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Planetary Health Diet: Ist nachhaltig essen nur was für Gutverdienende?

Die Planetary Health Diet verspricht gesunde Ernährung für alle – und Schutz für den Planeten. Doch sie ist noch längst nicht Alltag. Warum?

Zehn Milliarden Menschen bis 2050. Ein Planet. Können wir alle Menschen gesund ernähren, ohne dabei unsere Lebensgrundlagen zu zerstören? Theoretisch ja! Zu diesem Ergebnis kamen die Expertinnen und Experten der EAT-Lancet-Kommission. 2019 stellten sie mit der Planetary Health Diet (PHD) einen gesunden und zugleich umwelt- und klimagerechten Speiseplan vor. Er setzt vor allem auf Gemüse, Vollkornprodukte und Obst, während hoch verarbeitete, zuckerhaltige und tierische Lebensmittel stark begrenzt werden. 
Hülsenfrüchte und Nüsse sollen dafür sorgen, dass wir ohne viel Fleisch und Fisch genügend Eiweiß zu uns nehmen. „Alles in allem ein super Konzept – aber da macht kaum einer mit“, befürchtet Gunther Hirschfelder. An der Universität Regensburg erforscht der Professor, wie Kultur und Ernährung zusammenhängen.

Die Wirtschaftswunderjahre brachten eine Fresswelle, die bis heute anhält.

Prof. Gunther Hirschfelder

Die Freiheit, die eigene Ernährung nach Belieben zu gestalten, ist bei uns heute nahezu grenzenlos. Nur bei Alkohol gibt es eine Altersbeschränkung, ansonsten dürfen wir knabbern, schlemmen und naschen, was und wie viel wir wollen. Das war nicht immer so. „Erst die Wirtschaftswunderjahre in den 1950er-Jahren brachten eine Fresswelle mit sich, die bis heute anhält. Und obwohl wir inzwischen mehr über gesunde und nachhaltige Ernährung wissen als je zuvor, ist fast die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig“, sagt Hirschfelder. 

Warum ist nachhaltig essen oft so schwer?

Doch Übergewicht ist nicht das einzige Problem: Auch für Klima und Umwelt ist unsere Art zu essen zur Belastung geworden. Beispiel Fleischkonsum: Der ist zwar mit rund 53 Kilogramm pro Person und Jahr nicht mehr ganz so hoch wie in den 1980er-Jahren. Nach den Vorstellungen der EAT-Lancet-Kommission müssten wir ihn aber um weitere 70 Prozent reduzieren. 

Hauptsache, es schmeckt?

  •  Laut Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist guter Geschmack für 99 Prozent der Deutschen das wichtigste Kriterium beim Essen. Der Gesundheitswert des Essens überzeugt 91 Prozent der Deutschen und belegt damit Platz zwei. 56 Prozent legen hingegen besonderen Wert auf eine einfache und schnelle Zubereitung.
  • Bei einer Umfrage der AOK gaben 68 Prozent der Befragten an, dass sie sich gerne nachhaltiger ernähren würden.

Doch wir essen nun mal nicht nur, um uns mit Nährstoffen zu versorgen oder um die Welt zu retten. Sondern um zu genießen, dazuzugehören, uns zu identifizieren und an Vertrautes zu erinnern. Das gilt genauso für das Festhalten an deutschen Schnitzeltraditionen wie auch für Menschen mit Migrationshintergrund: „Für sie ist die Ernährung der Heimat ein Vertrauensanker, der meist wichtiger ist als Gesundheit und Nachhaltigkeit“, sagt Hirschfelder.

Junk-Food-Werbung macht anfällig

Besonders Menschen mit geringem Einkommen fühlen sich von Konzepten wie der PHD kaum angesprochen. Das liegt auch daran, dass der konkrete Wert nachhaltiger Ernährung zwischen millionenschwerer Werbung für ungesunde und umweltschädliche Lebensmittel schwer erkennbar ist. Ob über Prospekte im Briefkasten, Plakate an der Bushaltestelle oder Werbespots im Fernsehen und online: Ständig werden wir dazu verlockt, Lebensmittel zu konsumieren, die weder uns noch unserem Planeten guttun. Kinder und Jugendliche sind dafür besonders anfällig: Laut einer Studie der Universität Liverpool essen sie nach nur fünf Minuten Junk-Food-Werbung täglich 130 Kilokalorien mehr. 

Beim Einkauf gibt’s dann oft auch noch einen wirtschaftlichen Schlag in die Magengrube, denn Fertigpizza und Co. locken oft mit besonders günstigen Preisen. Das muss sich ändern, findet Britta Klein vom Bundeszentrum für Ernährung – und fordert fairere Ernährungsumgebungen: Damit meint sie Strukturen, in denen verarbeitete, ungesunde und klimaschädliche Lebensmittel teurer sind als hochwertige, gesunde Alternativen. Sie ist überzeugt: Erst wenn die nachhaltige Wahl die einfache Wahl ist, könnten sich mehr Menschen für die Planetary Health Diet begeistern.

