.

Wie soll das funktionieren?

Unser Körper braucht ständig eine Vielfalt an Substanzen. Das Darmhirn stellt fest, was aktuell fehlt, und meldet das dem Hypothalamus im Gehirn. Der richtet den Appetit auf entsprechende Speisen aus, zum Beispiel einen Erdbeerjoghurt. Mache ich den Joghurt selbst, enthalten die vielen frischen Früchte sechs- bis achtmal so viel Mineralstoffe und Vitamine wie die aromatisierte Erdbeerzubereitung in einem konventionellen Joghurt. Davon müsste ich also achtmal so viel essen, um auf die gewünschte Menge an Nährstoffen zu kommen. Oder es bleibt ein Mangel.

2500 Aromastoffe mixt die Industrie zusammen. Sind diese Substanzen toxikologisch gesehen harmlos?

Das wissen die Lebensmittelbehörden immer noch nicht. Insofern sind die Aromen ein Indiz dafür, welche Anarchie bei uns auf dem Markt mitunter herrscht. Seit einigen Jahren untersuchen die Vereinten Nationen und die EU-Lebensmittelbehörde EFSA, ob diese Substanzen giftig oder krebserregend sind. 2005 warnten die Behörden vor einigen Substanzen mit krebserregendem Potenzial. Dabei zeigte sich, dass die Beamten nicht wussten, in welchen Mengen und in welchen Produkten diese Stoffe überhaupt im Einsatz waren. Doch das entscheidende Problem ist nicht die Giftigkeit einiger weniger Substanzen, sondern die Verwirrung der Sinne mit ihren Auswirkungen. Deshalb sollte die Geschmacksfälschung durch Aromen ebenso verboten und hart bestraft werden wie Geldfälschung. lf

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Tobias
Auch ich finde, dass der Einfluss der Lebensmittelindustrie mit ihren Fertigprodukten dem Essverhalten und dem Stoffwechsel schaden. So täuscht z.B. Glutamat dem Körper vor, er hätte Energie verbraucht und erzeugt so ein starkes Hungergefühl. Siehe auch diesen Artikel bei kilogucker.de!