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Hanf ist hip

Über die Kulturpflanze wird gerade wieder heiß diskutiert: Einerseits gilt Hanf als wertvolles Lebensmittel, andererseits wird vor dem Verzehr gewarnt. Wir haben näher hingeschaut.

30.07.2020 vonMonika Herbst

Über die Kulturpflanze wird gerade wieder heiß diskutiert: Einerseits gilt Hanf als wertvolles Lebensmittel, andererseits wird vor dem Verzehr gewarnt. Wir haben näher hingeschaut.

Das Sortiment an Hanf-Produkten wächst so schnell wie die Pflanze selbst: Samen, Öl oder Tee aus Hanf gehören da zu den Basics. Hinzu kommen Limos, Riegel, Schokoladen, Brotaufstriche oder Pastasoßen. Verwendet wird dafür Nutzhanf, das ist Hanf, dessen Gehalt an dem berauschenden Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) laut Gesetz unter 0,2 Prozent liegen muss. Wegen dieser Substanz und dem ebenfalls enthaltenen CBD (Cannabidiol) steht Hanf in der Kritik.

Aber der Reihe nach. Die Pflanze an sich hat eine lange Tradition. Hanf soll bereits 4000 vor Christus in asiatischen Ländern verwendet worden sein, um daraus Kleidung und Öl herzustellen. Und die deutsche Naturforscherin Hildegard von Bingen beschäftigte sich bereits im 12. Jahrhundert mit der Heilkraft von Hanf. Später wurde die Pflanze jedoch auf ihre berauschende Wirkung reduziert und der Anbau in Deutschland durch eine Verschärfung des Betäubungsmittelgesetzes ab 1982 verboten. 14 Jahre später hob man das Verbot wieder auf. Seitdem darf in Deutschland Nutzhanf angebaut werden – nur von Landwirten, nur bestimmte, zugelassene Sorten und nur unter strengen Auflagen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung.

Und der Anbau boomt. In den vergangenen drei Jahren hat sich der Hanfanbau hierzulande mehr als verdoppelt: von 2148 Hektar im Jahr 2017 auf 4508 Hektar in 2019. Ähnliche Mengen wie in Österreich, Rumänien und den Niederlanden. Die meisten Anbauflächen in Europa gibt es in Frankreich. Rund die Hälfte des deutschen Hanfs stammt von Bio-Landwirten. Für sie ist die anspruchslose Pflanze besonders wertvoll: Krankheiten und Schädlinge sind selten, sie ist robust und unterdrückt Beikraut – zumindest, wenn man sie dicht sät. Ihre Wurzeln reichen tief, sodass sie auch aus entfernten Bodenschichten Wasser holen kann. Zudem ist die Hanfpflanze gut geeignet für Fruchtfolgen und Humusbildung. Das wollte auch Marius Wöllner ausprobieren. Der Bio-Landwirt bewirtschaftet den Hof seiner Familie in der Altmark in Sachsen-Anhalt. „Wir haben keine tollen Böden. Sie halten Wasser und Nährstoffe schlecht“, erzählt der Agrarwissenschaftler. Hanfpflanzen gehen mit Trockenstress toleranter um, auch deshalb hat er sie vor vier Jahren zum ersten Mal angebaut. Bald nach seiner ersten Ernte fuhr Wöllner ins nahe Wendland zu Safthersteller Voelkel, um ihm den Hanf für neue Produkt-Ideen anzubieten. Boris Voelkel, einer der Inhaber, war schnell überzeugt: „Hanf sollte man fördern, das ist eine superkostbare heimische Pflanze.“ Lachend ergänzt er: „Ich hab’ auch eine Hanfhose, die liebe ich.“

Hanf oder Cannabis?

  • Cannabis ist lediglich der lateinische Gattungsname verschiedener Hanfpflanzen.
  • Nutzhanf (Faserhanf) sind spezielle, zugelassene Sorten, die maximal 0,2 Prozent des psycho-aktiven Pflanzenstoffes Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten.
  • Medizinalhanf (medizinisches Cannabis) enthält im Gegensatz zum Nutzhanf THC sowie – je nach Präparat – Cannabidiol (CBD). Medizinalhanf soll bei chronischen Schmerzen und bei Spastiken bei Multipler Sklerose helfen. Seit 2017 kann man sich Medizinalhanf in Deutschland verschreiben lassen.

