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Tierwohl: Wie schlachten Bios?

Bio-Tiere leben artgerechter als konventionelle Nutztiere. Doch wie läuft es bei der Schlachtung ab und was unterscheidet sie von konventionellen Verfahren?

Bio-Tiere haben mehr Platz als ihre konventionellen Artgenossen, Verstümmelungen sind verboten, sie bekommen weniger Medikamente, mehr regionales Futter. Das hat auch Vorteile für uns: Ihr Fleisch schmeckt oft besser. Doch ob bio oder konventionell – auf dem Schlachthof erleben Tiere meist das Gleiche.

»Keines meiner Tiere soll so sterben.«

Sarah Baumgartner

Als Sarah Baumgartner 2018 ihre ersten Galloway-Rinder kaufte, war sie voller Elan. Die zotteligen Tiere mit dem sanften Gemüt hatten ihr Herz im Sturm erobert. Galloways sind robust und können das ganze Jahr über auf der Weide leben – für die passionierte Jägerin die beste Haltungsform und eine Garantie für höchste Fleischqualität. „Als mein erster Bulle schlachtreif war, begleitete ich ihn auf seinem letzten Weg – leider alles andere als stressfrei. Das Verladen und somit das Trennen von der Herde und der gewohnten Umgebung machte den Bullen extrem nervös, auch der Bolzenschuss beim Metzger gelang nur unter stressigen Bedingungen. Danach war mir klar: Keines meiner Tiere soll so sterben“, erzählt sie. Mit viel Geduld und einer ordentlichen Portion Sturheit erhielt Sarah 2019 als eine der ersten Tierhalter:innen in Bayern die Genehmigung, ihre Bio-Rinder direkt auf der Weide in ihrer gewohnten Umgebung zu schießen.

Mobile Schlachtung ist noch immer die Ausnahme

Erst im September 2021 schuf die EU einen offiziellen, rechtlichen Rahmen für diese Methode. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, sagt Prof. Gudrun Plesch vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau: „Studien belegen, dass mobile Schlachtung in der gewohnten Umgebung für die Tiere weniger stressbehaftet ist. Doch die Auflagen sind hoch und sowohl für den landwirtschaftlichen Betrieb als auch für Schlachtunternehmen mit viel Papierkram verbunden.“ Dieser Aufwand hat seinen Preis: Fleisch aus mobiler Schlachtung kostet etwa einen Euro mehr pro Kilo.

Schweineschlachtung: CO2-Betäubung ist umstritten

Bei Schweinen wird mobile Schlachtung bisher fast nur im privaten Bereich angewendet. Rund 80 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine werden hingegen mit CO2 betäubt. In Käfigen werden die Tiere mit einer Art Aufzug in eine Grube gefahren. Eine hohe CO2-Konzentration soll die Tiere hier rasch bewusstlos machen, bevor sie im nächsten Schritt per Bruststich getötet werden. Das Gas reizt jedoch die Schleimhäute der Tiere; Schmerzen beim Atmen können Panik und unnötiges Leiden auslösen. 

Dabei müssen Nutztiere laut Tierschutzgesetz so betäubt werden, dass sie „schnell und unter Vermeidung von Schmerzen oder Leiden in einen bis zum Tod anhaltenden Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit versetzt werden“. Auch die EU-Öko-Verordnung lässt die CO2-Betäubung zu. Sie verlangt beim Thema Schlachtung lediglich eine saubere Trennung zwischen ökologischen und konventionellen Tieren.

Am Friedrich-Löffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, werden bereits Alternativen zu CO2 gesucht. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass Gasbetäubungen mit Argon, Stickstoff oder Gasmischungen im Vergleich zu CO2 den Stress für die Tiere deutlich reduzieren und damit klare Vorteile in Bezug auf den Tierschutz haben. Bei der Fleischbeschaffenheit konnten derweil keine relevanten Unterschiede festgestellt werden. Allerdings kosten diese Gase mehr Geld und die Begasung dauert bis zu 40 Prozent länger“, sagt die stellvertretende Institutsleiterin Dr. Inga Wilk. Bis die neuen Gasbetäubungen allerdings für alle gängigen Anlagen genutzt werden können, seien noch weitere Untersuchungen nötig

Elektro- oder Gasbetäubung: Welche Methode ist tierfreundlicher?

