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Giftiges Unkraut im Tee

Der Pflanzenstoff Pyrrolizidinalkaloid verdirbt die Lust auf Baby- und Kräutertee. Wir erklären, wie gefährlich der Stoff wirklich ist und berichten, wie Bio-Firmen auf die Funde reagieren.
21.12.2014
Der Pflanzenstoff Pyrrolizidinalkaloid verdirbt die Lust auf Baby- und Kräutertee. Wir erklären, wie gefährlich der Stoff wirklich ist und berichten, wie Bio-Firmen auf die Funde reagieren.

Der Pflanzenstoff Pyrrolizidinalkaloid verdirbt die Lust auf Baby- und Kräutertee. Wir erklären, wie gefährlich der Stoff wirklich ist und berichten, wie Bio-Firmen auf die Funde reagieren. // Leo Frühschütz

In vier Bio-Babytees hatte das Verbraucher-Magazin Wiso im November 2014 Pyrrolizidinalkaloide, kurz PA, nachgewiesen. „Ein gefährliches Gift – besonders für Vieltrinker und Kinder“, warnte das TV-Magazin. Die vier Hersteller haben die betroffenen Chargen vorsorglich sofort aus den Regalen genommen. Auch sind Tee-Hersteller seit über einem Jahr dabei, eine mögliche Belastung mit PA zu minimieren. Anstoß dafür waren Funde in Kräutertee im Sommer 2013.

Das Ganze stellte sich als nicht einfach heraus. Fragen wie „Woher stammen die PA?“, „Wie zuverlässig sind die Tests?“ und „Wie gefährlich ist der Stoff?“ mussten geklärt werden. Hinzu kommt, dass es sich bei PA um Spot-Kontaminationen handelt, die Belastung innerhalb einer Charge also sehr unterschiedlich sein kann. Mittlerweile ist die Quelle ausgemacht und die Maßnahmen zur Vermeidung fangen an zu greifen.

Was ist das für ein Stoff?

Pyrrolizidinalkaloide sind natürlich vorkommende sekundäre Pflanzenstoffe. Sie bilden eine Gruppe von rund 500 einander sehr ähnlichen Einzelsubstanzen. PA kommen in rund 6 000 Pflanzen vor, die sich mit ihrer Hilfe gegen Fraßinsekten schützen. Die Einzelsubstanzen sind unterschiedlich giftig. Im Fokus der Wissenschaftler stehen rund zwei Dutzend PA, die als besonders giftig gelten, sowie eine Reihe von Pflanzen, die besonders viele dieser Stoffe enthalten. Nur von diesen ist auf den nächsten Seiten die Rede.

Pyrrolizidinalkaloide kommen in der Natur schon immer vor und können Menschen und Tieren gefährlich werden, die in größeren Mengen und über längere Zeit PA-haltige Pflanzen verzehren. Solche Fälle sind dokumentiert und dienen als Belege für die Bewertung.

Die bekannteste deutsche PA-haltige Pflanze ist Jakobskreuzkraut. Es breitet sich auf Viehweiden aus und kann, wenn es ins Heu gerät, Pferden und Kühen schaden. Als frische Pflanze lassen Tiere es aber stehen. Es schmeckt zu bitter.

Akute Gefährdung unwahrscheinlich

Im Spurenbereich sind PA nicht zu schmecken und nur schwer zu messen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat in den vergangenen zwei Jahren ein Verfahren entwickelt, mit dem sich 17 der bekannten giftigen PA nachweisen lassen. Getestet hat das Institut das Verfahren mit Tee. 221 Proben untersuchten die Wissenschaftler und verkündeten im Sommer 2013: „Die Gehalte an Pyrrolizidinalkaloiden in Kräutertees und Tees sind zu hoch.“ Gleichzeitig stellte die Behörde klar: „Eine akute gesundheitliche Gefährdung für Verbraucherinnen und Verbraucher durch Aufnahme von PA ist unwahrscheinlich.“ Da aber einige PA als möglicherweise krebserregend eingestuft wurden, drängt das BfR, die Belastung zu minimieren.