Cannabis enthält wertvolle Nährstoffe

Ernährungswissenschaftler loben die Nährwert-Gehalte der Samen. In ihnen stecken ungesättigte Fettsäuren wie Alpha-Linolensäure und Gamma-Linolensäure sowie zwischen 20 und 32 Prozent pflanzliches Eiweiß, je nachdem, ob die Samen ungeschält oder geschält angeboten werden. Außerdem Ballaststoffe, B-Vitamine, Vitamin E sowie die Mineralstoffe Calcium, Magnesium und Eisen. Je nach Zusammensetzung dürfen Anbieter damit werben, loben ihre Produkte zum Beispiel als „natürliche Proteinquelle“ aus oder als „reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren“ bzw. „mit hochwertigen Omega-3-Fettsäuren“.

Von diesen Inhaltsstoffen darf es gerne viel sein – anders sieht es mit THC aus. Weil es psychoaktiv, also berauschend wirkt, dürfen nur Nutzhanfsorten angebaut werden, die den gesetzlichen Grenzwert von 0,2 Prozent nicht überschreiten. Was viele nicht wissen: Im Samen der Pflanze ist natürlicherweise kein THC enthalten. Dieses bildet sich im Harz auf Blättern, Blüten und Stängeln. Bei der Ernte der Samen kann es allerdings zu Verunreinigungen kommen. Deshalb wird der THC-Gehalt auch im Samen genau geprüft. Noch wichtiger werden die Kontrollen, wenn andere Teile der Pflanze, wie Blätter oder Blüten verarbeitet werden. Das ist zum Beispiel bei Tees der Fall. So stehen auch beim niederländischen Hanftee-Produzenten Dutch Harvest Laborprüfungen auf der Tagesordnung: „Wir liegen mit einem THC-Wert von maximal 0,01 Prozent weit unter der Grenze von 0,2 Prozent. Diese Grenze gilt auch in den Niederlanden“, erklärt Esther Molenwijk, Gründerin von Dutch Harvest.

Deutschland legt strenge Grenzwerte für THC fest

Zusätzlich zum gesetzlichen Grenzwert für THC in der Pflanze gibt es seit 20 Jahren Richtwerte für THC in Lebensmitteln. Diese sind nicht gesetzlich vorgeschrieben, sondern dienen als Orientierung für die Hersteller und die Lebensmittelüberwachung. 2015 wurde zudem eine sogenannte akute Referenzdosis für die tägliche Aufnahme von THC in Höhe von 1 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt. Im vergangenen Jahr fielen bei Untersuchungen des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes Karlsruhe etliche Hanfprodukte auf, weil sie diese Richtwerte überschritten, vor allem Produkte zur Nahrungsergänzung.

Daher hieß es von Seiten der Behörde: „Auch wenn Teile des legal angebauten Faserhanfs zur Herstellung von Lebensmitteln oder kosmetischen Mitteln verwendet werden, sind diese Produkte nicht zwingend sicher im Sinne der lebensmittelrechtlichen Regelungen.“ Es könne zu Effekten auf das zentrale Nervensystem kommen. Zugleich hieß es aber auch, dass Hanfprodukte, die auf Basis der weitgehend THC-freien Samen hergestellt werden und die Richtwerte einhalten, „als unproblematisch zu bewerten sind“.

Hanf-Anbieter kritisieren die Richtwerte für Lebensmittel scharf: Bei der Frage, wie viel THC ein Endprodukt enthalten dürfe, würden in Deutschland extrem hohe Sicherheitsabschläge gemacht, die deutlich über denen anderer Gefahrenstoffe lägen. Wolfgang Misslisch vom Hanf-Pionier Chiron Naturdelikatessen sieht darin eine wissenschaftlich nicht haltbare Ungleichbehandlung gegenüber anderen Drogenstoffen wie zum Beispiel Alkohol, Koffein oder auch Mohn. Für ihn wird hier eine „Hysterie gegen Nutzhanf“ geschürt, die eine Verunsicherung der Verbraucher zur Folge hat.

Hanfsamen enthalten wertvolle Fettsäuren, Eiweiß und Mineralstoffe. Die Blätter sind als Tee beliebt.

Beruhigende Wirkung von CBD wissenschaftlich nicht belegt

Ein weiterer sekundärer Pflanzenstoff im Hanf ist CBD (Cannabidiol). Es ist wie THC im Harz enthalten, hat aber keine berauschende Wirkung, sondern soll beruhigen und entspannen. Nicht zuletzt deswegen ist CBD zunehmend als Nahrungsergänzungsmittel gefragt. Wissenschaftlich erwiesen ist dieser Effekt bislang nicht, Hersteller verweisen jedoch auf entsprechende Erfahrungsberichte von Anwendern. Die Verbraucherzentrale bemängelt dagegen, dass CBD unerwünschte Effekte wie Schläfrigkeit oder Schlaflosigkeit auslösen könne und Fragen zu Dosierung, Sicherheit, Neben- und Wechselwirkungen noch nicht geklärt seien.

