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Lebensmittel: Warum die Preise steigen

Viele Lebensmittel sind oder werden teurer. Auch in den Bio-Läden kommen nun die Erhöhungen an. Das liegt nicht nur am Ukraine-Krieg.

Ein Mann mit Brille vor grauem Hintergrund
Leo Frühschütz

Kein Mehl und kein Sonnenblumenöl in den Lebensmittelgeschäften, Spritpreise in nie da gewesenen Höhen, Sorgen vor der nächsten Heizkostenabrechnung: Der Angriffskrieg auf die Ukraine wirkt sich in Deutschland auch massiv auf unsere Portemonnaies aus. Noch ist es schwierig vorherzusagen, wie sich die Märkte weiter entwickeln werden. Klar ist, die Ukraine und Russland sind wichtige Exportländer – vor allem für Weizen –, manchen Regionen der Welt drohen Hungersnöte. Uns treffen die hohen Preise in einer Zeit, in der sich mancher ohnehin schon gedacht hat, dass die amtlichen fünf Prozent Inflation gefühlt viel zu niedrig angegeben sind.

Der Einfluss der Pandemie

Rückblick: Mit der Aufholjagd der Wirtschaft nach dem Corona-Einbruch 2020 stieg der Bedarf an Öl, Gas und Baustoffen wie Holz oder Stahl stark an – und damit auch die Preise. Doch die Pandemie ging weiter und hat an den Preissteigerungen seit Mitte 2021 einen großen Anteil: Totalsperren und Beschränkungen wegen Covid-19 in Containerhäfen brachten weltweit Lieferketten durcheinander und erhöhten die Transportkosten massiv. Wegen der Lieferengpässe mussten Fabriken ihre Produktion drosseln. Weniger Angebot führt zu höheren Preisen. Anschließend dämpften die hohen Krankenzahlen durch die Omikron-Variante die Produktion.

Betroffen sind alle Menschen in der Lebensmittelkette: die Landwirte, Verarbeiter, Händler und die Verbraucher. Egal ob konventionell oder bio. Die Preise für die landwirtschaftlichen Betriebsmittel – vom Saatgut bis zum Diesel für den Traktor – sind 2021 um 13,8 Prozent gestiegen. Das hat das Statistische Bundesamt errechnet. In den Jahren davor lag das Plus jeweils bei fünf Prozent. Von diesem Preisanstieg sind die konventionellen Landwirte noch stärker betroffen als ihre Bio-Kollegen. Denn im vergangenen Jahr sind die Preise für Kunstdünger auf das Dreifache gestiegen. Dessen Herstellung verbraucht enorm viel Energie, meist in der Form von Erdgas, dessen Preis ebenfalls in die Höhe geschossen ist.

Welche Rolle das Wetter spielt

Ob die Landwirte ihre Mehrkosten erwirtschaften können, hängt wesentlich vom Wetter und der Ernte ab. Wenn im Spätfrost die Apfelblüten erfrieren, wenn Kartoffeln und Kürbisse wegen der Dürre Winzlinge bleiben, werden sie zwar teurer verkauft, aber unter dem Strich kommt weniger in die Kasse als in einem guten Jahr. Der Weltmarktpreis für Kaffeebohnen hat sich im vergangenen Jahr beispielsweise verdoppelt, weil Brasilien, der größte Kaffeeproduzent, zuerst unter einer Dürre litt, dann kam ein extremer Kälteeinbruch.

Im Jahresdurchschnitt seien die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte 2021 um 8,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, meldete das Statistische Bundesamt. Der größte Teil dieses Anstiegs fand in den letzten Monaten des Jahres statt und setzt sich 2022 fort.

Damit werden für die Lebensmittelhersteller, konventionell und bio, neben allem anderen auch die Rohstoffe teurer. „Die Rohwarenpreise schwanken nicht, sie sind dramatisch angestiegen, über verschiedene Einkaufsbereiche hinweg“, sagt Eike Mehlhop, Geschäftsführer der Allos Hof-Manufaktur. Diese Preissteigerungen könne das Unternehmen „leider nicht mehr allein auffangen“, es müsse seine Preise erhöhen. Auch der Bio-Hersteller Rapunzel hat im März für einige Produkte die Preise angehoben. Neben den Rohwaren wurde auch deren Transport teurer. „Wir zahlen insbesondere für Seefrachten, zum Beispiel aus Asien und Südamerika, aktuell das Fünf- bis Zehnfache des früheren Container-Preises“, berichtete Rapunzel-Pressesprecherin Eva Kiene.

