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Jod: Zu viel des Guten

Deutschland war einmal Jodmangel-Land. Heute gelten wir als optimal versorgt. Dank Jodzusatz in Salz. Doch jeder Zehnte leidet unter der Anreicherung. // Leo Frühschütz
31.10.2013
Deutschland war einmal Jodmangel-Land. Heute gelten wir als optimal versorgt. Dank Jodzusatz in Salz. Doch jeder Zehnte leidet unter der Anreicherung. // Leo Frühschütz

Jod ist ein essenzielles Spurenelement. Eine Substanz, die unser Körper nicht herstellen kann, aber zum Überleben braucht. Dabei genügen ihm 180 bis 200 Millionstel Gramm. Bekommt er nur wenig mehr davon, kann das für manche Menschen gefährlich werden. Sie reagieren sensibel auf Jod. Für sie kann das Essen zum Risiko werden, denn Jod ist inzwischen in fast allen Lebensmitteln enthalten.

Früher war Deutschland Jodmangelgebiet – insbesondere im Süden. Denn die Böden dort sind arm an Jod, ebenso die Pflanzen, die darauf wachsen. Und Meeresfisch mit seinem relativ hohen Jodgehalt stand kaum auf dem Speiseplan. Viele Menschen entwickelten dort einen Kropf, weil sich durch den andauernden Jodmangel ihre Schilddrüse krankhaft vergrößert hat.

Wofür wir Jod brauchen

Die Schilddrüse ist der Jod-Umschlagplatz unseres Körpers. Sie baut das Spurenelement in zwei Hormone ein, die als Botenstoffe den Umsatz unseres Stoffwechsels steuern. Sie lassen uns schwitzen, bringen die Verdauung in Schwung und erhöhen Puls und Blutdruck. Bei dauerhaft angespannter Versorgungslage reagiert der Körper mit einer Vergrößerung der Schilddrüse, ein Kropf wächst und es bilden sich Bereiche, die sich vom gesunden Regelkreis der Schilddrüse abkoppeln und Hormone produzieren, sobald Jod-Atome auftauchen, egal, ob sie gerade gebraucht werden oder nicht. Neben der Entstehung des Kropfes kann massiver Jodmangel auch die geistige Entwicklung von Kindern bremsen – schon im Mutterleib.

Um dem Mangel abzuhelfen gründeten Mediziner und Ernährungswissenschaftler 1984 den Arbeitskreis Jodmangel. Sie machten sich für eine freiwillige Jodierung des Speisesalzes stark, gefördert von Arzneimittelherstellern und Salzproduzenten. Mit Erfolg: Seit Jahren sind ungefähr 80 Prozent des Speisesalzes in deutschen Haushalten mit 15 bis 25 Milligramm Natrium- oder Kaliumjodid pro Kilogramm angereichert. Fast ebenso groß ist der Anteil an Jodsalz bei Kantinen, Bäckern und Metzgern, während er nach Angaben des bundeseigenen Max-Rubner-Instituts (MRI) in der Lebensmittelindustrie nur bei knapp 30 Prozent liegt.

Eine weitere wichtige Jodquelle sind Milch, Milchprodukte und Eier. Denn auch das Futter der Tiere ist mit Jodid angereichert, um den Bedarf der Tiere zu decken. Weil immer mehr Bauern darauf achten und manche ihren Tieren mehr verabreichen als notwendig wäre, ist der Jodgehalt in Milch und Eiern in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen. Bei Milchkühen kommt noch hinzu, dass nach dem Melken die Zitzen desinfiziert werden, oft mit einem jodhaltigen Mittel. Im Fleisch der Tiere reichert sich das Jod nicht so stark an.

Jodmangel ist behoben. Vorsicht Überdosis

Wie viel Jod essen wir jetzt? Das MRI hat die 2006 erhobenen Daten der Nationalen Verzehrsstudie über die Essgewohnheiten der Deutschen mit den Jodgehalten der verzehrten Lebensmittel verrechnet: Männer nehmen im Schnitt täglich 110 Mikrogramm Jod zu sich, Frauen 91 Mikrogramm – ohne das Jod im Salz. Das ist weniger als die 180 bis 200 Mikrogramm, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung einem Erwachsenen empfiehlt. Rechnet man das Jod im Salz hinzu, sind die Zahlen im grünen Bereich. Eine andere Möglichkeit, die Jodversorgung zu überprüfen, ist der Nachweis von Jod im Urin. Auch hier zeigen breit angelegte Studien für Deutschland: Alles im grünen Bereich – aber nicht für jeden.

Etwa zehn Prozent der Menschen in Deutschland bekommen durch die üblichen Jodmengen teils massive körperliche Probleme. Sie bezeichnen sich als jodsensibel oder sprechen von Jodallergie. Dahinter steckt meist eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse.