Für die Tee-Hersteller – konventionell und bio – kam die Nachricht überraschend. Bis dahin waren PA nur bei Honig und einigen Heilkräutern ein Thema. Aber im Tee?

Das erste Problem, das die Hersteller zu lösen hatten, war die Messtechnik. Die Labore mussten die neue BfR-Methode erst einführen und durch Ringversuche sicherstellen, dass sie bei einer Probe auch zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Das klappt inzwischen. Schnell zeigten die Messungen: Nicht Teeblätter oder Teekräuter sind das Problem, sondern das Unkraut. Auf Feldern mit Teekräutern können auch PA-haltige Pflanzen wachsen. Bei einer maschinellen Ernte werden sie mit abgeschnitten und verarbeitet. Weniger groß ist die Gefahr bei Kräutern, die per Hand geerntet werden – wenn die Pflücker geschult sind. Bei Schwarz- oder Grüntee ist das Risiko einer Verunreinigung noch kleiner. Hier werden die Blätter einzeln von den Teesträuchern gezupft.

Wie sinnvoll sind Tests?

Am wirkungsvollsten lassen sich PA also bei Anbau und Ernte verringern. Dafür ist akurate Arbeit notwendig. Denn schon eine Handvoll PA-Pflanzen auf dem Acker können zu einer messbaren Belastung führen. Ob sie bei einer Kontrolle wirklich gemessen wird, ist jedoch ungewiss. Anders als Pestizide, die sich gleichmäßig in einer Charge Kräuter verteilen, handelt es sich bei PA um Spot-Kontaminationen. Die Belastung ist nur dort messbar, wo die versehentlich mitgeernteten Unkrautblätter sind. Greift man daneben, ist nichts messbar. Hundertprozentige Sicherheit geben die Messungen also nicht. Kleinere Teeanbieter fragen sich deshalb, ob es tatsächlich sinnvoll ist, jeden Sack Kräuter für Hunderte von Euro analysieren zu lassen.

Das BfR hatte in seiner Teestudie mittlere Gehalte von 150 bis 600 Mikrogramm PA je Kilogramm Teekräuter festgestellt. Melisse und Kamille waren im Schnitt stärker belastet als andere Kräuter. Bei Fencheltee war der PA-Gehalt am niedrigsten. Das BfR nahm an, dass die gesamte Menge aus den Blättern in den Aufguss übergeht. Messungen der Hersteller haben inzwischen bestätigt, dass tatsächlich der größte Teil der PA in der Tasse landet. Wer viel Tee trinkt, kommt auf zehn Gramm am Tag, das wären fünf Teebeutel. Sie enthalten laut den BfR-Messungen 1,5 bis 6 Mikrogramm PA.

Für einen Grenzwert fehlen Daten

Ist diese Menge nun schädlich? „Über die Menge der aufgenommenen PA, die zu gesundheitlichen Schäden geführt haben, können keine genauen Angaben gemacht werden, da nur wenig gut dokumentierte Fälle vorliegen“, schreibt das BfR. Fallbeschreibungen gibt es aus Afghanistan, Indien und Äthiopien, wo Getreide mit stark PA-haltigen Unkrautsamen verunreinigt war. Solche Samen können pro Kilogramm mehrere Gramm PA enthalten. Die Menschen aßen das Getreide in großen Mengen und vergifteten sich dabei, zum Teil tödlich. Nachträgliche Berechnungen ergaben, dass sie über Wochen hinweg jeden Tag mehrere Milligramm PA zu sich genommen hatten. Das ist um den Faktor 1000 mehr, als ein Mensch zu sich nimmt, der täglich fünf Tassen durchschnittlich belasteten Kräutertee trinkt.

