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Nutri-Score – wo die Nährstoffampel versagt

Eine Farbskala auf Lebensmitteln soll eine gesündere Wahl am Regal erleichtern – wie schneidet Bio dabei ab?

14.04.2021 vonKatja Niedzwezky, Andrea Giese-Seip

Eine Farbskala auf Lebensmitteln soll eine gesündere Wahl am Regal erleichtern – wie schneidet Bio dabei ab?

Eine Cola Light enthält null Nährwert, dafür Wasser, synthetische Süßstoffe, Farbstoffe und Aromen – trotzdem kann sie als Nutri-Score ein grünes B bekommen, ein naturtrüber Bio-Apfeldirektsaft dagegen nur ein gelbes C. Was ist da los mit der neuen bunten Buchstabenleiste auf verarbeiteten Produkten, die offiziell „Erweiterte Nährwertkennzeichnung“ heißt?

„Rein rechnerisch betrachtet ist diese Bewertung durch den Nutri-Score-Algorithmus logisch, weil der Kaloriengehalt bei Diät-Cola geringer ist als bei Fruchtsaft“, erklärt Dorothea Schmidt vom Team Qualität beim Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN). „Allerdings werden Zusatz- und Ersatzstoffe nicht in die Berechnung einbezogen, weil sie keinen Nährwert haben. Ob oder wie viele Zusatz- und Ersatzstoffe enthalten sind, sagt aber eine Menge über die Qualität eines Lebensmittels aus.“

Nährstoffampel soll Orientierung geben

Den Ampelfarben liegt ein kompliziertes Bewertungssystem zugrunde, bei dem Punkte für bestimmte Nährwerte vergeben werden. Je weniger Punkte am Ende auf dem Konto des Lebensmittels stehen, desto vorteilhafter und desto grüner der Nutri-Score. Beispiel Pizza: Enthält sie viel Fett, gibt das viele Negativ-Punkte. Liegen auf ihr viele Tomaten- und Paprikastücke, schlägt das positiv zu Buche und die gesammelten „Gemüse-Punkte“ können von den „Fett-Punkten“ abgezogen werden.

Das bewertet der Nutri-Score

Bei der Berechnung wirkt sich der Anteil von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen positiv aus, in geringem Umfang auch der von Ballaststoffen und Proteinen. Negativ schlagen Zucker, gesättigte Fettsäuren, Salz und ein hoher Kaloriengehalt zu Buche.

Entwickelt wurde der Nutri-Score von Ernährungswissenschaftlern in Frankreich. Seit November 2020 kann er bei uns verwendet werden. Im Bio-Laden ist er bisher kaum zu finden, aber immer häufiger im Supermarkt und dort auch auf Bio-Produkten. Wenn Hersteller sich für den Nutri-Score entscheiden, müssen sie innerhalb von zwei Jahren alle Produkte einer Marke mit der Lebensmittelkennzeichnung labeln – also nicht nur das zuckerreduzierte Nuss-Müsli, sondern auch gezuckerte Cornflakes.

Grundsätzlich eine gute Sache. Deshalb engagieren sich auch Verbraucherorganisationen seit Langem für die Lebensmittelampel. „Der Nutri-Score ist eindeutig, leicht verständlich und bietet eine schnelle Orientierung“, betonen die Verbraucherzentralen. Und Foodwatch findet, dass „es der Nutri-Score Anbietern schwerer macht, Verbraucherinnen und Verbraucher mit irreführenden Werbeversprechen zu täuschen. Denn die Ampel entlarvt auf einen Blick, wenn Zuckerbomben als gesund beworben werden.“

Kritik an der Nährstoff-Ampel

Doch gibt es einige Haken und Ösen, weshalb viele in der Bio-Branche ein Problem mit der Lebensmittelampel haben: Wertgebende Zutaten oder Inhaltsstoffe eines Produktes wie Kerne und Saaten, ungesättigte Fettsäuren, ein hoher Ballaststoffgehalt, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe werden gar nicht oder nur zu einem Teil berücksichtigt, obwohl sie wesentliche Bestandteile einer gesunden Ernährung sind.

Das benachteiligt Bio-Produkte, denn es gibt zum Beispiel vorteilhafte Öle in Aufstrichen und Feinkost-Salaten und viel Vollkorn bei Pasta, Keksen und Snacks. Hinzu kommt: Bio lässt aus Überzeugung weg. Nämlich alles, was zu weit weg ist von echten Lebensmitteln. Dazu zählen insbesondere die meisten der über 300 in der EU erlaubten Zusatzstoffe. Konventionelle Hersteller können Emulgatoren, Füll- und Austauschstoffe nutzen, um den Fett- oder Zuckeranteil zu senken und sie können Früchte durch synthetische Aromen ersetzen. Weil so der Anteil von Zucker und Fett sinkt, verbessert sich der Nutri-Score.

