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Was wird aus den Bruderhähnen?

Seit Jahresbeginn dürfen männliche Küken nicht mehr getötet werden. Wir stellen die Alternativen vor und erklären, in welcher am meisten Tierwohl drinsteckt.

Ein Mann mit Brille vor grauem Hintergrund
Leo Frühschütz

Eigentlich sollte das Töten männlicher Küken schon 2019 verboten werden, doch dann passierte erst mal nichts. Zum Ende ihrer Amtszeit hat die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner das Gesetz dann doch auf den Weg gebracht und das Kükentöten ab Januar 2022 verboten. Drei Alternativen stehen derzeit zur Wahl: Die Geschlechtsbestimmung im Ei mittels endokrinologischen Verfahrens, die Aufzucht der männlichen Küken als Bruderhähne und die Verwendung von Zweinutzungshühnern. Da der endokrinologische Test zwischen dem 9. und 14. Bruttag stattfindet und ein Schmerzempfinden der Embryonen zu diesem Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden kann, wird das Gesetz ab Januar 2024 verschärft. Dann dürfen die Eier nach dem 6. Bruttag nicht mehr getestet werden. Ein spektroskopisches Verfahren soll dann zum Einsatz kommen.

Warum wurden Hühner einseitig gezüchtet?

Hühner wurden in den letzten 50 Jahren extrem einseitig gezüchtet. Auf hohe Legeleistung für die Eierproduktion (bis zu 300 im Jahr) oder auf schnelle Gewichtszunahme für die Mast: von null auf zwei Kilo in einem Monat. Aus Sicht des Tierschutzes ist diese Hochleistungszucht eine Qual für die Tiere.

Darum wurden männliche Küken am ersten Tag getötet

Fürs Eierlegen werden nur die Hennen gebraucht. Doch die Hälfte der Küken sind Hähne. Sie lassen sich nur schlecht mästen und wurden deshalb bisher am Tag ihrer Geburt getötet – 45 Millionen Küken pro Jahr.

Geschlechtsbestimmung im Ei

Das Kükentöten ist seit Anfang 2022 in Deutschland verboten. Stattdessen sollen die Brütereien das Geschlecht schon im Ei feststellen. Das ist technisch derzeit erst am achten Bruttag möglich. Eier mit männlichen Embryonen werden zu Tierfutter verarbeitet. Tierschützer kritisieren, dass der Embryo dann schon Schmerzen empfinden kann.

Endokrinologisches Verfahren

Beim endokrinologischen Verfahren wird den Eiern nach etwa neun Bruttagen durch die Schale hindurch etwas Flüssigkeit entnommen. Enthält diese ein bestimmtes Hormon, ist das Küken weiblich und die Eier werden weiter bebrütet. Die männlichen Brut-Eier werden aussortiert und die Embryos durch Schockfrosten abgetötet. Zum Testzeitpunkt sind die inneren Organe und der Kopf der Küken fast vollständig entwickelt und man geht davon aus, dass die Tiere bereits Schmerzen empfinden. Das endokrinologische Verfahren ist deshalb nur als sogenannte Brückentechnologie bis 2024 erlaubt. Es ist bereits im Einsatz – zum Beispiel bei respeggt und plantegg.

Spektroskopisches Verfahren

Das spektroskopische Verfahren kommt zum Einsatz, nachdem die Eier etwa vier Tage lang bebrütet wurden. Ein Lichtstrahl wird in das Ei-Innere geschickt. Das Geschlecht wird anhand des reflektierten Lichts bestimmt. Ist der Embryo männlich, werden die Eier aussortiert und der Embryo durch Schockfrosten abgetötet. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium bekommen die Embryos hiervon nichts mit. Ein Vorteil: Das Ei muss bei dieser Untersuchung nicht geöffnet werden. Die bei der Geschlechtsbestimmung aussortierten Eier sollen beispielsweise zu Futtermittel weiterverarbeitet werden.

Kritik am „Küken-Gesetz“

Provieh warnt davor, sich auf Zwischenlösungen wie der Geschlechtsbestimmung im Ei und der Bruderhahnaufzucht auszuruhen: „Sie [Hühner] brauchen mehr Platz und einen strukturierten Stall mit Beschäftigungsmaterial und Sitzstangen sowie einen Auslauf, um sich wohlzufühlen.“

Naturland kritisiert: „Alle bislang bekannten Verfahren sind nur teure Scheinlösungen, bei denen statt eines geschlüpften Kükens ein bereits weitgehend ausgebildeter Embryo getötet wird.“ Beim Bio-Verband soll in naher Zukunft zu jeder Legehenne auch der Bruder aufgezogen werden.

Die Tierrechtsorganisation Peta empfiehlt, auf Eier zu verzichten und weist auf ein weiteres Problem hin: das Töten weiblicher Küken, weil Brütereien mehr Küken als bestellt produzieren – für den Fall, dass einmal weniger Küken als erwartet schlüpfen.

Bruderhähne großziehen

Als Alternative zum Kükentöten entwickelten Naturkostgroßhändler und Bio-Landwirte vor zehn Jahren das Bruderhahnmodell: Die Hahnenküken werden mindestens drei Monate lang großgezogen und dann geschlachtet. Seit diesem Jahr werden bei den meisten Bio-Eiern die Bruderhähne großgezogen.

Was die Bruderhahn-Aufzucht kostet

Bruderhähne brauchen viel mehr Futter als Masthähnchen, um Fleisch anzusetzen. Finanziert wird das durch einen Aufschlag auf den Preis der Eier, meist sind es vier Cent je Ei. Das Fleisch der Tiere wird oft zu Wurst verarbeitet oder in Fertiggerichten und Babykost verwendet.

Zweinutzungsrassen – Bio will Hühner wie früher

Bio-Verbände sehen Bruderhähne nur als Übergangslösung. Sie züchten Zweinutzungsrassen, bei denen Hennen genug Eier legen und Hähne sich dennoch gut mästen lassen. Erste Produkte sind auf dem Markt. Sie kosten mehr, da die Tiere weniger effizient sind als einseitig gezüchtete Hochleistungslinien.

Wie viele Eier essen wir im Jahr?

Eier im Sechserpack
  • 239 Eier verzehrte jede Person hierzulande 2020 im Schnitt.
  • Über 12,9 Milliarden Eier wurden 2020 in Deutschland produziert. 1,6 Milliarden Eier stammten aus ökologischer Hennenhaltung.
  • Diese Leistung vollbrachten knapp 49 Millionen Legehennen, davon 5,3 Millionen aus Öko-Tierhaltung.
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