Dem BfR sind die wenigen im Tee gefundenen Mikrogramm trotzdem zu viel: „Bei längerfristigem Verzehr überdurchschnittlich hoher Mengen von Produkten mit den derzeit gemessenen mittleren und hohen Gehalten an Pyrrolizidinalkaloiden könnte aber ein Risiko einer gesundheitlichen Gefährdung, insbesondere bei Kindern, Schwangeren und Stillenden, bestehen.“ Ein 60 Kilogramm schwerer Mensch sollte deshalb pro Tag nicht mehr als 0,42 Mikrogramm PA zu sich nehmen. Das BfR argumentiert, dass in Tierversuchen eine erbgutschädigende und krebserregende Wirkung nachgewiesen worden sei. Kritiker wenden ein, dass bei diesen Versuchen die Tiere mit Mengen an PA gefüttert wurden, die Menschen umgebracht hätten. Einen gesetzlichen Grenzwert gibt es wegen der fehlenden Daten jedoch nicht. Um das Risiko zu minimieren, empfiehlt das BfR Abwechslung. Vieltrinker und Eltern kleiner Kinder sollen Kräutertee mit anderen Getränken kombinieren und auch mal Teesorten oder Anbieter wechseln. Dadurch verringert sich die Wahrscheinlichkeit, wochenlang einen versehentlich stark belasteten Tee zu trinken.

Bio-Firmen testen verstärkt

Und was tun die Bio-Firmen? Zum einen achten sie noch genauer auf den Kräuteranbau. Lebensbaum hat dafür zum Beispiel eine eigene Anbaurichtlinie entwickelt. Sonnentor gibt den Bauern eine Anleitung an die Hand, mit der sie einschlägige Unkräuter erkennen können. Die Ernte wird bei den Bauern und ein zweites Mal bei Sonnentor gesichtet. Zudem wird verstärkt getestet. Dass die Maßnahmen greifen, zeigte der Kräutertee-Test in der Öko-Test (11/2014). Alle Bio-Tees waren im grünen Bereich.

Lebensbaum

Auch in Kräutertee von Lebensbaum wurden Pyrrolizidinalkaloide (PA) nachgewiesen. „Wir nehmen das Thema sehr ernst“, sagt Qualitätsmanagerin Rosi Fritz. „Wir haben die neue Messmethode für PA sofort bei uns eingeführt.“

„Die neuen Ernten zeigen den Erfolg der Maßnahmen“

„Um Verunreinigungen zu verhindern, setzen wir allerdings direkt beim Anbau an“, erklärt Rosi Fritz, die Leiterin des Qualitätsmanagements.

Die wichtigste Maßnahme sei es, die relevanten PA-haltigen Pflanzen in den jeweiligen Anbauländern zu identifizieren. „Wir arbeiten dabei mit Botanikern der örtlichen Universitäten zusammen. Sie schauen sich die Felder an und schulen die Anbauer. Während des Anbaus muss der Acker immer wieder kontrolliert und die PA-Pflanzen entfernt werden.“ Ob die Anbaumaßnahmen gewirkt haben, stellt sich heraus, wenn Rosi Fritz die geernteten und angelieferten Chargen untersuchen lässt. „Ohne PA-Analyse gehen die Kräuter nicht in die Produktion.“ Ein Problem dabei ist die Probenahme. Eine PA-Pflanze ist nicht gleichmäßig über eine ganze Kräuterlieferung verteilt. Also entnimmt die Qualitätsmanagerin an verschiedenen Stellen Kräuter und mischt sie. Dennoch kann eine Charge unterschiedliche Messwerte liefern. „Um dem entgegenzuwirken und die nur vereinzelt auftretenden PA-haltigen Unkräuter zu finden, haben wir die Anzahl der Probeentnahmen sowie die entsprechenden PA-Analysen verdoppelt.“

Pukka Herbs

Seit 2002 bietet das britische Unternehmen seine Kräutertee-Mischungen an. „Wir stellen sicher, dass pyrrolizidinhaltige Unkräuter in unseren Tees nicht vorkommen“, sagt Firmenmitgründer Sebastian Pole.