Ungesunde Ernährung: Wer zahlt den Preis?

Doch davon sind wir heute noch weit entfernt. Vorschläge und Petitionen etwa für eine umwelt- und gesundheitsorientierte Reform der Mehrwertsteuer verliefen bisher genauso im Sand wie die Einführung eines Werbeverbots für ungesunde Lebensmittel. Schwer nachvollziehbar, denn klima- und gesundheitsschädliche Ernährung kostet nicht nur Lebensqualität, sondern bares Geld. Greenpeace bezifferte die externen Umwelt- und Gesundheitskosten in Deutschland für 2024 auf rund 140 Milliarden Euro – ein Drittel des Jahreshaushalts. Rund 70 Prozent der Erkrankungen in den westlichen Industrieländern – vor allem Herz-Kreislaufleiden, Krebs und Diabetes – sind auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. 

Gemeinsam besser und nachhaltiger essen

Die PHD kann hier gegensteuern. Laut einer Studie der Universität Harvard senkt sie das Sterberisiko um rund 30, den CO2-Fußabdruck um 29 und den Flächenverbrauch sogar um 51 Prozent. Höchste Zeit also, dass die kluge Theorie auf unseren Tellern landet. Aber wie? Am besten dort, wo viele Menschen täglich essen: in Mensen, Kantinen und Cafeterien.

Für Laura Harrison ist die Außer-Haus-Verpflegung ein zentraler Hebel für eine nachhaltigere, gesündere Ernährung. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sie für die Cafeterien der Uniklinik Heidelberg ein Mittagsmenü auf Basis der Planet Health Diet entwickelt. Ob Jamaikanisches Bohnencurry oder Gemüsebiryani mit Orangen-Tofu, ob Seelachsfilet oder Schwäbische Maultaschen: Drei Monate lang hatten Besucher:innen und Mitarbeiter:innen der Klinik die Wahl. 

Kantinen sind ein zentraler Hebel für eine gesündere Ernährung.

Laura Harrison, Doktorandin

Viele der von der Studentin zum Teil selbst entwickelten Rezepte sind seither fester Bestandteil des Speiseplans. „Das Menü unter dem Motto nachhaltig, gesund und lecker kam sehr gut an – das bestätigen die begleitenden Tests und Umfragen, die wir durchgeführt haben. Negatives Feedback gab es hingegen fast keines“, freut sich Harrison. Der Clou: In der Außer-Haus-Verpflegung probiert man gemeinsam Neues aus. Und wenn es schmeckt und gesund ist, sinkt oft die Hemmschwelle, auch Zuhause mal mit anderen Lebensmittelkombinationen zu experimentieren.

Tipps für gesunde Ernährung mit kleinem Budget

Planetary Health Diet für Einsteiger

  • Nussmus statt Marmelade aufs Brot – spart Zucker, liefert gute Fette
  • Täglich Obst und Gemüsesnacks für zwischendurch einplanen
  • Öfter mal Gemüse- und Hülsenfrucht-Aufstriche statt Wurst und Käse
  • Vollkornprodukte kaufen – sie sind gesünder und halten länger satt
  • Keine Zeit? Nüsse liefern auch unterwegs schnell Energie
  • Weniger Schleppen, weniger Zucker: Leitungswasser statt Softdrinks
  • Mehr als eine Beilage: Gemüse in Rezepten ins Rampenlicht rücken
  • Fleisch in Eintöpfen und Currys ganz oder teilweise durch Bohnen, Linsen & Co. ersetzen
Hier gibt es mehr als 90 Rezepte mit Hülsenfrüchten

Gemeinsam gesünder und nachhaltiger essen funktioniert bereits an vielen Orten. Die Organisation Pro Veg International hat bereits einige Studierendenwerke für ihre Planetary-Health-Mensen ausgezeichnet. Und weltweit haben 16 Städte – darunter Barcelona, Kopenhagen, Mailand, Oslo und Paris – die Good Food Cities Declaration unterzeichnet. Sie wollen ihren Bürger:innen bis 2030 eine PHD ermöglichen, die ihre jeweilige Kultur, Geografie und Demografie berücksichtigt. 
Auch die Ernährungsstrategien der skandinavischen Länder gehen mit gutem Beispiel voran und fördern gezielt eine Ernährung, die die planetaren Grenzen respektiert und die menschliche Gesundheit unterstützt. Bleibt zu hoffen, dass diese Pläne und Strategien bis 2050 auch auf unseren Tellern landen und nicht vom Tisch sind.

