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Glyphosat: Fortsetzung folgt?

Glyphosat hat das Potenzial für einen Thriller. Die Zulassung des vermutlich krebserregenden Herbizids endet 2022. Doch erste Behörden geben schon grünes Licht für eine Verlängerung. Was passiert da?

Ein Mann mit Brille vor grauem Hintergrund
Leo Frühschütz

Erinnern Sie sich noch? Ende 2017 verlängerten die EU-Mitgliedsstaaten die Zulassung von Glyphosat ein letztes Mal. Um fünf statt der beantragten 15 Jahre. Erstritten hatte diesen Erfolg die europäische Zivilgesellschaft: Millionen engagierter Menschen, die mit Umwelt- und Bio-Verbänden dafür kämpften, dass Glyphosat sich in der Europäischen Union vom Acker macht. Weil es die Gesundheit gefährdet und weil es nicht nur Pflanzen abtötet, sondern damit auch die Nahrungsgrundlage von Schmetterlingen und vielen anderen Insekten vernichtet. Mit all dem sollte Ende 2022 Schluss sein. Der Ausstieg schien geschafft.

Wird die Zulassung von Glyphosat erneut verlängert?

In Hollywood-Thrillern würde sich das totgeglaubte Böse noch einmal aufrappeln und sich hinterrücks auf den Helden stürzen, während dieser erschöpft und gezeichnet vom Kampf nach Hause wankt. Ganz Ähnliches spielt sich in unserem Glyphosat-Thriller ab ...

Bereits Ende 2019 beantragten acht Glyphosathersteller, den Wirkstoff erneut zuzulassen – bis 2037. Im Juni 2020 legten sie ein Bündel an selbst in Auftrag gegebenen Studien und Literaturauswertungen vor. Es soll belegen, dass das Pflanzenvernichtungsmittel harmlos ist. Im Auftrag der EU machten sich die Fachbehörden von Frankreich, Schweden, Ungarn und den Niederlanden daran, diese Studien zu bewerten. Im Juni 2021 veröffentlichten sie ihr Ergebnis: Glyphosat sei weder krebserregend, noch schädige es Organe, den Hormonhaushalt oder die Fruchtbarkeit. Das Herbizid könne mit den gleichen Auflagen wie bisher bis 2037 zugelassen werden.

Wie gefährlich ist Glyphosat?

Die meisten der jetzt wieder vorgelegten Herstellerstudien sind Jahrzehnte alt und lagen schon bei den letzten Zulassungsverfahren vor. Bisher haben alle Genehmigungsbehörden diese Studien so interpretiert wie die Hersteller selbst: Alles harmlos. Erst industrieunabhängige Experten, die für das Krebsforschungszentrum IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO Glyphosat bewerteten, stuften es 2015 als vermutlich krebserregend ein.

In der Folge versuchte die Bayer-Tochter Monsanto, die Glyphosat entwickelt hat, die Position der IARC-Experten zu untergraben. Sie bezahlte namhafte Wissenschaftler dafür, die Krebsbedenken in scheinbar neutralen Arbeiten kleinzureden. Belegt ist das durch zahlreiche E-Mails – die Monsanto Papers. Sie wurden im Zuge der Glyphosatklagen öffentlich, die Krebsopfer in den USA gegen Bayer einreichten.

Die E-Mails und vorgelegte wissenschaftliche Belege führten dazu, dass Bayer bisher in den USA drei große Glyphosat-Musterprozesse verlor, zum Teil schon in zweiter Instanz. Die Geschworenen und die Richter hielten es für bewiesen, dass die langjährige Anwendung des glyphosathaltigen Pestizids Roundup bei den Klagenden zu Lymphdrüsenkrebs geführt hatte. Bayer wurde zu mehreren Millionen Euro Schadensersatz verurteilt und legte knapp zehn Milliarden Euro beiseite, um möglichst viele der noch rund 125 000 anhängenden Klagen beizulegen. Zudem verzichtet der Konzern künftig darauf, Roundup in den USA an Privatpersonen zu verkaufen. Denn die meisten Klagen kamen von Menschen, die ihre Terrassen, Auffahrten und Gartenwege oft Jahrzehnte lang mit Glyphosat unkrautfrei gehalten hatten.

Wie glaubwürdig sind die Studien der Hersteller?

„Die Anwender sind wahrscheinlich weit stärker gefährdet als Verbraucher, die kleine Mengen Glyphosat über Rückstände in Lebensmitteln aufnehmen“, sagt Professor Siegfried Knasmüller, Krebsforscher an der Universität Wien. Knasmüller hat 53 Gentoxizitäts-Tests untersucht, also Studien, bei denen an Bakterien oder Zellkulturen untersucht wurde, ob Glyphosat Erbgutschäden verursachen kann. Diese Studien waren nur den Herstellern und Behörden bekannt, bevor 2019 der Europäische Gerichtshof entschied, dass sie herausgegeben werden müssen.