Hersteller müssen ihre Preise anpassen

Auch die Preise für Verpackungsmaterialien haben zugelegt. Vor allem Papier wurde, wegen der steigenden Holznachfrage, teurer. Von Preissteigerungen bis zu 50 Prozent berichtete Bianca Fink, Marketing-Managerin beim Getreidespezialisten Spielberger, der nahezu alle seine Produkte in Papier statt Plastik verpackt. „Angesichts der in breiter Front und enormer Höhe gestiegenen Gesamtkosten werden sich Preisanpassungen zum Frühjahr 2022 nicht vermeiden lassen“, sagte Fink. Dabei stehen die drei genannten Unternehmen hier nur beispielhaft für viele Kollegen, die alle das gleiche Problem haben und teurer werden müssen.

Adressat der höheren Herstellerpreise sind die Händler. Im deutschen Lebensmittelhandel verkaufen die vier großen Konzerne Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland 80 Prozent aller Lebensmittel und diktieren mit ihrer Marktmacht die Preise. Dies hat in der Vergangenheit regelmäßig dazu geführt, dass Landwirte und Verarbeiter auf einem Teil ihrer Mehrkosten sitzen blieben. Und das ist auch jetzt der Grund dafür, dass die Verbraucherpreise im Laden in den vergangenen Monaten noch nicht so stark gestiegen sind. Laut Statistischem Bundesamt legten die Nahrungsmittelpreise 2021 gegenüber dem Vorjahr um 3,2 Prozent zu.

Anstieg auch bei Bio

Die Verbraucherpreise für Bio-Lebensmittel seien über das gesamte Jahr 2021 betrachtet um ein bis zwei Prozent gestiegen, teilte die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft AMI mit. „Doch letztlich müssen die gestiegenen Kosten der Hersteller auch im Laden ankommen“, sagte AMI-Expertin Diana Schaack: „Sonst überleben einige in der Wertschöpfungskette nicht.“ Sprich: Wenn die großen Handelsketten nicht mehr zahlen, gehen Bauern und Verarbeiter pleite.

Dass die Bio-Preise bisher etwas weniger anstiegen als die für konventionelle Lebensmittel könnte daran liegen, dass im Bio-Bereich Lieferverträge oft langfristiger abgeschlossen und Preissteigerungen deshalb später weitergegeben werden. Aber sie kommen auch in den Bio-Geschäften an. Deren Betreiber stehen nun vor der Entscheidung, wie viel der höheren Preise sie an uns Kunden weitergeben. Alleine können die Läden die Mehrkosten auch nicht schultern.

Der Krieg und der Hunger

Ein paar Weizenähren

Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat erhebliche Auswirkungen auf den Agrarmarkt. Der Preis für Weizen ist in unglaubliche Höhen gestiegen. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sind Russland und die Ukraine für rund 30 Prozent der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Hauptimporteure seien vor allem die Länder Nordafrikas, die Türkei sowie asiatische Länder. Die Ukraine ist zudem ein wichtiges Anbauland etwa für Mais, Sonnenblumen oder Soja, die unter anderem in der Tiermast als Futter eingesetzt werden. Deswegen erhöhen sich die Preise für Fleisch, Milch und Eier. Die stark gestiegenen Energiekosten und sinkenden Liefermengen führen zu Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen und Düngemitteln.

Und bei Bio? Das wichtigste Bio-Produkt aus der Ukraine für Deutschland waren in den vergangenen Jahren Sonnenblumenkerne und vor allem der als Tierfutter verwendete Sonnenblumenkuchen, hat die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft AMI ermittelt. Außerdem seien Sojabohnen, Weizen, Mais und Leinsaat von größerer Bedeutung.

Hungersnöte drohen nicht nur in Ländern, die Weizen aus der Ukraine und Russland importieren. Weil die Hilfslieferungen durch die gestiegenen Preise zu teuer werden, droht etwa die Hungerkatastrophe im kriegsgebeutelten Jemen sich weiter zu verschlimmern, warnt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Jemen sei aber nur eines von mehreren Ländern, in dem deutlich werde, dass die Welt 2022 vor einer noch nie da gewesenen Hungerproblematik stehe.

Hier könnt ihr das Welternährungsprogramm mit einer Spende unterstützen
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Kommentare

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Manfred Hildebrand

Nicht zu vergessen die Spekulanten an dem Finanzmakt.
Eine dringlichste aufgebe der EU und Weltgemeinschaft dass zu unterbinden.
Ist aber auch nicht so neu, und getan hat sich da nicht wirklich etwas.

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