Essen

Lernen wir Geschmack schon im Mutterleib, Professor Ensenauer?

Wir fragten Prof. Dr. med. Regina Ensenauer, welchen Einfluss der mütterliche Stoffwechsel auf Ernährungsvorlieben und die Gesundheit des Kindes hat.

Werden im Mutterleib die Weichen dafür gestellt, ob man übergewichtig wird?

Tatsächlich gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die ersten 1000 Tage, mit Beginn im Mutterleib, das Fundament für spätere Gesundheit und Langlebigkeit legen. Das nennt man fetale Programmierung. 

Was genau wird im Mutterleib programmiert?

Der Stoffwechsel des im Bauch heranwachsenden Kindes stellt sich auf die Umgebung ein. Für seine Entwicklung spielt es eine Rolle, ob die Mutter unter-, über- oder ausgewogen ernährt ist. In unserer westlichen Gesellschaft gehen immer mehr Frauen mit einem zu hohen Body-Mass-Index (BMI) in die Schwangerschaft. Das Kind hat dann die Situation: Hier im Uterus ist alles sehr üppig. Das führt dazu, dass gewisse Enzymfunktionen in den Organen nicht richtig ausgebildet werden, weil sie immer der Überernährung ausgesetzt sind. Im Grunde entsteht eine Fehlprogrammierung, die die Resilienz schwächt, weshalb es später schneller zu Erkrankungen zu kommen scheint. Wir sprechen dann von einer höheren Vulnerabilität. Die ersten 1000 Tagen des Lebens schaffen die Voraussetzungen für gute Gesundheit und ein langes Leben. Das ist eine extrem sensitive Phase.

Macht Schwangerschaftsdiabetes der Mutter Kinder anfälliger für Übergewicht?

Wenn der Blutzucker der Mutter zu hoch ist, hat das eigentlich gesunde Kind im Uterus ebenfalls zu viel Zucker im Blut. Jetzt muss es reagieren. Seine Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus, eine völlig normale Reaktion, um dem Zuviel an Zucker im Blut zu begegnen. Doch ist Insulin zugleich ein anaboles Hormon, das Wachstum fördert. Das Kind wächst jetzt stärker und schneller. Ein höheres Geburtsgewicht ist aber ein Faktor, der das Risiko für Übergewicht im späteren Leben erhöht. Gerade wenn die Mutter außerdem noch einen hohen Body-Mass-Index hat.

Altersdiabetes hat unter Jugendlichen drastisch zugenommen. Woran liegt es?

Das ist eine spannende Frage. Es wird angenommen, dass Übergewicht im Kindesalter mit einem erhöhten Typ-2-Diabetes-Risiko einhergeht. In Experimenten mit Tieren fand man Anhaltspunkte, dass schon im Mutterleib in einem Milieu der Überernährung die Bauchspeicheldrüse des Kindes eine Art Schwächung erfährt. Möglicherweise kommt es dann später auf diesem geschwächten Fundament schneller zu einem Typ-2-Diabetes. 

Was empfehlen Sie Frauen, die Schwangerschaftsdiabetes haben?

Der Blutzuckerspiegel von Schwangeren lässt sich insbesondere durch eine Ernährungsumstellung und durch Bewegung gut einstellen.  

In der Gebärmutter schluckt das Kind täglich bis zu einem Liter Fruchtwasser. Prägt das Geschmack?

Die Geschmacksknospen werden zwischen der etwa zehnten und 14. Schwangerschaftswoche aktiv. Indem das ungeborene Kind Fruchtwasser schluckt, lernt es den Geschmack der mütterlichen Nahrung kennen. Und je nachdem, was angeboten wird, scheinen sich entsprechend Geschmacksnervenbahnen zu bilden, die zum Gehirn führen und spätere Vorlieben prägen. Das Kind orientiert sich bereits im Mutterleib an seiner Umwelt. Dadurch formt die spezifische Ernährung in einer bestimmten Familie oder Kultur das ungeborene Kind mit. Wir haben noch viel Forschungsbedarf, aber es gibt Anhaltspunkte, dass das kindliche Nervensystem lernt, mit dem Angebot umzugehen. Ist die Ernährung der Mutter vielfältig, erhält das ungeborene Kind das Signal: In meiner späteren Umwelt gibt es viele verschiedene Geschmäcker. Das kann möglicherweise helfen, eine Vielfalt verschiedener Lebensmittel zu akzeptieren. 

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