Glyphosat-Chronik: Es begann in der Schweiz

1950 Der Schweizer Chemiker Henri Martin stellt erstmals im Labor Glyphosat her.

1970 Der Monsanto-Mitarbeiter John Franz entdeckt beim Testen möglicher Wasserenthärter, dass Glyphosat Pflanzen abtötet.

1974 Monsanto lässt sich das Mittel patentieren und bringt es als Roundup auf den Markt.

1996 Monsanto bringt gentechnisch veränderte Pflanzen auf den Markt, die gegen Glyphosat resistent sind.

2000 Monsantos Patent läuft aus. Auch andere Firmen produzieren seither Glyphosat, weltweit rund 850 000 Tonnen im Jahr.

2002 Glyphosat wird EU-weit für zehn Jahre zugelassen.

2012 Die auslaufende Zulassung wird bis Ende 2015 verlängert, die Hersteller reichen neue Zulassungsunterlagen ein.

2015 Im März stuft die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO Glyphosat als möglicherweise krebserregend ein.

2016 Die EU-Behörden EFSA und ECHA bewerten Glyphosat als nicht krebserregend und empfehlen die Zulassung erneut zu verlängern. Bayer kauft Monsanto für 55 Milliarden Euro.

2017 Im Dezember verlängert die Mehrheit der EU-Staaten die Zulassung um fünf Jahre. Damit würde sie Ende 2022 auslaufen. Restbestände des Pestizids müssten bis Ende 2023 aufgebraucht werden.

2018 Erstmals macht ein US-Gericht Roundup für die Krebserkrankung eines Klägers verantwortlich und verurteilt Bayer zu Schadensersatz.

2019 beginnt das neue Zulassungsverfahren.

2022 Bis Ende des Jahres müssen die Mitgliedsstaaten entscheiden, ob Glyphosat erneut zugelassen wird.

„Das Ergebnis unserer Auswertung hat mich absolut überrascht“, sagt Knasmüller. 34 der 53 Studien seien „substanziell“ von den für solche Tests geltenden internationalen Richtlinien abgewichen und mussten deshalb als „nicht zuverlässig“ bewertet werden. Mal habe die untersuchte Zellenzahl nicht gereicht, mal seien nicht genügend Bakterienstämme verwendet worden. Weitere 17 Studien stufte Knasmüller als „teilweise zuverlässig“ ein. Nur zwei bewertete der ausgewiesene Experte für solche Tests als „zuverlässig“. Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA hatte 2015 in ihrer entscheidenden Beurteilung fast alle dieser Studien als Beweis für die Harmlosigkeit von Glyphosat gelten lassen.

Bei Glyphosat gab es Hinweise auf Erbgutschädigungen in der Leber, aber fast alle eingereichten Tierversuche untersuchten das Knochenmark.

Siegfried Knasmüller, Krebsforscher an der Universität Wien


Auch jetzt finden sich fast alle dieser Studien wieder in den Zulassungsunterlagen. Noch etwas fiel Knasmüller auf: „Bei Glyphosat gab es Hinweise auf Erbgutschädigungen in der Leber, aber fast alle eingereichten Tierversuche untersuchten das Knochenmark – und haben nichts gefunden.“ Das sei nicht erstaunlich: „Es gibt genug krebserregende Substanzen, die mit diesem Verfahren im Knochenmark nicht nachgewiesen werden können.“

Welche Rolle spielen die Behörden?

„Ich hätte nicht gedacht, dass die so schlecht arbeiten und dass die Behörden das so durchgehen lassen“, lautet Knasmüllers Bilanz. „Aber vielleicht sind die Beamten da überfordert.“ Auch der Toxikologe Dr. Peter Clausing vom Pestizid Aktions-Netzwerk räumt ein, dass es für die Behörden schwierig sei, die Unmenge an Daten zu bewerten. Was ihn auf die Palme bringt, ist deren Lernunfähigkeit: „Im neuen Bewertungsbericht benutzen die Behörden die gleichen dämlichen Argumente wie vor sechs Jahren. Die offensichtlichen Fakten werden einfach ignoriert.“ Beide Experten sind sich einig, dass die Behörden neue zuverlässige Gentoxizitäts-Tests einfordern müssten, mit Leberzellen statt mit Knochenmark.

Am liebsten wäre es Peter Clausing und Siegfried Knasmüller, die Behörden würden diese Studien selbst vergeben und von den Herstellern bezahlen lassen. Denn bisher beauftragen die Hersteller mit ihren Studien Vertragslabore, die von solchen Aufträgen abhängig sind. „Die Labore legen ihre Berichtsentwürfe dem Auftraggeber zur Kommentierung vor und überarbeiten sie dann entsprechend“, beschreibt Clausing den Ablauf. Datenfälschungen seien schon vorgekommen, aber eher die Ausnahme. „Relevanter ist der Graubereich, in dem im Bewertungstext Entlastendes hervorgehoben und Belastendes kleingeredet wird, sodass in der Zusammenfassung der negative Effekt verschwindet.“

Diese und viele andere Einwände gegen den Bewertungsbericht der vier Behörden aus Frankreich, Schweden, Ungarn und den Niederlanden konnten Experten und Organisationen in der bis 22. November laufenden Konsultation der EU-Lebensmittelbehörde EFSA einbringen. Dabei ging es auch um neue Studien zu Umweltauswirkungen von Glyphosat, etwa auf das Bodenleben oder die Darmflora von Bienen. Im Sommer 2022 wollen dann zuerst die europäische Chemikalienagentur ECHA und danach die EFSA ihr Votum abgeben. Daraufhin muss die EU-Kommission einen Vorschlag erarbeiten, über den schließlich bis Ende 2022 die Mitgliedsstaaten entscheiden.

