Wie geht zeitgemäße Landwirtschaft in einem historischen Dorf? Veronika und Sören Obermayer machen es vor. Ihr Hof Wendland Ziege wurde 2026 für seine zukunftsfähige, besonders tiergerechte Ziegenhaltung mit dem Bundespreis Ökologischer Landbau ausgezeichnet.
Das wendische Rundlingsdorf Bausen hat seine Hufeisenform aus dem 13. Jahrhundert und die Parzellenstruktur der umliegenden Flächen beibehalten. Wir haben Veronika und Sören besucht und uns im Stall und auf dem Acker umgeschaut.
Geburtshilfe im Ziegenstall
Das Jahr auf dem Hof beginnt mit der Lammzeit im Januar und Februar. Die meisten der 50 Geißen schaffen es ganz alleine, ihre Zicklein zur Welt zu bringen. Doch manchmal hat Ziegenhalterin Veronika in der Rolle als Hebamme etwas mehr zu tun. Ist die Fruchtblase sichtbar und nach einer Stunde kein Kitz da, will Veronika wissen, was los ist. Vorsichtig untersucht sie die Lage des Zickleins im Bauch: Liegen die Hinterbeine zuvorderst im Geburtskanal, muss sie das Lamm schnell herausziehen. Steckt der Kopf fest, schiebt sie es zurück in die Gebärmutter und sucht die Vorderbeine. „Bei Zwillingen oder Drillingen kann das eine ziemliche Sortierarbeit sein, bis alle Beine und Köpfe zueinander passen und richtig liegen“, erklärt sie.
Je zahmer die Ziegen sind, desto bereitwilliger lassen sie sich auf die Geburtshilfe ein. Zwei der Ziegen, die Herdenchefin Ke und ihre Tochter Moni, bestünden sogar darauf, dass Veronika beim Gebären dabei ist. Die beiden Ziegen hätten richtig gemeckert und geschimpft, als Veronika zurückkam, nachdem sie kurz weg war. Erst als Veronika wieder da war, hätten die beiden Damen ihre Lämmer zur Welt gebracht. Augenzwinkernd sagt Veronika: „Vielleicht rede ich mir das nur schön, weil Ke und Moni meine Lieblinge sind, aber ich bin sicher, dass es genau so ist.“
»Herdenchefin Ke ist sehr auf Menschen bezogen, nicht alle Ziegen sind so.«
Streit schlichten in der Ziegenherde
Ziegen zeigen über die Körpersprache und vor allem den Blick und die Art des Meckerns, was sie brauchen. „Herdenchefin Ke ist sehr auf Menschen bezogen, nicht alle Ziegen sind so“, erzählt Veronika. Ke ist schon acht Mal Mama geworden. Sie wird nicht mehr wegen ihrer Milchleistung gedeckt, sondern weil sie die Herdenstruktur super managt. „Sie ist eine super Chefin, Streit unter den Ziegen regelt sie mit ihrer puren Anwesenheit“, erzählt Veronika. Ohne Lamm wäre Ke zwar weiterhin anerkannt, könnte aber den Platz an der Spitze der Hierarchie nicht halten. Den Generationswechsel im Ziegenstall und die damit verbundene Unruhe im sozialen Gefüge der Herde wollen Veronika und Sören, die sich viel über ihre Ziegen austauschen, lieber noch ein wenig hinauszögern.