„Kräutertees bleiben weiterhin ein gesunder Genuss“

„Wenn die Qualität stimmen soll, muss man intensive Beziehungen mit den Gemeinschaften aufbauen, die die Kräuter anbauen oder sammeln. Das bedeutet, man muss sie regelmäßig immer wieder besuchen“, ist der britische Heilkräuterspezialist Sebastian Pole überzeugt. „Bei ihren Besuchen kontrollieren unsere erfahrenen Experten auch den Anbau, die Fruchtbarkeit der Böden und ob auf den Feldern PA-haltige Unkräuter wachsen. Kommen die geernteten Kräuter an, werden sie optisch auf Fremdmaterialien untersucht. Unser Partner, der die Tees mischt und abfüllt, hat zudem rigoros Tausende von Lieferungen analysieren lassen, auch auf Pyrrolizidinalkaloide.“

Darauf verlässt sich Sebastian Pole. Er lobt Geschmack, Aroma und Wirkstoffgehalt der Kräuter, aus denen er seine Teemischungen kreiert. Pukka beziehe von 33 Kooperativen aus allen fünf Kontinenten Teekräuter, sagt Pole. Ein Teil davon stamme aus Wildsammlungen, von denen viele mit dem Fair Wild Logo ausgezeichnet seien. Es wird von mehreren Artenschutzorganisationen getragen und garantiert, dass nicht zu viele Pflanzen gepflückt werden.

Honig, Huflattich und ...

... Grüne Soße. Pyrrolizidinalkaloide (PA) sind nicht nur in Kräutertee ein Thema. Der Stand der Dinge:

Vor gut 25 Jahren drohte das damalige Bundesgesundheitsamt 2500 Arzneimitteln ein befristetes Vertriebsverbot an. Es handelte sich um altbekannte Heilkräuter, die neben ihren Wirkstoffen auch PA enthielten wie Huflattich, Pestwurz, Beinwell oder Borretsch. Die Diskussion mit den Arzneimittelherstellern endete mit einem Grenzwert: Arzneimittelpflanzen dürfen nur so wenig PA enthalten, dass ein Patient dadurch täglich nicht mehr als ein Mikrogramm PA zu sich nimmt. Für Tee aus Huflattichblättern gelten zehn Mikrogramm als noch tolerabel, allerdings nur für maximal sechs Wochen im Jahr. Inzwischen werden die wenigen Huflattichpräparate, die es noch zu kaufen gibt, aus speziell gezüchtetem PA-freiem Huflattich hergestellt. Auch Pestwurzextrakte, die als pflanzliches Schmerzmittel eingesetzt werden, sind PA-frei.

Wenn Bienen Nektar und Pollen PA-haltiger Pflanzen sammeln, gelangt die Substanz auch in den Honig. Das Bremer Labor QSI hat über 10 000 Honigproben untersucht und in knapp drei Viertel davon PA nachgewiesen. Die Verunreinigungen lagen meist in der Größenordnung von zehn bis hundert Mikrogramm je Kilogramm. Die Belastung durch ein Honigbrot liegt bei weniger als einem Mikrogramm.

Schon mehrfach sorgte das Greis- oder Kreuzkraut für Schlagzeilen: Die Blätter der stark PA-haltigen Pflanze sehen aus wie die von Rucola und waren in abgepackten Salatmischungen aufgetaucht. Die ebenfalls stark PA-haltigen Borretsch-Blätter sind ein traditioneller Bestandteil der Frankfurter Grünen Soße. Wissenschaftler der TU Braunschweig wiesen in der fertigen Soße bis zu 150 Mikrogramm je Kilogramm an PA nach. Doch gefährlich ist ein gelegentlicher Verzehr nicht, sagen die Wissenschaftler.

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