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Personalisierte Ernährung: Besser essen dank App?

Apps, Tracker und Tests versprechen individuelle Empfehlungen für mehr Gesundheit. Doch was bringt personalisierte Ernährung wirklich?

Der Sensor an Claudias Oberarm zeigt ihr in Echtzeit an, wie hoch ihr Blutzucker nach einer Mahlzeit ist. Speisen, die den Wert stark erhöhen, hat sie vom Speiseplan gestrichen – und dabei Gewicht verloren. Kilian nutzt eine App, um abzunehmen. Dafür lädt er Fotos von seinen Mahlzeiten in die App hoch und eine KI spuckt in der Folge aus, welche Nährstoffe darin stecken und was er besser machen könnte. Also zum Beispiel: Bitte mehr Proteine, weniger Kohlenhydrate! Auch er ist zufrieden mit dem Zeiger auf seiner Waage. Anna wollte wissen, ob ihre Darmflora gesund ist und hat einen Mikrobiomtest gemacht – es folgte der Ratschlag, mehr Ballaststoffe zu essen.

Neben Blutzuckertracking, Ernährungs-Apps und Mikrobiomtest gibt es auf dem Markt zahlreiche Wearables wie Fitnessarmbänder und Smartwatches, die außer dem Blutzucker den Schlaf, den Blutdruck oder die Schritte messen, zudem Gentests, die etwas über Krankheitsrisiken aussagen und Rückschlüsse auf die Ernährung nach Maß geben sollen. Auch eine Blutprobe kann Auskunft etwa über Nährstoffdefizite oder erhöhte Entzündungsmarker geben, die mit Ernährung oder Vitamintabletten ausgeglichen werden können. Dies sind die Werkzeuge der sogenannten „Personalisierten Ernährung“ oder „Präzisionsernährung“. Es klingt alles äußerst vielversprechend – doch was taugt das wirklich?

Nicht nur auf Social Media, auch in der Wissenschaftsgemeinde hegt man die große Hoffnung, mit maßgeschneiderten Tipps die Menschen gesünder zu machen. Denn: „Der menschliche Stoffwechsel reagiert auf Lebensmittel sehr individuell“, sagt Christina Holzapfel. Sie ist Professorin für Humanernährung an der Hochschule Fulda und Leiterin des Arbeitskreises „Personalisierte Ernährung“ bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), der 2021 gegründet wurde. So gibt es erhebliche Unterschiede, wie stark der Blutzucker zum Beispiel nach Weißbrotkonsum ansteigt – bei manchen Menschen schießt er in die Höhe und fällt rasch wieder, bei anderen verändert er sich minimal. Starke Blutzuckerschwankungen sind jedoch eher mit Übergewicht verbunden, weil Mahlzeiten nicht lange satt halten. Auch bei Milch-, Kaffee- oder Salzkonsum gibt es unterschiedliche Wirkungen im Körper. 

Diese Unterschiede resultieren aus einem Zusammenspiel von Genetik, Mikrobiom sowie Lebensstilfaktoren. Gene liefern die Blaupause für Enzyme, und je nach Genvariante sorgen sie für andere Stoffwechselprodukte im Blut. Zudem wird geschätzt, dass rund 40 Prozent der Substanzen im Blut von der Darmflora beeinflusst werden. Letztlich spielt der Lebensstil eine große Rolle: Jemand, der gerne Sport treibt, hat wiederum andere Metabolite im Blut als ein Bewegungsmuffel, und ein Raucher andere als ein Nichtraucher. Klar ist darum heute, dass es DIE eine gesunde Ernährung für alle nicht gibt. 

Welche Rolle spielen Gene, Mikrobiom und Lebensstil für die Ernährung wirklich?

Genau das finden Claudia, Kilian und Anna so reizvoll an Blutzuckertracking, Ernährungs-App und Mikrobiomtest – dass die Empfehlungen auf ihre Eigenheiten eingehen. Zwar sind in den Ernährungsempfehlungen der DGE bereits auf Zielgruppen, etwa Senioren oder Sportler, zugeschnittene Tipps zu finden. Doch die Fortschritte in der Erforschung des menschlichen Genoms und Mikrobioms haben das Thema auf ein ganz anderes Level gehoben. So hat man etwa bislang allein rund 1000 Genvarianten für Übergewicht gefunden.

