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Interview mit Fritz Kuhn

Warum wurde eine grüne Agrarpolitik erst durch die BSE-Krise möglich und hätten die Grünen dieses Ressort nicht schon beim Regierungswechsel beanspruchen müssen?
01.08.2002

„Die Agrarwende wird am 22. September entschieden“

Interview mit Fritz Kuhn, Bundesvorsitzender der Grünen

Noch nie hat sich eine deutsche Regierung so eindeutig zum Öko-Landbau bekannt wie die rot-grüne Koalition seit der BSE-Krise. Über die Perspektiven der Agrarwende sprachen wir mit Fritz Kuhn, einem der beiden Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen.

Herr Kuhn, warum wurde eine grüne Agrarpolitik erst durch die BSE-Krise möglich? Hätten die Grünen dieses Ressort nicht schon beim Regierungswechsel beanspruchen müssen?

Wir haben in der BSE-Krise sofort erkannt, dass es so nicht mehr weitergeht und dass Verbraucherschutz und neue Landwirtschaft in grüne Hand kommen müssen. Das war eine Chance, die in den Koalitionsverhandlungen 1998 noch nicht bestand. Wir haben Anfang 2001 diese Chance energisch und entschlossen angepackt. Aus zwei Gründen: Erstens sind Verbraucherschutz und die Qualität der Lebensmittel immer grüne Themen gewesen. Zweitens geht es hier um ein wichtiges Ökologie-Ressort: Wer sich für Wasser- und Bodenqualität sowie als Tierschützer engagiert, der ist mit dem Landwirtschaftsministerium gut bedient. Und was das Personelle betrifft, so haben wir mit Renate Künast jemanden gefunden, der offensiv und glaubwürdig als Anwältin der Verbraucher agiert.

Nehmen wir mal an, alle Grünen-Wähler würden 100 Prozent Bio kaufen. Dann wären wir heute bei einem Bio-Anteil von zumindest sieben statt drei Prozent. Ist das Thema Öko-Landbau in Ihrer Partei vernachlässigt worden? *

Ich sage auf fast jeder Wahlveranstaltung: Bei den Grünen das Kreuzchen machen und beim Aldi einkaufen – so funktioniert die Agrarwende nicht. Daran sollte man immer erinnern. Trotzdem glaube ich, dass die grüne Partei und die grünen Wähler zu den Bannerträgern des Öko-Landbaus zählen. Wenn ich im Bioladen einkaufe, dann treffe in der Regel viele Grünen-Wähler oder -Mitglieder. Trotzdem gibt es auch Leute, die zu wenig im Bioladen einkaufen. Die haben vielleicht noch die alten Vorurteile, alles sei teurer. Daran muss man arbeiten.

Während des Nitrofen-Skandals entstand der Eindruck, Teile der SPD würden von der Agrarwende abrücken. Steht die Koalition noch hinter diesem Projekt?

Natürlich haben die einen oder anderen Länder-Agrarminister, auch solche der SPD, ihre Ellenbogen ausgefahren gegen unser Ziel: 20 Prozent Öko-Landbau. In der Summe steht aber der Kanzler zur Agrarwende, ich habe persönlich mit ihm darüber gesprochen. Das wird auch fortgesetzt in der nächsten Legislaturperiode, wenn die Grünen mit der SPD weiter eine Regierung bilden können, wenn also genügend Leute die Grünen wählen. Wenn allerdings CDU und FDP dran kommen, geht es wieder in die andere Richtung. Denn diese Parteien sind zu dick mit dem Bauernverband und der konventionellen Landwirtschaft verbunden. Wir haben in dieser Legislaturperiode drei wichtige Punkte begonnen. Erstens: Verbesserung des Verbraucherschutzes. Zweitens: Neuausrichtung der Förderpolitik auf Natur- und Landschaftsschutz sowie auf artgerechte Tierhaltung. Drittens: Wir sind in Europa nicht mehr der Bremser beim Öko-Landbau, sondern der „Pusher“.

Was ist Ihr Fazit aus dem Nitrofen-Skandal?

Im Kern ist das ein Skandal der konventionellen Landwirtschaft. Es ist ja der Kontakt zur alten intensiv-chemischen Landwirtschaft, der die Belastungen gebracht hat. Deswegen hat der Öko-Landbau keinen Anlass sich wegzuducken, sondern kann offensiv mit dem Thema umgehen. Denn aus diesem Skandal folgt: gerade jetzt spricht noch viel mehr für Bio. Klar ist allerdings, dass wir im Öko-Kontrollsystem einiges verbessern werden, auch bei der Zusammenarbeit. Und: Es darf keine stillen Rückrufaktionen mehr geben. Der Verbraucherschutz in einer Demokratie muss öffentlich laufen. Alles Stille untergräbt das Vertrauen der Verbraucher. Gerade angesichts des Nitrofen-Skandals sage ich allen Leute in meinen Versammlungen: Wenn ihr im Bioladen kauft, habt ihr in der großen Breite sicherere Lebensmittel, bessere Qualität und ihr tut etwas für Natur- und Tierschutz. Das ist die Botschaft, denn hier handelt es sich um eine Machtfrage: Der Bauernverband will Dreck auf die Biobranche werfen, obwohl er mit seiner Raiffeisen-Organisation Mitverursacher ist, jedenfalls was die Firma in Niedersachsen und das Lager in Mecklenburg-Vorpommern angeht.