Ein bis fünf Prozent der Deutschen leiden an einer Überfunktion der Schilddrüse. Die Symptome reichen von Schwitzen und nervösem Zittern über Konzentrationsstörungen bis hin zu Herzflimmern. Eine Ursache für zu viel Schilddrüsenhormone im Blut ist die Krankheit Morbus Basedow, die überwiegend Frauen zwischen 20 und 40 betrifft. Eine weitere Ursache sind durch Jodmangel vergrößerte Schilddrüsen, die das inzwischen reichliche Jod-Angebot nutzen und eine zu große Hormonmenge ausstoßen. Für beide Gruppen sei eine normale Ernährung inklusive Jodsalz kein Problem, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Erst Mengen von mehr als 500 Mikrogramm täglich seien bedenklich.

Gleiches soll für eine Schilddrüsenunterfunktion gelten, an der bis zu sechs Prozent der Bevölkerung leiden. Gedächtnisstörungen, Muskelschwäche, Müdigkeit und ständiges Frieren zählen zu den Symptomen. Ursache ist sehr oft die genetisch bedingte Krankheit Hashimoto-Thyreoiditis. Höhere Joddosen können den Verlauf dieser Entzündung verschlimmern, bei der das Immunsystem verrücktspielt und die Schilddrüse langsam zerstört. Auch für solche Patienten sei die mittlere Jodzufuhr über Lebensmittel in Deutschland kein Problem, schreibt das BfR.

„Das ist Unsinn!“ entfährt es da dem emeritierten Professor Jürgen Hengstmann. Der Berliner Schilddrüsenexperte hat Jahrzehnte lang Hashimoto-Patienten behandelt und entsprechend Erfahrung. „Diese Krankheit entwickelt sich schleichend, über Jahre hinweg. Ihre Auswirkungen lassen sich durch eine jodarme Ernährung verringern.“

Auf bis zu zehn Prozent beziffert Hengstmann die Zahl der Betroffenen. Auch bei Morbus Basedow hält er die üblichen Jodmengen für gefährlich. Dadurch steige der Bedarf an jodhemmenden Medikamenten und damit deren Nebenwirkungen. Die sind teils drastisch und reichen bis zur Zerstörung der weißen Blutkörperchen.

Hengstmanns Fazit: „Für 90 Prozent der Menschen ist die Zwangsjodierung kein Problem. Aber die restlichen zehn Prozent leiden darunter.“ Auch wenn die Krankheit erkannt ist und behandelt wird. Denn jeder Jodschub mit der Nahrung bringt das durch synthetische Schilddrüsenhormone eingestellte Gleichgewicht durcheinander. Professor Hengstmann drückt es so aus: „Jod ist lebensnotwendig. Aber jeder Mensch braucht die für ihn richtige Menge.“

Tipps für eine jodarme Ernährung

Wer sich jodarm ernähren muss, hat es schwer. In verpackten Lebensmitteln muss der Einsatz von jodiertem Speisesalz deklariert werden. Das gilt allerdings nicht für einzelne Zutaten. Ob die Salami auf der Pizza mit Jodsalz gewürzt wurde, erfährt der Kunde nicht. Auch bei offen verkaufter Ware, etwa das Brot beim Bäcker, oder im Restaurant finden sich keine Angaben zum verwendeten Salz. Milch, Milchprodukte und Eier tragen keine Angaben zum Jodgehalt, obwohl ihr Beitrag zur täglichen Dosis erheblich sein kann. Wer da nicht aufpasst, er-wischt schnell eine Überdosis.

Bio-Lebensmittel sind für jodarme Ernährung nur bedingt eine Lösung. Zwar gibt es im Bio-Laden ein breites Angebot an jodfreiem Salz. Auch bei den Verarbeitern ist Jodsalz wenig verbreitet. Allerdings ist es – außer bei Demeter – erlaubt. Deshalb sollten Betroffene vorsichtshalber beim Bio-Bäcker ihrer Wahl nachfragen. Jodhaltige Zusätze im Tierfutter sind auch für Bio-Bauern erlaubt und werden oft auch eingesetzt. In Untersuchungen sind die Jodgehalte in Bio-Milch etwa um die Hälfte geringer als in konventioneller. Das dürfte daran liegen, dass Bio-Bauern insgesamt weniger zugekauftes Futter einsetzen und einige von ihnen bewusst auf solche Zusätze verzichten. Jodhaltige Mittel für die Euterhygiene werden ebenfalls seltener eingesetzt. Demeter bietet auf Anfrage Adressen von Betrieben, die auf Jodanreicherung im Futter verzichten.

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