Nutri-Score im Quick-Check

  • Der Nutri-Score übersetzt Nährwerte eines Produktes in Farben, ähnlich einer Ampel. Das soll helfen, gesünder einzukaufen und ausgewogener zu essen. Heißt: Je roter, desto seltener. Er ermöglicht den schnellen Vergleich ähnlicher verarbeiteter Produkte untereinander wie Frühstücksflocken oder Fertigsuppen.
  • Der Nutri-Score gilt also für verarbeitete Lebensmittel. Dazu zählen auch Säfte. Für Obst, Gemüse oder einzeln verwendete Zutaten, etwa Salz, ist er nicht gedacht. Die Farben und Buchstaben werden von den Herstellern selbst ermittelt.
  • Zusatzstoffe wie synthetische Süßstoffe und Geschmacksverstärker und Aromen führen nicht zu einer Abwertung, auch der Grad der Verarbeitung spielt keine Rolle. Der Ballaststoffgehalt wird nur bis zu einem Anteil von 4,7 Prozent positiv gewertet, alles darüber nicht mehr berücksichtigt – Bio-Hersteller setzen aber oft auf Vollkornqualität.
  • Der Anteil von Kernen und Ölsaaten wie Sesam- und Leinsaat wird nicht positiv berücksichtigt, sondern wegen des Fettgehalts negativ. Pluspunkte gibt es nur für Oliven-, Raps- und Walnussöl, nicht für andere wertvolle Öle wie Lein- oder Kürbiskernöl.
  • Nach einem festen System, das die Gehalte bestimmter Inhaltsstoffe miteinander verrechnet – bezogen jeweils auf 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Lebensmittels. Rechenbeispiele auf der Website der Verbraucherzentrale Hamburg.
  • Die Verwendung des Nutri-Score ist freiwillig und muss beantragt werden. Wenn ein Unternehmen das tut, muss es alle Produkte einer Marke innerhalb von zwei Jahren mit dem Score kennzeichnen. Immer auf der Vorderseite der Verpackung.
  • Bio ist kein eigenständiges Qualitätskriterium – der Verzicht auf Gentechnik, synthetische Pestizide und Dünger wird nicht honoriert.

Ein konventioneller aromatisierter und mit Zuckeraustauschstoffen gesüßter Erdbeerjoghurt schneidet also besser ab als ein Bio-Fruchtjoghurt, dessen Geschmack aus echten Früchten stammt, die aber von Natur aus eine bestimmte Menge Fruchtzucker enthalten. Zudem sind viele der zugesetzten Stoffe in konventionellen Produkten umstritten wie die Zuckerersatzstoffe Aspartam, Cyclamat und Sorbit. Bio-Hersteller setzen dagegen auf natürliche Zutaten wie Obst, Gemüse, Linsen, Bohnen und Kichererbsen, Trockenfrüchte, Honig und vollwertiges Getreide. In der Verarbeitung werden möglichst schonende Verfahren genutzt. Doch auch der Verarbeitungsgrad wird vom Nutri-Score nicht berücksichtigt. Bei Bio-Herstellern löst der Score daher bisher wenig Begeisterung aus: „Der Nutri-Score als Orientierungsmodell für Verbraucher weist aus unserer Sicht Lücken auf, die für eine sinnvolle Verwendung zunächst behoben werden müssten. Die Schwächen des Systems betreffen maßgeblich Bio-Lebensmittel“, sagt zum Beispiel Irmgard Strobl von der Andechser Molkerei Scheitz.

Stimmen aus der Bio-Branche zum Nutri-Score

„Unser 100 Prozent natürliches Kokosöl aus ökologischem Anbau würde ein E in Dunkel-Orange bekommen. Eine konventionelle Halbfettmargarine bekäme mit dem D eine bessere Bewertung – obwohl sie neben Palmöl einen Mix aus künstlichen Farbstoffen, Emulgatoren, Konservierungsstoffen und Aromen enthält. Das ist unserer Meinung nach nicht richtig.“ Judith Moog, Bio Planète