Dennoch ist man heute ernüchtert: „Die Genvarianten haben jeweils nur einen geringen Effekt auf das Körpergewicht“, sagt Holzapfel. Genomtests, die freiverkäuflich im Internet zu haben sind, um per Speichelprobe das Genprofil plus Ernährungstipps zu erhalten, seien darum unseriös. Sie sind teuer und teils versprechen sie, mithilfe der mitgelieferten maßgeschneiderten Ernährungspläne, schnell an Gewicht zu verlieren. „Meist beinhalten sie schlicht die Regel energiearm zu essen und zu trinken“, so Holzapfel. „Dafür braucht es keinen Gentest.“

Einmalige Mikrobiom-Tests sind derzeit wenig aussagekräftig.

Blutzuckertracking &Co.: Hilfreich oder überbewertet?

Ähnlich sieht es bei Stuhltests aus, die das individuelle Bakterienmuster im Darm offenlegen. Bei gesunden Erwachsenen sind diese einmalig ausgeführten Mikrobiomtests derzeit noch wenig aussagekräftig. Der Ratschlag, mehr Ballaststoffe zu essen, um die Darmflora zu sanieren, wie ihn Anna beherzigt, ist ein bewährtes Mittel für mehr Vielfalt im Darm und in jedem Ernährungsratgeber zu finden. Auch beim Blutzuckertracking ist die Beweislage eher mau. „Für Gesunde bieten diese Geräte derzeit keine gesundheitlichen Vorteile“, so Katja Lotz, Professorin an der DHBW Heilbronn. Nur wenn es um kranke Menschen geht, in diesem Fall um Diabeteskranke oder stark übergewichtige Menschen mit einer Vorstufe des Diabetes, gibt es Glukosesensoren als „Digitale Gesundheitsanwendung“ (DiGA) auf Rezept. 

Aber offenbar hilft das Blutzucker-Messgerät Menschen wie Claudia gesünder zu essen. „Das scheint ein Vorteil auch von Gen- und Mikrobiomtests zu sein,“ so Lotz. „Sie haben den positiven Nebeneffekt, dass sich Menschen mit ihrer Ernährung befassen und dann zum Beispiel ballaststoffreicher essen.“ 

Welche Rolle spielen Ernährungs-Apps im Alltag?

Der Dschungel in Sachen Ernährungs-Apps ist groß. Es tummeln sich etliche Apps wie „Mealmind“, „ZOE“, „Foodiary“ oder „myFoodDoctor“ am Markt. Dass manche Ernährungs-Apps Gesundheitseffekte haben können, zeigte eine Auswertung der Universität Konstanz im Jahr 2019. Wer Tipps der Apps befolgte, verlor Gewicht und verbesserte seinen Blutdruck sowie die Blutfettwerte. Allerdings waren die Apps eher auf psychologischer Ebene hilfreich: Sie zeigten Strategien zur Verhaltensänderung auf und waren nicht angepasst an individuelle Blutzuckerwerte oder Mikrobenmuster. Die Inhalte und Funktionen der Apps waren dabei sehr unterschiedlich und reichten von Zielsetzung und Feedback bis hin zu Ernährungs- und Bewegungsmonitoring. Wissenschaftliche Beweise für eine wirklich individuelle Wirkung gab es nicht.

Interview

Vorsicht bei freiverkäuflichen Tests

Portrait von Katja Lotz, DHBW Heilbronn

Prof. Katja Lotz forscht an der DHBW Heilbronn zu den Chancen und Risiken personalisierter Ernährung.

In welchem Bereich hat personalisierte Ernährung die größte Chance?
Beim Übergewicht – trotz guter Abnehmprogramme steigen die Zahlen weiter an. Wir haben bei den Männern Übergewichtsraten von 60 Prozent, bei den Frauen über 40 Prozent. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wie viel Energie sie eigentlich individuell benötigen. Und hieraus resultieren andere Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Fokussieren sich gesundheitsbewusste Menschen nicht noch zwanghafter auf ihre Gesundheit?
Spezielle Apps sollen natürlich nicht extremes Essverhalten fördern. Wir wollen mit unserer Forschung diejenigen ansprechen, die sich nicht groß mit Ernährung beschäftigen. Wir prüfen, ob wir durch sogenannte „nudges“, Anstupser, eine desinteressierte Person dazu bewegen können, in der Kantine eine gesundheitsfördernde Wahl zu treffen. Wir digitalisieren also quasi die Art der individuellen Ernährungsberatung. 

Über freiverkäufliche Gentests können Menschen auch etwas über ihr Risiko für Herzkrankheiten oder Krebs erfahren. Wie sehen Sie das?
Grundsätzlich bieten Genomtests die Chance, vorbeugend gesünder zu essen. Ohne ärztliche Begleitung sehe ich das jedoch kritisch und wäre bei freiverkäuflichen Tests vorsichtig. Man darf die Menschen nicht damit alleine lassen. Ohne medizinisch begleitete Einordnung könnten die Ergebnisse sehr verunsichern oder gar zu falschen Selbstbehandlungen führen.