Ob Glyphosat wieder zurückkommt, ist offen. 41 Organisationen haben die EU-Kommission im Oktober aufgefordert, eine unabhängige wissenschaftliche Neubewertung der Glyphosatrisiken sicherzustellen.

Warum es nicht nur um Glyphosat geht

Dabei entscheidet sich 2022 nicht nur die Zukunft von Glyphosat, sondern insgesamt unser Umgang mit Pestiziden. Zu deutlich wurden in den letzten Jahren deren Auswirkungen auf Artenvielfalt und Gesundheit. „Die konventionelle landwirtschaftliche Pflanzenschutzpraxis hat einen Punkt erreicht, an dem wichtige Ökosystemfunktionen und Lebensgrundlagen ernsthaft in Gefahr sind“, heißt es in einem Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Deren Experten betonen auch, dass die fertigen Pestizide zusätzliche Inhaltsstoffe enthalten und oft mehrere Spritzgifte nacheinander angewandt würden: „Die Kombinationswirkungen mehrerer Substanzen (...) werden in der Risikobewertung systematisch ausgeblendet.“

Glyphosat: Was gilt in Deutschland?

  • 2020 kauften deutsche Landwirte laut amtlicher Statistik 3700 Tonnen Glyphosat und damit etwas mehr als in den beiden Vorjahren. Dabei wollte die letzte Bundesregierung den Einsatz des Herbizids möglichst minimieren.
  • Doch erst eine im Sommer 2021 verabschiedete Verordnung verbietet jetzt den Verkauf an privat und untersagt Landwirten, erntereife Erzeugnisse mit Glyphosat zu besprühen.
  • Einsetzen dürfen sie das Herbizid weiterhin unter bestimmten Bedingungen vor der Aussaat oder nach der Ernte zur Stoppelbehandlung. Erst ab 1. Januar 2024 gilt laut Verordnung ein Anwendungsverbot für Glyphosat auch für Landwirte. Sollte allerdings die EU-Zulassung für Glyphosat verlängert werden, „wird eine Überprüfung der Verordnung erforderlich sein“, schrieb die Bundesregierung in der Begründung der Verordnung.

Wie gefährlich sind die Zusätze in Pestiziden?

Derzeit wird auf EU-Ebene nur der eigentliche Wirkstoff, also zum Beispiel Glyphosat, zugelassen. Für die fertigen Pestizide wie Roundup mit ihren vielen Zusätzen sind die nationalen Behörden zuständig. Deren Ansicht sei, dass diese Hilfsstoffe keine Wirkung entfalten, beklagt Peter Clausing. Doch das sei absurd: „Die Hilfsstoffe sollen die Wirkung des Mittels erhöhen, also ist es sehr wahrscheinlich, dass sie auch unerwünschte Nebenwirkungen erhöhen“, so der Toxikologe. Dies zu überprüfen überfordere die Behörden, schließlich gebe es allein bei Glyphosat weltweit 800 Formulierungen. „Die einzige Lösung ist es, die Pestizidmenge auf Null zu reduzieren.“

Den Verzicht auf Pestizide bis 2035 fordern auch die knapp 1,2 Million Menschen, die die Europäische Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“ unterzeichnet haben. Auch mit deren Forderung muss sich die EU-Kommission nun auseinandersetzen.

Die Schlussszene im Glyphosat-Thriller: Der Held hat es geschafft, er steht am Rand einer Agrarwüste und sieht einen Schmetterling. „Sie kommen wieder zurück“, flüstert er und weint vor Freude. Es könnte aber auch ganz anders kommen.

Mehr zum Thema Glyphosat

Schweizer Menschenrechtsorganisation informiert unter „Pestizide“ über Ackergifte & Co.

Plattform des Selbsthilfe-Netzwerks „Coordination gegen Bayer-Gefahren“

Hier gibt‘s die Studie zu Pestiziden in der Luft vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, einem Zusammenschluss zahlreicher Bio-Hersteller, Naturkost-Fachhändler und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Webseite der Glyphosate Renewal Group, einem Zusammenschluss von Glyphosatherstellern.

Forster, Mathias: Das Gift und wir: Wie der Tod über die Äcker kam und wie wir das Leben zurückbringen können. Verlag Westend, 2020, 448 Seiten, 29,95 €

Busse, Tanja: Das Sterben der anderen – Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können. Verlag Blessing, 2019, 416 Seiten, 18 €

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