„Der Nutri-Score macht keine Aussage über den Grund der Abwertung wie Energiegehalt, Salz, gesättigte Fettsäuren oder Zucker. Verbraucherinnen und Verbraucher haben aber unterschiedliche Interessen und müssen zur genaueren Information dann doch Zutatenliste und Nährwerttabelle prüfen.“ Marlene Hansen, Ökoland

„In der bestehenden Form stellt der Nutri-Score eine geradezu absurde Benachteiligung für wertvolle Naturprodukte dar. Das ist Irreführung der Verbraucher und führt zu einer wettbewerbsverzerrenden Bevorteilung von konventionellen – und vor allem stark industriell prozessierten – Lebensmitteln.“
Jurek Voelkel, Voelkel

Zwergenwiese ist der erste Hersteller im Bio-Fachhandel, der begonnen hat, den Nutri-Score aufzudrucken, zunächst bei den Kinderprodukten. So trägt die Zwergen-Sauce aus Tomaten ein hellgrünes A. „Der Nutri-Score ist uns einfach für die Transparenz wichtig, gerade bei Kinderprodukten, damit Eltern richtig entscheiden können. Wir sehen ihn in seiner aktuellen Form aber durchaus kritisch“, sagt Geschäftsleiter Jochen Walz. „Nachbesserungen erwarten wir bei ernährungsphysiologisch wertvollen Ölen, bei Saaten und ballaststoffreichen Zutaten. Und natürlich sollte auch eingerechnet werden, wenn ein Produkt ein Bio-Produkt ist, denn Bio-Produkte haben weitaus vorteilhaftere Grundeigenschaften als konventionelle.“

Sämtliche Einwände und Forderungen hat der BNN in einem Positionspapier zusammengefasst und an Ministerien und Entscheider in Berlin und Brüssel versandt. Das Ziel: Der Algorithmus soll so angepasst werden, dass er möglichst alle Pluspunkte von Lebensmitteln abbildet. Denn schließlich war die ursprüngliche Idee der Nährwertkennzeichnung, eine gesündere Ernährung zu erleichtern und damit Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden vorzubeugen.

Hätte die Bio-Branche auf das Label lieber ganz verzichtet?

„Viele denken, dass der Nutri-Score nur Symptome bekämpft und nicht da ansetzt, wo es sinnvoll und nötig ist“, meint Dorothea Schmidt vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN). „Ganz entscheidend ist doch praxisnahe Ernährungsbildung auf so vielen Ebenen, vom Kindergarten bis in die Erwachsenenbildung.“ Eine A- oder B-Bewertung ändere noch keine ungesunden Verzehrsgewohnheiten. Sie helfe bei der Entscheidung, ob man zu einer ‚grünen‘ oder ‚roten‘ Tiefkühlpizza greife, aber sie sei kein Anreiz, mit frischen und hochwertigen Lebensmitteln selbst zu kochen. „Wer nur noch zu Produkten mit grünen Buchstaben greift, isst nicht unbedingt gesünder,“ präzisiert Schmidt.

Wer nur noch zu Produkten mit grünen Buchstaben greift, isst nicht unbedingt gesünder.

Dorothea Schmidt, Bundesverband Naturkost Naturwaren

So freiwillig der Nutri-Score zurzeit ist: Eine einheitliche und dann auch verpflichtende Nährwertkennzeichnung in der EU wird kommen. Die EU-Kommission erarbeitet einen Vorschlag für eine EU-weit verpflichtende Nährwertkennzeichnung ab Ende 2022. Am Ende könnte der Nutri-Score das Rennen machen, nicht zuletzt weil er am weitesten verbreitet ist: Außer Frankreich und Deutschland nutzen ihn bereits Belgien, Spanien, Portugal, die Schweiz, die Niederlande und Luxemburg auf freiwilliger Basis. Da es auch sehr süße Müslis, Joghurts und Fruchtriegel im Bio-Sortiment gibt, könnte das Anreiz für die Hersteller sein, diese Rezepte zu überarbeiten. Viele haben damit allerdings auch ohne Score längst begonnen.

Ob mit Nutri-Score oder ohne: Wer wissen will, was alles drin ist, checkt am besten Zutatenliste und Nährwerttabelle, die für jedes verpackte Lebensmittel Pflicht sind. Denn gesunde Ernährung lässt sich nicht auf eine farbige Buchstabenleiste reduzieren. Trotzdem macht „Essen nach Farben“ durchaus Sinn, wenn nämlich je nach Saison eine bunte Mischung im Einkaufswagen landet: grüner Spinat, rosaroter Rhabarber, orangefarbene Möhren und weißgelber Chicorée zum Beispiel.

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