Für Karl Schweisfurth von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten bleibt die Elektrobetäubung die bessere Lösung. Er gibt zu bedenken: „In automatisierten Schlachtfabriken werden Tiere wie technische Güter behandelt. Wir finden, dass wir es dem Tier schuldig sind, dass ein Mensch in vollem Bewusstsein dessen, was er da tut, den Akt des Tötens übernimmt.“ 
In seinem Schlachthaus wird ein Schwein so spät wie möglich von seiner Gruppe getrennt und dann in einem Betäubungsgitter kurz fixiert. Ein Kontrollsystem prüft, ob die Kontakte richtig gesetzt wurden. Erst dann wird das Schwein innerhalb weniger Sekunden elektrisch betäubt. „Bevor der Metzger die Hauptschlagader des Tieres öffnet, drückt er mit dem Finger auf das offene Auge des Schweins. Reagiert es nicht, war die Betäubung erfolgreich“, erläutert Schweisfurth.

Mehrere junge Bio-Schweine stehen in einem Stall auf dunklem Einstreu. Zwei Tiere blicken direkt in die Kamera. Das Bild zeigt einen Moment aus der Bio-Tierhaltung.

Schlachten gehört dazu

Schrot&Korn-Redakteurin Gabriele Augenstein besucht den Bioland-Hof Marwede, begleitet die Schweine auf ihrem letzten Weg und zeigt, was Verantwortung, Tierwohl und Transparenz in der ökologischen Landwirtschaft bedeuten.

Geflügel: Weniger Schmerzen durch Gasbetäubung?

Bei Geflügel ist die Elektrobetäubung weit verbreitet. Hühner, Hähne, Puten, Enten und Gänse werden dabei kopfüber aufgehängt und dann im elektrischen Wasserbad betäubt. Der Tierschutzbund fordert ein Verbot dieser Methode. Nicht nur das Aufhängen im Haltebügel sei – insbesondere für verletzte Tiere – schmerzhaft. Bewegten sich die Tiere zu viel, komme es vor, dass sie gar nicht ins Wasser eintauchen und bei der Schlachtung bei vollem Bewusstsein seien. 
In einem von der Bundesregierung geförderten Projekt wurde sogar festgestellt, dass Bio-Mastgeflügel bei dieser Methode häufiger fehlbetäubt wird. Das liegt vermutlich daran, dass die Tiere unterschiedlich groß sind und dadurch nicht gleich tief in das Wasserbad eintauchen. Möglich sei auch, dass sie ein anderes Fett-Muskel-Verhältnis haben als konventionelles Mastgeflügel und deswegen schwieriger zu betäuben sind. Das Projekt kam zu dem Schluss, dass Gasbetäubung für Geflügel bei korrekter Anwendung die tierfreundlichere Alternative zur Elektrobetäubung ist.

Faktor Mensch: Ausschlaggebend beim Tierwohl

Ob elektrisch, mit Gas, im Schlachthof oder mobil – neben einwandfrei funktionierenden Geräten ist beim Schlachten vor allem der Faktor Mensch ausschlaggebend dafür, wie sehr die Tiere leiden. „Nur Mitarbeitende mit entsprechendem Wissens- und Kenntnisstand sind in der Lage, die Tiere ruhig und stressfrei zur Betäubung zu führen. Dazu ist es auch wichtig, dass sie nicht unter Arbeitsstress und Zeitdruck stehen, wenn sie diese Tätigkeiten verrichten“, sagt Leonie Blume, Sprecherin des Arbeitskreises Tier & tierische Produkte der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller. 

Interview

Der Stress beginnt auf dem Weg zum Schlachthof

Frigga Wirths Portrait

Die Tierärztin und Nutztierwissenschaftlerin Frigga Wirths engagiert sich seit rund zwei Jahrzehnten für den Tierschutz.

Weniger Tierhaltung, kaum Personal und steigende Kosten: Immer mehr deutsche Schlachthöfe schließen. Wie wirkt sich das auf Tiertransporte aus?
Für viele Tiere kommt es zu längeren Transportzeiten. Laut EU-Öko-VO muss die Transportzeit für Bio-Tiere möglichst kurz sein, allerdings dürfen sie nur auf bio-zertifizierten Betrieben geschlachtet werden. Bio-Verbände schreiben vor, dass ein Transport nicht länger als vier Stunden dauern sollte. Doch wo das nicht möglich ist, gibt es Ausnahmegenehmigungen.

