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Palmöl: Besser als sein Ruf?

Palmöl ist ein begehrter Rohstoff. Es steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt. Wie sieht es mit Bio-Produkten aus?

Brigitte Sager Krauss
Brigitte Sager-Krauss

In jedem zweiten Supermarktprodukt, von Körperpflege bis Putzmittel und vor allen Dingen in Lebensmitteln steckt Palmöl oder daraus hergestellte Konservierungsstoffe und Emulgatoren. Dabei hat das Öl keinen guten Ruf. Hauptkritikpunkte: Die Palmöl-Produktion geht auf Kosten der Umwelt und der Menschen, die für das Öl arbeiten. Der Anbau braucht viel Land in tropischer Lage. Rodungen von Urwaldgebieten rund um den Äquator heizen dem Weltklima ein, weil Tonnen Kohlendioxid und Methan freigesetzt werden. Meist wachsen die Ölpalmen in Monokultur. Die konventionelle Palmölindustrie ist zudem hochindustrialisiert. Sie nutzt Pestizide sowie Unmengen an Energieressourcen und Wasser. Landraub, Vertreibung von Kleinbauern, schlechte Bezahlung und Lebensbedingungen der Landarbeiter vergällen den Geschmack zusätzlich.

Wo Bio-Palmöl drin steckt

Auch in Bio-Margarine, Bio-Nougat-Creme, Bio-Backwaren und Bio-Frühstückscerealien steckt Palmöl – Bio-Palmöl. Es bietet für die Lebensmittel-Produktion Vorteile, auf die manche Bio-Firmen nicht verzichten können oder wollen. Palmöl hat bei Zimmertemperatur eine feste, cremige Konsistenz, lässt sich gut verarbeiten, ist lange haltbar ohne ranzig zu werden und dabei völlig geschmacksneutral. Deshalb steckt es auch in Bio-Nuss-Nougat-Creme: „Palmöl bindet nusseigene Öle auf natürliche Weise, sodass ein besonders cremiger Schmelz entsteht, der über eine große Temperaturspanne erhalten bleibt“, erklärt Eva Kiene, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Rapunzel.

„Bio-Palmöl sichert Einkommen“

Rapunzel verarbeitet seit vielen Jahren fair gehandeltes Bio-Palmöl von seinen Hand-in-Hand-Partnern in Südamerika und Afrika. Der Hersteller bezieht die Rohwaren direkt und pflegt eine partnerschaftliche Beziehung auf Augenhöhe, beispielsweise in Ghana im Projekt Serendipalm. „Hier verbessern Agroforstprojekte die Bodenfruchtbarkeit und bringen gleichzeitig sichere und höhere Erträge für die Kleinbauern. Durch den hohen Anteil an Handarbeit bei der Verarbeitung erhalten viele Frauen ein sicheres und zuverlässiges Einkommen“, unterstreicht Eva Kiene. Gleichzeitig zieht Rapunzel auch andere Lösungen in Betracht. „Wo gut möglich, wurde Palmöl ersetzt“, sagt Kiene. Für Brotaufstriche ohne Palmöl investierte Rapunzel viel Entwicklungsarbeit in neue Produktionsverfahren mit anderen Fetten. „Zusätzlich informiert Rapunzel klar und transparent, zum Beispiel auf der Website. Die Ölpalme und die daraus gewonnenen Erzeugnisse Palmöl und Palmfett sind nicht per se schlecht. Es gilt eben nur, genau zu differenzieren.“

Andere Fette mit gesättigten Fettsäuren weisen dagegen eine andere Konsistenz und einen anderen Schmelzpunkt auf. Kakaobutter beispielsweise ist bei Raumtemperatur fest, Kokosfett bereits bei 25 Grad Celsius fast vollständig flüssig. Und Sonnenblumenöl führt insbesondere bei Cremes mit hohem Nussanteil zu Ölabsatz an der Oberfläche. Gehärtete Fette seien für die Bio-Branche aufgrund der gesundheitlich bedenklichen Transfettsäuren keine Option und laut EU-Öko-Verordnung untersagt, so Kiene.

Mit Palmöl ist gut Kekse backen

Landkrone, Produzent von Bio-Margarine und -Aufstrichen, verarbeitet ebenfalls größere Mengen Palmöl. „Die Öle der Palmfrucht bestechen mit besonderer Textur, Schmelzverhalten, hoher Produktstabilität, Hitze- und Oxidationsbeständigkeit und können sehr gut in Fettmischungen verarbeitet werden, die zum Kochen, Braten, Frittieren und Backen geeignet sind“, begründet Landkrone sein ‚ja‘ zu Palmöl und Palmkernfett. Die Naturkornmühle Werz, Anbieter vollwertiger, allergenfreier Bio-Backwaren, lobt die guten Backeigenschaften und argumentiert ergänzend: „Butter ist für Personen mit Lactoseintoleranz oder Kuhmilchallergie nicht verwendbar. Sonnenblumenöl lässt Gebäcke in kurzer Zeit ranzig werden, ist flüssig und damit für Teige wie Mürbeteig nicht geeignet.“

Was ist an Bio-Palmöl anders?

