Grüne Gentechnik

Tina Andres: „Vielfalt schafft Resilienz“

Grüne Gentechnik soll in der ökologischen Landwirtschaft verboten bleiben. Dennoch birgt der Vorschlag der EU-Kommission enorme Nachteile für Bio-Bäuer:innen und -Verbraucher:innen. BÖLW-Vorsitzende Tina Andres erklärt, warum.

Die EU-Kommission will das Gentechnik-Recht aufweichen. Dazu hat sie einen Vorschlag vorgelegt. Welche Konsequenzen hätte dieser für die Verbraucher:innnen?

Vor allem für die Verbraucher:innen wäre die von der Kommission vorgeschlagene neue Gentechnik-Gesetzgebung fatal: mit den neuen Regeln fiele für die meisten Gentechnik-Pflanzen und die aus ihnen hergestellten Produkte die bisherige Kennzeichnungspflicht weg. Bei konventionellen Produkten könnte die Gentechnik-Industrie den Menschen ihre Produkte auf diese Art und Weise heimlich unterjubeln. Die heutige Wahlfreiheit – um die uns übrigens Millionen Menschen zum Beispiel in den USA sehr beneiden – würde uns genommen. Die EU-Kommission und die Gentechnik-Lobby wissen, dass die Verbraucher:innen Gentechnik nicht auf dem Teller haben wollen, deshalb versucht die Gentechnik-Lobby, ihre Gen-Manipulationen geheim zu halten.

Und was bedeutet der Vorschlag für die Bio-Landwirt:innen?

Auch für Bio-Bäuerinnen und Bauern oder auch ökologisch wirtschaftende Lebensmittelhersteller und den Bio-Handel ist der Vorschlag keine gute Nachricht: zwar bleibt es dabei, dass Gentechnik in Bio ausgeschlossen ist, so wie der BÖLW das immer gefordert hat, aber durch die fast vollständige Deregulierung der Gentechnik-Nutzung in der konventionellen Produktion wird der Aufwand, die eigenen Flächen und Produkte von Gentechnik-Verunreinigungen frei zu halten, noch größer als heute schon. Damit wird das Verursacherprinzip auf den Kopf gestellt: diejenigen, die ohne Gentechnik arbeiten, müssen die Kosten der Gentechnik-Anwendung tragen.

Was verspricht sich die EU-Kommission von dieser Maßnahme?

Für den BÖLW ist nicht nachvollziehbar, wieso einer Technologie der rote Teppich ausgerollt wird, die bisher kein einziges ihrer Versprechen einlösen konnte, trotz Milliardensummen an öffentlichen und Industrie-Mitteln. Die EU-Kommission wiederholt einfach ungeprüft alle Heilsversprechen der Industrie, obwohl ein genauerer Blick auf die Pflanzen, die tatsächlich schon auf dem Markt sind oder kurz vor der Zulassung stehen, zeigt, dass auch bei den inzwischen fast 15 Jahre alten „neuen“ Gentechniken Eigenschaften wie Herbizid-Toleranz oder veränderte Inhaltsstoffe im Vordergrund stehen. Statt weiter verzweifelt darauf zu hoffen, dass man sich um eine wirklich grundlegende Transformation unserer Landwirtschaft und Ernährung herummogeln kann, sollte die Kommission sich darum kümmern, Konzepte wie den Ökolandbau, die ihre Nachhaltigkeitsleistungen und Praxistauglichkeit klar bewiesen haben, stärker zu fördern.

„Die genetische Basis für unsere Lebensmittel wird künstlich verengt.“

Tina Andres, Vorsitzende des Öko-Dachverbands BÖLW

Befürworter versprechen positive Auswirkungen für Verbraucher und Landwirtschaft. Was ist davon zu halten?

Bisher haben wir davon noch nichts in der Realität sehen können. Das hat offensichtlich nichts mit einer angeblich zu restriktiven Regulierung zu tun: auch in Ländern wie den USA, die keine relevanten Regeln für den Schutz von Mensch und Umwelt vor Risiken durch die Gentechnik haben, hat die Gentechnik bisher nicht geliefert.

Ernährungssicherheit und Klimawandel stellen uns dennoch vor große Herausforderungen. Welche Alternativen bietet die ökologische Landwirtschaft?

Resilienz, also eine höhere Widerstandskraft unserer Lebensmittelproduktion gegen die Klimakrise und weitere Herausforderungen können wir nur durch ganzheitliche Ansätze sicherstellen, also Systeme, die Boden, Pflanze und das Ökosystem mit in den Blick nehmen. Genau das ist die Stärke des Ökolandbaus, deshalb setzen zum Beispiel auch die Kolleg:innen von MISEREOR oder Brot für die Welt und weiteren Hilfsorganisationen stark auf Bio. Auch die ökologische Züchtung geht mit einem Blick auf das große Ganze an die Entwicklung neuer Sorten für den Ökolandbau vor. Hier stehen nicht der schnelle Profit oder die Privatisierung von genetischen Ressourcen über Patente im Mittelpunkt, sondern die Entwicklung wirklich nachhaltiger Lösungen für Mensch und Umwelt. Mich als Biologin fasziniert vor allem der Ansatz der Populationszüchtung, die gezielt auf eine breite genetische Vielfalt auf dem Acker setzt. Vielfalt schafft Resilienz. Gentechnik ist genau der umgekehrte Ansatz: Gentechnik ist der Turbo für die massenhafte Patentierung von Genen, Pflanzen und Lebensmitteln. Damit wird der Züchtungsfortschritt ausgebremst und die genetische Basis für unsere Lebensmittel künstlich verengt.

Was können die EU-Bürger:innen tun, damit Grüne Gentechnik auch künftig unter das EU-Gentechnikgesetz fällt?

Der Entwurf der Kommission ist formal nur ein Vorschlag. Die Abgeordneten des Europaparlaments und der Rat der Regierungen der EU-Mitgliedstaaten sind jetzt gefordert, diesen Vorschlag abzulehnen oder zumindest so tiefgreifend zu verändern, dass Wahlfreiheit, Verursacher- und Vorsorgeprinzip gewährleistet sind. Die deutschen Europa-Abgeordneten und die Bundesregierung müssen sich hier aktiv für den Umwelt- und Verbraucher:innenschutz einbringen. Die Bürgerinnen und Bürger Europas können und sollten ihre Abgeordneten und Regierungen per Mail, Brief, Postkarte oder auch einen Besuch im Abgeordnetenbüro daran erinnern und dabei auch die Positionen zur Europawahl 2024 abfragen!

Zur Person

Gemeinsam mit Klaus Lorenzen leitet Tina Andres die Landwege Genossenschaft in Lübeck, in der sich Erzeuger und Bio-Läden zusammengeschlossen haben und zu der 140 Mitarbeiter gehören. Seit 2021 bekleidet sie das Ehrenamt der Vorstandsvorsitzenden des BÖLW, das zuvor Felix Prinz zu Löwenstein fast 20 Jahre ausgefüllt hat. Andres ist zweifache Mutter und will in ihrer neuen Position gestalten, um ihren Kindern eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. In ihrem anderen Leben, wie sie es nennt, ist sie Jazz- und Chansonsängerin.

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