Wo sind in Zukunft noch Fortschritte zu erwarten?
Beim Thema Frauengesundheit. Frauen durchleben die Wechseljahre extrem unterschiedlich. Wir wollen in einem Forschungsprojekt intelligente, tragbare Technologien mit personalisierter Ernährung kombinieren.

Buchtipp

Das Cover des Buches: Best Female Food. Darauf ist eine Zeichnung einer tanzenden Frau in rotem Kleid zu sehen. Ringsherum sind Zeichnungen von Obst und Gemüse.

Personalisierte Ernährung für Frauen

Wer tiefer einsteigen möchte, findet in diesem Ratgeber Orientierung speziell für Frauen in den Wechseljahren. Das Buch zeigt, wie sich der Nährstoffbedarf in den verschiedenen Phasen verändert und wie eine angepasste Ernährung das Energielevel und Wohlbefinden unterstützen kann.

Prof. Dr. Katja Lotz: Best Female Food. Gesund, schlank und voller Energie durch die Wechseljahre – das individuelle Ernährungsprogramm für Frauen
Gräfe und Unzer Verlag, München 2025
192 Seiten, 30 €

Aktuellen Lifestyle-Apps fehlt momentan noch das wissenschaftliche Fundament. Anders bei den „Apps auf Rezept“. Sie zählen zu den DiGAs, werden vom Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte zertifiziert und haben einen „positiven Versorgungseffekt“, wie Christina Holzapfel erklärt. Potenzial für personalisierte Ernährungsempfehlungen haben für Holzapfel Anwendungen wie etwa auf künstlicher Intelligenz basierte Systeme, die individuelle Daten berücksichtigen und das Individuum in den Mittelpunkt stellen. 

Dennoch ist personalisierte Ernährung auch heute schon für jeden und jede möglich: Auf das Bauchgefühl hören und lernen, wie viel und was der Körper braucht – das alles im Rahmen der üblichen Empfehlungen: mehr Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchte und Nüsse und weniger Hochverarbeitetes

Erbsen, Bohnen und Kichererbsen auf einem Löffel

Kochen mit Hülsenfrüchten

Linsen, Bohnen, Kichererbsen & Co. bringen Farbe in die Küche, schützen das Klima und sind super-gesund. Wir servieren über 90 Rezepte zum Verlieben.

Welches Essen tut mir gut?

Auf den eigenen Körper hören

  • Esst achtsam, also langsam und ohne Ablenkung. Achtet darauf, wie sich der Körper direkt nach dem Essen und einige Stunden später anfühlt. Gute Lebensmittel geben Energie, verursachen keine Übelkeit, Blähungen, Magenschmerzen, Migräne oder Hautprobleme.
  • Notiert über zwei bis vier Wochen alles, was ihr esst und trinkt, sowie die genaue Uhrzeit. Dazu schreibt ihr auf, ob und welche Symptome euch nach dem Essen plagten.
  • Streicht fragliche Lebensmittel für zwei bis drei Wochen komplett vom Speiseplan. Wenn sich Symptome bessern, führt die Lebensmittel einzeln wieder ein und beobachtet die Reaktion.
Mehr Tipps zum achtsamen Essen

Häufige Fragen zu personalisierter Ernährung

Was bedeutet personalisierte Ernährung?

Personalisierte Ernährung richtet sich nach individuellen Faktoren wie Stoffwechsel, Lebensstil oder Darmflora. Ziel ist es, Ernährungsempfehlungen besser an den eigenen Körper anzupassen.

Sind Gentests für die Ernährung sinnvoll?

Freiverkäufliche Genomtests liefern meist nur begrenzte Erkenntnisse. Viele Ergebnisse haben wenig Einfluss auf konkrete Ernährungsempfehlungen und sollten kritisch bewertet werden.

Was bringen Mikrobiomtests?

Einmalige Tests der Darmflora sind bei gesunden Menschen derzeit wenig aussagekräftig. Allgemeine Empfehlungen wie mehr Ballaststoffe bleiben oft gleich.

Helfen Ernährungs-Apps beim Abnehmen?

Apps können unterstützen, indem sie Essverhalten sichtbar machen und zur Veränderung motivieren. Der Effekt liegt oft eher im Verhalten als in individueller Analyse.

Wie kann ich meine Ernährung selbst anpassen?

Hilfreich sind ein Ernährungstagebuch, achtsames Essen und das Beobachten von Reaktionen auf Lebensmittel. So lassen sich persönliche Bedürfnisse erkennen.

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