In konventionellen Produkten landet im Idealfall Palmöl, für dessen Gewinnung Umwelt und Menschen respektiert werden. Das Zertifikat des ‚Roundtable on sustainable Palmoil‘ (RSPO) beispielsweise soll für eine umwelt- und sozialverträgliche Produktion bürgen, der keine schützenswerten Urwälder zum Opfer fallen. Doch die Verlässlichkeit des RSPO-zertifizierten Öls ist umstritten. Vereinzelt werden immer wieder Regelverstöße bekannt. Umweltschützern gehen die Richtlinien von RSPO nicht weit genug, sie empfehlen daher Produkte, die zusätzlich bio-zertifiziert sind.

In Bio-Produkten steckt ausschließlich Bio-Palmöl. Bei ihm gelten besondere Maßstäbe für Aufbau und Erhalt eines gesunden Bodens, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind tabu, ebenso künstlicher Dünger – um das Ökosystem in den Palmöl-Anbaugebieten zu stützen. Produziert werden Bio-Palmfette nicht wie das Gros der konventionellen in Monokulturen in Indonesien oder Malaysia, sondern bei Kleinbauern-Kooperativen wie Serendipalm in Afrika und Ecuador sowie Kolumbien.

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Palmöl: Eine tragische Geschichte

Warum auch Bio-Palmöl in der Kritik steht

Ohne Kritik bleibt allerdings auch Bio-Palmöl nicht: Denn theoretisch könnten auch für Bio-Anbau geschützte Waldgebiete dienen und abgeholzt werden, da die EU-Öko-Verordnung hierzu keine Vorschriften macht. In der Praxis bescheinigte das schweizerische Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), dass bio-zertifizierte Unternehmen mit gleichzeitiger fair- oder RSPO-Zertifizierung gute und sehr gute Bewertungen in Sachen Landnutzung, ökologische Auswirkungen und soziale Effekte erzielten. Bio-Hersteller wie Werz, Landkrone und viele weitere verwenden beispielsweise Palmöl aus biologischem Anbau, das zudem RSPO-zertifiziert ist. Einzelne Unternehmen wie Rapunzel setzen sich besonders für Palmöl ein, das zugleich fair produziert wird. Durch die direkten Lieferantenbeziehungen kann Rapunzel den Weg bis zum Ursprung, also bis zur Ölmühle und zu den Bauern, verfolgen.

Zahlen rund um Palmöl

Flächenbedarf
2020 standen weltweit auf etwa 28,7 Millionen Hektar Ölpalmen. 20 Jahre früher waren es 10,4 Millionen Hektar. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik hat eine Größe von etwa 35,7 Millionen Hektar.

Wichtigstes Pflanzenöl
2021 lag die weltweite Palmölproduktion bei über 75 Millionen Tonnen. Das sind etwa 36 Prozent der gesamten Pflanzenölproduktion. Der Bio-Anteil ist verschwindend gering: Schätzungen zufolge sind weniger als 0,1 % bio-zertifiziert, fair zertifiziert noch weniger.

Verwendung
Weltweit betrachtet wandert etwa 67 Prozent des gewonnenen Palmöls aktuell zur Verarbeitung in die Lebensmittelbranche. Etwa 32 Prozent landen in der Industrie, zum Beispiel in Kosmetik, Putzmitteln oder Biodiesel.

Darum verzichten Bio-Firmen auf Palmöl

Immer häufiger fragen Kunden nach Lebensmitteln ganz ohne Palmöl. Daher setzen auch einzelne Bio-Hersteller komplett auf Alternativen zu Palmfett, etwa die Firma Barnhouse. Ihre Krunchy-Müslis wurden lange Zeit mit Palmöl kross gebacken. Seit Herbst 2019 ist Schluss damit, stattdessen enthalten die Krunchys Sonnenblumenöl regionaler Herkunft.

Bei Govinda, Anbieter von Frühstücksflocken, Fleischersatz, veganen Aufstrichen, Süßigkeiten und anderer Naturkost kam Palmöl von Anfang an nicht als Zutat in Frage. „Lieber verzichten wir auf optimale Konsistenz, statt Palmöl zu verwenden“, sagt Firmenchefin Doris Maiwald. „Unseren Erdmandel-Kakao-Brotaufstrich stellen wir aktuell mit einer Mischung aus Sonnenblumenöl und Kakaobutter aus bio-fairen Projekten her.“ Zwar sei das Ergebnis noch nicht ideal und man suche noch weiter nach Fettalternativen. Die Kunden müssten sich derweil im Klaren sein, dass ein Aufstrich ohne Palmöl, Stabilisatoren und Emulgatoren eine andere Konsistenz hat als von der konventionell produzierenden Konkurrenz, so Maiwald. Zum Beispiel erfordere es ein gelegentliches Umrühren des Aufstrichs vor dem Verzehr.

