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Lebensmittel: Wo stecken Nanoteilchen drin?

Siliciumdioxid gibt es am Strand - und als Zusatzstoff im Salz. Während wir es am Meer super finden, ist es im Essen verpönt. Zu Recht, wie Fachleute bestätigen.

30.04.2013 vonLeo Frühschütz

Siliciumdioxid gibt es am Strand - und als Zusatzstoff im Salz. Während wir es am Meer super finden, ist es im Essen verpönt. Zu Recht, wie Fachleute bestätigen.

Auf der Verpackung steht „Trennmittel: Siliciumdioxid“. Das klingt harmlos. Denn der Zusatzstoff ist nichts anderes als Quarz, das häufigste Mineral der Erdrinde. Hauptbestandteil unserer Sandspielkästen und Urlaubsstrände.

In diesen Lebensmitteln kann Siliciumdioxid stecken

Doch das Trennmittel Siliciumdioxid, kurz: E551, in Salz, Instant-Kaffee oder Vitamintabletten ist kein natürlicher Quarzsand, sondern ein synthetisch hergestelltes Pulver, dessen Körnchen beim gängigen Herstellungsverfahren nur einige Millionstel Millimeter groß sind – Nanoteilchen eben. Abgesehen von Siliciumdioxid sind synthetisch erzeugte Nanopartikel im Essen kein Thema. Zwar besitzt der Süßwarenhersteller Mars seit bald 20 Jahren ein Patent, mit dessen Hilfe sich Schokolade mit einer hauchdünnen Schicht aus Titandioxid überziehen und damit vor UV-Strahlung schützen lässt. Doch in die Praxis wurde das anscheinend ebenso wenig umgesetzt wie andere Forschungsergebnisse.

Siliciumdioxid - klein und umstritten

Nanokleine Teilchen können sich in ihren chemischen Eigenschaften von größeren Teilchen der gleichen Substanz unterscheiden. Siliciumdioxid-Teilchen zum Beispiel haben eine im Vergleich zur Größe riesige Oberfläche. Dies verleiht dem Zusatzstoff die nötigen Eigenschaften, damit es als Rieselhilfe und Trennmittel taugt. E551 ist als Zusatzstoff seit über 40 Jahren zugelassen und galt als ungefährlich. Erst in den letzten Jahren geriet es wegen der Teilchengröße in die Diskussion. Nano-Hersteller und Anwender verwiesen darauf, dass die Winzteilchen sich zu größeren Einheiten zusammenballen würden. Niederländische Wissenschaftler jedoch konnten zeigen, dass sich Siliciumdioxid im Darm wieder in seine Nanobestandteile aufspaltet. Nun ist die Frage, ob diese einfach ausgeschieden werden, oder ob sie sich in die Darmwand bohren und dort Unheil anrichten. Weil das bisher ungeklärt ist, empfiehlt Sarah Häuser, Chemie-Expertin der Umweltorganisation BUND, vorsorglich Produkte mit dem Lebensmittelzusatzstoff zu meiden.

Sind unlösliche Nanoteilchen unbedenklich?

Von den unlöslichen Nanopartikeln wie Siliciumdioxid unterscheiden muss man lösliche Nanotransporter. Das sind kleine Kügelchen (Micellen) aus Emulgatoren wie Lecithin. In ihrem Inneren können sie Vitamine und andere Wirkstoffe transportieren. Im Körper lösen sich die Micellen auf und setzen den Wirkstoff frei. Welche Hersteller derart verpackte Zusätze einsetzen, ist unbekannt. Erst ab Ende 2014 müssen in der EU Nanopartikel als Zutat deklariert werden. Auch wenn bei Micellen das Risiko wegen der Löslichkeit geringer erscheint, rät BUND-Expertin Sarah Häuser zur Vorsicht. „Solange sie nicht getestet und als sicher befunden wurden, gehören solche Zusätze nicht in Lebensmittel.“

Wo steckt Nanotechnologie drin?

Alltagsprodukte wie Kleidung, Kosmetika, Sportartikel oder Haushaltsgeräte enthalten Nanomaterialien. Wer sich einen aktuellen Überblick verschaffen möchte, bekommt ihn in der Datenbank der Umweltorganisation BUND.

Zur Nanowatch-Datenbank

In Bio-Lebensmitteln erlaubt, aber verpönt

Auch der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) als Dachverband der Bio-Branche plädiert dafür, „den direkten gezielten Einsatz von anthropogenen Nanostrukturen in Lebensmitteln“ zu verbieten. Für Bio-Lebensmittel sind synthetische Farbstoffe, Konservierungsmittel und andere Zusätze verboten. Deshalb sind Nanotransporter für die Branche – und ihre Kunden – kein Thema. Das gilt auch für nanogroßes Siliciumdioxid. Es ist zwar als Rieselhilfe im Bio-Bereich zugelassen, doch dort sind diese Zusätze verpönt und die Salze und Gewürze im Bio-Laden enthalten keine Rieselhilfen. Die Anbauverbände Naturland, Bioland und Demeter empfehlen ihren Verarbeitern, Salz und Gewürze ohne Rieselhilfen zu kaufen und lassen, falls doch, nur Calciumcarbonat (E 170) zu. Naturland hat in seinen Richtlinien übrigens Nanomaterialien explizit ausgeschlossen – auch für Verpackungen.

Auch Verpackungen können Nanotechnologie enthalten

Denn auch dort werden Nanopartikel eingesetzt. Hauchdünne Schichten aus Aluminium oder Aluminiumoxid schützen in einer Verbundfolie Chips und Schokoriegel vor Sauerstoff, Wasserdampf oder Gerüchen. Nanopartikel aus Kohlenstoff oder Siliciumdioxid dichten PET-Flaschen gegen Sauerstoff ab. Es gibt aber kaum Daten darüber, ob Nanoteilchen aus den Verpackungsmaterialien in die Lebensmittel wandern und wie bedenklich dies ist. Die Anwender argumentieren, das Risiko sei äußerst gering, da die Schicht mit den Nanoteilchen zwischen zwei Kunststofffolien eingebunden sei und keinen direkten Kontakt mit dem Lebensmittel habe. Der BÖLW sieht zwar mögliche positive Eigenschaften solcher Verpackungen, stellt aber die Sicherheit voran: Erst das Risiko erforschen, dann anwenden – und nicht umgekehrt.

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