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Warenkunde: Bio-Hanf

Hanfkekse gefällig? Keine Angst! Die schmecken knackig-nussig ohne Nebenwirkung. Die Kult-Pflanze erobert sich erstaunliche Nischen. Zum Beispiel in Schokolade, Chips, Müsli oder Bier
29.06.2006
Hanfkekse gefällig? Keine Angst! Die schmecken knackig-nussig ohne Nebenwirkung. Die Kult-Pflanze erobert sich erstaunliche Nischen. Zum Beispiel in Schokolade, Chips, Müsli oder Bier

Unterschätztes Multitalent

Hanfkekse gefällig? Keine Angst! Die schmecken knackig-nussig ohne Nebenwirkung. Die Kult-Pflanze erobert sich erstaunliche Nischen. Zum Beispiel in Schokolade, Chips, Müsli oder Bier. // Gudrun Ambros

Das Verrückte am Hanf ist: Einerseits wird er über den grünen Klee gelobt und erscheint als Multitalent. Andererseits ist er in Deutschland nach wie vor ein Mauerblümchen. Im „Brockhaus Ernährung“ wird Hanf nicht einmal erwähnt. Und, ehrlich gesagt: Die Nachfrage ist auch nicht besonders groß. Vielleicht, weil über Hanf zu wenig bekannt ist. Und wenn, dann oftmals Halbwahrheiten und Märchen. Gut möglich, dass es deshalb Bioläden gibt, die gar keine Hanfprodukte in petto haben.

Dabei gibt es pfiffige Produkte aus Öko-Hanf: Bier, das mit ätherischem Hanföl aromatisiert wurde, Hanftee aus den Blättern, Pulver für Bratlinge, eine Schokolade mit knackigen, gerösteten Hanfsamen, Chips, Knabberhanf, Müsli, Nudeln, Hanfriegel, Brötchen, ja sogar würziger Aufschnitt und Reinbeißer aus Weizeneiweiß.

Hanfsuppe aus stundenlang in Wasser gekochten, geriebenen Hanfsamen war vor Jahrhunderten ein gängiges nahrhaftes Essen, allerdings für arme Leute. Diese bekamen davon keine schönen Träume, wenn auch das berauschende Tetrahydrocannabinol, THC, noch nicht weggezüchtet worden war. Dieses ist nur in den harzigen Drüsenhaaren an den Unterseiten der Blätter, nicht in den Samen, die zu Öl und Mehl verarbeitet werden. Heutzutage sind in der EU nur Hanfsorten für den Anbau genehmigt, die weniger als 0,2 Prozent THC enthalten.

Gesundes Hanföl

Hanfsamen liefern ein äußerst günstiges Verhältnis der Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren, das dem der Körperzellen annähernd entspricht. Diese ungesättigten Fettsäuren spielen eine wichtige Rolle beim Aufbau des Immunsystems und bei der stetig ablaufenden Zellerneuerung. Insbesondere die selten vorkommende Gamma-Linolensäure stärkt die Abwehr und ist – äußerlich angewendet – bei Neurodermitis und wunden Babypopos hilfreich.

Dass die antioxidativ wirkenden Zellschützer Chlorophyll und Carotinoide in nennenswerter Menge in Hanfsamen vorkommen, sieht man der braun-grünlichen Farbe des Öls an. Hanf-Phytosterine senken den Cholesterinspiegel, indem sie mit dem Cholesterin um die Aufnahme im menschlichen Körper konkurrieren. Interessant für Weizeneiweiß-Allergiker: Hanfmehl ist glutenfrei.

Ein Nachteil dieser wertvollen Stoffe: Manche oxidieren extrem leicht. Das Öl und auch die geschälten Nüsschen werden schnell ranzig, wenn sie Licht, Wärme und Sauerstoff abbekommen. Und der Geschmack des Öls ist umstritten.Die einen lieben gerade das grasig-grüne Aroma, das je nach Sorte mehr oder weniger stark den nussigen Hauptgeschmack des Öls und des Samens begleitet. Andere mögen das nicht.

Zu den Halbwahrheiten über Hanf gehört das Gerücht, die Pflanze sei in jeder Hinsicht umweltfreundlich. Sicherlich, Hanf wächst so schnell, dass da kein Unkraut hinterherkommt. Und Schädlinge treten bis jetzt kaum auf. Deswegen sind selbst beim konventionellen Anbau keine Pflanzenschutzmittel nötig. Aber Hanf kann bis zu vier Meter Höhe erreichen und zieht dabei einiges an Wasser und Kraft aus der Erde. Wer konventionell anbaut, gleicht das mit Stickstoff-Kunstdünger aus. Öko-Bauern setzen auf Fruchtwechsel und pflanzen eventuell sogar mehrmals Leguminosen an, bevor der Hanf drankommt. Seine tiefgründigen Wurzeln lockern den Boden und im Schatten seiner Blätter entwickelt sich guter Humus. So leistet Hanf im Boden doch gute Vorarbeit für die Frucht, die anschließend auf demselben Acker angebaut werden soll.

Vielseitig: Rohstoff bis Arznei

Tatsächlich ist Hanf ein richtiger Tausendsassa, wird sogar als nachwachsender Rohstoff gehandelt. Die Fasern der Pflanze lassen sich zu Seilen und Textilien verwandeln, aber auch Matratzen, Dämmstoffe und Öko-Kunststoff kann man damit fabrizieren. Hanfpapier ist seit Jahrhunderten bekannt. Das holzige Stängelmark landet als Tiereinstreu im Stall oder als Dämmstoff auf dem Dachboden. Ätherische Öle aromatisieren Mode-Getränke, aber auch Kosmetikartikel, und sind Bestandteile von Parfüms. Das Öl selbst ist für die Körperpflege interessant. Hanföl kann sogar technisch verwendet werden: für Ölfarben, Reinigungsmittel, Druckfarben. Selbst die Produktion von Bio-

Diesel ist möglich. Lohnt sich aber nicht, wegen des vergleichsweise niedrigen Ertrags. Nicht zuletzt sind THC-reiche Blütenstände eine Quelle für Arzneimittel.

Vielleicht ist es ja gerade seine Vielseitigkeit, die dem Hanf zum Verhängnis wird? Die Entscheidung, ob deutsche Hanfbauern lieber bessere Fasern oder lieber bessere Samen wollen, wird ihnen derzeit abgenommen. Wer die Beihilfe der EU bekommen will, muss Sorten anbauen, die einen Kompromiss zwischen gutem Samenertrag und guten Fasern anbieten. Nur mit dieser Doppelstrategie können die Bauern die Öl- und Samenpreise für Kunden verträglich gestalten.

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