Außerdem gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob CBD-Produkte verkehrsfähig sind. Das liegt am Novel-Food-Katalog der EU. Der lässt Lebensmittel und -zutaten nicht zu, wenn sie nicht vor 1997 in nennenswerter Menge auf dem Markt waren. Wer solches Novel Food verkaufen möchte, muss eine Sicherheitsprüfung vorlegen. Dagegen steht unter anderem das Argument, dass Erzeugnisse, die den gleichen Gehalt an CBD haben wie die Pflanze selbst, kein neuartiges Lebensmittel sind. In Deutschland gilt: Über die Verkehrsfähigkeit eines Produktes zu entscheiden ist Ländersache. Was ein Gericht in Hessen verbietet, kann in Nordrhein-Westfalen erlaubt sein.

Weiterer Kritikpunkt der Verbraucherzentrale: Es seien vor allem CBD-Produkte, die bei Untersuchungen durch zu hohe THC-Werte auffielen. Auch in der Bio-Branche gab es bereits Rückrufe wegen zu hohen THC-Gehalts in Hanftee. Die waren bislang allerdings die Ausnahme. Was sich wohl viele aus der Bio-Hanf-Branche wünschen, bringt Esther Molenwijk von Dutch Harvest auf den Punkt: „Für uns ist Hanf einfach ein normaler Bestandteil einer gesunden Ernährung, den wir genießen wollen.“

„Hanf ist eine besondere Pflanze“

1996 wurde Hanf in Deutschland zum Anbau freigegeben. Zwei Jahre später gründete der Ökotrophologe Ralf Buck das Unternehmen hanf & natur in der Nähe von Köln. Er erkannte früh: „Hanf ist eine besondere Pflanze.“ Beeindruckt von den vielen Nutzungsmöglichkeiten – kennengelernt hatte er Hanf als Isolationsmaterial für Häuser – entwickelte Ralf Buck noch im Studium eine Schokolade mit geschälten Hanfsamen. Heute stellt sein Unternehmen mit 12 Mitarbeitern 45 verschiedene Hanf-Produkte her – und vertreibt sie weltweit. „Wir kontrollieren die Rohware, bevor wir sie verarbeiten. Die Testergebnisse reichen wir bei der zuständigen Veterinärbehörde ein“, sagt Ralf Buck. Die Renner sind Hanföl und geschälte Hanfsamen. Verarbeitet werden fast ausschließlich die Samen der Pflanze. „Wir versuchen, dafür so viel deutschen Hanf wie möglich zu verwenden.“ Das gelingt bei etwa 40 Prozent der Ware. Ansonsten wird in anderen Ländern eingekauft. Denn: Die Anforderungen an die Qualität sind hoch und nicht immer ist genügend heimische Ware verfügbar.

www.hanf-natur.com

„Wir nutzen ausschließlich THC-arme Sorten“

„Hanf gedeiht hier prächtig“, sagt Andrea Bamacher, Gründerin und Geschäftsführerin des österreichischen Unternehmens Deep Nature Project. Pro Jahr verarbeiten sie 89 Tonnen Hanf, unter anderem zu CBD-Extrakten für die Marke Medihemp. Mittels CO₂-Extraktion werden aus Blatt- und Blütenmaterial die wertgebenden Inhaltsstoffe gewonnen. Verwendet wird Hanf aus dem Burgenland, einer Weinbauregion im Osten Österreichs, wo auch das Unternehmen seinen Sitz hat, und aus Deutschland. „Wir nutzen ausschließlich zugelassene THC-arme Sorten. Alle Extrakte haben eine EU-weit gültige Verkehrsfähigkeitsbescheinigung“, erklärt Andrea Bamacher. „Unser Hanf wächst in freier Natur, ist Wind und Wetter ausgesetzt. Diese beeinflussen den Gehalt an Cannabinoiden wie THC und CBD.“ Beides wird im hauseigenen Labor bestimmt. „So garantieren wir, dass die THC-Grenzwerte in unseren Produkten eingehalten werden.“ Zusätzlich werden alle zwei Monate Proben von der Gewerbebehörde Burgenland gezogen und analysiert.

www.deepnatureproject.com

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