„Es gibt genug Alternativen zu Palmöl“

Doris Maiwald, Geschäftsführerin

Govinda hat in seinen Produkten von Anfang an kein Palmöl verwendet, da dieser Rohstoff nicht dem Anspruch des Naturkostanbieters an einen fairen, ökologischen und gesundheitsfördernden Rohstoff genüge. „Das große Problem liegt zurzeit in der weltweit gestiegenen Nachfrage nach Palmöl“, betont Doris Maiwald. „Da es als billiger Emulgator in vielen Lebensmitteln und kosmetischen Produkten verwendet werden kann, steigt der Bedarf stetig.“ Und die Plantagen müssen mit der Nachfrage des Weltmarkts mithalten.

„So trägt ein großer Teil des Palmölanbaus – und dazu zählen aus unserer Sicht auch Bio-Plantagen – noch immer zur massiven Abholzung von tropischen Urwäldern bei“, so Maiwald. Produkte mit einem relativ günstigen Rohstoff zu strecken, entspreche nicht der Firmenphilosophie. Govindas Alternativen für Palmöl sind aktuell Kokosöl, Kokosmus, Kakaobutter und Sonnenblumenöl. Für Govinda schneiden sie ökologisch, aber auch sozialethisch besser ab als durchschnittliches Bio-Palmöl.

Was geht anstelle von Palmöl?

Auch Rapunzel verfolgt neben bio-fairem Palmöl eine zweite Strategie und tauscht das Öl inzwischen in manchen Produkten durch andere Pflanzenöle wie Sonnenblumenöl und Sheabutter aus, etwa in seinen Gemüse-Brühwürfeln. Seit März letzten Jahres hat Rapunzel nach langem Tüfteln eine palmölfreie Nougat-Creme mit Kakaobutter auf den Markt gebracht. Die Konsistenz ist sehr ähnlich zur Creme mit Palmöl, bei wärmeren Temperaturen wird dieser Aufstrich allerdings langsam flüssiger. Bio-Margarine-Hersteller Landkrone bietet bereits ein palmölfreies Sortiment auf der Basis von Kokosöl und Sheabutter in Kombination mit anderen Pflanzenölen wie Raps- und Sonnenblumenöl an – hält aber auch an seiner Palmöl-Linie fest.

Ein kompletter Verzicht auf Palmöl hätte möglicherweise Auswirkungen an anderer Stelle: Die Ölpalme liefert bezogen auf die Anbaufläche vergleichsweise viel Fett. Alternativen wie Kokos, Soja, Raps und Sonnenblume brauchen Berechnungen zufolge drei- bis fünfmal mehr Fläche für die gleiche Menge an Fetten – sowohl im konventionellen als auch im Bio-Anbau.

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Kommentare

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Jacqueline Arimond

Ein guter, differenzierter Artikel zu einer der großen von uns Menschen gemachten Tragödien..


Was auch noch gravierend gegen Palmöl spricht, ist ein gesundheitlicher Aspekt... bei dem, für die Lebensmittelindustrie notwendigem, Schritt der Raffination von Palmöl entstehen im Vergleich zu anderen Ölen viele Schadstoffe: "Bei der Raffination von Palmöl können im Vergleich zu anderen Pflanzenölen erhöhte Mengen an Fettschadstoffen entstehen, darunter 3-MCPD-Fettsäureester (3-MCPD). Dieser Stoff ist möglicherweise krebserregend.

Die Verbraucherzentrale Bayern befragte 2019 26 Hersteller von palmölhaltigen Keksen, Müslis, Brotaufstrichen und Snacks zum Gehalt an 3-MCPD in ihren Produkten. Elf Hersteller antworteten mit genauen Angaben zu Fettschadstoffen. Ihre Angaben zeigen, dass ihnen die Problematik zwar bewusst ist. Dennoch enthalten die Produkte Schadstoffmengen, die bei ungünstiger Lebensmittelauswahl vor allem bei Kindern schnell über der täglich tolerierbaren Menge an 3-MCPD liegen können.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung hält aus diesem Grund in seiner Stellungnahme (2020) ein erhöhtes gesundheitliches Risiko für Kinder und Säuglinge (über Säuglingsnahrung) für möglich." (Quelle: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/lebensmittelproduktion/palmoel-negative-folgen-fuer-gesundheit-und-umwelt-17343)

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