Generationswechsel auf dem Hof und Umstellung auf Bio
Das Leben auf dem Hof Wendland Ziege ist aufregend. Der Generationswechsel bei den Menschen, die Hofübergabe, liegt noch gar nicht so lange zurück. Sören und Veronika haben den Betrieb 2020 nach ihrem Landwirtschaftsstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin von Sörens Eltern übernommen. Sie haben auf Bio umgestellt, die alten Schweineställe umgebaut und dort mit der Ziegenhaltung begonnen; sie haben das Nebengebäude saniert und umgebaut, dort die Käserei und den Hofladen eröffnet, Veronikas Bruder Markus als Käser gewonnen und obendrein ihre beiden Töchter zur Welt gebracht. All das wäre nicht möglich gewesen, hätte nicht die ganze Großfamilie mitgeholfen. Sörens Eltern unterstützen als Altenteiler. Veronikas Vater und Schwester sowie Sörens Bruder packen bei den Umbau- und Sanierungsmaßnahmen an. Auch auf die Freunde aus der Hauptstadt, wo Veronika und Sören sich kennengelernt und studiert haben, kann man zählen. Ohne so viel tatkräftige Unterstützung wäre das Projekt Wendland Ziege schlichtweg unmöglich. Denn bei aller Idylle macht so ein Bio-Bauernhof weit mehr Arbeit als einem manchmal recht ist.
Urlaub sieht das Lebenskonzept von Veronika und Sören selten vor. Ab und zu ein einzelner Tag in Berlin, um Freunde zu treffen und ein wenig Großstadtluft zu schnuppern. Dann ruft das Wendland wieder. Neben den Ziegen gehören sechs Welsh-Black-Rinder zur Hofgemeinschaft. Sie leben ganzjährig draußen und weiden genügsam selbst dort noch, wo die wählerischen Ziegen das Büfett aus Gras und Kräutern nicht fein genug finden, im moorigen Naturschutzgebiet.
Auf dem Acker: Koexistenz von Landwirtschaft und Natur
Getreide, Soja, Kartoffeln und das Futter für die Tiere wächst auf dem umliegenden Land. Den Ackerbau hat Sören seit der Hofumstellung sehr verändert. Er legt viel Wert darauf, nicht bloß auf hohen Ertrag zu setzen, sondern immer auch extensiv genutzte Flächen einzuplanen, auf denen der Naturschutz hohe Priorität genießt. Das ermöglicht eine bessere Koexistenz von Landwirtschaft und Natur. So findet etwa die Feldlerche auf Sörens Flächen immer irgendwo ein Plätzchen, auf dem sie Ruhe hat für ihr Lerchenleben. Dass es auf seinen Ackerflächen zwitschert und summt, hat auch Sörens Vater schon positiv bemerkt, der der Umstellung auf Bio und auf Ziegenhaltung mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Landwirt anfangs recht kritisch gegenüberstand. Um so schöner war es für Sören und Veronika, die Eltern mitzunehmen zur Preisverleihung nach Berlin.
Hof-Porträt: Kitze, Käse, Futterlaub
• 50 Milchziegen, drei Böcke und deren Nachzucht in muttergebundener Kitzaufzucht. Die gefährdete deutsche Nutztierrasse Thüringer Waldziege ist fruchtbar, lammt problemlos ab und gibt gut Milch. Die Toggenburger Ziegen geben weniger Milch, bringen aber viel Ruhe in die Herde.
• Die Milch wird in der Hofkäserei verarbeitet und v.a. in Glas mit Pfandsystem vermarktet.
• Eine kleine, friedliche Welsh-Black-Herde mit vier Kühen, einem Bullen und einem Ochsen lebt auf den Weiden ringsum.
• Der Bioland-Hof ist Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau und Partner des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue.
• Auf 130 Hektar Ackerflächen wachsen Getreide, Leguminosen wie Speisesoja und Kartoffeln. 20 Hektar sind Grünland.