Glauben Sie, dass der Skandal der Biobranche schadet?

Ich habe in letzter Zeit oft in Bioläden nachgefragt, um die Stimmung mitzukriegen. Mein Eindruck ist, dass die regelmäßigen Käufer im Bioladen so gut über den Öko-Landbau Bescheid wissen, dass sie nicht zu Aldi rennen, nur weil es an einer Stelle ein Problem gegeben hat. Einen Vertrauensverlust gab es bei denen, die Bio schon immer falsch fanden und außerdem bei denen, die ab und an im Supermarkt ins Bio-Regal gegriffen haben. Hier müssen wir Vertrauensarbeit leisten. Bei den Stammkunden dagegen zahlt sich die Aufbauarbeit aus, die die sehr engagierten und qualifizierten Verkäuferinnen und Verkäufer in den Bioläden geleistet haben. Das sind in der Regel Idealisten und Pioniere, die sich mit den Produkten und ihrer Herkunft auskennen und identifizieren. Wichtig ist außerdem – jenseits dieser ganzen Gifttabellen – das Geschmacksargument. Wer Bioprodukte bevorzugt, mag sich mit dem Geschmacksdefizit der konventionellen Produkte nicht mehr abfinden, ob es sich nun um Karotten, Joghurt, Butter oder Eier handelt. Vergleichen Sie nur mal eine gute alte Apfelsorte aus dem Bioladen mit einem Delicious. Den dürfte man doch gar nicht mehr Apfel nennen in dieser verzüchteten Form.

Wie viel von der Agrarwende ist auf den Weg gebracht, wie viel fehlt noch?

Die Tür ist aufgemacht und wir haben einen starken Fuß drin. Jetzt muss die Agrarwende Schritt für Schritt weiter umgesetzt werden. Dabei geht es um 20 Prozent Biolandbau, aber auch um die Extensivierung auf allen anderen Flächen. Die darf man nicht vergessen. Ich will keine Landwirtschaft, die zu 20 Prozent aus Öko besteht und auf den restlichen Flächen bleibt alles beim Alten. Wir brauchen überall naturnahen Landbau, allein um Wasser- und Bodenschutz zu betreiben, aber auch aus Tierschutzgründen. Zum Zeithorizont: Wenn wir 30 Jahre fehlgeleiteter Subventionspolitik umdrehen wollen, brauchen wir einige Jahre. Am 22. September fällt die Entscheidung, ob wir ein weiteres Mandat für die neue Landwirtschaft bekommen. FDP und CDU haben öffentlich in ihren Wahlprogrammen erklärt, dass sie das alles für falsch halten und zur alten Landwirtschaft zurückkehren wollen.

Sie gelten als jemand, der schon immer ein Faible für Agrarpolitik hatte. Woher kommt das?

In der Tat kümmere ich mich seit 1984 um den ländlichen Raum. Ich würde es für falsch halten, wenn grüne Politik nur Metropolenpolitik wäre. Das hat damit zu tun, dass ich im Allgäu aufgewachsen bin und meine Frau von einem Bauernhof kommt. Seit wir Kinder haben, hat die Qualität unserer Ernährung noch mal eine besondere Bedeutung bekommen. Strategisch gesehen ist mein Ziel, dass sich unsere Partei auf die Stärkung des ländlichen Raums ausrichtet. Ich möchte, dass sich die betreffenden Ministerien in Bund und Ländern noch stärker um Arbeitsplätze kümmern, die entlang der Landwirtschaft entstehen. Jeder Landwirt kann inzwischen auch Energiewirt werden, wenn er über Biogas-, Hackschnitzel- oder Abwärmeanlagen erneuerbare Energie erzeugt und für gutes Geld ins Netz einspeist. Das haben wir jetzt durch die Steuerbefreiung noch zusätzlich gefördert. Wir wollen die Wertschöpfung weg von den Konzernen direkt in die Region bringen. Deswegen auch die Bemühungen um regionale Vermarktung und dezentrale Schlachthöfe.

Wie halten Sie es persönlich mit Bio-Lebensmitteln?

Unsere Familie kauft fast ausschließlich im Bioladen. Mit der Zeit lernt man, dass man dort wirklich eine Vollversorgung bekommt. Und die Qualität hat enorm zugenommen in den letzten Jahren. Wenn ich mir heute das Fleisch- und Wurstangebot anschaue – das konnte man sich vor 15 Jahren gar nicht vorstellen. Außerdem hat unsere Familie hier neue Lebensmittel entdeckt. Wenn Sie mich vor zehn Jahren nach Tofu gefragt hätten, hätte ich die Nase hochgezogen. Heute ist das für meinen jüngsten Sohn eine Lieblingsspeise, weil wir gelernt haben, das richtig gut zu kochen.

Apropos kochen: Verraten Sie uns ihr Lieblingsgericht?

Ich bin, wenn ich selber koche, Risotto-Spezialist. Die Gerichte haben den Vorteil, dass man, wenn man einmal das Grundrezept raus hat, ungeheuer vielfältig variieren kann – und zwar immer saisonal mit frischen Zutaten. Am liebsten koche ich Pilzrisotto.

(Die Fragen stellte Peter Gutting)

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