Was bedeutet das für die Tiere?
Der Stress beginnt schon beim Verladen auf dem Hof. Während der Fahrt schaukelt und ruckelt der Transporter, manchmal ist es stundenlang zu heiß oder zu kalt. Enger Kontakt zu fremden Tieren kann zusätzlichen Stress verursachen. Und oft leiden Tiere während der Fahrt, weil sie Durst oder Hunger haben. 

Welche Tiere leiden besonders?
Am stärksten leiden die Schwächsten: Milchkühe, Legehennen oder Sauen, die das Ende ihrer Nutzungsdauer erreicht haben und oft gesundheitlich angeschlagen sind. Auch Kälber, Nebenprodukte unserer Milcherzeugung, werden oft im Alter von vier Wochen bis zu 18 Stunden lang ins Ausland transportiert, weil wir für sie in Deutschland keine Verwendung haben.

Wie können Tiertransporte verbessert werden?
Verantwortungsvolles Verhalten der Fahrer – also kein starkes Beschleunigen oder abruptes Abbremsen – kann bereits viel Stress vorbeugen. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die Tränken funktionieren und die Transporter nicht überladen werden. Im Sommer sollte möglichst nur bei niedrigen Temperaturen gefahren werden. All das schreibt der Gesetzgeber bereits vor – aber die Realität sieht oft anders aus.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Risikofaktoren ermittelt, die vermeidbares Leid beim Schlachten verursachen können – von der Ankunft am Schlachthof bis zur Betäubung und Tötung. Bei Geflügel sind 83 Prozent, bei Schweinen 97 Prozent und bei Rindern sogar 98 Prozent der Risiken auf menschliches Versagen zurückzuführen. Regelmäßige Schulungen, Investitionen in moderne Technik und Videoüberwachung können zwar helfen – doch sie kosten Geld, das sich nicht alle Betriebe leisten können. Gleichzeitig müssen nur große Schlachthöfe Tierschutzbeauftragte benennen, die die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben überprüfen. Zwischen Stalltür und Tod eines Nutztieres bleibt also auch bei der Bio-Fleischproduktion nach wie vor noch viel Verbesserungsspielraum. 
Wer die Möglichkeit hat, kauft Weideschuss-Fleisch: Hier ist immerhin sichergestellt, dass die Tiere in ihrem gewohnten Umfeld sterben.

Wissen, woher das Fleisch kommt

Identitätskennzeichen, Schlachtvieh

• Erkundigen Sie sich beim Einkauf an der Fleischtheke nicht nur nach Herkunft und Haltungsform, sondern auch nach den Schlachtbetrieben und -bedingungen. 
• Abgepackte Fleischprodukte tragen auf der Verpackung eine aus fünf Ziffern und dem Bundesland-Kürzel bestehende Nummer – das sogenannte Identitätskennzeichen. Gibt man dieses auf der Webseite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ein, erhält man den Namen des Betriebes und seine Zulassungen: www.bvl.bund.de/bltu

Häufige Fragen zu Bio-Schlachtung

Werden Bio-Tiere anders geschlachtet als konventionelle Tiere

Bio-Tiere unterliegen denselben gesetzlichen Vorgaben zur Betäubung und Tötung wie konventionelle Tiere. Die Bio-Regeln machen nur wenige zusätzliche Vorgaben für die Schlachtung selbst.

Was ist mobile Schlachtung bei Rindern?

Bei der mobilen Schlachtung werden Tiere direkt auf der Weide betäubt und getötet. Transportstress entfällt, was das Leiden der Tiere deutlich reduzieren kann.

Ist die CO2-Betäubung bei Schweinen erlaubt?

Ja. Die CO2-Betäubung ist auch bei Bio-Schweinen zulässig. Sie steht jedoch in der Kritik, weil sie Schmerzen und Stress auslösen kann. Für Bio wird an Lösungen gearbeitet. Für manche Bio-Fleisch-Anbieter bleibt die Elektrobetäubung die bessere Lösung.

Warum ist der menschliche Faktor beim Schlachten so entscheidend?

Fehler beim Umgang mit Tieren, Zeitdruck oder mangelnde Schulung verursachen den Großteil vermeidbaren Leids. Gut ausgebildetes Personal ist zentral für den Tierschutz.

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