• Jüngstes Projekt ist die Futterlaub-Erzeugung im Agroforst. Es wird von der Georg-August-Universität Göttingen und FuLaWie beforscht. Den Ziegen schmeckt‘s!
www.wendland-ziege.de
Was muttergebundene Ziegenhaltung heißt
Besonders tiergerecht heißt hier auf dem Hof: muttergebundene Kitzaufzucht. Was muttergebunden genau bedeutet, ist übrigens nicht offiziell definiert. Das legt jeder, der Tiere hält, selbst fest. Bei Veronika und Sören leben die Kitze acht Wochen mit ihren Müttern und trinken deren Milch. Sie werden erst getrennt, wenn sie normales Futter fressen können – einen Monat vor ihrer Geschlechtsreife mit drei Monaten. Ob die jungen Ziegen und ihre Mütter bei der Trennung leiden, beantwortet Veronika so: „Manche Mütter scheinen sich schon zu fragen, wo ihre Kleinen sind, finden sich aber nach spätestens einem Tag damit ab. Die jungen Ziegen tollen schon mit wenigen Wochen am liebsten mit ihren Altersgenossen herum.“
Ab April, wenn die mittlerweile jugendlichen Tiere unter sich sind, beginnt für Veronika die Zeit des Melkens. Ein- bis zweimal täglich melkt sie die Ziegenmütter. Ke und die anderen ranghohen Ziegen wollen zuerst in den Melkstand. Die Beliebtheit des Melkstands mag damit zusammenhängen, dass das Melken mit leckerem Ziegenmüsli belohnt wird, in dem auch feine Getreidekörner zu finden sind.
Käsen mit Ziegenmilch
Die frisch gemolkene Ziegenmilch fließt in 250-Liter-Bottiche, wird gekühlt und über mehrere Tage gesammelt. Käser Markus macht daraus Joghurt und Käse für den Wochenmarkt und den Hofladen. Die Nachfrage nach Bio-Ziegenkäse ist insbesondere in Europa steigend. Das hat nicht nur kulinarische Gründe. Produkte aus Ziegenmilch sind auch eine bekömmliche Alternative bei Kuhmilchunverträglichkeit, da sie ein besonderes Eiweißprofil aufweisen.
Und die Ziegenböcke?
Im Herbst beginnt die Brunstzeit und die jungen Böcke, die Anfang des Jahres geboren wurden, müssen vorher geschlachtet werden. Denn sobald sie brünstig werden, stinken sie sprichwörtlich „wie ein Ziegenbock“. Ihr Fleisch nimmt dann das untrügliche Ziegenbockaroma an und lässt sich nicht mehr vermarkten. Von Juli bis September fahren Veronika und Sören daher zwei bis drei Mal zusammen zum Schlachten. Sie bleiben bei ihren Böcken bis zum Schluss. „Wir begleiten den Tod wie die Geburt. Das geben wir nicht aus der Hand. Es ist sehr wichtig für uns beide.“
Drei Zuchtböcke leben das ganze Jahr über auf dem Hof in ihrer Männer-WG. Immer im Herbst haben sie ihren großen Auftritt und sorgen zusammen mit den brünstigen Ziegen für den Nachwuchs des nächsten Jahres. Da jede Ziege bis zu drei Kitze trägt, muss auch ein Teil der weiblichen Jungtiere den Hof verlassen. Einige Ziegen werden an Schäfer nach Norddeutschland verkauft. Dort helfen sie bei der Landschafts- und Deichpflege. Während die Schafe Gras rupfen, halten die Ziegen Gestrüpp und Hecken in Schach.
Wertschätzung für Lady Di
Übrigens sehr wichtig in der Herde ist die rangniedrigste Ziege. Diese muss warten, bis alle anderen fertig sind mit Fressen und darf dann erst ans Futter. Sie muss immer schauen, wo sie bleibt. Veronika sagt: „Mit der Rolle kommt nicht jede Ziege klar. Manche werden dabei sogar depressiv. Unsere Lady Di macht das richtig super. Sie ist schnell und schlau und gut im Klauen, schnappt sich Futter, wo sie es kriegen kann. Oft frisst sie einfach dann, wenn die anderen sich ausruhen.“ Jede Ziege hat einen eigenen Charakter. Lady Di ist eine richtige Lebenskünstlerin.
»Mit der Rolle der Rangniedrigsten kommt nicht jede Ziege klar. Unsere Lady Di macht das super.«
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