Frau schnürt Kohlpäckchen

Nordic Diet oder Mittelmeerküche?

Beide Ernährungsformen sind gesund, lecker und nachhaltig. Wir zeigen, warum es sich lohnt, die Vorteile beider zu nutzen.

Interview: Selber kochen spart Geld und schont die Umwelt

Interview

Portraitfoto von Silvia Monetti

Silvia Monetti leitet das InForm Verbundprojekt „Gesund und nachhaltig essen mit kleinem Budget“ der 
Verbraucherzentralen.

Ist gute Ernährung nur was für Gutverdienende?
Nein. Aber für gutverdienende Menschen ist es oft leichter, sich gesund und nachhaltig zu ernähren. Sie haben häufig einen höheren Bildungsgrad, besitzen genügend Kenntnisse über Ernährung und Kochen und können sich qualitativ hochwertige, nachhaltige Lebensmittel leisten. In Deutschland sind jedoch über 13 Millionen Menschen von finanzieller Armut und mindestens vier Millionen von Ernährungsarmut betroffen. Sie können sich nicht genug oder keine guten Lebensmittel leisten oder besitzen mangelnde Ernährungskompetenzen. Ohne sie ist es aber sehr schwierig, sich in unserem immer schnelleren, komplexeren Alltag gesund und nachhaltig zu ernähren.

Warum greifen so viele Menschen zu ungesunden Convenience-Produkten?
Sie sind schnell zubereitet und erscheinen oft auf den ersten Blick günstiger. Doch je mehr Personen in einem Haushalt mitessen, desto geringer das Sparpotenzial. Zudem enthalten diese Produkte sehr häufig viel zu viel Zucker, Salz und Fett. Alternativen wie frisches Gemüse und Obst werden jedoch von vielen Menschen als zu teuer angesehen. Frische Produkte erfordern zudem Kenntnisse zur Lagerung und Zeit zur Verarbeitung und Zubereitung. Wissen, Ernährungskompetenzen und Zeit: All das haben viele Menschen nicht zur Verfügung. Und es sind Faktoren, auf die die einzelnen Menschen nur wenig Einfluss haben.

Tut der Staat genug, um gesündere, klimafreundliche Ernährung zu fördern?
Leider nein. Es wird permanent an die individuelle Verantwortung appelliert, das „Richtige“ zu essen. Aber solange der Alltag und die Umgebung es uns schwieriger machen, uns gesund zu ernähren, geht der Fokus auf die individuelle Verantwortung an der Realität vorbei. Warum werden an der Kasse immer noch so viele Snacks und Süßigkeiten angeboten? Warum wird beim Essen in Schulen jeder Cent eingespart? 

Was sind Ihre besten Tipps für eine gesündere und nachhaltige Ernährung mit kleinem Budget? 
Mehr Hülsenfrüchte, mehr Vollkornprodukte, mehr Gemüse, Leitungswasser statt Softdrinks und vor allem: öfter selber kochen. Bei einer Bolognese-Soße kann man das Hackfleisch zum Beispiel ganz oder teilweise durch Linsen ersetzen: statt 400 Gramm Rinderhack reichen 150 Gramm Linsen – das spart Geld und schont die Umwelt.

Häufige Fragen zur Planetary Health Diet

Was ist die Planetary Health Diet?

Die Planetary Health Diet ist ein Speiseplan, der Gesundheit und Umweltschutz verbindet. Er basiert auf pflanzenbetonten Lebensmitteln wie Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Vollkornprodukten. Tierische und stark verarbeitete Produkte werden reduziert.

Ist die Planetary Health Diet für alle bezahlbar?

Ja, mit etwas Planung. Linsen statt Fleisch, Leitungswasser statt Softdrinks und mehr selbst kochen sind einfache Wege, um Kosten zu sparen – und gleichzeitig gesünder zu essen.

Warum essen so viele Menschen trotzdem ungesund?

Geschmack, Gewohnheiten, Werbung und Zeitmangel prägen unser Essverhalten. Oft fehlen außerdem Ernährungskompetenz und Zugang zu gesunden Lebensmitteln.

Was kann die Politik tun, um gesundes Essen zu fördern?

Expert:innen fordern z. B. Steuervorteile für Obst und Gemüse, Werbeverbote für Junkfood und bessere Standards für Schulessen – besonders für Menschen mit geringem Einkommen.

Wie kann man die Planetary Health Diet im Alltag umsetzen?

Startet mit kleinen Änderungen: Verwendet Bohnen in Suppen, wählt Vollkorn statt Weißmehl, esst öfter Gemüse als Hauptgericht – und trinkt Wasser statt Limo.

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